Genosse Wiktor im Glück

Strahlung Nur wenige sind in Folge der Reaktorkatastrophe bisher gestorben. Doch was den Arbeitern aus Fukushima-Daiichi blüht, lehren die Opfer von Tschernobyl bis heute

„Die tapferen 50“, „Nukleare Samurai“ oder „Die Helden von Fukushima“, so lauteten viele Schlagzeilen, als 50 freiwillige Arbeiter in den ersten Tagen nach dem GAU versuchten, die Reaktoren des Atomkraftwerks Daiichi unter Kontrolle zu bringen. „50 Todeskandidaten“ oder „Die 50 Wegwerfarbeiter“ lauteten andere Schlagzeilen – es wurde gemutmaßt, was auf die Techniker und ihre Gesundheit zukommen würde. Dabei muss man gar nicht mutmaßen.

Das Schicksal der 50 ist lediglich eine Wiederholung dessen, was die Helden von Tschernobyl einst erlebten. Helden wie Wiktor Zawalnuk. Der Leiter von Schicht 5 des Atomkraftwerkes „W. I. Lenina“ hatte dabei ja Glück: Am 26. April 1986 genießt er seinen Urlaub. „Nach Balkonien“ sei er mit seiner Frau gefahren, in sein Zuhause in der Atomkraftwerk-Arbeiter-Siedlung Pripjat, dem „schönsten Ort der Welt“. Dann aber kommt das Pech für Zawalnuk: Ein Anruf aus dem Kraftwerk beendet die Urlaubsstimmung. Havarie. Feuer. Einsatz.

Nicht einfach ohne Magen

Das AKW Tschernobyl liegt in Sichtweite von Zawalnuks Balkon. Tatsächlich hat er Glück mit seinem Urlaub: Leonid Toptunow oder Schichtleiter Aleksandr Akimow – etliche seiner Kollegen sind kurz nach der Explosion bereits tot. „Ich war einer der Ersten am Reaktor“, erzählt Zawalnuk. In den Maschinenhallen brennt es, die Dachpappe hat Feuer gefangen, schwerer Qualm steigt auf, tief im Reaktor glühen 1.000 Tonnen Grafit. „Wir haben Sandsäcke gefüllt, Tausende.“ Viele der Säcke werden mit dem Hubschrauber über dem offenen Reaktordach in den brennenden Block 4 geworfen. Andere einfach nur vom Boden aus – per Hand.

Später wird Wiktor Zawalnuk in die geräumte Stadt Tschernobyl als Kommandant geschickt – „Ordnung organisieren, Plünderungen unterbinden“. Bis zum 6. Dezember bleibt Zawalnuk in der „Sona Otschuschdenija“, dem Sperrgebiet, das in einem Radius von 30 Kilometern um das Atomkraftwerk gezogen wird. Wörtlich übersetzt ist es die „Zone der Entfremdung“. Aber Zawalnuk hat ja Glück: Zum Nikolaustag im Dezember 1986 erwartet ihn seine Familie im neuen Heim in Kiew.

20 Jahre später hat Wiktor Zawalnuk wieder Glück. „Nichts Ernstes, ich bin nur zur Überprüfung in der Klinik“, sagt er mit einem Lächeln, als er mit seiner abgewetzten Tasche das Radiologische Institut in Kiew betritt. Nein, konkrete Beschwerden habe er nicht. Sicherlich, ohne Magen sei das Leben nicht immer ganz einfach. Der sei ihm schon vor Jahren rausgenommen worden. Und dann hatte er ja auch diesen Herzinfarkt. Aber: Ob das nun etwas mit der Strahlung in Tschernobyl zu tun habe, nein, das könne niemand so ganz sicher sagen. „Sehen Sie, das ist das Alter.“ Zawalnuk wird demnächst 60. Zumindest hofft er das: Dem Herzinfarkt folgte die Arteriosklerose, dann kam eine Krankheit namens Hypothermie hinzu, der Körper gibt mehr Wärme ab, als er produzieren kann.

„Wir haben es der Welt gezeigt“, sagt Zawalnuk und ballt die Faust. „Binnen kürzester Zeit hatten wir den Reaktor unter Kontrolle. Im Westen wäre das undenkbar gewesen.“ Nein, ein Held sei er nicht – „Helden sind die Ärzte, die sich ganz jung freiwillig nach Tschernobyl gemeldet hatten.“ Schlimm sei, dass man das Atomkraftwerk in Tschernobyl abgeschaltet habe, „es lief doch sehr stabil“, murmelt Zawalnuk. Und sagt dann: „Wissen Sie, was das Schlimmste ist? Ich habe immer solche Kopfschmerzen. Die hören gar nicht mehr auf.“

„Wiktor Zawalnuk ist ein ganz typischer Fall der Strahlenkrankheit“, sagt Konstantin Loganowsky, Leiter des Radiologischen Instituts in Kiew. „Zuerst beginnt das vegetative Nervensystem nicht mehr richtig zu arbeiten“, erklärt der Arzt. Im „Fall Zawalnuk“ habe das zu einem Magendurchbruch geführt, bei dem dann auch Krebs festgestellt worden sei. „Andere Organe machen ebenso Probleme, der Herzinfarkt ist eine logische Folge.“ Wobei Zawalnuk es ja noch gut getroffen habe: „Mit seinem Bettnachbarn hätten Sie ein solches Gespräch wie vorhin nicht führen können“, sagt der Arzt. Zawalnuks Vorteil sei, dass er sich als Held fühle. Der Bettnachbar aber glaubt, dass die Welt sich an ihm vergangen hat. „Natürlich hat der Bettnachbar damit nicht unrecht. Im Kampf gegen seine Krankheit ist das aber ganz schlecht“, sagt Loganowsky.

Der Arzt kennt den Helden von Tschernobyl schon lange: In der Stadt Tschernobyl habe ihm Zawalnuk als Stadtkommandant damals ein Zimmer zugewiesen. Und darauf geachtet, dass Loganowsky stets genügend Brennholz hatte. Wie lange der Exschichtleiter, Exkommandant und Exheld noch zu leben habe, sei schwer einzuschätzen: „Die Kopfschmerzen rühren von einer schweren Schädigung der Hirnrinde“.

Nur drei Opfer in Daiichi

Es ist höchst umstritten, wie viele Opfer das Unglück von Tschernobyl gefordert hat. Offizielle Stellen sprechen von 23 Menschenleben, von jenem Team um Schichtleiter Aleksandr Akimow, das unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe beerdigt werden musste. Greenpeace dagegen listet 93.000 Krebstodesfälle sowie weitere 137.000 Schilddrüsenkrebsfälle weltweit auf. Die nicht gerade als atomkraftkritisch bekannte deutsche Strahlenschutz-Kommission geht von mehr als 100.000 Tschernobyl-Toten aus.

„Das ist eine schwierige Frage“, sagt auch Konstantin Loganowsky heute. „Folgendes Beispiel: Jemand wurde aus der Heimat evakuiert und kommt in der Fremde einfach nicht zurecht. Der Entwurzelte nimmt sich schließlich das Leben. Geht der Suizid nun auf das Konto von Tschernobyl oder nicht?“ Loganowsky wurde mittlerweile zum Professor befördert. Wiktor Zawalnuk ist 2010 gestorben. Er wird in der neurologischen Todesstatistik geführt. In der von Tschernobyl nicht.

In Fukushima sprechen die Offiziellen derzeit von drei Todesopfern – Tepco-Arbeiter, die in der Tsunami-Flut ertranken oder während der Rettungsarbeiten tot zusammenbrachen. Nach Angaben der Betreiberfirma Tepco wurden 80 eigene Mitarbeiter und 19 Mitarbeiter von Fremdfirmen lebensgefährlich verstrahlt. Japanische Medien berichteten über Selbstmorde von Menschen, die ihre Existenz verloren haben. Vermutlich wird der Streit um die Todesfolgen der Fukushima-Katastrophe erst in zehn Jahren beginnen.

Nick Reimer, Chefredakteur von klimaretter.info, war mehrfach in Tschernobyl und Umgebung, zuletzt 2011

Ungewisser Verfall: Die Strahlenkrankheit zu überleben, heißt nicht zu überleben


Der Körper des Menschen ist auf vieles vorbereitet: Schrammen, Brüche, Infektionen für all das besitzt er Abwehr- oder Regenerationspläne. Das gilt auch für Schäden durch Strahlung, die meist die DNA betreffen: Zellen besitzen Reparaturmechanismen, um diese Schäden im Erbgut zu reparieren. Doch während der Zellteilung funktioniert die Instandsetzung nicht. Gerade schnell wachsende Gewebe sind daher anfällig für Strahlung.


Die Effekte von Radioaktivität reichen von einem erhöhten, aber nicht akut spürbaren Krebsrisiko (bei bis zu 100 Millisievert) über einem Kater ähnliche Beschwerden (bis etwa ein Sievert) bis hin zur echten Strahlenkrankheit. Welche Dosis genau krank macht, hängt dabei auch von der Dauer der Exposition ab. Erfahrungen aus Atombombenexplosionen haben gezeigt, dass ab einer akuten Exposition von einem Sievert das Vollbild der Strahlenkrankheit ausbricht.


Die Krankheit beginnt mit Übelkeit, gefolgt von Appetitlosigkeit, Störungen der Blutbildung und damit verbundener Erschöpfung, schlechter Wundheilung und Infektionsanfälligkeit.


Höhere Dosen beschleunigen den Verlauf, erhöhen die Sterblichkeit und verstärken die Symptome. Bis sechs Sievert gibt es zwar noch eine Chance auf Überleben. Die meisten Patienten sterben aber ohnehin erst viel später: an Spätschäden, die noch nach 50 Jahren auftreten, vor allem in langsam wachsenden Geweben. Zint

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12:12 09.03.2012

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