Friedenszeiten

Vogelgrippe In den Bundesländern werden schnelle Eingreiftruppen eingerichtet - der Blick in die Geschichte zeigt, dass die Seuchenbekämpfung auch heute noch mittelalterliche Züge trägt

Seuchen fallen nicht wie Vogeldreck vom Himmel. Und Tierseuchen beobachtet der Mensch, seitdem er Tiere hält. Bereits aus dem frühen Mittelalter existieren entsprechende Aufzeichnungen. Während der Regierungszeit Karls des Großen beispielsweise wurde wiederholt eine Rinderseuche eingeschleppt, die den Kaiser und sein Heer im Jahre 810 zwischen Weser und Elbe traf und all seine Provianttiere dahinraffte. So genannte Seuchenzüge waren häufig an kriegerische Aktivitäten gebunden: Den Heeren folgten Herden von Schlachtvieh, um die Versorgung mit Fleisch zu sichern. Dieses Vieh kam mit anderen Tieren in Kontakt, Soldaten trafen auf Soldaten aus anderen Gegenden, diese auf die einheimische Bevölkerung, und auf diese Weise verbreiteten sich die Krankheitserreger.

Keulen wie im Mittelalter

Seuchenfreie Zeiten sind selbst heute im Sprachgebrauch der Fachleute "Friedenszeiten". In Deutschland herrscht zur Zeit Frieden. Das Vokabular der prophylaktischen Maßnahmen zum Schutz vor dem Eindringen der Aviären Influenza, der Geflügelgrippe, ist dagegen kriegerisch: Niedersachsen hat eine "Task Force Veterinärwesen" eingerichtet, eine schnelle Eingreiftruppe, die alles für die Bekämpfung eines eventuellen Ausbruchs der Geflügelpest strategisch plant. "Man kann im Krisenfall nicht in einen betroffenen Betrieb fahren und sich den erst einmal in Ruhe ansehen", erläutert Veterinärmedizinerin Ursula Gerdes vom Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit die Notwendigkeit, sich auf den Ernstfall vorzubereiten, "wichtig ist, dass im Krisenplan feststeht, welcher Bestand mit welcher Methode getötet wird, dann kann man entsprechend reagieren und handeln".

Aus dem Geflügelpestausbruch in den Niederlanden im Jahre 2003 hat man gelernt, dass Koordination der Maßnahmen nötig ist. Dort gingen schätzungsweise zehn Prozent der Infektionen darauf zurück, dass Verladekolonnen das Virus verschleppt hatten. 30 Millionen Tiere wurden insgesamt getötet, weniger als die Hälfte davon stammte aus Betrieben, in denen sich das Virus fand, die übrigen fielen Vorsichtsmaßnahmen zum Opfer oder mussten vernichtet werden, weil es aufgrund von Transportverboten nicht möglich und unwirtschaftlich war, sie weiter im Stall zu halten.

Die Massentötung im Seuchenfall ist kein Produkt moderner Erkenntnisse. 1711 grassierte eine verlustreiche Viehkrankheit in der Umgebung von Rom. Der damalige Papst, Clemens XI., erklärte die Seuche zum Teufelswerk, das dem Teufel zurückzuschicken sei. Daher wurden alle kranken Tiere erschlagen und tief vergraben - die Seuche klang ab, die Methode funktionierte. Die Forderung nach der Tötung erkrankten Viehs findet sich bereits in Schriften des 16. Jahrhunderts. Und schon im 14. Jahrhundert entstanden erste tierhygienische und polizeiliche Vorschriften, die das Halten von Tieren aus anderen Gegenden reglementierten. Aufstallungsgebot, Im- und Exportbeschränkungen sind altbewährte Methoden.

Dennoch kommt es immer wieder zu Ausbrüchen von Tierseuchen. Die erste großflächige Geflügelpest fand in Deutschland im Jahre 1901 nach einer Geflügelausstellung in Braunschweig statt. Bekannt ist die Krankheit seit 1878, damals trat sie in Norditalien auf. Das Risiko, die Geflügelgrippe heute in deutsche Nutztierbestände einzuschleppen, schätzt die Bundesforschungsanstalt für Tiergesundheit, das Friedrich-Löffler-Institut nur in einem Punkt als hoch ein: illegale Importe. Auch Ursula Gerdes betont dieses Problem: "Es gibt kein Flugzeug, mit dem nicht tierische Produkte aus Drittländern in die EU geschleppt werden."

Illegale Tiertransporte

Statt im Tross waffenklappernder Hunnenkrieger zu reisen, kommen die Krankheitserreger heute mit Auto, Flugzeug, Bahn und LKW. Während professionelle Tiertransporte in der europäischen Union von der Datenbank TRACES erfasst werden, die sowohl Transporte lebender Tiere als auch ihrer Produkte aus EU- und Drittländern registriert, geht vieles andere an den Kontrollen vorbei.

Außerdem sind Viren und Bakterien ständig in einer Art natürlichem Reservoir in freier Wildbahn vorhanden. So sind etwa fünf Prozent des wilden Wassergeflügels mit Erregern Aviärer Influenza infiziert. Das sind aber nicht zwangsläufig Geflügelgrippeviren, die Nutztieren oder Menschen schaden können. Viele davon führen bei den damit infizierten Tieren nicht einmal zu Symptomen. Auch bei zwei von den in der letzten Woche in Deutschland tot aufgefundenen Gänsen fanden sich harmlose Varianten aus der Familie der Grippeviren - die Todesursache war aber eine Vergiftung.

Geflügelgrippe ist in erster Linie eine Tierkrankheit. Doch wie bei anderen veränderlichen Viren kann es auch hier zu Konstellationen kommen, die ein Überspringen der Artbarriere erlauben. Tier- und Menschenseuchen traten im Mittelalter häufig parallel auf, also waren so genannte Zoonosen beteiligt, vom Tier auf den Menschen übertragene Krankheiten.

Ob die so genannte spanische Grippe, die in den Jahren 1918 bis 1920 weltweit grassierte, tierischer Herkunft war, versuchen Jeffery Taubenberger vom Armed Forces Institute of Pathology in Rockville und Terrence Tumpey vom Center of Disease Control and Prevention in Atlanta, USA, zu klären. Die spanische Grippe trat gegen Ende des Ersten Weltkriegs auf und verursachte 50 bis 100 Millionen Sterbefälle binnen weniger Monate. Aus Spanien kam sie allerdings nicht. Da Spanien nicht am Krieg beteiligt war und deshalb keiner Pressezensur unterlag, wurde dort zuerst über eine ungewöhnliche Häufung von Todesfällen berichtet. Wo die spanische Grippe ihren Anfang nahm, ist ungeklärt; doch wie das Verursacher-Virus aussah, veröffentlichten Taubenberger und Tumpey im Oktober diesen Jahres in den Wissenschaftsmagazinen Nature und Science. Taubenberger klärte anhand von Proben, die aus einem 1918 in Alaskas Permafrostboden angelegten Massengrab stammen, die Gensequenz des damals umgehenden Grippevirus auf. Er behauptet, es sei das "am vogelähnlichste von allen Säugetiergrippeviren". Die Arbeit mit dem historischen Virus ist nicht unumstritten, es wurde sogar der Verdacht laut, es könne als Biowaffe eingesetzt werden. Tumpey, der das Virus nachgebaut hat, betont allerdings, dass unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen gearbeitet würde. Außerdem sei das Immunsystem der heutigen Menschheit durch jahrelangen Kontakt mit den Nachkommen des Erregers entsprechend gerüstet.

Stellt sich die Frage, wie gefährlich H5N1 - das Virus, das derzeit in Geflügelbeständen in Asien grassiert und in Einzelfällen auch in Europa nachgewiesen wurde, für den Menschen ist. Bisher haben sich wenige Menschen infiziert, und die Todesfälle bewegen sich im zweistelligen Bereich. In mindestens zwei Fällen gibt es Vermutungen, dass ein Mensch sich bei einem anderen Menschen angesteckt hat. In Relation zu dem allein in Deutschland jährlich bis zu 15.000 Todesfällen aufgrund regelmäßig auftretender Grippewellen ist das verschwindend wenig. H5N1 ist eine Tierseuche. Und in erster Linie ein wirtschaftliches Problem.


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00:00 04.11.2005

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