Für Räume des Respekts

Gegenrede Unsere Autorin betreut die Online-Community der „Tagesschau“ und ist dort pausenlos mit Hass konfrontiert. Wie lässt er sich bekämpfen?
Für Räume des Respekts
Hass im Netz verpufft nicht im luftleeren Raum. Er setzt sich in den Köpfen fest
Illustration: der Freitag, Material: yuoak/iStock

Der 1. Mai dieses Jahres war ein sonniger Sonntag. In Berlin waren es etwa 19 Grad, und auf dem Badeschiff ging der erste Badegast des Jahres schwimmen. Weil es ein harmloser, sonniger Nachmittag war, haben wir das Foto auf der Facebook-Seite der Tagesschau gepostet. Was wir nicht bedacht hatten: Der Mann, der da bei 14 Grad Wassertemperatur schwimmen ging, war nicht weiß.

In den kommenden Stunden wurde das Foto mehr als 400 Mal kommentiert: „Warum schwimmt da Kacke im Becken?“, fragte einer. „Das ist das Problem von offenen Schwimmbecken, da fällt sehr schnell alles Mögliche rein ...“, „Ich dachte, die können nicht schwimmen“, „Hoffentlich kommt keine Frau“ und „Die Fachkraft hat das Bad für sich ganz allein, damit er in Ruhe dort rein Scheissen & Onanieren kann“.

Diese Kommentare sind eine Auswahl. Und es sind noch nicht die schlimmsten. In ihnen finden sich typische rechtsextreme Legenden, die zuhauf im Netz verbreitet werden. Zum Beispiel wird nichtweißen Menschen unterstellt, sie würden grundsätzlich in Schwimmbecken ihre Notdurft verrichten oder Mädchen belästigen. Menschen mit Migrationshintergrund werden „Fachkraft“ genannt, eine Persiflierung der politischen Forderung, Fachkräfte aus dem Ausland nach Deutschland zu holen. Nur ein Beispiel, wie eigentlich neutrale Begriffe umgedeutet werden.

Oder von den Betroffenen wird gegenständlich gesprochen – „da fällt schnell alles Mögliche rein“. So werden nichtweiße Menschen entindividualisiert. Es ist nicht ein einzelner Mensch, ein Individuum, im Schwimmbad zu sehen, sondern dieser ist Teil eines „die“. Die Flüchtlinge. Die Migranten. Alles, was andere, die Teil dieses „die“ sein sollen, jemals getan haben, wird übertragen auf jeden Einzelnen, der als Teil des „die“ gesehen wird. Wer nicht weiß ist, wird in den Augen dieser Menschen nicht an sich selbst gemessen. Sondern an den Fällen, in denen ein anderer nichtweißer Mensch aus der für ihn vorgesehenen Rolle fiel. Dieses Muster zeigt deutlich, wie sehr die User mit den gezeigten Kommentaren Rassismus verinnerlicht haben: Dass nichtweiße Menschen kein Recht darauf haben, Individuum zu sein, entmenschlicht sie.

Offen ausgestellt

Gleichzeitig sind sich diejenigen, die dieses Muster anwenden, besonders sicher, nicht rechts zu sein. Denn es ist schließlich passiert: Es hat sexualisierte Übergriffe von Flüchtlingen gegeben. Doch das rassistische Argument ist nicht, zu benennen, dass es solche Fälle gegeben hat. Sondern diese Fälle zu assoziieren mit einem Menschen, dessen einzige offensichtliche Gemeinsamkeit es ist, dass auch er nicht weiß ist. Wäre dieser Mensch auf dem Berliner Badeschiff weiß gewesen – hätten wir dann Referenzen zu weißen Sexualstraftätern gelesen? Unwahrscheinlich.

All diese Kommentare sind mit Klarnamen geschrieben worden. Wir prüfen zwar nicht nach, ob es die echten Klarnamen sind, aber es gibt bei vielen der Profile darüber hinaus Hinweise auf die Person. Der Mensch, der „Die Fachkraft hat das Bad für sich ganz allein ...“ schrieb, tat dies zum Beispiel unter Klarnamen. Wir wissen, wo er zur Schule gegangen ist und dass er AC/DC mag. Wir sehen auch, dass er verheiratet ist – und in welchem Ort er wohnt. Offen rassistische Positionen werden nicht mehr versteckt. Weil die Verfasser ihre Positionen nicht mehr außerhalb des gesellschaftlichen Wertekonsenses verorten.

Das hat sich verändert in den vergangenen zwei Jahren. Die Menschen, die rechte Hetze ins Netz schreiben, halten sich mittlerweile für die Mitte der Gesellschaft, für diejenigen, die einen angenommenen „wahren Volkswillen“ vertreten – die „Wahrheit“. Sie sehen sich mit ihren menschenverachtenden Positionen im Recht.

Dabei ist der rechte Hass selbst nicht neu. Mehrere Untersuchungen, zum Beispiel die Leipziger „Mitte-Studie“ oder das Projekt „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland“ der Uni Bielefeld, stellen seit Jahren ähnliche Zustimmungswerte zu rassistischen Aussagen fest. Das Potenzial derjenigen, die rassistischen Äußerungen zustimmen, liegt konstant zwischen 10 und 20 Prozent.

Rassismus ist also tief in einem Teil der Gesellschaft verwurzelt. Neu ist, dass dieser Hass sich offen zeigt, digital wie analog. Und er ist eben nicht eine Reaktion auf eine bestimmte Politik, sondern das Bild eines nichtweißen Menschen im Schwimmbad reicht aus, damit Menschen sich rassistisch äußern.

„Gehasst wird aufwärts oder abwärts, in jedem Fall in einer vertikalen Blickachse, gegen ‚die da oben‘ oder ‚die da unten‘“, schreibt die Publizistin Carolin Emcke in ihrem neuen Buch. Diese Beobachtung teile ich. Diejenigen, die Hasskommentare schreiben, sehen sich nicht auf Augenhöhe, nicht mit denjenigen, die sie verachten, nicht mit Politikern, die sie verantwortlich machen, und nicht mit uns. Wir, also die gesammelten „Systemmedien“, sind wahlweise Teil des Unterdrückungssystems der Eliten, der Regierung, der USA, der Wirtschaft oder von wem auch immer. Gleichzeitig sind wir aber auch zu dumm, zu schlecht informiert oder unfähig, unser Dasein als Marionetten zu durchschauen.

Aus dieser vertikalen Blickachse entsteht nicht nur eine Selbstvergewisserung, sondern auch die vermeintliche Notwendigkeit zur Verteidigung gegen eine gefühlte Unterdrückung durch die Eliten oder gegen eine gefühlte Masse von Menschen, denen man nicht die gleichen Rechte zugesteht.

Der Hass, der in die Kommentarspalten geschrieben wird, verpufft nicht im luftleeren Raum. Hass im Netz ist nicht virtuell, er ist in den Köpfen von Menschen, und dadurch, dass er an vielen Stellen öffentlich sichtbar wird, entfaltet er sein bedrohliches Potential. Die Orte im Netz, an denen Menschen unwidersprochen und sich gegenseitig beipflichtend Gerüchte und Hetze verbreiten, bieten den Nährboden für ein gesellschaftliches Klima, in dem Menschen Anschläge auf Unterkünfte geflüchteter Menschen für legitime Notwehr halten.

Diejenigen, die im Netz Hasskommentare schreiben, haben bisher juristisch wenig zu befürchten. Zwar sind in den vergangenen Wochen drei Männer zu Geld- oder Haftstrafen verurteilt worden, weil sie volksverhetzende Kommentare geschrieben hatten. Diese drei Fälle sind aber bislang immer noch Ausnahmen. Die Mehrheit der Verfahren wird eingestellt, teils mit Begründungen, die für Nichtjuristen nur schwer nachvollziehbar sind. Mordaufrufe werden als ironisch oder schlicht im Rahmen der Meinungsfreiheit ausgelegt. Auch der Mensch, der Tagesschau-Redakteure „aufschlitzen und an den Eingeweiden an der Reichstagskuppel aufhängen“ wollte, hat keine juristischen Konsequenzen erlebt. Von den Plattformen selbst werden nicht mal alle strafrechtlich relevanten Inhalte gelöscht. Twitter löscht ein Prozent, Youtube zehn und Facebook immerhin 46 Prozent. Die Zahlen beziehen sich auf Inhalte, die von Usern gemeldet wurden und die das Bundesjustizministerium in einer Auswertung als strafbar einstufte.

Die laute Minderheit

Am 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht, postete eine rechtsextreme Gruppe auf Facebook die Adressen jüdischer Geschäfte und Einrichtungen in Berlin mit dem Zusatz „Schöner Tag heute“. Zahlreiche Nutzer meldeten das Posting und erhielten von Facebook eine Absage. Erst als mehrere Medien darüber berichteten, wurde das Posting entfernt. Wenn wir also bei der Tagesschau eine Community wollen, in der Minderheiten nicht beleidigt oder bedroht werden, sind wir gezwungen, auf die Frage, bis wohin Meinungsfreiheit bei unserem Angebot geht, eine Antwort zu finden. Alle Betreiber großer Seiten sind das. Und unsere Antwort ist: bis zur schweren Beleidigung, Erniedrigung, Herabwürdigung und Menschenverachtung. Menschenwürde schlägt Meinungsfreiheit. Das ist unsere Haltung.

In der Praxis heißt das: Die eingangs genannten Kommentare haben wir gelöscht, mehr als 100 insgesamt. Drei User haben wir gesperrt, obwohl wohl keiner der Kommentare einer juristischen Verurteilung genügt hätte. Sie verstoßen gegen unsere Netiquette, unsere Hausordnung.

Wenn wir in solchen Fällen nicht eingreifen, profitiert davon vor allem eine laute Minderheit. Das Hate-Mining-Projekt hat kürzlich errechnet, dass beispielsweise in diesem Frühjahr bei welt.de 3,8 Prozent aller Nutzer 50 Prozent der Kommentare zu Artikeln zum Thema Flüchtlinge geschrieben haben, bei Focus Online waren es sechs, bei Zeit Online elf Prozent. Wir wollen aber keine Community, in der eine laute Minderheit andere vertreibt, in der Menschen mit arabisch klingendem Namen keinen Platz hätten, weil sie dort fremdenfeindliche Kommentare lesen müssten. Es wäre eine Meinungsfreiheit der wenigen.

Ist das, was wir machen, Zensur? Nein. Zum Glück ist das Internet groß, und alle können alles, was sie loswerden wollen, irgendwo ins Internet schreiben. Aber es gibt kein Menschenrecht darauf, jeden Inhalt an jedem Ort veröffentlichen zu können.

Wir befürchten, dass wir einen Teil der User insofern verloren haben, als sie nicht zugänglich für Argumente und Fakten sind. Es ist ein kleiner Teil, aber diese Leute kommen nicht zu uns, um sich zu informieren, sondern um ihre Verachtung des Establishments loszuwerden. Das sind Menschen, die den Begriff „Lügenpresse“ völlig ernsthaft verwenden. Und die gibt es nicht nur im rechten Spektrum. Dass wir „gleichgeschaltet“ seien, lesen wir auch von Usern aus dem linken Spektrum.

Wir konzentrieren uns auf diejenigen, die unentschieden sind. Die möglicherweise nur mitlesen. Bis vor zwei Jahren habe ich geglaubt, dass offensichtlich falsche Inhalte auch durch vielfache Wiederholungen nicht glaubwürdiger werden. Dass Behauptungen wie die, dass Flüchtlinge nicht strafrechtlich verfolgt werden dürften oder dass sie Pferde stehlen und essen würden, so offensichtlich absurd sind, dass dem niemand glaubt. Da habe ich mich getäuscht, etwas bleibt hängen. Deshalb müssen wir solche falschen Behauptungen korrigieren. Wenn wir das nicht täten, würden womöglich die Mitlesenden den Schluss daraus ziehen, dass daran nichts falsch sei.

Das gilt nicht nur für das Community-Management. Besonders bei Themen, die ideologisch umkämpft sind, liefern Fake-News oder Propaganda-Medien die einfacheren Erklärungsmodelle. Deshalb dürfen wir es diesen nicht überlassen, die Welt niedrigschwellig zu erklären. Gerade fürs Netz brauchen wir journalistische Formate, die Themen erklären und einordnen, in die investiert wird, damit dahinter gründliche Recherchen stehen können.

Aber allein schaffen Journalisten das nicht. Die österreichische Journalistin Ingrid Brodnig empfiehlt ausdrücklich jedem, im Netz zu diskutieren – auch, wenn man sein Gegenüber nicht unbedingt überzeugen kann. Sie nennt zwei andere Ziele, die sinnvoll sein können: ein Opfer einer verbalen Attacke in Schutz zu nehmen – oder Mitlesenden zusätzliche Informationen zu geben. Allerdings plädiert sie nur für Diskussionen in Räumen, in denen ein Mindestmaß an Respekt herrscht und die Chance auf einen fairen Austausch besteht. Es ist unser Job, diese herzustellen.

Wir diskutieren, wir löschen, wir erklären, und wir sperren notfalls Nutzer. Aber aus der Sicht derjenigen, die in ihrem Selbstverständnis Widerstand gegen Institutionen und Eliten leisten, bestätigt dies oft nur ihr Weltbild. Es ist daher notwendig, dass man, wenn man nicht an Verschwörungstheorien glaubt, wenn man nicht alle Menschen, die aus Syrien fliehen, im Mittelmeer ertrinken lassen will, Homosexualität nicht für widernatürlich hält und nicht glaubt, dass alle Medien lügen – dass man dann widerspricht. Nur so können wir verhindern, dass sich diejenigen mit diesen Überzeugungen für die Mehrheit halten. Sie sind es nicht.

Anna-Mareike Krause ist Social-Media-Koordinatorin der Tagesschau . Im Schnitt 12.000 Kommentare gehen dort am Tag ein

06:00 28.12.2016

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