Fünf Fälle von Gelehrsamkeit

Sachlich richtig Neue Bücher über Kulturbegriffe, Europas Schicksal, den Vietnamkrieg und die Integration von Geflüchteten. Wie immer von Professor Erhard Schütz gelesen und verdaut
Erhard Schütz | Ausgabe 42/2016

Es braucht eine neue Unternehmenskultur, eine neue Leit-, Willkommens-, zumindest Diskussionskultur! Esskultur wäre auch nicht schlecht. Vor allem könnte eine bessere Kulturbegriffskultur nicht schaden. Christian Thies nimmt es in seinem Bändchen erfolgreich auf sich, das Gerede von Kultur zu entfilzen. Kultur ist, sagt Thies, ein Reflexionsbegriff, Begriff dessen, was wir verstehen und als sinnvoll erkennen. In Deutschland ist Kultur durchweg positiv besetzt, und insgesamt gilt, dass Kultur nicht einfach da ist, sondern erzeugt werden muss. Insofern ist Kultur wie Kunst: schön, aber macht viel Arbeit.

Sinn macht auch, nach Gegenbegriffen zu suchen: Natur, Barbarei, Zivilisation und, wenn es um Kunst geht, Unterhaltung. Darauf aufsetzend, geht es durch Naturalismus und Kulturalismus, die Debatte um Kulturkreise (Stichwort: clash of cultures), Basis oder Überbau, kultureller Sektor, die provozierende Frage, ob Pop Kultur sei, die klärende, was denn eigentlich Kulturkritik ist. Nach Durchlauf aller Klärungsunternehmungen könnte man zwar den Wunsch haben, den Umgang mit Kultur und Kulturbegriff so zu schützen wie die Forstwirtschaft die ihren mittels Einzäunungen und Schildern: „Kulturen. Betreten verboten“. Doch wäre das arg kulturwidrig. „Ein Zeichen hoher Kultur“, sagt Thies, „wäre es nun, wenn das Kulturparadigma sich nicht nur kritisch gegen andere richten würde, sondern auch gegen sich selbst.“

Zur Person

Erhard Schütz geboren 1946, war bis 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität. Er ist u.a. Autor des Buches Romane der Weimar Republik . Für den Freitag schreibt er jeden Monat die Sachbuch-Kolumne Sachlich richtig

Es wird höchste Zeit, schrieb Jean-Pierre Vernant 1980, den Mythos (der Griechen) als dasjenige zu betrachten, „was zwischen den verschiedenen Elementen einer Kultur, wenn sich in ihr die Vermittlung und Aneignung von Wissen auf mündliche Überlieferung gründet, ein Spiel symbolischer Bezüge herzustellen erlaubt, das die relative Kohärenz, Stabilität und Beständigkeit des Ganzen sichert“. Als das ist er eine Herausforderung an den Logos, der ihn als sein anderes, als bloßes Gerücht, Lüge, Illusionäres und Fantasterei ausschließen möchte, am Ende aber sich mit der immanenten Logosförmigkeit des Mythos auseinandersetzen muss, um sich darin der mythischen Anteile seiner selbst zu stellen. Dem Denken, schreibt Vernant in seinem Aufsatz über die Ursprünge der Philosophie (bei den Griechen), sei durch sich selbst auferlegt, Rechenschaft von dem zu geben, was es behauptet, „sich der Kritik und der Kontroverse auszuliefern“.

Der 2007 verstorbene Vernant, Altphilologe, Anthropologe, Religions- und Kulturhistoriker, einer der großen strukturalistischen Denker, hat sich zeitlebens daran gehalten. Seine Aufsatzsammlung Mythos und Denken bei den Griechen, die im Französischen weit zurückdatiert und im Laufe der Zeit mehrfach erweitert wurde, erschien jetzt auch auf Deutsch. In der Sammlung findet man vieles, das die vorherigen Veröffentlichungen systematisch entwickelten, konzentriert und exemplarisch vorgestellt, Themen wie Erinnerung und Gedächtnis, Raumorganisation, Arbeit und Technikdenken. Dies ist von luzider Gelehrsamkeit – und einer unterschwelligen Aktualität, die Vernant einmal so formulierte: Man müsse, wie die Griechen sagten, öffnen, wenn es klopft. Denn „wie kann man wissen, ob der alte Clochard, der unseren Garten verpestet, nicht in Wirklichkeit ein Gott ist, der gekommen ist, um zu sehen, ob man sich wirklich in der Schuld fühlt?“

Selbst wenn die Götter abdankten, es bliebe immer noch die Hölle hier auf Erden. Ian Kershaw hat sich immer wieder mit der jüngeren deutschen Geschichte befasst, am wirkungsvollsten in seiner zweibändigen Hitlerbiografie. Nun hat Kershaw einen mächtigen Band – unter 700 Seiten scheint gar nichts mehr zu gehen – vorgelegt, in dem er Europas Schicksal zwischen 1914 und 1949 noch einmal unter allen möglichen Gesichtspunkten beleuchtet.

Der Titel des englischen Originals bringt es auf den Punkt: To Hell And Back. Während die deutsche Version nur eine Einbahnstraße kennt: Höllensturz. Vielleicht verknüpft sie die gegenwärtige Stimmung mit der dargestellten Vergangenheit treffender als vom Autor selbst intendiert. Für Kershaw sind es vor allem ethnozentrisch und rassistisch geprägte Nationalismen, rabiate, gewalttätige Forderungen nach territorialem Revisionismus, Krisen des Kapitalismus in Folge und folglich zugespitzte soziale Konflikte, die mit der bolschewistischen Diktatur in Russland politisch verschärft wurden. Kershaw benennt die Fehler der Sieger ebenso wie die Starrheit der Besiegten. Seine Aufmerksamkeit richtet sich nicht nur auf die zentralen Feldspieler, sondern auch auf die vermeintlichen Ränder. So bekommt unter anderem Osteuropa eine andere Gewichtung. Das Buch endet mit den auf die Apokalypse oder auch Katharsis, je nach Sicht, folgenden Aufbruchshoffnungen, mit der überall (außerhalb der Schweiz) erstarkten Linken, den Versuchen radikaler sozialer Neugestaltung, muss aber dann doch noch von den Polarisierungen der Blöcke wie innerhalb der einzelnen Staaten berichten. Ja, Europa ist nötiger denn je, aber bald könnten wir wieder in die Schleife des Irrewerdens bei vollem Verstand eintreten.

1964 bekam ich im Leistungskurs Biologie ein „sehr gut“ für einen fachliteraturlich untermauerten und eigenhändig illustrierten Aufsatz über die Funktionsweise von Herbiziden, deren Wirksamkeit ich arglos an den US-amerikanischen Entlaubungsaktionen in Vietnam durch Agent Orange belegte.

Von Kennedy genehmigt, wurde das giftigste der Dioxine bis 1971 in ungezählten Einsätzen aus der Luft versprüht, um Wälder zu entlauben – circa 15 Prozent der Fläche Vietnams waren betroffen – und Anbauflächen zu kontaminieren. Die Schäden, von Chlorakne über Tumore zu Fehlbildungen, betreffen bis heute Millionen Vietnamesen und etwa 200.000 GIs. Das Napalm und die Streubomben, die großzügig auch über Nachbarländer wie Laos abgeworfen wurden und heute noch ihre Opfer fordern, sind aber nur die moralisch hervorstechendsten Aspekte eines aberwitzigen Kriegs, der letztlich das Weltgefüge mindestens ebenso verändert hat wie die beiden Weltkriege. Erst 1998 erschien die erste deutsche Gesamtdarstellung des Vietnamkriegs. Ihre zehnte und aktualisierte Auflage gibt die Möglichkeit, sich mit ihm auf dem neuesten Kenntnisstand auseinanderzusetzen.

Datengesättigt, hin und wieder anekdotisch illustriert, beginnt das mit dem französischen Kolonialismus und dem Indochinakrieg. Das schmähliche wie militärisch, politisch, kulturell und humanitär desaströse Ergebnis ist nicht nur denen bekannt, die als 68er gegen diesen Krieg protestierten. Die Motive der US-Regierung hatte 1965 ein hoher Beamter so benannt: 70 Prozent aus Angst vor Gesichtsverlust. Nicht die Niederlage, sondern der Krieg, brachte die USA – zumindest vorübergehend – weltweit um ihre Reputation und dazu, kopflos alle möglichen Diktaturen dieser Welt zu stützen, während die Sowjetunion zum paritätischen Gegenüber aufstieg, mit dem man sich Stellvertreterkriege zum Beispiel in Afrika lieferte. Erst die 80er Jahre verschoben die Gewichte wieder zugunsten der USA. Die Opfer von Agent Orange freilich warten allermeist noch immer vergeblich auf Entschädigung.

Doch sieht derzeit die Situation eher konträr aus. Wenn nicht eine große, um nicht zu sagen die Mehrzahl der zu Integrierenden paternal-machistische, in extrem traditionelle Strukturen eingebettete eher denn individuell handelnde Jungmänner mit durch Kriege retardiertem Bildungsgrad und forcierter Verrohung wären, und wenn sie nicht auf ein erodierendes Bildungs-, Ordnungs- und Gesundheitssystem, Sozialneid und Abstiegsängste, auf rapide wachsenden autoritaristischen Egoismus pöbelnder Spießer und internetläufiger Provinznationalisten träfen, kurz: Wenn die Einwanderer zum Beispiel aus Ländern wie Thailand, Vietnam, China oder Iran kämen und die Hiesigen Demokraten und Europäer wären, dann möchte man an die versprochenen Chancen glauben. So aber liest man ein wohliges Gegenstück zu Sarrazins Horrorschmonzette.

Info

Alles Kultur? Eine kritische Bestandsaufnahme
Christian Thies Reclam 2016, 152 S., 16,95 €

Mythos und Denken bei den Griechen
Jean-Pierre Vernant, Horst Brühmann (Übers.), Konstanz University Press 2016, 448 S., 39,90 €

Höllensturz. Europa 1914 bis 1949
Ian Kershaw, Klaus Binder (Übers.), DVA 2016, 768 S., 34,99 €

Geschichte des Vietnamkriegs. Die Tragödie in Asien und das Ende des amerikanischen Traums
Marc Frey C. H. Beck 2016, 256 S., 12,95 €

Die neuen Deutschen. Ein Land vor seiner Zukunft
Herfried und Martina Münkler Rowohlt 2016, 336 S., 19,95 €

Die Fotos der Beilage

Nikita Teryoshin wurde 1986 in St. Petersburg geboren, das damals noch Leningrad hieß, und lebt seit 2000 in Deutschland. Erst studierte er an der Essener Folkwang-Schule Fotografie, dann in Dortmund. Aber primär fotografiert er einfach. Über die Jahre entstand so eine Sammlung von Bildern, die er, wie er selbst sagt, „ganz ohne Augenzwinkern“ in die Kategorien Street, Documentary & Everyday Horror unterteilt: irgendwo zwischen entfesselter Dokumentarfotografie und subjektivem Journalismus. Am liebsten arbeitet Teryoshin auf eigene Faust, er kooperiert jedoch auch mit nationalen und internationalen Zeitungen und Magazinen wie „The Daily Mail“, „Emerge“, „Galore“, „Vice“ oder „Wired“. Die Fotografien für unsere Beilage stammen aus seiner Serie „space time discountinuum“. Mehr unter teryoshi.com

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06:00 23.10.2016

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