Mädchenmannschaft
27.05.2010 | 12:00 1

Gut aufgestellt

Sportgeschichten Feminismus macht auch den Sport schöner, sagen die Macherinnen des Blogs Mädchenmannschaft - und beschreiben zur WM ihre Erlebnisse mit Frauen, Männer und dem Fußball

Fehlendes Einfühlungsvermögen

Eines meiner schönsten Erlebnisse beim Fußballgucken mit Männern liegt schon einige Jahre zurück, seitdem weiß ich aber endgültig: Ich darf meine Erwartungen an die Bereitschaft zu fachlichen Gesprächen nicht besonders hoch schrauben. Die Vorurteile beim Thema Fußballkompetenz von Frauen sind so fest verankert, dass man ihre Konsequenzen unmöglich in jeder Situation vorausahnen und entsprechend reagieren kann.

Folgende Konstellation: Weltmeisterschaft 2002, Viertelfinale USA-Deutschland. Ich bin bei Bekannten zum Gucken verabredet. Der Gastgeber und seine Freundin sind noch in der Küche beschäftigt, ich gehe schon mal ins Wohnzimmer. Auf dem Sofa sitzen zwei Männer, die ich nicht kenne. Im Fernsehen läuft der Vorbericht. Ich sage „Hallo!“, gucke auf den Bildschirm und frage dann: „Und wer spielt?“ Der eine verdreht die Augen und erwidert – nicht ganz böse, aber auch nicht ganz lustig – Folgendes: „Oh Gott, das passiert, wenn man Frauen zum Fußballgucken einlädt.“

Ich verstehe erst einmal gar nicht, was er meint. Glücklicherweise erweist sich der andere Mann jedoch als fußballsoziologischer Übersetzer und ist versiert genug, um sowohl meine Frage als auch die Antwort seines Kumpels ganz richtig zu deuten. Er stößt ihn an und zischt: „Eh, sie meint die Aufstellung.“ Nicole Selmer

Lauter kleine Lehmänner

Liebe Männer,

weibliche Fußballfans sind nicht so viel anders als ihr: Wir halten zu unseren Lieblingsteams, auch wenn sie nicht in den aktuellen Trendfarben herumlaufen, schauen nicht nur wegen der strammen Waden zu und können auch erklären, was Abseits bedeutet. Einen Unterschied gibt es allerdings doch, und der stinkt uns gewaltig: Die Sache mit den Toiletten. Wir kennen uns da aus, denn vor allem ältere Stadien und solche in kleineren Städten haben oft genug noch viel zu wenige für Damen. Trotzdem stehen wir brav an und nehmen zähneknirschend hin, dass wir die ersten Minuten der zweiten Hälfte verpassen.

Nicht so die Herren der Schöpfung. Kaum bildet sich ein Warteschlängchen beginnt der Run auf den Zaun. Wie die Hühner auf der Stange stehen sie dann da und hoffen, dass niemand außen um das Stadion läuft. Übrig bleibt schließlich je nach Jahreszeit gelber Schnee oder eine müffelige Pfützenlandschaft.

Nach dem Spiel beginnt das Schauspiel von neuen. Dann meist an den umliegenden Wegesrändern und Wiesen. Zum Glück sind nur wenige derart schmerzbefreit, dass sie noch an den Zaun pinkeln, auf dessen anderer Seite gerade der halbe Block vorbeiläuft. Aber selbst wenn die Toiletten völlig frei sind, fällt Pinkelspezialisten erst mit Verlassen der Stadiontore auf, wie dringend sie gerade müssen. Jedes Kindergartenkind hört da besser auf die eigene Blase. Also bitte, der Umwelt, unseren Augen und Nasen zuliebe – geht erst aufs Klo und macht Euch dann auf den Nachhauseweg.

Vielen Dank! Helga Hansen

Frauen und Fußball

Fußball war lange Zeit mein großes Hobby: Bereits mit sieben Jahren stand ich fast jedes Wochenende und unzählige regenfreie Nachmittage auf dem Bolzplatz. In Vorbereitung auf die nächste Ballerrunde mit den Jungs aus der Nachbarschaft zelebrierte ich es, mich in mein Karl-Heinz-Riedle-Outfit zu werfen. Die Stutzen saßen perfekt und das Trikot schlabberte lässig.

Bundesliga auf Sat1, Champions League auf RTL und Länderspiele auf ARD und ZDF: Das Wohnzimmer wurde zur Mama-freien Zone erklärt. Was feierten mein Vater und ich den hochroten Kopf eines Uli Hoeneß, wenn Bayern München verlor, was kochten wir vor Wut, wenn sie am Ende doch die Meisterschale in den Händen trugen.

Als ich mit zehn Jahren meinen Vater völlig unbefangen und sorglos fragte, ob ich nicht Fußball spielen könnte, also so richtig, ohne Wiese vor der Haustür und einer Torbegrenzung aus zwei kleinen Steinen oder schmalen Baumstämmen, reagierte er unerwartet: „Nein. Damit machst du dir als Mädchen nur die Beine kaputt.“ Seine Antwort überraschte mich, waren wir doch seit jeher ein eingespieltes Pille-Team. Gegen das Bolzen mit Freunden hatte er schließlich auch nie etwas einzuwenden.

Es war kein eindeutig ausgesprochenes Verbot, doch wie sollte ich mich als Zehnjährige schon ohne die Unterschrift meiner Eltern unter dem Mitgliedsausweis in einem Verein anmelden? Meine Mutter fragte ich nie – Frauen und Fußball eben, so dachte ich. Im Nachhinein war ich ganz glücklich, meine Profikarriere so früh an den Nagel gehängt zu haben. Denn am Ende waren es nicht die Rollenbilder, die mir einen Strich durch die Rechnung machten, sondern meine Gesundheit. Nadine Lantzsch

Nachwuchspflege

Ein Fußballplatz bei Nieselregen in München. Eine Gruppe 13- bis 14-jährige und ein Dutzend sieben- bis achtjährige Jungen laufen über das Spielfeld, beobachtet von ihren Trainern. Ein grauhaariger Mann reinigt ein Paar Fußballschuhe unter einem Wasserhahn, einer in

Trainingsanzug verkauft Getränke und Süßigkeiten im Mannschaftsheim.

Keine Frau ist zu sehen bis auf die, die mit ihrer zweijährigen Tochter hinter dem Tor der Kindermannschaft steht und zuschaut. Das Mädchen isst ein Eis. Ein stämmiger Trainer schreit den korpulenten Torwart der Kindermannschaft an: „Du musst dich halt mal werfen!“ Er lässt die anderen auf das Tor schießen. Die Frau zuckt zusammen, als der Ball in die Ecke des Tors knallt, hinter dem sie steht; die Tochter kleckert mit dem Eis. Ein dunkelhaariger Junge fragt die Frau, wie es bei den Teenagern steht. „Keine Ahnung“, meint sie und schiebt ein Stück von dem Eis, das ihrer Tochter heruntergefallen ist, vom Spielfeld. „Ah, bist du auch grad erst gekommen“, sagt der Junge. „Nein, ich hab nicht aufgepasst“, sagt sie und deutet auf ihre Tochter. „Weil ich ihr erklärt hab, was eine Ecke ist“. Der Junge lächelt.

„Zehn Null“, jubelt es da vom Feld. „Ihr seid‘s echt krass gut“, brüllt der dunkelhaarige Junge. Die Frau nickt, ihre Tochter auch. „Will ich auch“, sagt sie. Weiter hinten wirft sich der kleine Torwart auf den feuchten Kunstrasen und hält einen Ball. „Geht das denn?“, fragt der Junge. Die Frau lächelt. „Ja“, sagt das Mädchen entschlossen. Barbara Streidl

Transferleistungen

„Jetzt fangen bald wieder die Frauen an, über Fußball zu reden“, sagte neulich ein Freund zu mir, als wir auf die Weltmeisterschaft kamen. Ich musste ein paar Sekunden lang schweigen, bis ihm auffiel, dass er ja einer Frau gegenüber saß. „Na ja,“ nuschelte er mit hochrotem Kopf, „bei dir ist es was anderes. Du kennst dich ja relativ gut aus. Und du kannst auch mal die Klappe halten beim Spiel.“

Aus irgendeinem lustigen Grund beharren moderne Männer gerne auf dem Selbstbild, dass sie weniger reden würden als Frauen und dass sie es beim Fußball auf höherem Niveau tun. Tatsächlich sprechen viele Männer eigentlich nur dann richtig offen miteinander, wenn es um Fußball geht. Beim Thema Arbeit haben sie Konkurrenz oder finden den Beruf des anderen zu langweilig. Beim Thema Politik haben sie unterschiedliche Einstellungen oder – oft genug – überhaupt keine.

Bei Fußball sind alle gleich: Jeder weiß genau, was die beste Aufstellung für die eigene Mannschaft ist, wann der Angriff endlich mal über rechts kommen sollte, und dass Ballack ohnehin in der Gruppenphase verletzt worden wäre. Deswegen ist Fußball das wichtigste zwischenmännliche Binde- und Gleitmittel, das unsere Gesellschaft erfunden hat. Er ermöglicht zwanglosen Austausch und Körper­kontakt, das weiß, wer jemals mit einer Gruppe von Männern Fußball geschaut hat: Die meisten von ihnen fassen sich oft an und quasseln dabei ununter­brochen, wobei das, was sie sagen, zwar mit viel Wucht, aber eher wenig Wissen kommt.

Ich finde das schön, aber wenn ich Fußball schaue, will ich mich eigentlich konzentrieren. Deswegen gucke ich sehr gern Fußball mit Frauen – oder eben mit Männern, die auch mal die Klappe halten können. Meredith Haaf

Die Mädchenmannschaft bloggt regelmäßig bei und natürlich auf freitag.demaedchenmannschaft.net

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