Gift und Galle

LEBENSMITTELVERGIFTUNG Brandenburgs Landwirtschaftsminister Gunter Fritsch (SPD) - Umweltnormen und gesunde Ernährung haben ihren Preis

FREITAG: Der Dioxin-Skandal ist schon wieder zu den Akten gelegt - geht für den Verbraucher vom Supermarkt wirklich keine Gefahr für die Gesundheit mehr aus?

GUNTER FRITSCH: Die Lebensmittel sind in aller Regel sauber und unbedenklich, was aber nicht heißt, daß ständiger Druck, ständige Kontrollen unnötig wären, um diesen Zustand zu halten. Der Dioxin-Skandal hat gezeigt, daß die Überwachung nicht lückenlos ist, ja nicht einmal sein kann.

Sind Menschen zu Schaden gekommen?

Von den über 200 Dioxin-Verbindungen sind einige sehr gefährlich, andere weniger, und natürlich kommt es auf die Konzentration in der Nahrung an und darauf, wie oft man solche Lebensmittel zu sich nimmt, um sagen zu können, ob Menschen zu Schaden gekommen sind, denn ein Schaden kann nicht nur unmittelbar auftreten. Eine Rolle spielt auch, wer Dioxin aufnimmt - gewichtige Körper vertragen viel mehr als schmächtige. Prompte Antworten sind also nicht möglich, aber eine Verharmlosung darf nicht stattfinden. Dioxin wird beim Menschen ins Fettgewebe eingelagert und nicht wieder abgebaut. Das kann von einer bestimmten Konzentration an zum Beispiel das Krebsrisiko entscheidend erhöhen. In den vergangenen Tagen haben wir allein in Brandenburg 33 Proben von Lebensmitteln untersucht - bei allen war der Anteil an Dioxin nicht gesundheitsgefährdend. Die Verkaufseinrichtungen haben aber verdächtige Lebensmittel zumeist selbst aus dem Sortiment genommen.

Was hat die Dioxinkonzentration im Futter und dann in den Lebensmitteln verursacht?

Das können Reste von Pflanzenschutzmitteln sein oder chemische Zusätze, auch Verunreinigungen. Wir untersuchen regelmäßig auf Schwermetall- oder Nitratbelastung. In jedem Kreis und jeder kreisfreien Stadt gibt es ein Amt zur Lebensmittelüberwachung. In Potsdam unterhält das Land ein Institut. Das geht - wie im Zusammenhang mit Dioxin - entweder einem konkreten Verdacht nach oder prüft stichprobenartig. Eines ist klar: Einen flächendeckenden garantierten Schutz kann es nicht geben, nicht gegen Banküberfälle und auch nicht gegen bedenkliche Lebensmittel. Wenn den dennoch einer herzustellen versuchte, würden die Lebensmittel so teuer, daß sie keiner mehr bezahlen könnte. Die Zahl der Produkte und die Zahl der Herkunftsorte ist gigantisch, und sie verändert sich ständig. Da bleibt nur der prophylaktische Weg: Es werden laufend Proben genommen.

Das heißt aber auch, es bleibt letztlich dem Zufall überlassen, ob etwas entdeckt wird oder nicht?

So ist es nicht. Es existieren für die Lebensmittelüberwachung Erfahrungswerte. Man weiß, worauf wann und wo zu achten ist. Im Sommer sind es die möglichen Salmonellen in den Eiern, in der Nähe von Kupferhütten ist die Gefahr der Schwermetallbelastung hoch und so weiter. Nach solchen Erfahrungswerten wird der Probenplan aufgestellt. In Brandenburg beispielsweise untersuchen die Ämter und Institute routinemäßig sehr oft Obst und Gemüse, das um Werder herum angebaut wird - es wurden keine schädlichen Stoffe in einer besorgniserregenden Konzentration nachgewiesen.

Daran haben die belgischen Verbraucher auch geglaubt.

Der Dioxin-Skandal wird die belgische Landwirtschaft etwa 1,7 Milliarden Mark kosten. Und ein Makel wird bleiben. Das ist eine Lektion für alle Produzenten und Verkäufer: Sie müssen um beinahe jeden Preis sichern, daß ihre Produkte unbedenklich sind, wenn sie sich nicht selbst schwer schädigen wollen. Es lohnt sich einfach nicht, ein gutes Image wegen kurzfristiger Vorteile zu verspielen. Das muß allen bewußt sein, dann ist es ein wichtiges Element allgemeiner Sicherheit.

Zu DDR-Zeiten gab es eine Art Wabensystem im Lebensmittelbereich. Auf diese Weise waren Probleme schnell zu lokalisieren und zu begrenzen.

Das ist ein Instrument, das sich die Marktwirtschaft nicht gefallen läßt. Aber - das sage ich als brandenburgischer Landwirtschaftsminister - Produkte aus der Region sind sicher. Wenn bewußtes Kaufverhalten dazu kommt, kann kaum etwas passieren.

Das kostet den Kunden mehr Geld.

Es gibt Standards in der Landwirtschaft. Wenn man will, daß sie eingehalten werden, kann man nicht nur Billiges erwarten. Insofern sollte sich der Kunde überlegen, wonach er greift. Zwar heißt das nicht, daß die billigen Produkte Gifte enthalten. Aber sie sind unter Umständen weniger sorgfältig behandelt und deshalb gefährdeter. Und noch etwas: die europäischen Standards sind noch nicht ganz einheitlich. Wir Deutschen sind besonders eifrig beim Durchsetzen von Normen, andere weniger. Wenn es zum Beispiel in Deutschland ein Schwein auf zwei Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche gibt, dann ist das Gülleaufkommen umweltverträglich zu beseitigen. In den Niederlanden oder auch in Dänemark gibt es 28mal mehr Schweine, da muß die schadlose Entsorgung ein Problem sein. Deshalb plädiere ich dafür, Haltungs- oder Umweltstandards mittelfristig zu vereinheitlichen.

Vor allem Öko-Produkte sind teurer - muß man nicht sagen, wer reich ist, kann sich leisten, gesund zu leben?

In den Öko-Produkten, die wir genauso prüfen wie jedes andere Produkt, finden sich tatsächlich keine relevanten Giftspuren. Wie übrigens in »normal« produzierten Lebensmitteln in aller Regel auch nicht. Ob in den Produkten der ökologischen Landwirtschaft wirklich gesundheitsfördernde Substanzen enthalten sind, weiß ich nicht, das könnte man ja mal untersuchen. Der Vorteil der ökologischen Landwirtschaft liegt woanders: Sie vermeidet chemische Düngung und chemische Schädlingsbekämpfung. Dadurch liegen die Erträge notwendigerweise niedriger, aber der Boden wird nachhaltig geschont.

Das Gespräch führte Mathias Kraus

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