Heimlich Fernsehen

Berliner Abende Meine Freundin Christine ist ein filmoholic. Sie kennt jeden Schauspieler, weiß Bescheid über zigtausend Filme und wer in der Branche grad mit wem. ...

Meine Freundin Christine ist ein filmoholic. Sie kennt jeden Schauspieler, weiß Bescheid über zigtausend Filme und wer in der Branche grad mit wem. Während ich schon Schwierigkeiten habe, auf den Namen der Dings zu kommen, die neulich gespielt hat, du weißt schon, in dem Film über die Mafia... Du meinst Maria Nazionale in "Gomorrha"? Genau.

Christine verpasst keinen Golden Globe und keine Oscar-Verleihung. Sie besitzt natürlich einen Blue-ray-Player und gehört zu den Top-Kunden bei amazon. Kürzlich hat sie dort ihre siebenhundertste Rezension veröffentlicht. Die professionellen Kritiker könnten einpacken, Christine macht das schon. Manchmal, sonntags, nehme ich mir die Zeit, lese ihre letzten Online-Kritiken und gebe, schon aus Prinzip, eine positive Bewertung ab. Ich weiß, jeden Morgen, bevor sie zur Arbeit geht, kontrolliert sie ihr Punktekonto und freut sich riesig, wenn ein paar neue dazugekommen sind.

Manche Leute finden Christine anstrengend. Ich nicht. Sie redet schnell, ihre Urteile sind gnadenlos. Sie hat Charme und ist witzig. Nur wenn sie etwas auf Englisch sagt, geht sie mir auf die Nerven. Sie nennt Cary Grant "Kärry Graaant" und spricht ein derart affektiertes British, wie man es wohl nicht mal am dortigen Hofe tut. Ihr Fernseher ist dazu da, um darauf DVDs zu gucken, das normale TV-Programm interessiert sie nicht. Außer in den Wochen vor Weihnachten. Da gerät Christine in Euphorie. Sie durchsucht die Ankündigungen der Sender wie eine Detektivin. Oder wie Kinder die Kleiderschränke ihrer Eltern nach dem Weihnachtsgeschenk. Denn während der Adventszeit, alle Jahre wieder, ist das deutsche Nachtprogramm subversiv, wenn nicht gar illegal. Die Sender bringen - unangekündigt - Filme, die eigentlich erst im nächsten Jahr laufen. Im Kino nennt man solche Veranstaltungen Sneak Previews. Im deutschen Fernsehen hat das mit den Finanzen und dem Rechnungsjahr zu tun. Kein Mensch weiß davon. Außer Christine. So hat sie zum Beispiel im letzten Dezember irgendwann nachts heimlich im Mitteldeutschen Fernsehen 12 heißt: Ich liebe dich gesehen, der ein Vierteljahr später auf der ARD mit großem Tamtam Premiere hatte. Sie lag auf ihrem Sofa auf der Lauer, am nächsten Tag rief sie mich an und lieferte einen gnadenlosen Verriss.

Auch in diesem Jahr geht sie wieder auf Jagd. "Du musst gucken, wenn sie nachts irgendeinen Superschrott ankündigen, dann ist das garantiert ein Fake. Da läuft um halb drei angeblich Die Spielzeugstraße oder Winter im Erzgebirge oder Glühwein, Wichtel, Heiterkeit, alles so´n Dreck, natürlich guckt das kein Schwein. Und das ist auch der Sinn! Die Sendung fängt dann zwar tatsächlich an, aber nach zehn Minuten ist plötzlich Schluss und sie bringen, total heimlich, irgendeine Produktion des nächsten Jahres ..." Aus Christines Augen guckt ein kleiner Wahnsinn. Ihre Wangen glühen wie nach zwei Gläsern Punsch. Das deutsche Fernsehen - ein Ort, wo Verbotenes geschieht. Das gedruckte Programm - eine Lüge. Und sie ist dem Treiben auf die Spur gekommen!

Wenn im neuen Jahr die professionellen Kritiker zu dem oder jenem Streifen ihre Meinungen schreiben werden, vielleicht sogar etwas von "Fernsehereignis", dann lehnt sich meine Freundin Christine entspannt zurück. Sie kennt die olle Kamelle schon.

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00:00 04.12.2008

Ausgabe 38/2020

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