Haste mal ’ne Zeitung?

Report Das Hamburger Obdachlosenmagazin „Hinz&Kunzt“ wird 20 Jahre alt. Aber wie geht es dieser Mitleidsbranche sonst so?
Sophie Rohrmeier | Ausgabe 46/2013 5
Haste mal ’ne Zeitung?
Hingucker und Angucker: Die Verkäufer von Hinz&Kunzt sind keine Marktschreier - sie lassen das Magazin für sich sprechen
Foto: picture alliance / dpa

Seit einer Stunde steht Paul vor Edeka im Hamburger Stadtteil Eilbek. Wo auch sonst. Schon dreimal hat er eine Münze bekommen – entweder einen Euro oder 50 Cent. Seine Zeitungen aber werden nicht weniger. „Guten Tag!“, sagt Paul zu den Supermarkt-Gängern, die er kennt, und die grüßen zurück. Der Bulgare steht nämlich jeden Tag hier, von halb zehn morgens bis 18 Uhr abends. Die Menschen wissen, was es bei ihm gibt: das Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt (H&K). Paul verkauft in diesem November die Jubiläums-Ausgabe. Zum 20. Geburtstag ist die Zeitung doppelt so dick wie sonst, 108 Seiten für 2,20 Euro. Aber wie gesagt, die meisten geben ihm Geld und interessieren sich nicht für seine Zeitung.

Straßenzeitungen haben hierzulande einen schlechten Ruf. Dabei ist die Qualität der einzelnen Blätter ziemlich verschieden; fast wie bei normalen Zeitungen, möchte man sagen. Es gibt welche, die kämpfen mit professionellem Journalismus gegen das Schmuddelimage. Andere dagegen wollen die Leser mit den düsteren Lebensgeschichten ihrer Verkäufer erpressen, stoßen damit aber auf Ablehnung. Man kann das gut finden oder nicht, aber auch die Branche der Obdachlosenzeitungen hat, wie jede andere, ihre eigenen Gesetze. Auch hier kommt es auf die Oberfläche an. Die Kunden wollen das so.

Das Cover der H&K-Jubiläumsausgabe zum Beispiel ist ein Hingucker. Und ein Angucker: Heinz-Harald Schmidt blickt einem mild und fest zugleich entgegen. Das Close-up in Schwarz-Weiß zeigt einen Verkäufer-Kollegen von Paul. Vom Leben gezeichnet und trotzdem schön. Dieses Foto, aufgenommen von Benne Ochs, ziert auch eine Briefmarke, die es im H&K-Onlineshop zu kaufen gibt. Ein Coup von Jens Ade, dem Geschäftsführer. Ade kommt aus der Werbung und hat noch viele Kontakte, die er nun im 20. Jubiläumsjahr als Unterstützer gewinnen konnte. Eine Werbeagentur hat sich die Briefmarke einfallen lassen. Ein Teil des Erlöses geht als Spende an das Magazin. „Man darf nicht im Sandkasten spielen, sondern muss professionelle Mittel einsetzen“, sagt Jens Ade ein bisschen forsch. Sein Magazin hat eine Auflage von 65.000 Exemplaren erreicht. Heute arbeiten Agenturen, Fotografen und sogar Werbeträger wie Altkanzler Helmut Schmidt kostenlos für H&K, im Gegenzug bleibt das Geld für gute Journalisten übrig.

Dieser Erfolg der wohl aufwendigsten und journalistisch anspruchsvollsten Straßenzeitung Deutschlands ist zu großen Teilen der Chefredakteurin Birgit Müller zu verdanken. Sie kam 1993 vom Hamburger Abendblatt zu H&K, zur ersten Ausgabe, und konnte mit einem Startgeld der Diakonie von 50.000 Mark das Heft als damals zweites Straßenmagazin nach dem Münchner BISS (Bürger in sozialen Schwierigkeiten) entwickeln – ein Kapital, das viele andere der rund 30 Straßenzeitungen in Deutschland nicht hatten. Geld von der Kirche bekommt H&K heute nicht mehr.

Richtige Journalisten

Honorare und Produktion finanzieren sich über den Verkauf, Sozialarbeit und anderes über Spenden. Neben Birgit Müller sind zwei festangestellte Volontäre in der H&K-Redaktion tätig, dazu kommen etwa zehn freie Autoren und Fotografen. „Früher haben die Schreiber ohne Bezahlung gearbeitet. Aber es kommen einfach bessere Texte, wenn sie bezahlt werden“, sagt Beatrice Blank, freie H&K-Autorin. Etwas kantiger formuliert das der Geschäftsführer Ade: „Macht man es nur mit Obdachlosen, wird’s nicht so gut. Is’ so.“

Aber es gibt sie, die Magazine, die wirklich von Wohnungslosen oder ehemaligen Obdachlosen gemacht werden. Die Freiburger Freiebürger zum Beispiel. Ihre Erfinder hatten kein Startkapital – und noch heute haben die sechs Redakteure keinen anderen Träger als sich selbst. Zwei von ihnen leben in Wohnungen, der Rest in Bauwagen. Einen Chef gibt es nicht. „Mit Strukturen haben wir’s nicht so“, sagt Carsten Kalischko, einer von ihnen. Dafür haben sie es mit der freien Meinung. „Wir wollen sagen, das und das kotzt uns an“, erklärt Kalischko. Damit schaffen er und seine Kollegen immerhin eine monatliche Auflage von 6.000 Heften – und Geschichten mit dem sympathischen Ton der Empörung, die dennoch kein Mitleid erheischen wollen. Dieses Mitleid nämlich nützt auch den Verkäufern nichts.

Darauf achten auch die H&K-Geschäftsführung, der Vertrieb und die Redaktion. „Wir wollen kein Klageblatt sein“, sagt Beatrice Blank. Das gelingt dem Magazin, bis hinein in die Ästhetik. Wer dem Cover-Helden Schmitz ins Auge sieht, will fragen, was ihn so stolz, aber auch so argwöhnisch dreinblicken lässt. Wegsehen jedenfalls will man nicht. Das Porträt erregt Aufmerksamkeit, nicht Mitleid. Ebenso wenig wie Paul vor dem Supermarkt. Ein Mann kommt vorbei und wuschelt ihm durchs Haar. „Sieht besser aus so, ohne Mütze!“ Paul lacht und erwidert: „Danke, ich weiß, ich weiß!“ Man sieht dem Bulgaren an, dass er nicht viel Geld hat. Aber er ist gepflegt – und er bedrängt niemanden. Das gehört bei H&K zu den Regeln.

Anders in Berlin. Hier wird etwa der Strassenfeger, eine der drei Straßenzeitungen in der Hauptstadt, in U- und S-Bahnen verkauft. Mit den Heften wird oft die Leidensgeschichte der Verkäufer mit angeboten – der viele Menschen in den engen Zügen nicht unbedingt ausgesetzt sein wollen. Die Erwartungen an Straßenzeitungen speisen sich aus einer Quelle – und fallen dann auseinander. Die Zeitungen versprechen Wahrheit. Die Wahrheit über Armut. Manche wollen die durchaus kennen. Viele aber fühlen sich vom Leid anderer bedroht, von der Unmittelbarkeit, vom Appell an ihr Mitgefühl. Diese Strategie von Straßenzeitungen ist zu überdenken.

Neues Layout

Gerade weil Blätter wie die Leipziger Kippe oder auch der Strassenfeger Inhalte zu bieten haben, mit denen viele gar nicht rechnen. Beide Zeitungen sind von Journalisten gemacht. Der September-Strassenfeger etwa erklärte alles Wichtige rund um die Bundestagswahl – in einfacher Sprache und in ansprechendem Layout. Erst im Sommer hat der Strassenfeger sein Layout verändert. Nun würde das Magazin durchaus in ein Zeitschriftenregal passen.

Nimmt man also den Markt als Maßstab, dann stimmt das Urteil von H&K-Geschäftsführer Jens Ade. Laien erreichen nicht dasselbe Niveau wie Profis. Sich so dem Geschmack der Leser anzupassen, erfordert Ausbildung und Geld. Wessen Auge an den Zeitschriftenregalen von heute geschult ist, der wird die altmodischen Freie-bürger-Cover einfach nicht besonders mögen. Die Geschichten dort verhandeln zwar durchaus Themen, die alle Bürger betreffen. Aber viele der Texte sind von Laien, mit zu simpler Leserführung und der Eckigkeit einfach aneinandergereihter Sätze.

Noch weiter abgeschlagen sind die Magazine, die oft von nur einem Sozialarbeiter verwaltet werden. „Dilettantisch“ nennt sie ein Kenner der Straßenzeitungen, „Kämpfer“ gegen finanzielle Windmühlen ein anderer. Sie sind übrig geblieben aus jener Zeit, aus der das Schmuddelimage der Obdachlosenzeitungen stammt.

Warum stecken so viele Menschen den Straßenverkäufern lieber nur eine Münze zu, als dafür auch die Zeitung zu nehmen? „Das ist eine beschämende Frage“, sagt eine Passantin in München, die dem BISS-Verkäufer an der Staatsoper seit Jahren regelmäßig Geld gibt. Ihm begegnet sie offen, dem Blatt in seinen Händen nicht. Häufig fragt sie ihn, wie es ihm geht, will nicht einfach unachtsam vorüberrauschen. Aber ein Heft mitzunehmen, der Gedanke überrascht sie beinahe. „Wahrscheinlich will ich einfach nicht noch mehr Elend sehen“, überlegt sie.

Dieses Verhalten degradiert die Verkäufer zu Bettlern. Aber es bedeutet auch, dass man sich für das Produkt nicht interessiert. Eine Straßenzeitung, die Leser gewinnen will, muss das ernst nehmen. Sie muss alle als Zielgruppe begreifen und offen sein. Sie darf dem Leser zu Leibe rücken und muss neue Wege finden, um die Menschen von ihren eigenen Vorurteilen abzulenken. Vielleicht so, wie es die Leipziger Kippe macht: Die Redakteure verkaufen ihre Zeitung schon mal in Abendgarderobe.

DREI FRAGEN AN CARSTEN KALISCHKO

 

Was war die wichtigste Geschichte, die Sie geschrieben haben?
Zu Beginn meiner Zeit bei Freiebürger habe ich über meine DDR-Vergangenheit eine Serie geschrieben. So fing das Schreiben an, mir Spaß zu machen. Und es gab den Homeless World Cup 2003, an dem ich auch selbst teilnahm. Über diese einmalige Chance zu schreiben, war toll. 

Haben Sie ein Vorbild im Journalismus? 
Nein. Als wir anfingen, waren wir Obdachlose ohne journalistische Vor-bildung. Wir hatten nur Geschichten, die wir erzählen wollten.Schreiben und Recherchieren haben wir uns selbst beigebracht, so haben wir uns auch weiterentwickelt. Klar, wir lesen Zeitungen und Bücher. Aber vor allem bringen wir uns gegenseitig weiter, indem jeder im Team die Geschichten der anderen liest. 

Was könnten Straßenzeitungen besser machen? 
Sie sollten für die Leser offen sein, veröffentlichen, was sie interessiert. So helfen sie den Verkäufern. Ziel ist ja nicht, dass ich mich journalistisch profiliere.

Carsten Kalischko, 47, ist seit 1999 Redakteur bei Freiebürger

Das Interview führte Sophie Rohrmeier 

 

06:00 18.11.2013

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