Freitod hinterm Schlagbaum

Attentatswelle Wladimir Putins Hoffnungen auf einen tschetschenischen »Frieden ohne Verhandlungen« haben sich zerschlagen

Die russischen Fernsehzuschauer erlebten am Montagabend einen niedergeschlagenen und unkonzentrierten Präsidenten, der vor den Mitgliedern seines Kabinetts nicht verbergen wollte oder konnte, dass er unter Schock stand. Das Attentat im nordtschetschenischen Nadterek-Bezirk mit 41 Toten - verübt drei Tage nach dem 9. Mai, an dem der Sieg über die Hitler-Truppen von 1945 gefeiert wurde - scheint Russlands Ohnmacht im Nordkaukasus zu bestätigen. Wladimir Putin verzichtete denn auch auf die gängigen Drohgebärden und erklärte statt dessen, »Terrorakte dieser Art zielen darauf, den Prozess der politischen Regulierung in Tschetschenien zu stoppen«. Eine Anspielung auf das vor zwei Monaten in der Kaukasusrepublik abgehaltene Verfassungsreferendum, dem die Hoffnung zugrunde lag, ohne direkte Verhandlungen mit den Separatisten eine »Regulierung des Problems«, wie es offiziell heißt, einleiten zu können.

Putin wurde schon vor der Abstimmung, die mit einem 96-Prozent-Ergebnis an sowjetische Zeiten erinnerte, vor Illusionen über einen »Frieden ohne Verhandlungen« gewarnt. Nun muss dieses Vorhaben den allseits erwarteten Rückschlag hinnehmen, der die Autorität des Präsidenten auch deshalb belastet, weil der sich im März 2004 zur Wiederwahl stellen will. So kann es nicht überraschen, dass Putin trotz des Attentats vom Montag seine Administration anwies, bis zum 1. Oktober einen Vertrag über die Aufteilung der Machtbefugnisse zwischen Moskau und Grosny vorzulegen. Nach außen hin hält der Kreml ungerührt an seiner Konfliktstrategie fest.

Einen Anschlag dieser Größenordnung hatte in Nord-Tschetschenien kaum jemand erwartet, denn in dieser Region wurde im Gegensatz zum bergigen Süden seit Monaten nicht mehr gekämpft. Doch an diesem 12. Mai kurz nach elf Uhr durchbrach ein mit Sprengstoff beladener Militärtransporter vom Typ Kamas mit vermutlich drei Selbstmordattentätern an Bord (Männern und Frauen) den Schlagbaum vor der Verwaltung des Nadterek-Bezirks, kam vor einer Betonabsperrung zum Halten und explodierte. Auf seinem Weg hatte der mit gefälschten Armee-Schildern gekennzeichnete Lastwagen mehrere Militärposten passiert. Aus Moskau hieß es zunächst, hinter der Tat würden arabische Söldner stehen, die von der tschetschenischen Guerilla rekrutiert worden seien. Der Chef der Regionalregierung in Grosny, der von Moskau protegierte Ex-Mufti Ahmed Kadyrow, sah die Schuld für den Anschlag hingegen direkt bei Aslan Maschadow, dem 1999 in den Untergrund abgetauchten früheren Präsidenten Tschetscheniens. Der einstige Oberst der Sowjetarmee vermied seinerseits jede Reaktion und ließ es mit einer knappen Mitteilung über den Anschlag auf seiner Internetseite bewenden. Man habe oft genug erklärt, derartige Methoden seien für den tschetschenischen Widerstand nicht zulässig, ließ Maschadows Moskauer Resident Salambek Maigow gegenüber Radio Echo Moskwy wissen: Für die Toten in Nord-Tschetschenien seien weder Maschadow noch irgendwelche Kampfeinheiten zuständig.

Wie auch immer - der Hergang der Ereignisse im Nadterek-Bezirk erinnert auf fatale Weise an den Terrorakt vom 27. Dezember 2002, als das Regierungsgebäude von Grosny förmlich pulverisiert wurde. Damals hatten die Selbstmordattentäter - angeblich ein 43-jähriger Tschetschene mit seinen Kindern im Alter von 15 und 17 - zwei mit 1,5 Tonnen Sprengstoff beladene Lastwagen auf das von der russischen Armee gesicherte Areal gefahren und zur Explosion gebracht (es gab 75 Tote). Die Mutter der Familie soll zuvor bei einem russischen Bombenangriff ums Leben gekommen sein. Der gefürchtete Feldkommandeur Shamil Basajew hatte seinerzeit mit auffälliger Verspätung die Verantwortung für die Bluttat übernommen und seine Urheberschaft mit im Internet platzierten Zeitlupen-Fotos von der Detonation zu untermauern versucht.

Seit Anfang Mai nun wird der Nordkaukasus von einer wahren Anschlagsserie erschüttert. Fast zeitgleich mit dem Geschehen in Nord-Tschetschenien zu Beginn der Woche wurde der Wagen des stellvertretenden Innenministers von Dagestan, Magomed Amarow, von Bomben-Splittern durchsiebt. Als der weiße Wolga des Generals auf den Lenin-Prospekt der dagestanischen Kapitale Machatschkala einbog, zündeten Unbekannte den Sprengkörper. Magomed Amarow hatte 1995 bei der Geiselnahme im dagestanischen Kisljar mit dem tschetschenischen Feldkommandeur Salman Radujew verhandelt. Gegen den Separatisten, der vor einigen Monaten in einem russischen Gefängnis verstarb, sagte Amarow später vor Gericht aus. Möglicherweise war das der Hintergrund des Anschlags, möglicherweise aber gab es auch wirtschaftliche Motive, der Bruder des Ministers ist Bürgermeister der Stadt Kaspisk am Kaspischen Meer, die in letzter Zeit als Revier der Kaviar-Mafia in die Schlagzeilen geriet.

Der Kreml jedenfalls dürfte von seinem erklärten Ziel, Recht und Ordnung im Kaukasus wiederherzustellen, wie Wladimir Putin bei seiner Amtsübernahme am 31. Dezember 1999 versprochen hatte, weiter entfernt sein, als er wahrhaben will. Wohl kontrollieren die russischen Truppen den größten Teil der tschetschenischen Städte, aber die Infrastruktur der Guerilla erreichen sie nicht. Die Separatisten wiederum sind zu schwach, um die Armee aus ihren Garnisonen zu vertreiben. Im Herbst 2002 hatte Aslan Maschadow verkündet, vom Partisanenkampf zugunsten einer konventionellen Kriegführung abrücken zu wollen, doch fehlte ihm dazu nicht nur schweres Gerät, sondern ein entsprechender Mannschaftsbestand, vor allem aber das Durchsetzungsvermögen gegen die martialische Symbolfigur Shamil Basajew. Und der kennt nur einen Kampf ohne Gnade gegen den russischen Feind.

00:00 16.05.2003

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