Gemeinsam nackten

FKK-Bewegung Der ganze Stolz eines Nudisten ist es, sich alles zu verkneifen. Ein Gespräch mit dem Historiker Hans Bergemann über die Geschichte der FKK-Bewegung, Nacktheit und Sex

FREITAG: Für uns sind Bilder nackter oder fast nackter Menschen alltäglich. "Sex sells" gilt heute nicht nur in der Werbung.Was hat diese Entwicklung mit der FKK-Bewegung zu tun?
HANS BERGEMANN: Eigentlich hat die Verbindung von Nacktheit und Sexualität überhaupt nichts mit FKK zu tun, denn am Beginn der FKK-Bewegung steht programmatisch der Satz: "Ohne Nacktheit keine wahre Moral". Nicht die nackten Menschen galten als unmoralisch, sondern die bekleideten. Die frühen Verfechter der Nacktkultur behaupteten nämlich: Die Kleidung ist es, die den Körper auf unangemessene Weise sexualisiert. Der nackte Mensch allein sei unschuldig, rein, natürlich. Diese Behauptung ist natürlich reine Ideologie. Das ist die Vorstellung, die man vermitteln wollte. Menschen entwickelten das Bedürfnis, sich auszuziehen, und das bedurfte einer Begründung und Rechtfertigung.

Sie sprechen vom Beginn der FKK-Bewegung. Wann war das?
Zum ersten Mal wird die Ideologie der Nacktkultur 1896 in einer Schrift von Heinrich Pudor formuliert, der seinen Namen später zeitweise zu "Heinrich Scham" eindeutschte: "Nackende Menschen, Jauchzen der Zukunft". Die ersten organisatorischen Verbindungen, "Nacktlogen" genannt, gab es etwa ab 1910.

Wie haben wir uns diese Gruppierungen vorzustellen? Es war doch sicher nicht einfach, sich nackt zu treffen, in einer Gesellschaft, in der man selbst im Hochsommer von Stehkragen und langärmeligem Kleid samt Korsett nicht lassen mochte.
Die "Nacktlogen" konnten nicht als offizielle Vereine zugelassen werden, weil ihr Zweck als unmoralisch galt. Man hat sich privat getroffen und ist im Sommer in abgelegene Waldgebiete gefahren, um dort gemeinsam zu "nackten", so nannte man das. Für den Winter blieben nur Privatwohnungen als Treffpunkte. Bald gab es aber auch schon erste FKK-Gelände, mit dem berühmten hohen Bretterzaun umgeben. Das waren Privatgrundstücke, auf denen man ja tun und lassen konnte, was man wollte.

Und da gab es keine Klagen von Nachbarn oder Spaziergängern?
Wenn sich jemand daran störte, konnte Nacktbaden wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses gerichtlich verfolgt werden. Das konnte der FKK-Bewegung bis in die siebziger Jahre hinein passieren, und sie selbst streicht auch immer wieder heraus, wie sehr sie gegen solche Hindernisse ankämpfen musste. Tatsächlich kam es aber meines Wissens nur selten zu Gerichtsverfahren.

Die rechtliche Grundlage für solche Verfahren hätte aber bestanden?
Ja. Es war verboten, sich in der Öffentlichkeit in irgendeiner Form nackt zu zeigen, wenn man von Dritten gesehen werden konnte. Erst 1942 wird eine Badepolizeiverordnung erlassen, die das ändert. Darin sind zum ersten Mal öffentliche FKK-Strände gesetzlich erlaubt.
Das klingt ja nun insgesamt so, als ob die FKK-Bewegung nur sehr wenig mit Sex zu tun hätte
Der ganze Stolz eines FKKlers ist ja, grob gesagt, sich alles zu verkneifen. FKK, wie sie sich als Bewegung herausbildet, baut sehr stark darauf, dass man seinen Körper beherrscht. Das gilt natürlich ganz besonders für sexuelle Regungen. Bei Männern ist das Problem im wahrsten Sinne des Wortes greifbar: Es wäre für einen wahren FKKler wirklich eine Schande, in der Öffentlichkeit eine Erektion zu bekommen. Da zeigt sich auch, wie doppelbödig die Moral der FKK ist - die Erektion würde die Leugnung des Zusammenhanges von Nacktheit und Sex ad absurdum führen. Im ursprünglichen Programm der FKK stehen Selbstkontrolle und Körperdisziplinierung deshalb ganz obenan.

Disziplinierter Umgang mit dem eigenen Körper spielt ja heute auch eine große Rolle - als attraktiv gelten durchtrainierte, schlanke Körper. Gibt es da eine Verbindung zur frühen FKK-Bewegung?
In der FKK spielte Körperertüchtigung von Anfang an eine wichtige Rolle. Gleichzeitig zur FKK setzt auch eine Fitnessbewegung ein, bei der Sport und sehr genaue Vorstellungen davon, wie ein "guter" Körper auszusehen hat, eng miteinander verbunden sind. Es gibt schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts - und das hat mich wirklich verblüfft - die ersten Schönheitswettbewerbe, und zwar für Männer wie Frauen. Dadurch entstanden neue Maßstäbe für einen zeigenswerten Körper.

Und wie sah dieses neue Ideal aus?
Als formenschön, das ist der damals verwendete Ausdruck, empfand man bei Frauen wie Männern junge, athletische und gebräunte Körper. Das ist nicht so weit von den heutigen Vorstellungen entfernt. Die idealen Körperformen haben sich seither aber gewandelt. Waschbrettbäuche bei Männern und sehr knabenhafte Frauen sind auf Fotografien des beginnenden 20. Jahrhunderts nicht zu finden. Das Ideal war in jeder Hinsicht etwas moppeliger.

Das Programm der natürlichen Nacktheit, wie die FKK sie propagierte, ist also keusch, diszipliniert und gesund. Ist es in der Praxis durchzuhalten?
Wohl nicht. Leider können wir die Gefühle nicht rekonstruieren, die Fritz und Emma damals am Nacktbadestrand empfanden. Interessant sind aber die Fotos, die von Anfang an in FKK-Zeitschriften eine wichtige Rolle spielten. Diese Fotos waren von den Herausgebern durchaus erzieherisch gemeint. Sie sollten nackte Menschen in natürlicher Umgebung zeigen und damit beweisen, dass der nackte Körper Teil der Natur ist. So entstand ein besonderer Bildtyp - das Schönheitsbild, das bis heute in FKK-Zeitschriften immer wieder auftaucht: eine junge Frau sitzt oder liegt etwa an einem See, den Blick verträumt gesenkt ...

Gibt es solche Bilder auch von Männern?
Kaum. Gerade an diesen Bildern kann man gut sehen, wie neben dem ideologischen Anspruch eine ganz andere Gebrauchsmöglichkeit steht. Den FKK-Zeitschriften wurde immer wieder vorgeworfen, sie seien eigentlich Soft-Erotik-Magazine. Und dieser Vorwurf ist nicht ganz unbegründet. In den zwanziger Jahren zum Beispiel waren die Zeitschriften der FKK-Gruppen frei verkäuflich und hatten hohe Auflagen - sicher auch deswegen, weil es Zeitschriften waren, in denen Männer nackte Frauen betrachten konnten.

Die FKK-Zeitschriften waren also attraktiv für diejenigen, die es nicht über sich brachten, offen pornografische Magazine zu kaufen?
Ja, daran zeigt sich ein Grundproblem der FKK-Bewegung. Die totale Entsexualisierung, die immer wieder behauptet wurde, kann nicht funktionieren, weil Nacktheit sehr vieles bedeuten kann. Und eines davon ist eben Erotik und Sex. Das lässt sich nicht per Dekret ausgrenzen. Was man der FKK-Bewegung zugute halten muss, ist aber, dass sie ein Verständnis dafür geweckt hat, dass der nackte menschliche Körper nicht immer automatisch Erotik oder Sex bedeutet.

Wie ging es mit der FKK-Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg weiter?
Zunächst wurden die FKK-Vereine als Teil der nationalsozialistischen Sportbewegung verboten. 1946-48 wurden sie in den westlichen Besatzungszonen wieder zugelassen, in der sowjetischen nicht. FKK wurde jedoch überall weiter praktiziert, die Gelände waren ja da. Und dann verlief die Geschichte der FKK in Ost und West sehr unterschiedlich. In der Bundesrepublik blieben die FKK-Vereine zunächst, in der extrem prüden Adenauerzeit, auf ihre "Reservate" beschränkt. Man betonte zwar wie früher schon den sittlichen Wert der Nacktheit und die gesundheitsfördernde Wirkung. Die Anfeindungen waren jedoch groß. Im Gesetz zur Bekämpfung jugendgefährdender Schriften, das 1953 verabschiedet wurde, waren auch Publikationen, die "durch Bilder für Nacktkultur werben" als jugendgefährdend eingestuft. Seit Mitte der sechziger Jahre setzte sich erstaunlich schnell ein neuer Umgang mit Nacktheit durch: Nacktheit als Protest und Provokationsgeste der Jugend- und Studentenbewegung, Nacktheit in den Medien, vorrangig aus ökonomischem Kalkül. Nacktheit wurde selbstverständlich, nach und nach zogen sich immer mehr Menschen im Sommer einfach aus. Die organisierte FKK war an diesem Wandel allerdings kaum beteiligt.

Und wie sah es in der DDR aus? Gab es dort FKK-Vereine?
Organisierte FKK gab es bis 1989 nicht. Die Badeordnung der DDR, die 1956 die Badeordnung von 1942 ablöste, erlaubte Nacktbaden an bestimmten Strandabschnitten, wenn die Badenden nicht gesehen werden konnten. Obwohl FKK-Vereine verboten blieben, bildeten sich im Rahmen von Betriebssportgemeinschaften jedoch einzelne Gruppierungen, in denen Nacktbaden und Nacktsport betrieben wurden. "Wilde FKK" wurde anfangs immer wieder behindert, aber die Nackten setzten sich durch. Ihre Plätze wurden geduldet, schließlich legalisiert. FKK wurde zum sommerlichen Freizeitvergnügen ohne ideologische Ansprüche, und das sehr viel früher als in der Bundesrepublik. Einzelne verfolgen vielleicht noch lebensreformerische Einstellungen oder Forderungen des "alten" Nudismus, ansonsten wird FKK "einfach so" praktiziert - jeder und jede badet so, wie er oder sie es will, und an den Stränden geht es bunt durcheinander. Erst nach den Beschwerden westdeutscher Touristen wurden an einigen Ostseestränden Textil- und Nacktbadebereiche getrennt - aber dies, soweit ich weiß, auch nur für eine Saison.

Wirklich heftige Auseinandersetzungen lassen sich also um das Thema Nacktheit nicht mehr führen ...
Das kann man so sagen. Vor allem seit den fünfziger und sechziger Jahren wird Nacktheit in den Medien und in der Alltagspraxis immer üblicher, aber das hat, wie gesagt, mit der organisierten FKK nichts mehr zu tun. Eine besonders große Bewegung war es nie - zu ihren besten Zeiten hatte sie etwa 100.000 Mitglieder. Heute geht man davon aus, dass etwa 10 Millionen Deutsche mehr oder weniger regelmäßig nackt baden oder in der Sonne liegen. In FKK-Vereinen, mit entsprechender bewusster Zielsetzung, sind nur noch ungefähr 60.000 Menschen organisiert.

Das sind inzwischen richtige Vereine, mit Schriftführer, Kassenwart ...
... und Mitgliederversammlung. Möglicherweise nackt.

Das Gespräch führte Helga Neumann

Hans Bergemann hat im Auftrag der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft eine Ausstellung zur Geschichte der FKK-Bewegung erarbeitet. Bis zum 18. August ist die Ausstellung Lichtkämpfer, Sonnenfreunde und wilde Nackte im Dominikanerkloster Prenzlau zu sehen.

00:00 19.07.2002

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