Der Freitag
28.01.2005 | 00:00

Gedicht über die Schöpfung

Im Gespräch Susan Neiman, Leiterin des Einstein-Forums in Potsdam, über Einstein als Ikone, Universalist und als Menschen jüdischer Herkunft

FREITAG: Von Albert Einstein ist die Frage überliefert: "Woher kommt es, dass mich niemand versteht und jeder mag?" Können Sie sich die Faszination um die Person Einstein erklären?
SUSAN NEIMAN: Einstein selbst hat mal gesagt, dass der Rummel um seine Person nur mit den Methoden der Massenpsychologie zu verstehen sei, und dieser Rummel war schon zu seinen Lebzeiten unglaublich. Deswegen nennt man ihn ja auch den ersten intellektuellen Popstar. Aber ich glaube, man darf sich durch das Bild, das man manchmal von dem verträumten Weltgenie hat - er trug ungern Socken und hatte lange Haare, das war für die Zeiten wirklich ungewöhnlich - nicht täuschen lassen: er war alles andere als ein verträumter Spinner. Er war sowohl ein Genie als auch jemand, der mit beiden Beinen im Leben stand und genau wusste, was auf der Welt los ist. Er hat sich als ein moralisch engagierter Denker in der Welt eingebracht und dabei immer den Universalismus vor Augen gehabt. Zu irgendwelchem Nationalismus oder Chauvinismus war er persönlich unfähig.

Wie hat sich dieser Universalismus im Alltag ausgedrückt?
Einstein konnte mit ganz verschiedenen Arten von Menschen sprechen, und damit meine ich nicht nur Menschen aus verschiedenen Kulturen, sondern auch aus verschiedenen Berufs- und Altersgruppen. Er war alles andere als ein Snob: er hat sich mit normalen Menschen immer wohler gefühlt als mit elitär denkenden. Dahinter steht eine Art von intuitivem Demokratieverständnis, das in der Tat sehr universell war.

Aber trotz seines Universalismus war Einstein doch auch bewusst, dass er Jude war?
Ja, er wusste, wo seine Wurzeln waren, und hat sich als Jude sehr für den Staat Israel engagiert. Er hat 1921 eine Reise in die USA gemacht, um Geld für Israel und vor allem für die Hebräische Universität einzuwerben. Gleichzeitig, und das ist für ihn charakteristisch, hat er sehr früh vor bestimmten nationalistischen Tendenzen in Israel gewarnt und einen Teil des palästinensischen Problems vorausgesehen. Was übrigens nur wenige wissen: Einstein hat sich auch in Amerika für die Bürgerrechtsbewegung engagiert, als diese noch ziemlich unbekannt war. Es gab direkt nach dem Zweiten Weltkrieg eine Welle von Lynch-Morden an afro-amerikanischen Soldaten, und Einstein hat sich für ein Anti-Lynching-Gesetz stark gemacht - und zwar gerade, weil er von der amerikanischen Idee des Schmelztiegels, des Universalismus, so begeistert war. Er hat die Diskriminierung der Afro-Amerikaner sogar mit der deutschen Diskriminierung gegenüber den Juden verglichen.

Was bedeutete es denn für Einstein persönlich, Jude zu sein?
Die Frage nach der eigenen jüdischen Identität ist eine, die sich viele moderne Juden stellen. Wie viele andere auch hat Einstein nach seiner Jugendzeit einen strikten Glauben abgelehnt. Mit zwölf hat er noch Gedichte über die Schöpfung geschrieben, aber danach glaubte er nicht mehr an einen Gott im traditionellen Sinn. Und das war das letzte Mal, dass er sich intensiv mit Judentum als Religion auseinander gesetzt hat. Außerdem kam er aus einer relativ assimilierten Familie, in der die Religion keine große Rolle spielte.

Andererseits wurde er natürlich als Jude betrachtet. Ich habe neulich einen Brief über ihn gelesen, vor seinem ersten Ruf als Professor nach Zürich, in dem es heißt: es sei sehr gut, einen persönlichen Bericht über Einstein anzufertigen, da es Juden gebe, die unangenehm seien: aufdringlich, arrogant und ähnliches. Ob Einstein den Brief genau kannte, weiß ich nicht, aber er hatte Erfahrungen mit dem Antisemitismus und er wusste, dass es unwahrscheinlich ist, dass sich die Juden jemals vollständig assimilieren.

Und wie ist er mit solchen Erfahrungen umgegangen?
Wenn man von den anderen immer als Jude verstanden wird, auch wenn es einem selbst nicht so wichtig ist, dann fragt man sich: was mach ich für mich daraus? Einige gehen dann zurück zur Religion, das ist eine Möglichkeit. Einsteins Weg war eher zu sagen: Was hab ich mit dem jüdischen Volk als Volk zu tun? Deswegen hat er auch die zionistische Bewegung begrüßt und gesagt, ein eigener Staat sei etwas, wofür er sich persönlich einsetzen wolle und das hat er dann gemacht - ohne dass das seinen universellen Blick trübte. Das ist übrigens auch eine "jüdische" Haltung. Wie in vielen Religionen gibt es auch im Judentum mehrere Strömungen: es gibt eine eher engere, nationalistische, aber es gibt auch eine sehr universalistische, und in der wird darauf hingewiesen, dass die Propheten doch eine jüdische Erfindung seien. Und wenn man die Propheten in der Bibel liest, dann fällt auf, dass es sich um eine Botschaft von universeller Gerechtigkeit und Gleichheit handelt.

Der Zionismus hatte aber auch eine klar nationale Seite. Bleibt da nicht doch ein Rest von Unvereinbarkeit zwischen Universellem und Nationalismus oder zumindest ein Spannungsverhältnis?
Damals gab es keine große Spannung zwischen beidem. Urziel des Zionismus war, dass die Juden endlich mal ein Volk wie jedes andere sein sollten. Die 2000-jährige Diaspora, in der man entweder von innen durch eine streng religiöse Lebensweise oder von außen durch den Antisemitismus zusammengehalten wurde, war auf Dauer doch sehr ungesund und unnatürlich. Und das Ziel des Zionismus war ja ursprünglich nicht, dass die Juden besser, stärker oder sonst irgendwie anders sein sollten, sondern genau im Gegenteil: wir sollen einfach eine normale Nation wie andere Nationen sein. Und wenn jedes Volk ein Stück Land hatte, auf dem es sich entfalten konnte, gehörten die Juden einfach dazu. Da gibt es keinen unbedingten Konflikt mit dem Universalismus Wir haben ja auch ein anderes Verhältnis zu unserer Familie als zur großen Gesellschaft, aber wir haben Pflichten und Freude beidem gegenüber. Und das war, glaube ich, auch Einsteins Haltung.

Noch einmal zur ersten Frage zurück: Die meisten Leute wissen zwar, dass Einstein die Relativitätstheorie erfunden hat, aber die wenigsten verstehen die Theorie wirklich. Woher kommt dann die Faszination?
Ich würde sagen, das hat mit einem Bild von Einstein zu tun, das wir alle kennen. Der geniale Wissenschaftler, der dem Fotografen die Zunge rausstreckt. Einstein war nicht bescheiden; er wusste bereits mit 25, dass er genial war. Aber er war trotzdem weder arrogant noch prätentiös. Er war ein leidenschaftlicher Wissenschaftler und hatte diese Fähigkeit, tief in die Schöpfung zu schauen, und gleichzeitig hat er sich in vielen Bereichen engagiert. Er hat sich auf eine Art und Weise Gedanken über Moral, Politik und Religion gemacht, die die Leute verstanden haben. Außerdem hat er vielen Menschen im Alltag geholfen: von Nachhilfestunden für Mathematik bis zur Unterstützung von Leuten, die in der McCarthy-Ära ihren Job verloren hatten. Und diese Mischung aus Genialität und menschlicher Wärme, dieses sich in der Welt engagieren und sich selbst dabei nicht zu ernst nehmen, das ist etwas, was auch mich anzieht.

Das Gespräch führte Matthias Bertsch

Susan Neiman, geboren 1955 in Atlanta, Georgia, ist Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam. Sie lehrte Philosophie in Yale und an der Universität Tel Aviv.