Heiliger Ronaldo

Machismus In Portugal gibt es zwei Nationalkulturen: Katholizismus und Fußball. Frauen haben in keiner von beiden etwas zu melden
Heiliger Ronaldo
Halbgott auf dem Handy: Auch digitalisiert kann man in einer geistigen Steinzeit leben

Foto: Martin Bureau/AFP/Getty Images

Portugiesische Hauptnachrichten eröffnen den Abend oft mit Fußball. Ein neuer Trainer von einem der „drei Großen“ (Benfica, Sporting und FC Porto) wird angeheuert: Liveschalte vor ein Restaurant, in dem der Trainer in spe und der Vereinspräsident verhandeln. Selbstverständlich sind alle Fernsehsender anwesend. Die Fußballlobby ist der harte Kern der portugiesischen Männergesellschaft und hat einen immensen, für deutsche Verhältnisse kaum nachvollziehbaren Einfluss auf Politik und Medien. Frauen gibt es in dieser Welt nur auf den Zuschauertribünen: als sekundenlang eingeblendete hübsche Gesichter. Oder in „Frauenzeitschriften“: als geschminkte, teuer angezogene „Fußballerfrauen“.

Im Geburtsland des portugiesischen Fußballstars, Nationalhelden und Flughafen-Namensgebers Cristiano Ronaldo haben die Vergewaltigungsvorwürfe einen Sturm der Empörung ausgelöst. Nicht gegen ihn, sondern gegen die Frauen, die „solche Geschichten“ an die Öffentlichkeit brächten, um „damit Geld zu verdienen“, wie man in zigtausendfachen Variationen in Portugal seit Veröffentlichung des Spiegel-Artikels Ende September überall hört und liest.

Nein heißt eigentlich ja

Die Argumente sind immer dieselben. Die Bloggerin Isabel Barbosa formulierte sie so: „Keine Frau, die mit einem Mann in sein Hotelzimmer geht, kann etwas anderes erwarten.“ Dass es in der fraglichen Nacht im Jahre 2009 in Las Vegas ein Penthouse in der Größe einer Vierzimmerwohnung war und dass die Anklägerin von einer Freundin begleitet wurde, ist auf einer solchen Argumentationsebene irrelevant.

Und das vom Spiegel veröffentlichte interne Protokoll von Ronaldos Anwälten, in dem der Fußballspieler angibt, die Betroffene habe mehrmals Nein gesagt? „Es gibt ja viele Formen, Nein zu sagen, oft bedeutet es das Gegenteil, man kennt das ja“, so Isabel Barbosa. Dass es Monate nach der Anzeige im Zuge einer außergerichtlichen Einigung eine Zahlung von 375.000 US-Dollar gab, belege zudem, wie haltlos die Vorwürfe seien, denn „keine Frau akzeptiert Geld und schützt den Vergewaltiger“. Außerdem „hat sie nach der angeblichen Vergewaltigung geheiratet und groß gefeiert“, wer tue das schon? Für die Masse portugiesischer Ronaldo-Fans in allen Etagen der Gesellschaft, von der Taxifahrerin bis zum Minister, ein klarer Fall: „Es geht doch nur um sein Geld und um Habgier.“

Wer in den Medien eine kritische Position einnimmt, wird angegriffen und bestraft. Die PR-Firma Gestifute, die Cristiano Ronaldo vertritt, der portugiesische Fußballverband und die Anwaltskanzlei des Fußballers haben Druck gemacht – auch hinter den Kulissen, wie Mitarbeiter der Sender RTP, TVI und SIC bestätigten. Es traf etwa den Chefredakteur des Staatssenders RTP. Der für die Nachrichten der vier öffentlich-rechtlichen Fernsehkanäle verantwortliche Paulo Dentinho verlor letzte Woche nach mehr als drei Jahren seinen Job. Der Grund: ein privater Facebookpost, in dem er allgemein Opfer von Vergewaltigungen vor den Vorurteilen einer Männergesellschaft in Schutz nahm – ohne Ronaldo explizit zu erwähnen. Daraufhin griff die Pressesprecherin von Gestifute, Manuela Brandão, ihn in einem Tweet frontal an.

„Es wurde dem Druck der Fußballlobby und eines diffusen Nationalstolzes nachgegeben“, erklärte Dentinho, der in seinem Berufsleben Leute wie Baschar al Assad oder Recep Tayyip Erdoğan interviewte. Mit bitterer Ironie fuhr er fort: „Wenn ein Vergewaltiger die Aura eines Nationalhelden hat, ist das Opfer ganz sicher eine Nutte, die es nicht anders verdient hat.“

Der portugiesische Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa, der sonst jedes Thema in den Medien kommentiert (Waldbrände, Fußballspiele oder Musikveranstaltungen), äußerte sich nicht zu den Vorwürfen und verwies auf die Unantastbarkeit des Nationalhelden, indem er seine „außerordentlichen sportlichen Leistungen“ betonte.

Dass die Reaktion vieler Portugiesinnen und Portugiesen so ausfallen würde, war absehbar. Selbst die portugiesische Rechtsprechung ist traditionell frauenfeindlich, wenn es um Vergewaltigung oder häusliche Gewalt geht. Berühmtheit erlangte das Urteil, in dem zwei vergewaltigten Touristinnen in einer richterlichen Formulierung der höchsten Instanz vorgeworfen wurde, sich als Anhalterinnen in die „Jagdreviere lusitanischer Machos“ begeben und so zur Vergewaltigung durch zwei Männer beigetragen zu haben. In einem anderen Fall wurden die Strafen für die Vergewaltigung einer ohnmächtigen Frau in der Toilette einer Diskothek durch zwei Männer vom Obersten Gerichtshof zur Bewährung ausgesetzt: Das Sexualverbrechen habe nach „einer Nacht mit viel Alkohol“ und „in einer Atmosphäre vorheriger gegenseitiger Anziehung“ stattgefunden. Die beiden Männer hatten der Betroffenen vor der Vergewaltigung Getränke ausgegeben.

Die Mutter der Schmerzen

„Schon in der Bibel wurden ehelich untreue Frauen bestraft“, heißt es in einem anderen Richterspruch aus dem Jahre 2017. Der Katholizismus sitzt in Portugal tief. Die Frauenrolle schwankt in der Wahrnehmung weiterhin zwischen heiliger Jungfrau und verdorbener Prostituierter. Das spürt man in der aktuellen Debatte mehr denn je. „Dies ist kein Land für Frauen“, schreibt die bekannte Autorin Maria João Marques; über den „heiligen Ronaldo und die Prostituierten“, schreibt Ana Sá Lopes.„Es lebe #MeToo, es sei denn, es geht um Ronaldo“, kritisiert João Miguel Tavares. Sie dringen kaum durch, zu tief verankert ist die Bewunderung für den Nationalhelden und seine Laufbahn.

Cristiano Ronaldo entstammt einer armen Familie der unteren Gesellschaftsschicht auf der Insel Madeira, der Vater starb an den Folgen seiner Alkoholabhängigkeit, als der Fußballer 20 Jahre alt war. Ronaldos Sexualität wird in Portugal seit Jahren hinter vorgehaltener Hand kommentiert, immer wieder tauchen Fotos auf, die seine Fans als kleine Karnevalseskapaden abtun. Der Fußballer hat sich von bezahlten Leihmüttern, die anonym geblieben sind, Nachwuchs gebären lassen, angeblich auf den Wunsch seiner übermächtigen Mutter hin, die noch vor wenigen Jahren sein Leben bis ins Detail kontrollierte und den treffenden Namen Dolores – Schmerzen – trägt.

Und aus Schmerzen, sozialen und ökonomischen, entwickelte sich die Rolle der Frauen in Portugal in den letzten Jahrzehnten. Das Lohnniveau im Land ist so niedrig, dass kein Haushalt ohne die Wirtschaftskraft und das Gehalt der Frau auskommt, auf die aber weiterhin die Hauptlast der Hausarbeit entfällt.

Noch in den 1950er Jahren trugen fast alle Frauen in Portugal Kopftücher, in den 1960ern gab es im Land keine sexuelle Revolution, nur eine eiserne Diktatur, noch Anfang der 1970er gingen Frauen nicht allein in ein Café und mussten, um mit ihren eigenen Kindern zu reisen, eine Erlaubnis des Ehemannes vorweisen. Krankenschwestern durften noch vor wenigen Jahrzehnten nicht heiraten und stellten, wie auch Dienstmädchen in Privathaushalten, eine Art Freiwild für Männer dar. Vor wenigen Jahren schrieb die bekannte Soziologin Maria Filomena Mónica in der Tageszeitung Público, das Leben ihrer erwachsenen Töchter „sei heute viel schwieriger, denn sie haben keine Dienstmädchen mehr, die im Haushalt mithelfen“ – offensichtlich ohne sich der Unterscheidung zwischen Frauen, die „Töchter“ sind, und Dienstmädchen bewusst zu sein.

Die Gegenstimmen in der Ronaldo-Affäre predigen aktuell vor wenigen Lesern. Helena Garrido, die normalerweise aus konservativer, neoliberaler Perspektive Wirtschaftsthemen seziert, schreibt in ihrer Kolumne in der Online-Tageszeitung Observador: „Wir liegen total falsch, wenn wir denken, dass wir in einem Land leben, in dem eine Mehrheit als Prinzip für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist.“ Sie stellt fest, dass das Land „noch in der Steinzeit lebt“.

Anders als die meisten Portugiesen sind Ronaldos zwei Hauptsponsoren, mit denen er Werbeverträge von fast zwei Milliarden Euro hat, zunächst auf Distanz gegangen. Nike bekundete öffentlich seine „große Besorgnis“, EA Sports entfernte auf seiner Website das Bild Ronaldos vom Cover eines seiner Computer-Fußballspiele. Einzig positive Wirkung des Skandals: Der abgesetzte Chefredakteur bei RTP wird – erstmalig in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Senders – keinen Nachfolger, sondern eine Nachfolgerin haben.

06:00 20.10.2018

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