Guter Deutscher

Linksbündig Karl Heinz Bohrer kämpft wieder gegen den Pazifismus

Aus dem posthum veröffentlichten Geheimreport des Dramatikers Carl Zuckmayer war kürzlich zu erfahren, welche zwiespältigen künstlerischen Charaktere dereinst das "Dritte Reich" bevölkerten: Neben dem Gros der "Indifferenten" und "Hilflosen" und den "aktiven Nazis" waren es vor allem die "gutgläubigen Mitläufer", die sich den ästhetischen Inszenierungen des Faschismus nicht entziehen konnten. "Die meisten Schauspieler", so urteilt Zuckmayer in diesem Zusammenhang, "neigen zu einer Art von Infantilismus, die ihnen auch die Vorgänge des realen Lebens ... zur rasch wandelbaren Szene ...werden lässt."

Eine ungute Reinkarnation dieses "Infantilismus" hat nun der streitbare Merkur-Herausgeber Karlheinz Bohrer bei einem prominenten Theatermann unserer Tage entdeckt. Ausgangspunkt von Bohrers bitterböser Polemik sind die larmoyanten Proteste exponierter deutscher Intellektueller gegen die Kriegsrhetorik des amerikanischen Präsidenten Bush. In diesen Friedens-Appellen erkennt Bohrer Anzeichen dafür, dass der "gute autistische Deutsche" aus den Tagen des Nationalsozialismus wiederkehrt.

Die Charaktereigenhaften dieses "guten Deutschen", sein eingefleischtes Ressentiment, seine Einfältigkeit und Unbedarftheit, seien - so Bohrer im aktuellen Novemberheft des Merkur - vor allem im Friedens-Gefuchtel des Regisseurs Claus Peymann wieder auferstanden. Bohrer, seit je dem "Provinzialismus" der Deutschen in unverbrüchlicher Abneigung zugetan, glaubt in Peymann ein besonders geschwätziges Exemplar des provinzialistischen Gutmenschentums gefunden zu haben. In seinem primitiven Antiamerikanismus und seinen gläubig-moralisierenden Phrasen erinnere Peymann an eine legendäre Filmgestalt der NS-Zeit: der naive Regisseur sei der "Phänotyp des wiedererstandenen guten Deutschen, ein wenig der alt gewordene Hitlerjunge Quex".

Das ist nun die schärfste Attacke, die sich denken lässt. Ausgerechnet Peymann, der wilde, unbotmäßige Regisseur, soll der mentale Jünger des faschistischen Konvertiten Heini Völker sein, der im Film Hitlerjunge Quex zur Identifikationsfigur der faschistischen Bewegung reifte? Der 1933 produzierte Film erzählte ja in der Art einer Märtyrerlegende eine heroische Episode aus der "Kampfzeit", also aus der bürgerkriegsähnlichen Konfrontation zwischen NSDAP und KPD am Ende der Weimarer Republik. Der Held des Films löst sich aus seiner kommunistischen Herkunft und findet in der Hitlerjugend eine neue Heimat. Mit pathetischer Musik orchestriert, zeigt der Film die heilsgläubige Bekehrung eines Jungen, sein emotional hoch aufgeladenes Hinübergleiten aus den Schrecken der alten Welt in die strahlende neue Ordnung des Faschismus. Wenn nun Bohrer gegen Peymann als angeblichen Quex-Wiedergänger eifert, dann will er wieder einmal den ihm so verhassten Pazifismus blamieren und das "Ethos" der Kriegs-Entschlossenheit rühmen. Aber die Assoziations-Brücke von Peymann zum Hitlerjungen Quex ist doch mehr als wacklig - in analytischem Kurzschlusse wird jedes Aufbegehren gegen Kriegs-Apologetik gleich unter Faschismus-Verdacht gestellt.

Im gleichen Merkur-Heft taucht der "gute Deutsche" noch einmal auf, diesmal aber in positiver Konnotation. Der liberale amerikanische Philosoph Richard Rorty preist hier Joschka Fischer als einen Helden der neuen Zeit, nämlich als den "großen charismatischen Internationalisten", der an der Spitze einer künftigen "Weltregierung" den Feldzug gegen globale Ungerechtigkeit und gegen die Armut in der Dritten Welt anführen solle. Nicht der als "chauvinistisch" abgekanzelte Isolationist George W. Bush, sondern ausgerechnet Fischer, der einstmals bekennende Pazifist, soll den Feldzug gegen das Böse anführen und als "Führer des Westens" den reichen Demokratien die schreckliche Notwendigkeit vermitteln, dass sie "möglicherweise das Leben von Tausenden ihrer jungen Männer und Frauen ... opfern (müssen), um in gescheiterten Staaten irgendeine Art von Ordnung wiederherzustellen". Eine groteske Überschätzung des Politikers Fischer - und ein unfreiwilliger Beweis diagnostischer Schwäche. Kaum ein Land hat sich in dem derzeit virulenten Wettbewerb um weltpolitische Definitionsmacht auffälliger weggeduckt als Fischers rotgrünes Deutschland. Und es gibt auch kaum Anzeichen dafür, dass sich der "gute Deutsche" Fischer vom intellektuellen Konformismus weiter entfernt hätte als ein Claus Peymann.

00:00 22.11.2002

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