Harare Reloaded

Porträt Tsitsi Dangarembga ist die Verkörperung von kosmopolitisch. In Simbabwe kümmert sich die Künstlerin, Regisseurin und Autorin um die Zukunft eines ganzen Kontinents
Sabine Kebir | Ausgabe 20/2015
Harare Reloaded
Die Aktivistin Tsitsi Dangarembga kämpft in Simbabwe für die Rechte der Frauen
Foto: Jonas Ludwig Walter für der Freitag

Sie sei auf auf dem Sprung in Berlin, sagt Tsitsi Dangarembga, sie will dann gleich weiter nach München, zu ihrer Tochter. Als wir beim Gespräch sitzen, nimmt sie sich jedoch viel Zeit. Für eine Frau, die die Zukunft eines ganzen Kontinents mitgestaltet, wirkt sie erstaunlich schüchtern.

 der Freitag: Frau Dangarembga, als Afrikanerin, die im Ausland groß geworden ist – wie war Ihre Kindheit?

Tsitsi Dangarembga: Ich habe in England gelebt und besuchte dann eine Missionsschule in Rhodesien. In meiner Familie wurde kein Unterschied zwischen der Ausbildung von Mädchen oder Jungen gemacht, dafür auf anderen Gebieten. Mein Vater wollte, dass alle Kinder die Küche sauber halten. Aber meine Mutter forderte meinen Bruder zum Beispiel niemals auf zu kochen. Ich habe gelernt, dass es unterschiedliche Rollen für Mädchen und Jungen gibt.

Als Filmemacherin wollen Sie Missstände zeigen: „Everyone’s Child“ handelt von einem aidskranken Waisenmädchen, das auf dem Land bei seiner Tante lebt und verkümmert. Zu wenig Essen, zu wenig Medizin.

Es war der erste Film, den eine schwarze Simbabwerin gedreht hat.

Woher kennen Sie die Zustände auf dem Dorf?

Ich verdanke das meinem Vater. Er stammte vom Land, meine Mutter nicht. Wir kamen in den Ferien immer aufs Dorf und lebten dann wie die Leute dort. Wir Kinder spielten mit unseren Cousinen und Cousins in den Bergen. Wenn Sie mit den anderen zum Fluss gehen müssen, um Wasser zu holen, können Sie das Landleben nicht mehr idealisieren. Aber es war doch schön, das gemeinsame Arbeiten zu erleben. Und dass kein Unterschied zwischen mir und den anderen Kindern gemacht wurde. Im Übrigen idealisiert man im Dorf die Stadt und umgekehrt.

Kann man in der Stadt leichter leben?

Ja, aber es war lange mein Wunsch, Kontakte zur Großfamilie auf dem Land zu halten, auch weil ich verstehen wollte, warum meine in der Stadt lebende Familie anders war. Das brach ab, weil ich immer wieder längere Zeit im Ausland war und sich das Leben auf dem Land stark veränderte. Dort wird alles immer mehr und immer strenger kontrolliert.

Inwiefern?

Die seit 2000 durchgeführte Landreform steigert die Abhängigkeit der Landgemeinden von chiefs, die mit der Regierung verbunden sind. Einige sind an Entwicklung interessiert, andere halten die Landbevölkerung in Unwissenheit.

Und als Schriftstellerin wollen Sie das ändern?

Beim Schreiben interessiere ich mich immer für das Leben der anderen, wenn ich auch von eigenen Erfahrungen und Beobachtungen ausgehe. Ich versuche zu zeigen, wo die gesellschaftlichen Widersprüche liegen. In den 90er Jahren hatte ich jedoch Probleme, literarische Arbeiten und Stücke, die ich geschrieben hatte, zu publizieren.

Hatte das politische Gründe?

Es waren schon eher geschlechtsspezifische Barrieren. Den politischen Systemen habe ich mich nie direkt entgegengestellt, meine Arbeit zielt nicht auf aggressive politische Konfrontation. Ich will Menschen zeigen, dass sie tatsächlich bessere Entscheidungen für sich selbst treffen können.

Sie meinen vor allem Frauen?

Ja. Schon 1980, als Simbabwe unabhängig wurde, fand ich, dass gesagt werden musste: Hey, Ladys, es ist Zeit, etwas zu ändern, Gerechtigkeit für uns Frauen herzustellen! Aber es gab eine psychologische Schranke, sich dafür auf den Weg zu machen. Es wird noch lange dauern, bis sich die Frauen den Status eines menschlichen Wesens erkämpfen. Für mich ist meine Arbeit eine große Gelegenheit, selbst Verantwortung für mein Leben zu tragen.

Sind die Unterschiede heute noch so stark?

Die Lage der Frauen ist heute noch viel schwieriger und komplexer. Früher hatte jeder einen festgelegten Platz in der Gesellschaft. Heute sind Frauen gebildeter und meinen, dass sie einen besseren Platz verdienen. Wir haben eines der höchsten Bildungsniveaus auf dem Kontinent. Aber ist das wirklich ein Passierschein für ein besseres Leben?

Es wäre möglich.

Wenn man in den 80er und 90er Jahren einen Job hatte und sich viele Dinge kaufen konnte, schien es so, ja. Nun sind es bei uns immer mehr Menschen geworden. Und weil sie gebildet sind, sehen sie immer deutlicher die Krise. Es wächst ein Konflikt zwischen den materiellen Möglichkeiten und den Wünschen. Ich sehe häufig diesen Zwiespalt zwischen der Gier nach Materiellem und dem eigenen inneren Wertesystem. An der Benachteiligung der Frauen ändert sich wenig.

Von Gewalt erzählen

Die Autorin, Regisseurin und Aktivistin Tsitsi Dangarembga wurde 1959 in Mutoko, einem Dorf im damaligen Rhodesien geboren. Sie hat in Harare Psychologie studiert und besuchte von 1989 bis 1996 als Regiestudentin die Berliner Film- und Fernsehakademie. Ihr erster Roman Nervous Conditions (publiziert 1988 in England, ein Jahr später in Simbabwe und dann unter dem deutschen Titel Der Preis der Freiheit) war eine Sensation: Tsitsi Dangarembga war die erste schwarze Simbabwerin, die einen Roman herausbrachte, 1989 erhielt sie den Commonwealth Writers Prize der Region Afrika.

In Der Preis der Freiheit schildert sie auf der Basis eigener Erlebnisse die Geschichte der jungen Tambu, die die für Mädchen ungewöhnliche Chance bekommt, eine Schule zu besuchen.

Tsitsi Dangarembga hat zahlreiche Initiativen und Institutionen gegründet: etwa das International Images Filmfestival for Women, in dessen Rahmen sie in ganz Simbabwe Filme zeigen kann, und das Programme for African Leadership an der London School of Economics.

2013 war sie Writer in Residence an der Northwestern University, Illinois, außerdem hat sie in Harvard unterrichtet. Zurzeit arbeitet sie an dem Projekt Das Schweigen brechen, in dem es um Gewalt in Simbabwe geht: Landesweit werden Leute zu ihren Erfahrungen befragt, ihre Geschichten sollen später aufgeschrieben werden. In Harare leitet Dangarembga das von ihr aufgebaute Institute of Creative Arts for Progress in Africa (ICAPA), zu dem ein eigener Verlag gehört und das sich auch um Film-förderung kümmert. Maxi Leinkauf

Sind Sie eine Einzelkämpferin?

Es gibt viele Organisationen, die sich für Genderprobleme und Frauenrechte engagieren. Das wird meist von der Regierung gesteuert und in bestimmte Richtungen gelenkt. Es kommen aber auch NGOs aus dem Ausland. Das sind zwei verschiedene Machtstrukturen. Aus meiner Sicht verfolgen beide ein überholtes Entwicklungsparadigma. Sie wollen absichern, dass es genug zu essen gibt, dass Kinder keine Windpocken kriegen.

Und aufklären, oder?

Nein, auch die Regierungsorganisationen wollen die Leute nicht weiterbringen, weil sie dann ja anfangen könnten, sich über ihre Lage eine Meinung zu bilden und diese hörbar zu machen. Beiden Strukturen geht es im Grunde nur um das primitivste Niveau und nicht darum, die menschlichen Fähigkeiten zu entwickeln. Man will nur zeigen: Wir sind engagiert und wollen die größten Desaster verhindern. Aber das gelingt nicht. Die Leute sehen doch, wie andere Klassen leben. Auf diese Weise heizt man letztlich nur die Klassenkonflikte an.

Wenn man die Welt sehen kann, bekommt man einen weiteren Blick. Wie war Ihre Studienzeit in Berlin?

Ich war eine junge Studentin der Regie – eine meiner wichtigsten Ausbildungserfahrungen. Die Art des Engagements in Deutschland findet man nicht so leicht anderswo. Man fragt, warum man mit etwas einverstanden ist oder nicht. Überrascht war ich, dass es damals kaum Leute in Deutschland gab, die etwas über afrikanischen Film wussten. Und vielen war unklar, was diese schwarze Frau denn da vorhatte.

Niemand konnte Sie verstehen?

Dabei hatte ich schon Filmerfahrung in Simbabwe, ich hatte als Rechercheurin bei einer NGO gearbeitet. Was mich beeindruckte, waren Leute, die bereit waren, über den Tellerrand ihrer Kultur zu blicken. Wichtig war für mich, zu lernen, wie man Schauspieler führt und dass man nie vergessen darf: Es handelt sich hier um menschliche Wesen.

Und Sie haben einen deutschen Mann getroffen.

Ja, einen Schnittmeister. Wir sind verheiratet und haben zwei Kinder. Mit ihm bin ich dann zurück nach Simbabwe gegangen, aus mehreren Gründen. Einer war, dass Simbabwe im Westen viele schlechte Schlagzeile hatte, vor allem wegen der Landreform, die im Jahr 2000 begonnen hat. Das war nicht das Bild von meinem Land, mit dem ich mich identifizieren konnte.

Damals wurden Tausende weiße Farmer enteignet, teilweise mit Gewalt. Das Land wurde an schwarze Kleinbauern verteilt.

Deshalb musste ich – eine Erzählerin aus Simbabwe – zurückgehen und verstehen, was los war. Und darüber Filme machen. Ein anderer Grund waren die Kinder. Unsere älteste Tochter kam eines Tages vom Spielplatz und rief: „Mama, da war ein Junge, der hat gesagt, er tötet uns.“ Ähnliches hörte ich von Freunden. Die Kleine bekam mit, dass blonde Personen in Deutschland oft bevorzugt werden. Ich wollte, dass die Kinder in einer anderen Umgebung aufwachsen.

Können Sie überhaupt in Harare arbeiten? Man vermutet ja, das sei eine Kulturwüste.

Das ist nicht ganz falsch. Wir haben eine Regierung, die in die Kontrolle der Bevölkerung investiert und nicht in ein Kulturleben, das die Gefühle der Menschen anspricht. Man fördert eine oberflächliche Popkultur. Für intellektuell engagierte Künstler wie mich ist es daher sehr schwer, Unterstützung zu bekommen. Sowohl die NGOs als auch die lokalen kulturellen Strukturen fördern vor allem junge Künstler. Das ist gut, aber es führt dazu, dass Künstler in meiner Generation unsichtbar sind. Das Programm für afrikanisch-karibisch-pazifische Kulturen ist das einzige, das so eine sensible Arbeit in Simbabwe außerhalb der institutionellen Netzwerke unterstützt. Diese Leute verstehen, dass Kultur eine andere Form ist, sich in der Welt zu engagieren.

Woher bekommen Sie die Mittel für Ihre Filme?

Es ist sehr schwierig. Mein Büro habe ich im eigenen Haus. Fünf junge Leute, mein Mann und ich, wir alle arbeiten in einer Garage, die mein Mann umgebaut hat. Es ist schwierig, die Mittel zusammenzukriegen, um meine jungen Leute zu bezahlen. Eine Quelle sind meine Tantiemen.

Helfen die Reisen, die Netzwerke im Westen?

Gerade komme ich von einem Afrika-Filmfestival in Polen, das unser Partner in diesem Programm ist. Auf Frauenfilmfestivals, die unsere hauptsächliche Präsentationsmöglichkeit sind, sehen wir, dass das Publikum von den Filmen angeregt wird, in eine neue Richtung zu denken. In Polen hatte ich eine Diskussion über Marie Curie, die sich in die Wissenschaft gestürzt hat und Erfolg hatte. Sie inspirierte mich schon als Kind. Wir müssen solche Rollenvorbilder für junge afrikanische Frauen schaffen.

Sie saßen in der Etisalat-Jury 2015, ein Literaturpreis, der von der nigerianischen Filiale eines Telekomkonzerns aus Abu Dhabi gesponsert wird.

Das ist der erste Preis für afrikanische Autoren, der vom Kontinent selber kommt! Der erste, mit dem wir unsere Erzählkultur und ihre Bewertung in eigene Regie nehmen! Dieser Preis kann für das Debüt eines jungen Autors vergeben werden. Bedeutsam ist, dass hier nationalistische Motive ausgeschaltet sind: Die Juroren und die eingereichten Bücher stammen aus ganz Afrika.

Und, wer hat gewonnen?

In diesem März Songeziwe Mahlangu aus Südafrika mit seinem Roman Penumbra. Er fragt, was es bedeutet, ein afrikanischer Mann zu sein. Er analysiert sein Verhältnis zur Gewalt und sucht nach einem anderen Weg. Solche Selbstbefragungen sind wichtig. Sie zeigen der Welt, die immer meint, Afrika sei in einer Art Selbsthass versunken, dass wir über uns selbst nachdenken und bestimmen können. Neue Charaktere können die alten Stereotype überwinden.

06:00 24.06.2015

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare