Haut und Haar

Literatur Der neue Roman von Chimamanda Ngozi Adichie handelt von Liebe, Entfremdung und der Suche nach der eigenen Identität
Daniel Windheuser | Ausgabe 17/2014

Zwischen den Welten

Die beste Position, um all die Strukturen und alltäglichen Kleinigkeiten zu erkennen, die eine Kultur ausmachen und die man in ihrem Inneren kaum mehr wahrnimmt, ist die des Außenseiters. Oder anders gesagt: jene, die am wenigsten zu Hause sind in einer Kultur, sind oft diejenigen, die sie am besten beschreiben können. Dies zeigt auch der dritte Roman der aus Nigeria stammenden Autorin Chimamanda Ngozi Adichie.

Denn sie selbst hat, wie ihre Protagonistin Ifemelu, einen Großteil ihres Erwachsenenlebens in den USA verbracht und wurde dort zu einer präzisen Beobachterin kultureller Eigenheiten und deren Auswirkungen auf das tägliche Dasein. Insbesondere natürlich, wenn es um den Vergleich von nach der Hautfarbe geordneten Hierarchien in den Vereinigten Staaten mit den sozialen Gegebenheiten in ihrem Heimatland geht. Dies geschieht mit schonungsloser Offenheit, was sowohl die schönen wie auch die hässlichen Aspekte beider Nationen betrifft.

Americanah erzählt das anhand der Geschichte von Ifemelu und Obinze. Die beiden Kinder der Englisch sprechenden gehobenen Mittelschicht verlieben sich als Teenager im Nigeria der neunziger Jahre ineinander. Als Ifemelu jedoch ein Studium in den USA beginnt, trennen sich ihre Wege. Ebenso wie die Autorin gehört ihre Protagonistin zu einem neuen Typ von Migranten, die nicht einer sozialen Notsituation entfliehen müssen, sondern „gut genährt und bewässert, aber steckengeblieben in Unzufriedenheit“ sind und „der unterdrückenden Lethargie der Perspektivlosigkeit“ entkommen wollen.

Dies scheint, zumindest für Ifemelu, gut zu funktionieren. Sie erhält (ebenfalls eine Gemeinsamkeit mit der Autorin) ein Stipendium in Princeton, etabliert sich im akademischen Betrieb und führt schließlich eine Beziehung mit einem Yale-Professor. Dass sie dabei jedoch die Sehnsucht nach ihrer Heimat nie ablegen kann, liegt auch daran, dass sie sich in gewisser Weise in eine andere verwandelt hat, seit sie Lagos verließ: nämlich in eine Schwarze. In Nigeria hatte sie das nie gespürt.

Erst die alltägliche Konfrontation mit einem hochkomplexen rassistischen System, das beispielsweise zwischen Kategorien wie „African-Americans“ und „American-Africans“ unterscheidet, vermittelt ihr ein Gefühl dafür, was es eigentlich heißen kann, schwarz zu sein. Dies analysiert sie auch in ihrem erfolgreichen Weblog Raceteenth. Und zwar aus eben jener speziellen Perspektive, die zugleich ein Außerhalb und ein Innerhalb ist.

Jedoch bedingt diese Position zwischen den Kulturen zugleich, dass Ifemelu für Familie und Freunde in der Heimat inzwischen zur „Americanah“ geworden ist. So nennt man in Nigeria jene, die aus den USA zurückkehren und feststellen müssen, dass sie sich während ihrer Abwesenheit von den Zuständen und Menschen vor Ort entfremdet haben.

Die Heimkehr und die damit verbundene Frage nach der Möglichkeit, das Verlorene wiederzufinden, sind ein weiterer thematischer Aspekt des Romans. Nach 13 Jahren zwischen den Welten beschließt Ifemelu endgültig, wieder nach Lagos zurückzukehren, nicht zuletzt wegen der nur halb eingestandenen, doch noch immer vorhandenen Liebe zu Obinze.

Seine parallel geschilderten Erlebnisse erzählen eine eher negative Migrationsgeschichte: Mit einem sechsmonatigen Touristenvisum reist er nach Großbritannien und versucht dort erfolglos Fuß zu fassen, auch noch nach dem Ablaufen der Aufenthaltserlaubnis. Er wird schließlich als illegaler Einwanderer aufgegriffen und nach Nigeria deportiert. Zwar gelingt ihm dort eine Karriere im Immobiliengeschäft, die schließlich zu einem schicken Haus nebst hübscher Frau und Tochter führt. Aber auch er ist zu dem Zeitpunkt unzufrieden mit seinem Leben, als Ifemelu beschließt, wieder nach Nigeria zu gehen.

Er erkennt seine Jugendliebe aber genauso wenig wieder, als er ihr Blog liest, wie Ifemelu ihre einstige Heimat: „War es immer so?“, fragt sie sich. „Oder hat sich in ihrer Abwesenheit so viel verändert?“ Liegt es an ihr? Sie sähe jetzt, sagt ihr eine Freundin, die Dinge halt mit den Augen einer Amerikanerin. „Aber das Problem ist, dass du nicht einmal eine richtige Americanah bist. Wenn du wenigstens einen amerikanischen Akzent hättest, würden wir deine Beschwerden tolerieren.“

 

Leseprobe

 

Haut und Haar

Ifemelu fährt von Princeton nach Trenton, weil es nur dort Salons gibt, in denen sich Schwarze Zöpfe flechten lassen können. Der Friseurbesuch gibt Anlass zur Reflexion

Princeton im Sommer roch nach gar nichts, und obwohl Ifemelu das friedliche Grün der vielen Bäume, die sauberen Straßen und stattlichen Häuser, die maßvoll überteuerten Geschäfte und die ruhige unwandelbare Atmosphäre wohlverdienter Eleganz mochte, war es das Fehlen eines Geruchs, das ihr am besten gefiel, vielleicht weil alle anderen amerikanischen Städte, die sie kannte, unverwechselbar rochen. Philadelphia roch modrig nach Geschichte. New Haven roch nach Verwahrlosung. Baltimore roch nach Salzlake und Brooklyn nach sonnenwarmem Abfall. Aber Princeton roch nach gar nichts. Hier liebte sie es, tief durchzuatmen. Sie liebte es, den Ortsansässigen dabei zuzuschauen, wie sie ausgesprochen höflich Auto fuhren und ihre neuesten Modelle vor dem Biosupermarkt in der Nassau Street oder vor den Sushi-Restaurants oder der Eisdiele, in der es Eis in fünfzig Geschmacksrichtungen gab, darunter Roter Pfeffer, oder vor dem Postamt abstellten, an dessen Eingang sie von überschwänglichen Mitarbeitern begrüßt wurden. Sie mochte den Campus, gravitätisch vor Gelehrtheit, die neogotischen Gebäude mit ihren weinbewachsenen Mauern und die Art und Weise, wie sich im Halbdunkel des Abends alles in eine gespenstische Szenerie verwandelte. Am meisten mochte sie es, dass sie an diesem Ort wohlhabender Ungezwungenheit so tun konnte, als wäre sie jemand anders, jemand, der speziell in diesen heiligen amerikanischen Club aufgenommen worden war, jemand, der Sicherheit ausstrahlte.

Aber sie mochte es nicht, dass sie nach Trenton fahren musste, um sich Zöpfe flechten zu lassen. Es war unvernünftig, in Princeton einen Friseursalon zu erwarten, in dem Zöpfe geflochten wurden – die wenigen Schwarzen, die sie hier gesehen hatte, waren so hellhäutig und hatten so glatte Haare, dass sie sie sich nicht mit Zöpfen vorstellen konnte –, doch als sie an einem sengendheißen Nachmittag im Bahnhof von Princeton auf den Zug wartete, fragte sie sich, warum sie sich nicht hier die Haare machen lassen konnte. Der Schokoriegel in ihrer Handtasche war geschmolzen. Ein paar andere Leute warteten auf dem Bahnsteig, alle weiß und schlank und dünn bekleidet. Der Mann, der ihr am nächsten stand, aß ein Eis in der Waffel; sie hatte es immer als ein wenig unverantwortlich gefunden, dass erwachsene amerikanische Männer Eis in der Waffel aßen, insbesondere dass erwachsene amerikanische Männer in der Öffentlichkeit Eis in der Waffel aßen. Als der Zug endlich kreischend einfuhr, wandte er sich an sie und sagte „Wird aber auch Zeit“ mit der Vertrautheit, die Fremde nach einer gemeinsam erlittenen Enttäuschung über eine öffentliche Dienstleistung verbindet. Sie lächelte ihn an. Das ergrauende Haar auf seinem Hinterkopf, das auf komische Weise eine kahle Stelle verbergen sollte, wurde nach vorn geweht. Er musste Akademiker sein, aber kein Geisteswissenschaftler, sonst wäre er verlegen. Eine harte Wissenschaft wie Chemie vielleicht. Früher hätte sie „Ich weiß“ entgegnet, diese typisch amerikanische Floskel, die auf Zustimmung und nicht unbedingt auf Wissen schließen ließ, und dann hätte sie ein Gespräch mit ihm angefangen, um zu sehen, ob er etwas sagen würde, was sie für ihren Blog verwenden könnte. Die Leute fühlten sich geschmeichelt, wenn man ihnen Fragen zu ihrer Person stellte, und wenn sie nichts erwiderte, nachdem sie sie angesprochen hatte, erzählten sie noch mehr. Sie waren dazu konditioniert, Pausen zu füllen. Wenn sie sie fragten, was sie machte, sagte sie vage „Ich schreibe einen Lifestyle-Blog“, denn es behagte ihnen nicht, wenn sie antwortete: „Ich schreibe einen anonymen Blog mit dem Titel ‚Raceteenth oder Ein paar Beobachtungen über schwarze Amerikaner (früher als Neger bekannt) von einer nicht-amerikanischen Schwarzen‘.“ […]

Erst vor ein paar Tagen hatte sie ihren letzten Beitrag geschrieben, der bislang zweihundertvierundsiebzig Mal kommentiert worden war. Alle diese Leser, die jeden Monat mehr geworden waren, die sich untereinander vernetzt hatten und so viel mehr wussten als sie; sie hatten ihr immer Angst eingejagt und sie erheitert. SapphicDerrida, eine der aktivsten Bloggerinnen, schrieb: „Ich bin ein bisschen überrascht, wie persönlich ich es nehme. Viel Glück bei der nicht weiterbeschriebenen ‚Veränderung deines Lebens‘, aber komm bitte bald wieder zurück in die Blogosphäre. Du hast mit deiner respektlosen, furchteinflößenden, komischen und zum Nachdenken anregenden Stimme einen Raum für echte Gespräche über ein wichtiges Thema geschaffen.“ Leser wie SapphicDerrida, die Statistiken herunterspulten und in ihren Kommentaren Worte wie „reifizieren“ benutzten, machten Ifemelu nervös und bestrebt danach, originell zu sein und zu beeindrucken, so dass sie sich im Lauf der Zeit wie ein Geier gefühlt hatte, der an dem Gerippe der Geschichten anderer Leuten herumpickte, um etwas Brauchbares zu finden. Manchmal deutete sie das Thema Rasse behutsam an. Manchmal glaubte sie sich selbst nicht. Je mehr sie schrieb, umso unsicherer wurde sie. Jedes Posting kratzte immer noch eine Schuppe ihres Selbst ab, bis sie sich nackt und verlogen vorkam. […]

Wie Beton in der Seele

Ihr Blog lief gut, hatte jeden Monat Tausende einzelne Besucher, sie verdiente gutes Geld mit ihren Reden, hatte ein Stipendium für Princeton und eine Beziehung mit Blaine – „Du bist die große Liebe meines Lebens“ hatte er auf die Karte zu ihrem letzten Geburtstag geschrieben –, und doch war Beton in ihrer Seele. Schon eine ganze Weile, eine Erschöpfung früh am Morgen, eine Trostlosigkeit und Konturlosigkeit. Damit einher gingen amorphe Sehnsüchte, gestaltloses Verlangen, kurze eingebildete Blicke in andere Leben, die sie führen könnte, und all das verschmolz im Lauf der Monate zu einem schmerzhaften Heimweh. Sie durchforstete nigerianische Webseiten, nigerianische Profile auf Facebook, nigerianische Blogs, und jeder Klick förderte die Geschichte eines jungen Menschen zutage, der vor Kurzem zurückgegangen war, ausgestattet mit einem amerikanischen oder britischen Abschluss, und ein Finanzunternehmen, eine Musikproduktionsfirma, ein Modelabel, eine Zeitschrift, eine Fast-Food-Kette gegründet hatte. Sie betrachtete die Fotos dieser Männer und Frauen und verspürte den dumpfen Schmerz des Verlusts, als hätten sie ihr gewaltsam die Hand geöffnet und etwas weggenommen. Sie lebten ihr Leben. Nigeria wurde zu dem Land, in dem sie sein sollte, zum einzigen Ort, in dem sie Wurzeln schlagen könnte, ohne sofort den Drang zu verspüren, sie wieder ausreißen und die Erde abschütteln zu müssen. Und dort war natürlich auch Obinze. Ihre erste Liebe, ihr erster Liebhaber, der einzige Mensch, bei dem sie nie das Bedürfnis verspürt hatte, sich zu erklären. Er war jetzt verheiratet und Vater, und sie hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr, dennoch konnte sie nicht so tun, als wäre er nicht Bestandteil ihres Heimwehs oder als würde sie nicht häufig an ihn denken, ihre gemeinsame Vergangenheit durchgehen und nach Vorzeichen suchen für etwas, was sie nicht benennen konnte. […]

Und sie träumte davon und plante, sich für Jobs in Lagos zu bewerben. Anfänglich verschwieg sie es Blaine, weil sie ihr Stipendium in Princeton beenden wollte, und danach verschwieg sie es ihm, weil sie sich ganz sicher sein wollte. Aber während die Wochen vergingen, begriff sie, dass sie nie wirklich sicher sein würde. Sie sagte ihm, dass sie nach Hause zurückgehen wolle, und fügte hinzu „Ich muss“, wobei sie wusste, dass er aus ihren Worten das Ende heraushören würde.

„Warum?“, fragte Blaine nahezu automatisch, vor den Kopf gestoßen von ihrer Ankündigung. Sie saßen in seinem Wohnzimmer in New Haven, gebadet in Softjazz und mildem Tageslicht, und sie sah ihn an, ihren guten verwirrten Mann, und spürte, wie der Tag etwas Trauriges, Episches annahm. Sie lebten seit drei Jahren zusammen, drei Jahre ohne Knitterfalten wie ein glatt gebügeltes Laken, bis zu ihrem einzigen Streit ein paar Monate zuvor, als Blaines Blick vor Schuldzuweisungen kalt geworden war und er sich geweigert hatte, mit ihr zu sprechen. Aber sie hatten diesen Streit überlebt, vor allem wegen Barack Obama, und waren sich dank ihrer gemeinsamen Leidenschaft wieder nahegekommen. Bevor Blaine sie am Wahlabend küsste, sein Gesicht tränenüberströmt, drückte er sie an sich, als wäre Obamas Sieg auch ihr persönlicher Sieg. Und jetzt sagte sie ihm, dass es vorbei war. „Warum?“, fragte er. In seinem Unterricht sprach er über Konzeptionen von Nuancen und Komplexität, dennoch fragte er sie nach einem einzigen Grund, der Ursache. Doch sie hatte keine kühne Offenbarung erlebt, und es gab keine Ursache; es lag einfach daran, dass sich Schicht um Schicht Unzufriedenheit in ihr abgelagert hatte und eine Masse bildete, die sie jetzt antrieb. Das erzählte sie ihm nicht, denn es würde ihn schmerzen zu erfahren, dass sie sich schon eine Weile so fühlte, dass die Beziehung mit ihm am besten mit einem Haus zu vergleichen war, mit dem sie zufrieden war, in dem sie jedoch immer am Fenster saß und hinausschaute.

Was hätte sein können

„Nimm die Pflanze mit“, sagte er, als sie ihre Kleider in seiner Wohnung packte und ihn zum letzten Mal sah. Er war niedergeschlagen und stand mit hängenden Schultern in der Küche. Es war die einzige Pflanze in seiner Wohnung, vielversprechende grüne Blätter trieben aus drei Bambusstängeln, und als sie sie an sich nahm, überkam sie plötzlich ein Gefühl niederschmetternder Einsamkeit, das sie wochenlang nicht wieder loswurde. Manchmal spürte sie es immer noch. Wie war es möglich, dass man etwas vermisste, was man gar nicht mehr wollte? Blaine brauchte, was sie ihm nicht geben konnte, und sie brauchte, was er ihr nicht geben konnte, und darum trauerte sie um den Verlust dessen, was hätte sein können.

Und hier war sie, an einem opulenten Sommertag, und wollte sich Zöpfe flechten lassen für die Reise nach Hause. Ihre Haut klebte vor Hitze. Auf dem Bahnsteig von Trenton standen Leute, die dreimal so dick waren wie sie, und sie betrachtete bewundernd eine Frau in einem sehr kurzen Rock. Es war nichts Besonderes dabei, mit schlanken Beinen in einem Minirock anzugeben – es war kein Risiko und kostete keine Mühe, Beine zur Schau zu stellen, die die Welt guthieß –, aber der dicken Frau ging es um die stille Überzeugung, die man nur mit sich selbst teilt, ein Gefühl der Richtigkeit, das andere nicht verstehen. Ihre Entscheidung zurückzugehen war damit vergleichbar; wann immer sie von Zweifeln heimgesucht wurde, stellte sie sich vor, dass sie tapfer allein dastand, nahezu heroisch, um ihre Unsicherheit zu bekämpfen. Die dicke Frau scharte eine Gruppe sechzehn-, siebzehnjähriger Teenager um sich. Sie versammelten sich lachend und plappernd, ihre gelben T-Shirts vorn und hinten mit Werbung für ein Freizeitprogramm bedruckt. Sie erinnerten Ifemelu an ihren Cousin Dike. Einer der Jungen, dunkel und groß, mit dem dünnen muskulösen Körperbau eines Athleten, sah aus wie Dike. Nicht, dass Dike jemals diese Schuhe tragen würde, Espadrilles. Kraftlose Treter würde er dazu sagen. Es war ein neuer Ausdruck; er hatte ihn zum ersten Mal ein paar Tage zuvor gebraucht, als er ihr erzählte, wie er mit Tante Uju einkaufen war. „Mom wollte mir diese verrückten Schuhe kaufen. Komm schon, du weißt doch, dass ich keine kraftlosen Treter tragen kann!“

Ifemelu stellte sich vor dem Bahnhof in die Schlange für die Taxis. Sie hoffte, dass ihr Fahrer kein Nigerianer wäre, denn ein Nigerianer wäre, sobald er ihren Akzent hörte, entweder auf aggressive Weise versessen darauf, ihr zu erzählen, dass er einen Master hatte, Taxifahren nur sein Zweitjob war und seine Tochter in Rutgers zu den Besten ihres Fachs gehörte, oder er würde verbissen schweigend fahren, ihr das Wechselgeld herausgeben, ihr „danke“ ignorieren und sich die ganze Zeit der Demütigung hingeben, dass diese Nigerianerin, noch dazu ein kleines Mädchen, die vielleicht eine Krankenschwester oder eine Buchhalterin oder sogar eine Ärztin war, auf ihn herabschaute. In Amerika waren alle nigerianischen Taxifahrer davon überzeugt, dass sie nicht wirklich Taxifahrer waren. Sie war die Nächste. Ihr Fahrer war schwarz und mittleren Alters. Sie öffnete die Tür und blickte auf die Rückseite des Fahrersitzes. Mervin Smith. Kein Nigerianer, aber man konnte nie sicher sein. Nigerianer nahmen hier alle möglichen Namen an. Auch sie war früher jemand anders gewesen.

„Wie geht’s?“, fragte der Mann.

Sie stellte sofort erleichtert fest, dass er aus der Karibik war.

„Sehr gut. Danke.“ Sie nannte ihm die Adresse von „Mariama African Hair Braiding“. Es war das erste Mal, dass sie diesen Salon aufsuchte – der, in dem sie sich normalerweise Zöpfe machen ließ, war geschlossen, weil die Besitzerin in die Elfenbeinküste zurückgekehrt war, um zu heiraten –, doch sie war überzeugt, dass er aussehen würde wie alle anderen afrikanischen Salons. […]

Mervin Smith war aufgekratzt und redselig. Während er fuhr, sprach er über die Hitze und die Stromausfälle, die es mit Sicherheit geben würde.

„In dieser Hitze sterben die alten Leute wie die Fliegen. Wenn sie keine Klimaanlage haben, müssen sie ins Einkaufszentrum. Dort ist die Klimaanlage umsonst. Aber manchmal haben sie niemand, der sie hinfährt. Man muss sich um die alten Leute kümmern“, sagte er, seine gute Laune nicht beeinträchtigt von Ifemelus Schweigen.

„Da sind wir!“, sagte er und blieb vor einem heruntergekommenen Block stehen. Der Salon befand sich in der Mitte, zwischen einem chinesischen Restaurant namens Happy Joy und einem kleinen Laden, der Lotterielose verkaufte. Im Inneren war er schäbig, die Farbe blätterte ab, die Wände waren mit großen Postern mit geflochtenen Frisuren und kleineren Zetteln mit der Aufschrift PROMPTE STEUERERSTATTUNG beklebt. Drei Frauen in T-Shirts und knielangen Hosen arbeiteten an den Haaren sitzender Kundinnen. In einer Ecke hing ein kleiner Fernseher, in dem ein nigerianischer Film lief: Ein Mann schlug seine Frau, die Frau duckte sich und schrie, die schlechte Tonqualität war zu laut und schrill.

„Hallo!“, sagte Ifemelu.

Sie drehten sich alle zu ihr um, doch nur eine, die die namengebende Mariama sein musste, sagte: „Hallo. Komm rein.“

„Ich hätte gern Braids.“

„Was für Braids willst du?“

Ifemelu sagte, sie wolle Medium Kinky Twists, und fragte nach dem Preis.

„Zweihundert“, sagte Mariama.

„Letzten Monat habe ich hundertsechzig bezahlt.“ Sie hatte sich vor drei Monaten zum letzten Mal Zöpfe flechten lassen.

„Also hundertsechzig?“, fragte Ifemelu.

Mariama zuckte die Achseln und lächelte. „Okay, aber du musst nächstes Mal wieder zu uns kommen. Setz dich. Aisha wird dich bedienen. Sie ist gleich fertig.“ Mariama deutete auf die kleinste Frau, die eine Hautkrankheit hatte, rosaweiße Wirbel auf den Armen und im Nacken, die bedenklich ansteckend aussahen.

„Hallo, Aisha“, sagte Ifemelu.

Aisha blickte zu Ifemelu, nickte kaum merklich, ihr Gesicht nahezu unfreundlich in seiner Ausdruckslosigkeit. Sie hatte etwas Merkwürdiges.

Ifemelu setzte sich neben die Tür; der Ventilator auf dem angeschlagenen Tisch lief auf Hochtouren, änderte jedoch nichts an der Stickigkeit des Raums. Neben dem Ventilator lagen Kämme, Pakete mit Attachments, Zeitschriften mit zahllosen herausgerissenen Seiten, stapelweise bunte DVDs. In einer Ecke lehnte ein Besen neben einem Bonbonbehälter und der rostigen Trockenhaube, die seit einer Ewigkeit nicht mehr benutzt worden war. Auf dem Bildschirm schlug ein Mann zwei Kinder, ungelenke Schläge, die über ihren Köpfen ins Leere gingen.

„Nein! Böser Vater! Schlechter Mensch!“, sagte die andere Flechterin, starrte auf den Fernseher und zuckte zusammen.

„Bist du aus Nigeria?“, fragte Mariama.

„Ja“, sagte Ifemelu. „Und du?“

„Ich und meine Schwester Halima sind aus Mali. Aisha ist aus dem Senegal“, sagte Mariama.

Aisha schaute nicht auf, aber Halima lächelte Ifemelu an, ein freundliches, wissendes Lächeln, mit dem sie eine afrikanische Landsmännin willkommen hieß; eine Amerikanerin würde sie nie so anlächeln. Sie schielte heftig, die Pupillen schossen in entgegengesetzte Richtungen, so dass Ifemelu nicht wusste, mit welchem Auge Halima sie ansah.

Ifemelu fächelte sich mit einer Zeitschrift Kühlung zu. „Es ist so heiß“, sagte sie. Diese Frauen würden zumindest nicht erwidern: „Dir ist heiß? Aber du bist doch aus Afrika!“

„Diese Hitzewelle ist schlimm. Tut mir leid, aber die Klimaanlage ist gestern kaputtgegangen.“

Bücher wie Zuckerwatte

Ifemelu wusste, dass die Klimaanlage nicht erst seit gestern kaputt war, sondern seit Langem, vielleicht schon immer; trotzdem nickte sie und meinte, dass sie vielleicht überlastet gewesen sei. Das Telefon klingelte. Mariama nahm ab und sagte dann: „Komm gleich vorbei.“ Es waren genau die Worte, die Ifemelu veranlasst hatten, mit afrikanischen Friseursalons keine Termine mehr zu vereinbaren. Sie sagten regelmäßig, komm gleich vorbei, und wenn man kam, warteten immer zwei Frauen, die Micro Braids haben wollten, und die Besitzerin sagte trotzdem: „Bleib da, meine Schwester ist gleich da, um uns zu helfen.“ Wieder klingelte das Telefon, und Mariama sprach mit lauter Stimme Französisch und hörte auf zu flechten, um zu gestikulieren, während sie ins Telefon schrie. Dann nahm sie ein gelbes Western-Union-Formular aus der Tasche und begann, Zahlen vorzulesen. „Trois! Cinq! Non, non, cinq!“

Die Frau, deren Haar sie zu dünnen schmerzhaften Cornrows flocht, sagte aufgebracht: „Jetzt mach schon! Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!“

„Tschuldigung, Tschuldigung“, sagte Mariama. Dennoch wiederholte sie die Zahlen von Western Union, bevor sie weiterarbeitete, den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt.

Ifemelu schlug ihren Roman auf, Zuckerrohr von Jean Toomer, und überflog ein paar Seiten. Sie wollte das Buch schon seit einiger Zeit lesen in der Annahme, dass es ihr gefallen würde, da Blaine es nicht mochte. Ein preziöses Werk, hatte er es genannt in diesem leise nachsichtigen Tonfall, den er anschlug, wenn sie über Literatur sprachen, als wäre er überzeugt, dass sie in einer kleinen Weile und mit ein bisschen mehr Einsicht akzeptieren würde, dass die Bücher, die er bevorzugte, die besseren waren, Bücher, geschrieben von jungen und relativ jungen Männern und vollgepackt mit Dingen, eine faszinierende, verwirrende Anhäufung von Markennamen, Musik, Comicheften und Symbolen, von rasch abgehandelten Gefühlen, und jeder Satz war sich stilvoll seiner eigenen Eleganz bewusst. Sie hatte viele davon gelesen, weil er sie empfohlen hatte, aber sie waren wie Zuckerwatte, die nur einen flüchtigen Eindruck auf ihrer Zunge hinterließ.

Sie schlug das Buch zu, es war zu heiß, um sich zu konzentrieren. Sie aß etwas von der geschmolzenen Schokolade, schickte Dike eine SMS, dass er sie anrufen solle, sobald das Basketballtraining zu Ende wäre, und fächelte sich Kühlung zu. Sie las die Schilder an der Wand gegenüber – KEINE KORREKTUREN DER BRAIDS NACH EINER WOCHE. KEINE SCHECKS. KEINE KOSTENERSTATTUNG –, doch sie achtete sorgfältig darauf, nicht in die Ecken des Raums zu schauen, weil sie wusste, dass das unter die lecken Rohre gestopfte Zeitungspapier zu Klumpen verschimmelt war und überall Schmutz und längst vergammelte Dinge herumlagen.

Schließlich war Aisha mit ihrer Kundin fertig und fragte Ifemelu, was für eine Farbe sie für ihre Attachments wollte.

„Farbe vier.“

„Keine gute Farbe“, sagte Aisha sofort.

„Die nehme ich immer.“

„Sieht schmutzig aus. Warum nicht Farbe eins?“

„Farbe eins ist zu schwarz, sie sieht unecht aus“, sagte Ifemelu und wickelte das Tuch von ihrem Kopf. „Manchmal nehme ich Farbe zwei, aber Farbe vier kommt meiner Haarfarbe am nächsten.“

Aisha zuckte die Achseln, es war ein hochmütiges Schulterzucken, als wäre es nicht ihr Problem, wenn eine Kundin keinen guten Geschmack hatte. Sie holte zwei Pakete Attachments aus einem Schrank und überprüfte, ob beide die gleiche Farbe hatten.

Sie berührte Ifemelus Haar. „Warum nicht glätten?“

„Ich mag mein Haar, wie Gott es geschaffen hat.“

„Aber wie kämmen? Schwer zu kämmen“, sagte Aisha.

Ifemelu hatte ihren eigenen Kamm mitgebracht. Vorsichtig kämmte sie ihr Haar, das dicht, weich und sehr kraus war, bis es ihr Gesicht einrahmte wie ein Heiligenschein. „Es ist nicht schwer zu kämmen, wenn man es gut anfeuchtet“, sagte sie in dem geduldigen Tonfall der Missionarin, den sie benutzte, wenn sie andere schwarze Frauen von den Vorteilen von natürlich belassenem Haar überzeugen wollte. Aisha schnaubte; sie konnte nicht verstehen, warum sich jemand die Mühe machen sollte, krauses Haar zu kämmen, statt es einfach zu glätten. Sie unterteilte Ifemelus Haar, nahm eine Strähne von dem Haufen auf dem Tisch und begann, sie geschickt einzuflechten.

„Das ist zu fest“, sagte Ifemelu. „Mach es nicht so fest.“ Weil Aisha einfach weiterflocht, glaubte Ifemelu, dass sie sie nicht verstanden hatte, berührte den schmerzhaften Zopf und sagte: „Zu fest, zu fest.“

Aisha schob ihre Hand weg. „Nein. Nein. Lass es. Gut so.“

„Es ist zu fest!“, sagte Ifemelu. „Bitte, mach es lockerer.“

Mariama sah ihnen zu. Dann ließ sie einen französischen Wortschwall vom Stapel. Aisha lockerte den Zopf.

„Tschuldigung“, sagte Mariama. „Sie versteht nicht gut.“

Aber Ifemelu sah Aisha am Gesicht an, dass sie sehr wohl verstand. Aisha war einfach eine gute Marktfrau, immun gegen die kosmetischen Nettigkeiten der amerikanischen Kundenbetreuung. Ifemelu konnte sich vorstellen, wie sie auf einem Markt in Dakar arbeitete, wie die Flechterinnen in Lagos, die sich die Nase mit dem Kopftuch putzten und die Hände daran abwischten, den Kopf ihrer Kundin grob zurechtrückten, sich beschwerten, wie voll oder wie hart oder wie kurz ihr Haar war, vorbeigehenden Frauen etwas zuriefen und sich die ganze Zeit zu laut unterhielten und zu fest flochten.

„Du kennst sie?“, fragte Aisha und blickte zum Fernseher.

„Was?“

Aisha wiederholte die Frage und deutete auf die Schauspielerin im Fernsehen.

„Nein“, sagte Ifemelu.

„Aber du bist aus Nigeria.“

„Ja, aber ich kenne sie nicht.“

Aisha deutete auf den DVD-Stapel auf dem Tisch. „Früher zu viel Voodoo. Ganz schlecht. Jetzt ist Nigeria-Film sehr gut. Schönes großes Haus!“

Ifemelu hielt nichts von Nollywood-Filmen mit ihrem übertriebenen Agieren und ihren unwahrscheinlichen Plots, doch sie nickte zustimmend, denn die Worte „Nigeria“ und „gut“ in ein und demselben Satz zu hören war Luxus, sogar wenn er von dieser seltsamen senegalesischen Frau stammte, und sie entschied, darin ein gutes Omen für ihre Rückkehr nach Hause zu sehen.

Alle, denen sie erzählt hatte, dass sie zurückging, waren überrascht, erwarteten eine Erklärung, und wenn sie sagte, dass sie zurückkehrte, weil sie es so wollte, runzelten sie verständnislos die Stirn.

„Du schließt deinen Blog und verkaufst deine Eigentumswohnung, um nach Lagos zurückzugehen und für eine Zeitschrift zu arbeiten, die nicht gerade gut zahlt“, hatte Tante Uju gesagt und es dann wiederholt, als wollte sie Ifemelu zwingen, das Ausmaß ihrer Torheit einzusehen. Nur ihre alte Freundin in Lagos, Ranyinudo, fand es normal, dass sie zurückkam. „Lagos ist jetzt voller Rückkehrer aus Amerika, du kommst also besser auch zurück. Ständig laufen sie mit einer Flasche Wasser herum, als würden sie vor Hitze sterben, wenn sie nicht dauernd Wasser trinken“, sagte Ranyinudo. Sie hatten all die Jahre Kontakt gehalten, sie und Ranyinudo. Zuerst schrieben sie sich unregelmäßig Briefe, aber als Internetcafés eröffneten, Mobiltelefone immer verbreiteter wurden und Facebook florierte, kommunizierten sie häufiger. Es war Ranyinudo gewesen, die ihr ein paar Jahre zuvor erzählt hatte, dass Obinze heiraten würde. „Er macht jetzt das große Geld. Schau nur, was dir durch die Lappen gegangen ist“, hatte Ranyinudo gesagt. Ifemelu tat so, als wäre es ihr gleichgültig. Sie hatte schließlich den Kontakt zu Obinze abgebrochen, und es war so viel Zeit vergangen, und sie hatte gerade Blaine kennengelernt und ließ sich zufrieden auf ein gemeinsames Leben mit ihm ein. Doch nachdem sie aufgelegt hatte, dachte sie sehr lange über Obinze nach. Wenn sie sich die Hochzeit vorstellte, empfand sie so etwas wie Kummer, einen lange zurückliegenden Kummer. Doch sie sagte sich, dass sie sich für ihn freute, und um sich zu beweisen, dass sie sich für ihn freute, beschloss sie, ihm zu schreiben. Sie wusste nicht, ob er seine alte Adresse noch nutzte, und sie schickte die E-Mail, ohne wirklich damit zu rechnen, dass er antworten würde. Aber er tat es. Sie schrieb ihm nicht wieder, denn mittlerweile hatte sie sich eingestanden, dass sie ihn immer noch ein bisschen mochte. Am besten war es, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Als ihr Ranyinudo letzten Dezember erzählte, dass sie ihm und seiner kleinen Tochter im Palms-Einkaufszentrum über den Weg gelaufen war (und Ifemelu konnte sich dieses neue, ausufernde, moderne Einkaufszentrum in Lagos noch immer nicht recht vorstellen; wenn sie es versuchte, fiel ihr nur das übervolle Mega Plaza ein) – „Er sah so sauber aus, und seine Tochter ist so hübsch“, sagte Ranyinudo –, verspürte Ifemelu einen schmerzhaften Stich angesichts der vielen Veränderungen in seinem Leben. […]

Sie wollte das Gespräch jetzt beenden, so dass sie während der sechs Stunden, die es dauern würde, ihr Haar zu flechten, nur sprechen mussten, was unbedingt nötig war, deswegen gab sie vor, sie nicht gehört zu haben und holte ihr Handy heraus. Dike hatte noch nicht geantwortet. Normalerweise meldete er sich innerhalb von Minuten, aber vielleicht war er noch im Basketballtraining oder sah sich mit seinen Freunden ein albernes Video auf Youtube an. Sie rief ihn an und hinterließ eine lange Nachricht, hob die Stimme und sprach endlos über sein Basketballtraining und fragte, ob es in Massachussetts auch so heiß war und ob er heute noch immer mit Page ins Kino gehen wollte. Und da sie sich unbekümmert fühlte, schrieb sie als Nächstes eine E-Mail an Obinze und schickte sie ab, ohne sie noch einmal zu lesen. Sie hatte geschrieben, dass sie nach Nigeria zurückkehrte, und obwohl ein Job auf sie wartete, obwohl ihr Auto bereits auf einem Schiff unterwegs nach Lagos war, fühlte es sich jetzt zum ersten Mal plötzlich wahr an. „Ich habe vor Kurzem beschlossen, nach Nigeria zurückzugehen“.

Aisha ließ sich nicht entmutigen. Kaum blickte Ifemelu von ihrem Handy auf, fragte Aisha noch einmal: „Wie lange du bist in Amerika?“

Ifemelu legte das Handy bedächtig in ihre Tasche zurück. Jahre zuvor war ihr auf der Hochzeit einer Freundin von Tante Uju eine ähnliche Frage gestellt worden, und sie hatte „zwei Jahre“ geantwortet, was der Wahrheit entsprochen hatte, aber der Hohn im Gesicht des Nigerianers hatte sie gelehrt, dass sie mehr Jahre brauchte, um von Nigerianern in Amerika, von Afrikanern in Amerika, ja von Einwanderern in Amerika generell ernst genommen zu werden. Sie sagte sechs Jahre, als es nur dreieinhalb waren. Acht Jahre, als es fünf waren. Jetzt, da sie dreizehn Jahre hier war, schien es nicht länger nötig zu lügen, aber sie log trotzdem.

„Fünfzehn Jahre“, sagte sie.

„Fünfzehn? Das ist lange Zeit.“ Ein neuer Respekt schlich sich in Aishas Blick. „Du lebst in Trenton?“

„Ich lebe in Princeton.“

„Princeton.“ Aisha schwieg kurz. […]

„Aber ich gehe nach Nigeria zurück“, fügte Ifemelu reumütig hinzu. „Nächste Woche.“

„Um Familie zu besuchen.“

„Nein. Ich gehe endgültig zurück. Um in Nigeria zu leben.“

„Warum?“

„Was meinst du mit warum? Warum nicht?“

„Besser Geld schicken. Außer dein Vater ist großer Mann? Du hast Beziehungen?“

„Ich habe Arbeit“, sagte sie.

„Du bist fünfzehn Jahre in Amerika und gehst zurück wegen Arbeit?“ Aisha grinste hämisch. „Du kannst bleiben?“

Aisha erinnerte sie an das, was Tante Uju gesagt hatte, als sie endlich akzeptierte, dass Ifemelu es ernst meinte – „Wirst du dem Leben dort gewachsen sein?“ –, und an die Andeutung, dass Amerika sie irgendwie unwiderruflich verändert hatte, dass ihrer Haut Dornen gewachsen waren. Auch ihre Eltern schienen zu glauben, dass sie Nigeria vielleicht nicht „gewachsen“ war. „Zumindest hast du jetzt die amerikanische Staatsbürgerschaft, du kannst jederzeit nach Amerika zurückgehen“, hatte ihr Vater gesagt. Beide hatten sie gefragt, ob Blaine sie begleiten würde, die Frage befrachtet mit Hoffnung. Es amüsierte sie, wie oft sie sich jetzt nach Blaine erkundigten, da sie eine Weile gebraucht hatten, um mit ihrem schwarzen amerikanischen Freund Frieden zu schließen. Sie nahm an, dass sie insgeheim Pläne für ihre Hochzeit schmiedeten; ihre Mutter würde über die Farben und einen Essenslieferanten nachdenken und ihr Vater über einen angesehenen Freund, den er bitten könnte, der Sponsor zu sein. Sie wollte ihnen die Hoffnung nicht nehmen, weil es so wenig brauchte, um sie ihnen zu lassen und sie damit glücklich zu machen, und sagte zu ihrem Vater: „Wir haben beschlossen, dass ich zuerst zurückgehe, und Blaine wird ein paar Wochen später nachkommen.“

„Großartig“, erwiderte ihr Vater, und sie sagte nichts mehr, weil es am besten war, es einfach bei großartig zu belassen.

Americanah Chimamanda Ngozi Adichie S. Fischer 2014, 608 S., 24,99 €

 

Dieser Beitrag ist eine Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag

 

06:00 25.04.2014

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