Gegenwart oder Zukunft?

Klima Der Klimaschutz ist nur etwas für reiche Länder. Wir brauchen keine Maßnahmen gegen die Erderwärmung, sondern Jobs

Wie viel zusätzliches CO2 fügten die über 3.000 Delegierten aus 190 Staaten der Erdatmosphäre wohl hinzu, die sich bis zum 12. Juni in Bonn versammelt hatten? Rechnen wir’s lieber nicht aus. Wozu sollten solche Mammutkonferenzen eigentlich gut sein, wenn doch längst alles klar ist mit der Klimaerwärmung? In einem halben Jahr schon trifft man sich ohnehin wieder in Kopenhagen, um das 2012 ablaufende Klimaabkommen von Kyoto zu ersetzen. Mit ähnlich großem oder noch größerem Aufgebot!

Erfolg? Das Kyoto-Protokoll hat offenbar außer riesigen Kosten nichts gebracht, was zur Stabilisierung des Weltklimas beiträgt. Energieverbrauch und CO2-Ausstoß stiegen weiter an. Die globale Wirtschaftskrise wirkte ungleich stärker. Seit nunmehr fast einem Jahr boomt die Weltwirtschaft nicht mehr. Der Rohölpreis stürzte ab. British Airways ist so gut wie pleite. General Motors auch, der vordem größte Automobilhersteller der Welt. Weitere Industrie- und Wirtschaftsgiganten straucheln oder kämpfen ums Überleben.

Auf einen Super-Sommer wie 2003 warten wir seit sechs Jahren vergeblich. Stattdessen bescheren uns unablässig durchziehende Tiefs jenes Wetter, dem man allzu gern in den sonnigen Süden entfliehen möchte. Noch geht es ja. Bald aber nicht mehr, denn wir sollen zu Hause bleiben. Reisen schadet dem Klima. Es trägt auch zu viel Geld ins Ausland; Geld, das doch für den CO2-Handel in die Welt hinausströmen soll. Wenn die Bürger zuviel reisen, war und ist das dem Staat immer verdächtig. Die Malediven kommen auch per Fernsehbild in die Wohnung. Und es wird ja bei uns wärmer werden; viel wärmer. Wann, mag sich mancher Wetterfrustrierte gefragt haben, wann wird’s mal wieder richtig Sommer? Ein Sommer, wie er früher einer war. Doch Grönlandluft floss zur Zeit der Klimakonferenz nach Bonn. Ein böses oder ein gutes Omen?

Die Natur ist neutral! Den Klimamodellen folgt sie nicht gut genug für brauchbare Vorhersagen wie der Juli oder gar wie das nächste Jahr werden wird. Einen recht kalten und sehr langen Winter haben wir gerade hinter uns. Nach wie vor sind die Schwankungen der Witterung von Jahr zu Jahr viel größer als der mit komplizierter Statistik zu ermittelnde Trend.

Um etwa ein halbes Grad Celsius ist es in den letzten 30 Jahren bei uns in Mitteleuropa wärmer geworden – so stellt es die Statistik fest. Das macht ein Hundertstel der normalen Temperaturspanne eines Jahres aus. Bekanntlich liegt sie zwischen etwa 15 Grad unter Null und 35 Grad darüber. „Schuld“ sind ein paar milde Winter, die kurzfristig zwar die Energiekosten kräftig absenkten, was aber von den Energieversorgungsunternehmen durch nachfolgende Preissteigerungen rasch wieder ausgeglichen wurde. Unterm Strich zahlen wir immer mehr für die notwendige Wärme, auch wenn noch so gut „gedämmt“ wird. Und das Wetter bleibt unberechenbar. Wir müssen damit leben.

Die Bauern haben’s besser. Sie jammern bei jedem Wetter und bekommen ihren weit überdurchschnittlich hohen Energieverbrauch mit Steuergeldern subventioniert. Klimaschutz ist für sie kein Thema. Dass deutsches Stallvieh Jahr für Jahr Hunderttausende Hektar Tropenwälder auffrisst, die angeblich so wichtige CO2-Senken sind, wird wohl als unvermeidbar eingestuft.

Allein in deutschen Ställen leben an die 25 Millionen Schweine und weit über 10 Millionen Rinder. Zusammen wiegen sie mehr als doppelt so viel wie alle Menschen in Deutschland. Das Futter, das dieses Stallvieh braucht, muss in den Tropen und Subtropen erzeugt werden, weil unser Land den Bedarf bei Weitem nicht decken kann. Die Stallviehhaltung verschlingt bei uns mehr Energie als der gesamte Kraftfahrzeugverkehr. Global entspricht die Wirkung der 1,5 Milliarden Rinder dem Energieverbrauch von Japan, Deutschland und Indien zusammen. Das hat die nicht gerade landwirtschaftsfeindliche FAO festgestellt.

Den privaten PKWs werden nun Spritverbrauch und Abgasmengen drastisch beschränkt. Die „Nutzfahrzeuge“ trifft das alles wieder nicht. Als ob der PKW unnütz wäre! In den Tropen und Subtropen wird die Erde alljährlich regelrecht flambiert, weil um alte Viehweiden zu verbessern oder neue zu schaffen Flächen in der Gesamtgröße von Australien brennen. Länder, wie Indien und Brasilien, liegen in der Pro-Kopf-Freisetzung von CO2 nur deswegen so günstig, weil die klimatischen Auswirkungen ihrer gigantischen Rinderbestände unberücksichtigt bleiben.

Wollten wir also etwas Wirksames für den Klimaschutz leisten, müsste der Import von Futtermitteln drastisch vermindert werden. Unseren zusätzlichen Fleischbedarf könnten wir mit einem Zehntel des Aufwandes aus den Pampas von Argentinien, Uruguay und Brasilien erhalten. Die Massenvernichtung von Tropenwäldern würde das ungleich wirkungsvoller bremsen als die Appelle an die „Vernunft“, für die wir selbst nicht gerade ein Vorbild sind. Doch es sollen noch weit mehr Tropenwälder vernichtet werden, weil wir bei uns Energiepflanzen statt Nahrungspflanzen anbauen sollen, damit mit grünerem Gewissen weiter Auto gefahren werden kann. Mit Kleinstwägen, versteht sich, denn es geht um die Sicherung des Klimas in 100 und mehr Jahren und nicht um die Sicherheit der Autoinsassen oder um die nachhaltige Dauerhaftigkeit der Fahrzeuge.

Wohin also des Weges? Niemand kann das Wetter langfristig vorhersagen, auch die besten Computermodelle sind dazu nicht in der Lage. Die „Trends“ und „Szenarien“ besagen so wenig, dass wir bisher, die ganzen letzten 20 Jahre, nichts damit anfangen konnten. Sicher ist auf jeden Fall: Ändert sich das Klima, wird es Gewinner und Verlierer geben. Gewinner, weil riesige Gebiete mit ihren Bewohnern von der Erwärmung profitieren werden. Verlierer, weil die Gegebenheiten unserer Zeit nicht von Dauer sein konnten. Das war immer so. Das lehrt die Geschichte. Aber wer will in einer geschichtslos gewordenen Zeit schon etwas aus der Vergangenheit lernen? Das Klima wird sich ganz gewiss wandeln, weil die hinzukommenden Millionen und Milliarden Menschen die Erde zwangsläufig immer stärker verändern.

Höchst ungewiss ist jedoch, ob es zu retten sein wird, das Klima. Denn „das Klima“ gibt es gar nicht. Bezeichnet wird damit lediglich das statistische Langzeit-Mittel des Wettergeschehens, und das ist keine von Natur aus festgelegte Größe. Temperatur und CO2 machen nur Teile davon aus und nicht „das Klima“. Das Klima, das wir wollen, machen wir uns in den Wohnungen und Gebäuden künstlich zurecht. Die Temperatur soll vorzugsweise um die 22 Grad Celsius betragen. Das sind tropische Durchschnittsverhältnisse. Das macht das Leben in kalten Regionen ungleich aufwändiger als in der Tropenwelt. Polwärts steigt der Energieverbrauch steil an. Allen Menschen die gleiche Energiemenge zuzubilligen, scheitert an der Form des Globus und den Ungleichheiten in der Natur.

Der weitaus größte Teil der Menschheit kann es sich auch nicht leisten, in das äußere Klima zu investieren. Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen und wirtschaftliche Entwicklung gehen vor. Wie derzeit auch wieder bei uns in Deutschland. Arbeitsplätze müssen gerettet werden; neue Autos (!) soll die Bevölkerung kaufen und möglichst wenig damit fahren – koste es den kommenden Generationen, was es wolle.

Der Schuldenberg wird immer größer. Was in ein fiktives Klima für das 22. Jahrhundert investiert wird, sind Mittel, die wir gar nicht haben. Björn Lomborg rechnet in seinem neuen Buch Cool it! überzeugend vor, dass die prognostizierte Temperaturerhöhung für das Jahr 2100 bei Umsetzung der vorgesehenen, so gigantisch teueren Maßnahmen zum Klimaschutz lediglich zwei Jahre später eintreten wird. Auf der Strecke bleiben die wirklich wichtigen, politisch brisanten Probleme der Gegenwart.

Ob sich die Investitionen in eine ferne Zukunft jemals lohnen, entzieht sich unserer Kontrolle. Es wäre gewiss vernünftiger, mit den begrenzten Mitteln die Lebensbedingungen möglichst vieler Menschen zu verbessern. Geld, das jetzt nutzlos verwendet wird, fehlt, wenn Reserven gebraucht werden.

Und man sollte aufhören, „die Natur“ vorzuschieben. Sie ist nicht „zukunftsbezogen“. Sie lebt in der Gegenwart so gut das geht. Wir nennen diese Ökonomie der Natur Ökologie. Aus der jeweils aktuellen Situation das Beste zu machen, ist seit vielen Millionen Jahren das Erfolgsprinzip der Natur. Die Ökologie kann daher nicht festlegen, was sein soll. Als Wissenschaft stellt sie fest, was ist und warum das so ist. Was sein oder werden soll, geht von den Vorstellungen von Menschen aus. Niemand weiß heute gut genug, was in 100 Jahren sein wird. Wer hätte im Jahre 1909 voraussagen können, wie unsere heutige Welt aussieht?

Aber wir maßen uns an, für das Jahr 2100 „vorzusorgen“.

Josef H. Reichholf ist Mitglied der Kommission für Ökologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und hat unter anderem Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends (S. Fischer 2007), Stabile Ungleichgewichte: Die Ökologie der Zukunft (Suhrkamp 2008) und zuletzt Rabenschwarze Intelligenz: Was wir von Krähen lernen können (Herbig 2009) veröffentlicht

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15:55 17.06.2009

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