Hasch mich, ich bin der Weltgeist!

Blutsturz-Prosa In "Krieg und Frieden" hat Jonathan Schell die Friedenstauben der achtziger Jahre wieder ausgemottet

Geschichte wiederholt sich nicht, sie lässt sich nur sampeln. Das gilt nicht nur für die Mode, die mit trendigen Turnschuhen und knalligen Karottenjeans erst jüngst noch einmal auf den langen Marsch durch die achtziger Jahre geschickt wurde. Auch auf dem Literaturmarkt kommt es immer wieder zu unzeitgemäßen Erscheinungen. Das neue Buch von Jonathan Schell ist so ein merkwürdiger Wiedergänger.

Schon der Titel, Die Politik des Friedens, erinnert dabei an all die liebgewonnenen Publikationen, die man aus Zeiten des Nato-Doppelbeschlusses von Umzug zu Umzug mitschleppt. Schließlich weiß man nie, wofür man sie noch einmal gebrauchen kann: die gesammelten Werke von Robert Jungk, die kuschelwarmen Friedensklassiker von Franz Alt oder die mahnenden Dystopien von Hoimar von Ditfurth. Neben Popliteratur und New-Economy-Ratgebern herrscht so wenigstens noch im eigenen Bücherschrank das vertraute Gleichgewicht des Schreckens. Real mag das mit dem Untergang der UdSSR verpufft sein. Für den Friedensbewegten indes bleibt immer dieses Grundunwohlsein.

Da ist man froh, dass mit Jonathan Schells neuestem Buch für den Ernstfall schon mal nachgerüstet werden kann. Und die Zeiten, sie werden ernster. Der 11. September, die neue US-Sicherheitspolitik und der Anti-Terrorkrieg der amerikanischen Falken lassen erneut den gut verstauten Horror hervorschielen. Und was hilft gegen den alten Affen Angst besser, als die vertrauten Mentoren von Gestern. Der Publizist Jonathan Schell ist so ein alter Bekannter. Auch wenn man ihn in Europa in den letzten Jahren etwas aus den Augen verloren hat, so darf man ihn zum pazifistischen Urgestein zählen. Der Amerikaner, der Ende der sechziger Jahre als Hausautor für den New Yorker begann und heute für einschlägige US-Magazine wie The Nation und Foreign Affairs schreibt, machte zum ersten Mal 1982 weltweit von sich reden. Damals veröffentlichte er unter dem Titel Das Schicksal der Erde einen Öko- und Friedensklassiker, der nicht nur in den USA schon bald zu den maßgeblichen Titeln einer neuen Bewusstseinsindustrie zählte.

Seither gilt Schell als Experte für Fragen der nuklearen Bedrohung und der gewaltlosen Konfliktlösung. Ein Spezialgebiet, von dem man meinen sollte, dass nach den Revolutionen von 1989, dem Wegfall der Systemalternative und dem bald darauf propagierten Washington-Konsens kaum noch Bedarf bestünde. Doch etwas scheint schief gelaufen. Die allseits versprochene Friedensdividende läßt noch immer auf sich warten. Vielmehr scheint der Wegfall des atomaren Patts eine neue Ära der gewaltsamen Intervention eingeläutet zu haben.

Nicht nur für Jonathan Schell ist es da an der Zeit, die Rahmenbedingungen von Krieg und Frieden noch einmal genau unter die Lupe zu nehmen. 400 Seiten hat er sich für diese große Aufgabe gegeben. Genügend Platz also, um die Fragen von Macht und Gewalt, Politik und Herrschaft derart großräumig hin und her zu schieben, dass die zündenden Gedanken unentwegt aneinander vorbei bewegt werden können.

Als hätte man vor Jahr und Tag in der Friedenswerkstatt nicht aufgepasst, setzt Schell noch einmal an den Basics an. Langatmig kann man da abermals über Gandhis Methode der Nicht-Zusammenarbeit, der Grundidee von "Satyagraha" nachsitzen, um sich anschließend einer Kurzexegese der Bergpredigt zuzuwenden. Es folgt ein Schnelldurchlauf durch die Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und abgerundet wird diese bekömmliche Friedensmischung mit den großen Schriften osteuropäischer Dissidenten. Schell vollzieht das mit derart heftigen Stilblüten, dass einem vom Lesen schwindelig wird: "Der Widerstand", so heißt es da etwa, "der in den verstopften Arterien des militärischen Handelns zum Stillstand verurteilt war, wich in das Kapillaresystem der Welt aus, wo er sich in aller Stille voranarbeitete, um sich schließlich in den Massenprotesten ganzer Gesellschaften sprudelnd Bahn zu brechen" - eine Blutsturz-Prosa, wie sie schräger selten zu Papier gebracht worden ist.

Was all das mit der gegenwärtigen Welt- und Sicherheitslage zu tun hat? Schell scheint es gelegentlich selbst nicht zu wissen. Je weiter man sich in das Buch hineinliest, je mehr kommt der Autor von Hölzchen auf Stöckchen. Als wäre hier einer auf der verzweifelten Suche nach dem Weltgeist, wird verglichen und zusammengefügt, was in keiner Weise zueinander gehört. Da wird Hannah Arendt neben Mahatma Gandhi geparkt und der 11. September mit dem August 1914 gleichgesetzt. Und all das nur, um am Ende doch noch zu einer großen These anzuheben: "Die Welt ist nicht zu erobern!".

Das allerdings hätte man sich gleich gedacht. Bliebe noch die kleine Frage, wie Frieden und Gerechtigkeit auf anderem Wege herzustellen wären. Leider läßt einen der Autor darüber etwas im Unklaren. Statt konkreter völkerrechtlicher Aussagen, statt vertraglicher Konzepte zur internationalen Zusammenarbeit, verkauft er entweder Altbekanntes oder hüllt sich in einen Begriffsnebel, der aus liberalem Vokabular schon bald neokonservatives Handwerkszeug formen kann. Auf gut amerikanisch sieht er die Lösung der globalen Probleme nämlich nicht in Händen einer reformierten UNO, sondern in einem sogenannten "Demokratischen Bund". Statt auf die Kakofonie unterschiedlichster Staats- und Regierungsformen setzt er auf die Friedenskraft demokratischer Systeme, die sich zu einer elitären Liga zusammenschließen sollten. Und für diesen Bund sieht Schell rosige Zeiten heraufkommen: Er wäre nämlich nicht nur für die Abschaffung der Atomwaffen sondern ebenso für den Schutz von Minderheitenrechten, nicht nur antiimperial sondern kooperativ. "Dank dem demokratischen Charakter aller beteiligten Staaten", so jubiliert der Autor, "wäre die Schaffung übernationaler Institutionen in dieser Organisation viel leichter als in den Vereinten Nationen".

Das alles indes liest sich ähnlich, wie die gegenwärtige amerikanische Politik des imperialen Reißbretts. Nicht nur, dass in keiner Weise definiert wird, was denn nun genau unter Demokratien zu verstehen wäre, Schell läßt ihnen eine Ehre zukommen, der sie kaum gerecht werden können. Wie die derzeitige US-Außenpolitik durch Demokratisierung den Nahen Osten befrieden will, so wird auch bei Jonathan Schell das Theorem des "demokratischen Friedens" überstrapaziert. Angesichts der Tatsache, dass auch demokratisch verfasste Staaten wie die USA internationale Abkommen umschiffen, Menschenrechte außer Kraft setzen und unverhohlen mit Massenvernichtungswaffen experimentieren, ist das ausschließlich Gute des demokratischen Charakters noch lange nicht bewiesen. Berücksichtigt man zudem, dass demokratische Verfahren vermehrt von internationalen Handelsabkommen und ökonomischen Interessen außer Kraft gesetzt werden, scheint es um Schells Friedensformel nicht zum Besten bestellt.

Eine Friedensbewegung, die nicht nur blumige Worte blühen läßt, sondern sich den tatsächlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellen will, sollte ein paar griffigere Programme zur Hand haben. Eine Gemeinschaft der Guten ist letztlich auch nicht mehr als eine Koalition der Willigen. Denn was Schell mit der Outgroup der Widerspenstigen vor hat, kann er in seinem Buch nicht wirklich beantworten. Ein wenig Gandhi, ein bisschen Frieden und ganz viel pazifistische Gesinnungsethik langen vielleicht für einen lieb gemeinten Retro-Chic. Die beste aller Welten aber schafft man damit noch nicht.

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Jonathan Schell
Die Politik des Friedens
Hanser Verlag, München 2004
416 Seiten
EUR 25,90
ISBN 3-446204822

00:00 26.03.2004

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