Gender Trouble

Kino Céline Sciamma erzählt ihren Film "Tomboy" im Modus eines Rollenspiels und schafft damit eine unnachahmliche Spontaneität. Ein Sommerfilm in Erich-Rohmer-Tradition

Du bist ganz anders als die anderen, sagt die zehnjährige Lisa zu Michael, als sie am Bolzplatz stehen und den Jungs beim Fußballspielen zugucken. Was sie genau meint, zeigt sich später, als die beiden allein sind und sie ihren neuen Freund schminkt. Der Junge lässt die Prozedur über sich ergehen – weil er das Mädchen mag, aber auch weil sich die Maskerade als Experimentierfeld für die eigenen, diffusen Gefühle anbietet.

Im Spiel manifestieren sich früh soziale Normen, Subjekte werden konstituiert und dekonstruiert. Céline Sciamma bedient sich in dem Film Tomboy des Rollenspiels als erzählerischen Modus, ihr Film besteht aus Vignetten kindlicher Interaktionen. Die Regisseurin beobachtet diesen formativen Moment des Heranwachsens mit großer Zurückhaltung. Meist beschränkt sie sich darauf, die Kinder bei ihren Spielen zu filmen, ohne Regieanweisung.

Michael allerdings hat sich in dieser sozialen Ordnung noch nicht eingefunden. Denn Michael heißt eigentlich Laure. Laure und ihre Familie sind neu in der Wohnsiedlung. Für das introvertierte Mädchen bedeutet der Umzug eine erneute Umstellung: wieder eine andere Schule, wieder neue Freunde finden. Der Sommer neigt sich dem Ende, und die Kinder genießen die letzten Ferientage. Laure stößt zu der Gruppe, mit ihrem schlaksigen Körper und den kurzen Haaren geht sie glatt als Junge durch. Mädchenkram interessiert Laure sowieso nicht. Vielleicht ist das der Grund, warum sie sich Lisa, dem einzigen Mädchen in der Siedlung, bei ihrer ersten Begegnung als Michael vorstellt. Im Fußball ist Laure nicht schlechter als die Jungs, etwas stolz reicht Lisa ihr während des Spiels das Wasser. Nur als die anderen eine Pinkelpause einlegen, gerät Laure in Erklärungsnot. Im Wald wird sie von einem Spielkameraden überrascht und pinkelt sich an. Gender Trouble.

Was Mädchen halt so tun

Der schwierigste Aspekt an einem Film wie Tomboy ist das Casting. Sind die Kinder erst einmal unter sich, agieren sie ganz natürlich, schlüpfen ständig in neue Rollen. Laures kleine Schwester Jeanne zum Beispiel läuft im rosa Tutu durch die Wohnung und spielt mit Puppen – was Mädchen halt so tun. Später erzählt sie Laures Freunden von ihrem großen, starken Bruder; prompt verprügelt Laure/Michael einen anderen Jungen, der Jeanne geschubst hat. Der Vater wiederum bemerkt einmal scherzhaft, dass er Laure endlich das Pokern beibringen muss. Derart verwirrt von den Geschlechtervorstellungen, den eigenen wie denen der Erwachsenen, geht Laure in der Rolle als Michael auf, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu werden.

Denn die Täuschung ist zum Scheitern verurteilt. Als der Schwindel auffliegt, verliert das Spiel seine vermeintliche Unschuld. Nun müssen die frühpubertären Jungen zuerst wieder die soziale Ordnung und damit die Geschlechterordnung etablieren. Kinder können grausam sein. Sciamma aber nimmt alle Gefühle gleich ernst. Laure, die ihr Jungsding einfach ausprobieren möchte. Lisa, die sich in Michael verliebt hat. Jeanne, die, indem sie sich zu Michaels Komplizin macht, ihr Kindsein ausleben kann. Und die Mutter, die auf Laures Geschlechterverwirrung übertrieben hysterisch reagiert.

Bei alldem verliert die Regisseurin nie die Leichtigkeit und diese unnachahmlich dahingespielte Spontaneität aus dem Blick. Tomboy ist darin ein Sommerfilm in schönster Eric-Rohmer-Tradition – mit dem Sohn des großen Jacques Demy in einer kleinen Rolle. Andreas Busche

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12:32 03.05.2012

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