Freudsches Klavier

Kommentar 1 Ein guter Anfang für die "Wahlalternative"

Es war gutes Timing, den Verein "Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit" am vorigen Samstag zu gründen. Da konnte es nicht ausbleiben, dass er Gesprächsthema im Gewerkschaftsrat der SPD wurde, der zwei Tage später tagte. Die Herkunft des Vereins aus dem Gewerkschaftslager ist schließlich kein Geheimnis. Das mediale Echo für die Neuen, zumal in den Parlamentsferien, der Saure-Gurken-Zeit, war entsprechend groß. Ein guter Start also. Zwar erklärte der DGB-Vorsitzende Sommer beim Zusammentreffen mit Müntefering, die Gewerkschaften würden der sich gründenden Partei ihre Infrastruktur nicht zur Verfügung stellen. Ja, er werde den "Gesprächsfaden" zur SPD nicht abreißen lassen. Aber kann das den SPD-Vorsitzenden beruhigt haben? Sommer ist nun mal SPD-Mitglied und muss es, wenn ein von ihm geführter Gewerkschaftsbund nicht zerbrechen soll, auch bleiben. Dennoch macht jede öffentliche Äußerung Sommers gegen die Agenda 2010 die Wahlalternative plausibler. Das muss auch in seinem Interesse liegen, denn es ist ein Druckmittel. Seine Absage an die Neuen ist eine Art Freudsche Verneinung.

Gut gestartet sind die Neuen auch mit der Besetzung ihres Geschäftsführenden Bundesvorstands. Dass Klaus Ernst und Thomas Händel ihm angehören würden, die beiden bayerischen IG-Metall-Funktionäre, die durch ihren SPD-Ausschluss schon medial bekannt sind, war klar. Ebenso dass mit dem Ökonomen Axel Troost die Nordschiene der Neugründung vertreten ist. Nicht selbstverständlich war aber die Vervollständigung des Vierergremiums durch die Attac-Aktivistin Sabine Lösing aus Göttingen. Die damit signalisierte Öffnung des Parteiansatzes über das Gewerkschaftsumfeld hinaus ist strategisch entscheidend: zum einen, weil Attac ein breites Bündnis repräsentiert, das auch kirchliche Gruppen einschließt, und zum andern, weil die Attacies als Befürworter einer gerechten Globalisierung die neue Partei vor einem bloß nationalstaatlichen Programmansatz bewahren können. Natürlich wird auch Attac seine Infrastruktur nicht zur Verfügung stellen, und die Sprecher von Attac werden sich so wenig zu der Neugründung bekennen wie der DGB-Vorsitzende. Dennoch wissen sie alle, dass die Wahlalternative ihrem Anliegen nützt. Die Wähler wissen es auch.

Eine Partei, die als bloße Kopfgeburt auf die Welt käme, würde scheitern. Die, von der wir reden, hat von Anfang an gesellschaftliche Stützpunkte und Verbindungen. Man wird sehen, ob sie auf diesem Klavier zu spielen versteht.

Dass die Wahlalternative über keine großen Namen verfügt, ist kein Manko. Die Grünen kannte auch niemand, als sie begannen. Dennoch wäre ein Beitritt etwa Oskar Lafontaines spannend. Worauf wartet er noch? Hemmt ihn noch immer die Treue zur SPD? Gerade diese Treue sollte ihm den Schritt nahelegen. Denn manchem Partner wird nur noch dadurch geholfen, dass man ihm die rote Karte zeigt.

00:00 09.07.2004

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