Geheimdienst und Journaille

Der BND im Kosovo Nun steht der Reporter unter Beschuss, der den Skandal aufgedeckt hat - unter anderem wegen eines Interviews im "Freitag"

Im Eiapopeia der Demokratie hat der Journalismus die Rolle der vierten Gewalt im Staate: Die Medien kontrollieren die Exekutive und decken Fehler und Verbrechen auf, die dann von der Justiz geahndet werden. Die mutigen Reporter werden mit Pulitzerpreisen belohnt und gelten als Vorbild für die Zunft.

Träfe das zu, wäre Franz-Josef Hutsch jetzt ein gemachter Mann. Er hat fast im Alleingang einen der schlimmsten Skandale des Bundesnachrichtendienstes (BND) nach der Wiedervereinigung aufgedeckt: Ein bezahlter Informant des BND, ein Albaner namens Samedin Xhezairi, war einer der wichtigsten Koordinatoren des antiserbischen Pogroms, bei dem Mitte März 2004 im Kosovo 19 Menschen getötet und ungefähr 1000 verletzt worden waren (vgl. Freitag vom 3. 12. 2004). Hutsch hatte die Geschichte gut recherchiert: Unter nicht unerheblicher Gefahr für seine Person war er in die Krisenprovinz gefahren, hatte den Brandstifter zur Selbstbezichtigung vor laufender Kamera gebracht und schließlich weitere Zeugenaussagen gesichert, wonach der BND zumindest Vorab-Kenntnisse über die Terrorplanung hatte. Das Material war so überzeugend, dass im heute-journal Hutschs Beitrag gleich in zwei Folgen ausgestrahlt wurde.

Daraufhin begann eine Gegenoffensive des BND, die von einigen Medien bereitwillig mitgetragen wurde. So verstieg sich etwa die FAZ zu der Überschrift Der gestellte Krieg, als ob die von Hutsch geschilderten Ereignisse nicht sehr real gewesen wären. Im weiteren bemängelte das Blatt, dass den BND-Brandstifter Xhezairi (für die FAZ "der ZDF-Vorzeigeislamist") "selbst viele gut vernetzte kosovarische Journalisten nicht kennen wollen". Offenkundig weiß man bei der FAZ nicht, dass viele kosovarische Kollegen "gut vernetzt" mit der Untergrundbewegung UÇK sind und durch ihre Berichterstattung das März-Pogrom angeheizt haben. Ähnlich beklagt der Berliner Tagesspiegel, es sei bislang "Privileg serbischer Hetzpresse" gewesen, militante Kosovo-Albaner wie Xhezairi in Verbindung mit al Qaida zu bringen. Hat die eifrige Caroline Fetscher übersehen, dass die entsprechenden Dokumente "NATO-confidential" waren, wie man im ZDF unschwer sehen konnte?

Der Tagesspiegel versucht sich auch gleich noch an einer biographischen Demontage Hutschs. Er habe "seit 1995 als freier Journalist vor allem für Blätter wie den schweizerischen Sonntagsblick" gearbeitet - der Hinweis auf das Boulevardblatt ist die einzige Angabe, die der Leser zur beruflichen Karriere des Angegriffenen erhält. Kein Wort von Hutschs jahrelanger Arbeit für den Stern und das Hamburger Abendblatt, das hätte das Bild vom "unseriösen Mitarbeiter" freilich gestört. Besonders wird Hutsch angekreidet, dass er "in einem Interview mit der serbischen Journalistin Mira Beham zu Protokoll gegeben habe, die Nato-Intervention im Kosovo sei ›eine Generalprobe‹ für den Irak-Krieg gewesen".

Dieses Interview hat der Freitag am 5. November 2004 und in der gleichen Woche das Belgrader Magazin NIN veröffentlicht. Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was Hutsch darin sagt, doch sind seine Hin- und Beweise nicht auch für die Kollegen bei der FAZ und beim Tagesspiegel des Nachdenkens wert? Vor allem: Was hat dieses Gespräch mit der Stichhaltigkeit seiner Recherchen über die BND-Verwicklung in das März-Pogrom zu tun? Um sich weitere intellektuellen Kraftaufwand zu ersparen, deklariert die FAZ das Interview flugs als "beste denkbare Entlastung und Rechtfertigung für die Politik des im Oktober 2000 gestürzten jugoslawischen Präsidenten Milosevic". In der Unterzeile heißt es noch griffiger, dass Hutschs ZDF-Bericht "Revanchisten in Serbien dient". Das klassische Muster des hurrapatriotischen Gefälligkeitsjournalismus schon seit mehr als 100 Jahren: Wer die eigene Kriegs- und Kolonialpolitik kritisiert, betreibt das Geschäft des Feindes und ist Teil der 5. Kolonne. Das gilt dann wohl auch für den Freitag.


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00:00 10.12.2004

Ausgabe 38/2020

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