Heim ins Reich

Als ihnen Deutschland entglitt Im Herbst 1940 verließ die Familie von Heinrich Fink ihren Hof in Bessarabien - es wurde ein Weg in den Krieg

Auch jener Sommer begann in Bessarabien heiß, wie es die deutschen Bauernfamilien kannten, die seit 125 Jahren hier siedelten, aber diesmal rollten auf den staubigen, unbefestigten Straßen Autos mit Abgesandten von weit her: Reichsdeutsche. Sie trugen SS-Uniformen, das Umsiedlungskommando aus Deutschland. Die Kinder bewunderten die Männer in den Uniformen und spürten die Erregung der Eltern: Es geht heim ins Reich. Das war das große Wort. Heinrich Fink war fünf Jahre alt und hörte es. "Unsere Vorfahren sind ausgewandert, nun kehren wir zurück, Deutschland muss größer werden!" An diese Formel erinnert er sich, sie klang rätselhaft.

Es war das Jahr 1940, alle Familien begannen zu packen, Fleisch wurde "eingebraten", eine Vermögensliste erstellt. Die Vorbereitungen dauerten vier Monate. Hitler hatte nach der Eroberung Polens im Oktober 1939 "eine neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse" verkündet, "eine Umsiedlung der Nationalitäten so, dass sich am Abschluss der Entwicklung bessere Trennungslinien ergeben, als es heute der Fall ist." Chef der Umsiedlung wurde der Reichsführer SS, Heinrich Himmler. Mit der Sowjetunion wurde ein Vertrag über die Aussiedlung der Bessarabiendeutschen geschlossen. 300 deutsche Militärs durften deshalb in die Sowjetunion einreisen.

Die Umsiedlungskommandos fuhren auf einem Schiff die Donau hinunter bis zum Schwarzen Meer. Über die ganze Aktion - bis zur Ankunft der Bauern im Reich - hat ein Mitglied des Kommandos einen Bericht geschrieben: Heimkehr der Bessarabiendeutschen von Andreas Pampuch, 1941. Das Buch steht auch in der Bibliothek der Finks und zeigt die erhabenen Gefühle der Männer angesichts der Aufgabe, eine moderne Völkerwanderung in Gang zu setzen. Sie beobachteten die fremden Welten und Landschaften, durch die sie auf dem Weg in den Osten kamen und gierten nach Wirkung: "Der rumänische General bewundert unser Kommando: ›... da kann ich wohl die Siege verstehen, die das deutsche Heer bisher errungen hat.‹ Besonders schön ist es, wenn wir 300 Mann am Abend durch die Stadt marschieren und das Lied Es zittern die morschen Knochen singen. Dann ist das Maß der Bewunderung voll. So hat man sich die Deutschen doch nicht vorgestellt."

Dann gelangten sie endlich zu den deutschen Siedlern, von denen sie kaum etwas wussten und verteilten sich auf die 152 Dörfer. Die Menschen zum Verlassen ihrer Höfe zu bewegen, schien selbst dem Autor Pampuch unheimlich. "Eine Petroleumlampe spendete Licht. Aus dem Halbdunkel leuchteten ehrliche, markante Bauerngesichter, die blindes Vertrauen kennzeichnete." Sie waren längst durch den Bund Deutscher Bauern auf die Heimkehr eingeschworen.

Sonntag war Kirchgang

Bessarabien ist ein fruchtbares Steppenland zwischen Prut und Dnestr, am Schwarzen Meer, einst gehörte es der rumänischen Fürstenfamilie Besarab, ein Grenzland, das von verschiedenen Völkern bewohnt war. Die Dörfer der Deutschen heißen Hoffnungstal, Freudenfeld, Friedensfeld, Lichtental, Korntal - da ist Heinrich Fink geboren. Er hat eine alte Urkunde der Urgroßeltern, des Schreiners Fink und seiner Frau aus dem schwäbischen Kirchberg am Murr, da steht: "Im Jahre 1839 ist diese Familie nach Russland ausgewandert". Es war die Zeit der Auswanderung, Brüder des Schreiners gingen nach Amerika und Palästina. Russland war Ziel, seit Katharina II. deutschen Kolonisten Boden und viele Rechte angeboten hatte. Als sie aufbrachen, hatten sie in pietistisch-schwäbischer Tradition Bibel und Gesangbuch im Gepäck, dazu Weinpflänzlinge, in Leinen eingebunden. Man könne auf alles verzichten, doch nicht auf Wein, sagten sie. Im flachen Land wurde er angebaut und gedieh, die Felder nannten sie "Weinberge".

Mit dem unwahrscheinlichen Fleiß der Auswanderer entstanden kleine Dörfer mit einer eigenen Architektur und geraden Straßen, in die Mitte wurden die Kirchen gestellt mit einem angebauten Betsaal, dem Versammlungsraum der Gemeinde. Die Auswanderer hatten eine eigene demokratische Verfassung, sie entsprach ihrer Arbeit, ihrer pietistischen Grundhaltung, der kommunalen Selbstständigkeit und war ganz mit der Kirche verbunden. Der Vorsteher des Gemeindekirchenrates war zugleich Bürgermeister, der Lebensstil am Ablauf des Kirchenjahres orientiert. Am Sonntag war Kirchgang, nachmittags im Betsaal die Bibelstunde, sie lasen die Bibel und legten sie aus. Ein Ideal von Bildung hielt sich in den Familien, sie strebten auch danach, dass ein Kind studierte und Arzt, Pfarrer oder Lehrer wurde. Unter den vier Fink-Kindern war es der ältere Bruder, der auf eine Schule in Sarata geschickt wurde. Der kleine Heinrich, ein Nachkömmling, nahm die Ehrfurcht wahr, die alle vor dem Bruder hatten, der lernte.

Von 1812 bis zur Oktoberrevolution war Bessarabien russisches Staatsgebiet, dann rumänisches. Die deutschen Gemeinden waren autonom. Im Hitler-Stalin-Pakt 1939 wurde das Gebiet sowjetisch, zugleich die Aussiedlung der Deutschen vertraglich vereinbart. In Bessarabien ging es um 92.000 Menschen.

"Mein Vater hatte immer wieder gesagt: Die erste Generation hat den Tod, die zweite die Not, die dritte das Brot und die vierte Generation hat den Wohlstand - das wäre meine gewesen", sagt Fink spöttisch.

Aber nun machten sie sich auf den Weg ins Reich. An den tiefen Ernst erinnert er sich noch, als nach dem Abschiedsgottesdienst das Kreuz aus der Kirche getragen und die Tür abgeschlossen wurde, an den stummen Abschied von den Gräbern und an die Tränen beim Abschied von den russischen Mägden und Knechten, vor allem von Wasilissa, die ihn betreut hatte. "Aber in den Tränen war kein Protest", meint Heiner Fink, "es gab keine Zweifel. Sie fragten nicht, woher das Land kommen sollte, auf dem sie wieder als Bauern leben würden. Sie fragten nichts. Die sprichwörtliche Nüchternheit der Bauern war verschwunden. Keine Fragen, ob dort auch Wein wachsen wird. Seltsam, es gab niemanden, der bleiben wollte, es war klar: Wir gehen zurück. Und die gute Organisation war für sie ein Beweis der deutschen Leistungskraft. Sie hatten ein Urvertrauen in das Deutsche."

Qual des Wartens

Es war Anfang Oktober 1940, als sie mit ihren Planwagen in langer Reihe auffuhren. Dann wurden die Frauen mit den Kindern und Jungens unter 16 in die kleine Hafenstadt Galati an der Mündung der Donau gebracht, sie bestiegen ein Schiff und fuhren den Fluss aufwärts. Die Männer mussten noch bleiben, sie hatten die Pferde und Wagen abzugeben und kamen später nach. "Das Schiff war ein Eldorado für uns Kinder, erstmals spielten wir den ganzen Tag bis in den Abend zusammen, erforschten das Schiff, betrachteten die Ufer, hörten dem Singen der Frauen zu, denn unter den Bessarabiendeutschen wurde immer unwahrscheinlich viel gesungen. So kamen wir nach Semlin bei Belgrad." Es war noch kein Krieg.

Das Auffanglager war von Volksdeutschen aus Jugoslawien in unerhörter Anstrengung und mit gesammeltem Geld aus dem Boden gestampft worden, wie Pampuch berichtet. Seine "Gedanken wandern zu all den deutschen Stämmen, die immer wieder ihr Blut für den Osten gaben, für den Jahrtausende währenden Strom deutschen Bauernblutes in die weiten Räume des Ostens. Nun ruft der Führer sie zurück ..." Da klingt die Abschiedsrede eines alten Bauern doch anders: "Wir haben das Land bebaut und geliebt, nachdem die alte Heimat für uns keinen Raum mehr hatte." Pampuch sieht nur: "Ein Stück deutschen Schicksals des ewigen, in aller Welt aufbauenden Deutschtums tragen sie ins Mutterland zurück." Es wird nicht lange dauern, bis sie wieder aufbrechen in den Osten, als Teil der mörderischen Truppen.

Im tschechischen Satez (deutsch Saaz) wurden sie in der Schuhfabrik Humanik einquartiert. Je 20 bis 30 Familien in großen Werkssälen. Sie zogen sogleich Wäscheleinen und hängten Laken als Trennwände auf, ein Bild, das in den bevorstehenden Jahren noch zahllose Flüchtlingslager prägen sollte. Es gab über 2.000 solcher Lager, verwaltet von der Volksdeutschen Mittelstelle in Berlin. Die "völkische Überprüfung" wurde ihnen nicht erspart, erst dann erhielten sie den "Reichsbürgerbrief". Fast zwei Jahre dauerte das Warten. Die Moral wurde durch den christlichen Glauben aufrecht erhalten. Doch die Familien begannen, sich zu teilen, viele jüngere Leute fanden die Gebetsstunden nicht mehr "ganz deutsch" und hörten auf, zur Kirche mitzugehen.

"Und dann erinnere ich mich an einen Sommertag mit großer Aufregung: alle sind in den Essraum geströmt, aus einem riesigen Radio, wie ich es bis dahin nicht gesehen hatte, tönte eine Rede: Nun beginnt der Krieg mit Russland. Die Leute schwiegen. Meine Mutter sagte nur: Hoffentlich müssen meine Söhne nicht in den Krieg."

Die Männer waren inzwischen angekommen, erzählt Heiner Fink: "Die Söhne fragten sich: wie kommen wir aus dem Lager raus. Ein sehr kleiner Teil konnte eine Schule besuchen, so mein Bruder in Prag. Für die meisten gab es nur einen Weg aus dem Lager, sich freiwillig zur SS zu melden. Sie konnten Russisch und Rumänisch, sie wurden im Krieg Dolmetscher, waren beteiligt an der Suche nach Partisanen, Juden, Kommissaren, an den Verhören und Erschießungen. Das war ihr trauriger Weg."

Die tiefe Enttäuschung, dass sie nicht gleich angesiedelt wurden, haben die Eltern nicht zugegeben. Sie sagten: Wir sind ja noch nicht im Reich. Die Frauen haben sich verdingt auf den Hopfenfeldern. Sie haben niemandem die Schuld gegeben, haben das Warten demütig auf sich genommen. Die Hoffnung lebte noch: Dort, im Reich, wird alles anders werden.

Der Herd ist noch warm

Ende 1942 werden sie endlich geholt zur Ansiedlung. "An einem Vormittag kamen wir in einem offen LKW in dem Bauernhof an. Wir wurden in das Gehöft geführt, ein sehr schöner, mittlerer Gutshof, voll eingerichtet. Die Eltern haben das Vieh angesehen, es waren Pferde, Kühe, alles wurde geprüft. Plötzlich weinte meine Mutter. "Das kann doch nicht sein, die Betten sind ja noch warm, der Herd ist geheizt, die Kühe sind gemolken."

Es war unverkennbar, dass man die polnische Familie erst kurz zuvor von diesem Hof vertrieben hatte. Die Frage, die sich die Finks immer wieder verboten hatten, war nun beantwortet. Sie legten die Bibel auf den Tisch und beteten. Was hier geschah, war Sünde. Aber ein Zurück gab es nicht mehr. Das Dorf mit Namen Gouski - zu deutsch: Kahlfelde - mit 16 Häusern wurde nun mit den Bessarabiendeutschen besetzt. Einige kleinere Höfe blieben polnisch.

Der Besitzer, an jenem Morgen vertrieben, verbarg sich im Wald, seine Kinder waren bei anderen polnischen Familien. Die Finks nahmen auf abenteuerlichen Wegen Kontakt auf und versorgten ihn und andere. Die zwei Knechte und drei Mägde wurden wieder auf den Hof geholt. Mit ihnen durften Deutsche nicht unter einem Dach wohnen oder an einem Tisch essen, das war eine Anordnung, der Kreisbauernführer kontrollierte sie. "Es gab einen großen Tisch für zehn Personen, der bestand aus zwei Teilen, meine Mutter rückte sie um zehn Zentimeter auseinander und sagte gütig: Nun ist es nicht mehr ein Tisch. Die Episode fiel mir als Siebenjährigem sehr auf. Meine Eltern haben sich menschlich gegenüber den Polen verhalten, damit sie vor Gott bestehen konnten. Aber die Scham muss ja da gewesen sein, die haben sie unterdrückt in sich. Für meine Mutter kam der Zusammenbruch, als mein älterer Bruder mit seinen 18 Jahren gefallen war. Sie erstarrte und verstummte. Die Eltern fuhren sie von da an mit dem Kutschenwagen bis Posen zu einer Gemeinde der Bekennenden Kirche. Die im Nachbardorf gelegene war Deutsch-Christlich, es wurde da kein Altes Testament mehr gelesen. In religiösen Fragen waren sie unbeugsam."

Als sie am 20. Januar 1945 das Dröhnen des Krieges hörten, kam endlich die Erlaubnis, in Form eines Befehls, innerhalb der nächsten vier Stunden den Ort zu verlassen. Die Familie zog in zwei Wagen los, die ganze Nacht hindurch, einer der polnischen Knechte hat sie bis an die Oder begleitet und beschützt.

Epilog

Als sie auf der Flucht Quartier bei deutschen Bauern machen wollen, werden sie nicht aufgenommen. Da entgleitet ihnen Deutschland. "Wir waren nun die Russen." Später sehen sie, dass alles, was sie auf die Flucht mitgenommen haben, Erinnerungsstücke aus Bessarabien sind, gestickte Decken, Teppiche, Fotos. Plötzlich wird klar: das ist die Heimat. Das Reich aber, in das sie solange gewollt haben, gibt es nicht.

Heinrich Fink studiert später Theologie in Berlin, die Bekennende Kirche ist und bleibt seine Orientierung, er ist ein christlicher Sozialist, wie er selbst sich beschreibt. Er wird Professor der Theologie an der Humboldt-Universität und nach der Wende 1989 zum Rektor gewählt. Damit beginnt eine neue, auch von den Medien begleitete, harte politische Auseinandersetzung mit Intrigen und Turbulenzen. Aber das ist eine andere deutsch-deutsche Geschichte.


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00:00 15.04.2005

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