Hetze zum Mitmachen

Zeitgeschichte Der antisemitische „Stürmer“ war während der NS-Diktatur Zentralorgan des öffentlichen Denunziantentums. Tausende von „Leserreportern“ legten sich dafür ins Zeug

Der Mann sieht in die Kamera. Soeben hat er bei einem Herrenausstatter eingekauft. Beim Verlassen des Geschäftes, das einen jüdischen Eigentümer hat, klickt die Kamera. Der Knipser ist ein Möchtegern-Leserreporter, heißt Hans Käbel, arbeitet als Buchhalter und streift im Juni 1935 durch die Straßen seiner Heimatstadt Dinslaken am Niederrhein, um die Kunden jüdischer Geschäfte zu fotografieren. Die Ablichtungen versieht er mit gehässigen Kommentaren und schickt sie in der Hoffnung an das antisemitische Hetzblatt Der Stürmer, dass sie wie andere Zuschriften des gleichen Kalibers veröffentlicht werden. „Dieser Mann kaufte beim Kramjuden Salmon, Dinslaken, Schlageterstraße. Er trägt sogar ein SA-Koppel, wir kriegen ihn noch!!“, schreibt Käbel auf die Rückseite des Fotos. Was aus dem Bezichtigten wurde, ist nicht bekannt – wohl aber, welches Schicksal den Geschäftsinhaber und seine Frau heimsuchte: Richard Salmon geriet während des Novemberpogroms 1938 in Haft und starb am 13. November 1938 im Gefängnis. Seine Frau Berta wurde 1943 nach Minsk deportiert und ermordet.

„Volksgenossen“ wie Hans Käber, die ihre Mitmenschen denunzierten, gab es viele im NS-Staat. Ein Massenphänomen, für das nicht nur Parteifunktionäre sorgten – auch viele kleine „Volksgenossen“, die sich über diejenigen erheben durften, die – als außerhalb der „Volksgemeinschaft“ stehend – angeprangert wurden: politische Gegner, „Asoziale“, Sinti und Roma, besonders Juden. Oft hatten die Denunziationen rein private oder geschäftliche Gründe. Es bot sich an, einen verhassten Konkurrenten loszuwerden, indem man ihn wegen eines vermeintlichen politischen Deliktes oder wegen „Rassenschande“ bei der Gestapo anzeigte.

Für die Arbeit des Verfolgungsapparates war es freilich ziemlich unerheblich, aus welchen Gründen denunziert wurde. Sicher ist, dass es die nur scheinbar allgegenwärtige Gestapo ohne die vielen Zuträger wesentlich schwerer gehabt hätte, politische Gegner zu bekämpfen und die NS-Rassenideologie durchzusetzen. Die Deutschen lebten, wie es der kanadische Historiker Robert Gellately genannt hat, in einer sich selbst überwachenden Gesellschaft. Wer andere anzeigte, ging nicht nur zur Gestapo. Es boten sich ebenso Parteidienststellen, der Blockwart, die Ortspolizei oder eben eine Zeitung an. Vor allem im angelsächsischen Sprachraum galten Leserbriefe zu jener Zeit als Mittel demokratischer Mitgestaltung. In Deutschland pervertierte die Parteipresse dieses Genre im Sinne nationalsozialistischer Selbstermächtigung. Leserbriefe dienten der Manipulation und Agitation; sie sollten den vermeintlichen „Volkszorn“ spiegeln und Schikanen des Staates rechtfertigen.

Vulgär, pornografisch, antisemitisch

Denunzierende Zusendungen erschienen ab 1933 fast überall – im Vergleich zu redaktionellen Beiträgen (die nicht selten gleichfalls Anprangerungen enthielten) war ihre Bedeutung allerdings eher nachrangig, selbst in Parteiblättern wie dem Völkischen Beobachter oder dem Schwarzen Korps.

Ganz anders verhielt es sich mit Korrespondenzen im Stürmer, der mit Hitlers Kanzlerschaft so etwas wie das Zentralorgan des öffentlichen Denunziantentums wurde. Täglich gingen bis zu 700 Leserbriefe in der Redaktion des Hetzblattes ein, das der Nürnberger ­NSDAP-Gauleiter Julius Streicher herausgab – ein fanatischer Judenhasser, dessen vulgäre und häufig pornografisch aufgeladene Hetze selbst manchen Parteigenossen zu weit ging.

Recht schnell stellte man beim Stürmer fest, dass diese Art von Publikation beim Publikum durchaus ankam. Bis Mitte der dreißiger Jahre stieg die Auflage des wöchentlich erscheinenden 20-Pfennig-Heftes von anfangs 25.000 auf eine knappe halbe Million. Hinzurechnen muss man die reichsweit über 700 „Stürmerkästen“, in denen die aktuelle Ausgabe öffentlich aushing. Dadurch war Der Stürmer eine der einflussreichsten Zeitungen im NS-System, wenn er auch die Verkaufszahlen der illustrierten Massenpresse nicht erreichen konnte. Deren Flaggschiff, die Berliner Illus­trirte Zeitung, brachte es 1939 auf 1,5 Millionen Exemplare pro Ausgabe.

Außergewöhnliche Beliebtheit

Was den Stürmer von der übrigen Parteipresse unterschied, war die enge Leserbindung, wie man es heute nennen würde. Ein beträchtlicher Teil der abgedruckten Texte stammte von „Leserreportern“, die für Rubriken schrieben wie: Wie ich Judengegner wurde, Was man dem Stürmer schreibt oder auch Etwas zum Lachen. Nach dem 1. September 1939 kamen zwei neue Leserkolumnen hinzu: Der Stürmer und die Front, Bedeutung unseres Aufklärungskampfes und Das ist der Jude. Frontsoldaten schildern ihre Erlebnisse.

Außergewöhnlicher Beliebtheit erfreute sich die schon in den frühen dreißiger Jahren eingeführte Spalte Am Pranger. Hier stellten die Leser Mitbürger bloß, die der „Rassenschande“ bezichtigt wurden oder sich dem Boykott „jüdischer“ Geschäfte widersetzten. Davon ging ein hoher Konformitätsdruck aus. Viele fühlten sich animiert, selbst Korrespondent zu sein. Die Bereitschaft dazu war so groß, dass Streicher Ende der dreißiger Jahre etwa 300 Mitarbeiter beschäftigte, die nur ­Leserpost auswerteten und beantworteten. Leserreporter wurden über regelmäßige Aufrufe rekrutiert, doch war es auch üblich, altgediente Parteimitglieder gezielt anzusprechen. Die Redaktion führte dazu die Kartei der Alten Kämpfer, die sporadisch angeschrieben wurden.

Eine wichtige Rolle spielten nicht zuletzt die von Lesern eingesandten Fotos. Einerseits waren private Fotoapparate nach Einführung der Box-Kamera auch unter Normalverdienern verbreitet, zum anderen hatten die abgebildeten Personen, vor allem Juden, keine Möglichkeit mehr, für das Recht am eigenen Bild einzutreten. Als „authentische“ Beweismittel waren Fotos für den Stürmer ein beliebtes Mittel, um zu diffamieren. Dabei wurden die Bilder oft redaktionell bearbeitet, indem nur Ausschnitte veröffentlicht und eigene Bildunterschriften verfasst wurden. Ein Beispiel dafür ist ein Konvolut von Fotos, die ein namentlich nicht bekannter Soldat im Herbst 1939 an das Streicher-Blatt schickte.

Drastische Folgen für die Denunzierten

Eines davon wurde jüngst als Plakatmotiv für die Ausstellung Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg im Jüdischen Museum Berlin verwendet. Zu sehen ist ein jüdischer Mann, den ein Uniformierter vor den Augen von Kindern und Wehrmacht-Soldaten zu entwürdigender Arbeit zwingt und dabei anbrüllt. Der Stürmer entschied sich für einen Ausschnitt, auf dem weder Soldat noch Kinder auftauchen, und stellte einen – auch wegen der mangelhaften Orthografie typischen – Kommentar dazu: „Zum erstenmale produktive Arbeit! Ein jüdischer Wucherer in Polen muß bei Bauarbeiten helfen.“

Nur ein Bruchteil der eingesandten Fotos und Berichte wurde im Stürmer auch tatsächlich abgedruckt. Manches war ohnehin nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen, schließlich diente der Stürmer auch als antisemitischer Kummer-Kasten, den nicht selten Proteste wegen der angeblich zu laschen Haltung einzelner NS-Größen gegenüber den Juden erreichten. Und die Redaktion kümmerte sich darum. Die Leserbriefe wurden an Parteidienststellen und oft an die Gestapo weitergeleitet, die gegebenenfalls Ermittlungen aufnahm. Diese hatten für die Denunzierten häufig drastische Folgen, manchmal auch für die Briefeschreiber, wenn allzu offensichtlich war, dass es sich um Verdächtigungen handelte, denen private Motive zugrunde lagen.

Die meisten Einsender hofften durchaus auf eine Veröffentlichung, gab der Stürmer doch auch Menschen eine Chance, einmal in die Zeitung zu kommen, die sonst ein anonymes Dasein fristeten. Vermutlich folgte Hans Käber gleichfalls diesem Motiv, als er seine mit zynischen und anbiedernden Kommentaren versehenen Fotos aus Dinslaken an den Stürmer schickte. Er hatte kein Glück. Seine Bildserie wurde nie veröffentlicht.

Jens-Christian Wagner ist Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora

13:00 27.03.2011

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