Heult doch!

S.O.S. Nach 13 Monaten Pandemie sind die meisten mit den Nerven am Ende. Jammern ist keine Lösung. Oder vielleicht gerade?
Heult doch!
Sieht vielleicht nicht so aus, aber auch hier artikuliert sich Systemkritik

Foto: Birgit Koch/Imago Images

„Ich kann nicht mehr“, sagt eine. „Eingesperrt sein ist unerträglich für mich“, der andere. Wo man auch hinhört: Alles ist schlecht. Das macht wütend. Besonders wenn man sich selbst solche Kommentare verkneift, weil man einfach nur gut durch den Tag kommen will. Dann wird das Bedürfnis immer größer, andere für ihre fehlende Selbstbeherrschung zurechtzuweisen – und die Zen-Attitude ist futsch.

Aber warum kocht eigentlich die Wut hoch, wenn wir andere jammern hören? Der Philosoph Martin Booms identifiziert die Selbstbezogenheit des Jammerns als Ursache. Die Beschwerde erleichtere nur den Jammerer selber, lasse aber andere und vor allem seine Zuhörer völlig außer Acht. Es fühlt sich kindisch an, wie eine Regression zurück in einen frühen Narzissmus. Kleinkinder haben das Jammern praktisch erfunden. Ein Experiment der Psycholog*innen Rose Sokol Chang und Nicholas Thompson hat gezeigt, dass kindliches Jammern („whining“) die wirkungsvollste Methode ist, um Erwachsene abzulenken und ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es nervt mehr als Säuglingsgeschrei und dröhnende Maschinengeräusche. Man muss sich ihm zuwenden, um es irgendwie abzuschalten. Auf Dauer ist es nämlich nicht zu ertragen.

Wer aber inmitten einer Pandemie öffentlich Beschwerde führt, kann gar nicht nur von sich sprechen. Wir sind doch gerade alle betroffen, auf unzählige verschiedene Weisen. Tragen Masken, bleiben drinnen, machen auf der Couch Urlaub. Jammern ist also nicht nervig, weil es zu selbstbezogen und subjektiv wäre, sondern im Gegenteil: weil es zu objektiv ist. Wir können es nicht mehr hören, eben weil es uns alle betrifft und wir irgendwie alle hilflos sind dabei. Das lässt uns verstummen. „Wir wissen voneinander, alle, wie bitter wir, jede*r auf seine Art, existenziell getroffen sind, was sollen wir da einander noch erzählen, ein Klage-Dialog, wenn niemand Grund hat, dem anderen Mut zuzusprechen“, schreibt Carolin Emcke schon während der ersten Welle 2020 in ihr jüngst veröffentlichtes Pandemie-Journal.

Nur Klagen ist biblisch

Es ist eine Neuauflage der „kulturellen Kristallisation“, von der der Anthropologe Arnold Gehlen 1961 gesprochen hat. Gehlen meinte damals vor allem in Bezug auf die Wissenschaft, dass es zwar Fortschritt geben könne, indem man mehr Wissen generiere, aber wirklich neue Handlung könne es nicht mehr geben. Alle Handlungsmöglichkeiten seien entwickelt, es gebe einfach keine weiteren mehr. So kommt es uns zum Teil beim Sprechen über die Pandemie auch vor: Alles wurde schon gesagt. Wir wissen, dass es wenig bis gar nichts bringt, sich zu beschweren, also erscheint uns Schweigen als adäquate Antwort auf alle Hürden dieser Krise.

Mit dem Klagen liegt die Sache etwas anders. Jammern ist kindisch, Klagen hingegen biblisch. Klagende rufen aus tiefem seelischen Schmerz heraus Gott an. Meist nach dem Tod eines geliebten Menschen. Das ist sozial akzeptabler, historisch gesehen besonders für Frauen. Einen Ehemann zu verlieren ist zu vergleichen mit einem Schwerthieb durchs Herz, und eine Hälfte wird mit begraben, meinte Basilius der Große im 4. Jahrhundert. Soweit reicht unsere Akzeptanz heute noch, über Trauer darf man sich nicht aufregen.

Jedoch trauern wir hier nicht nur um den tatsächlichen Tod, sondern um das Ende von Normalität. Nicht jedem metaphorischen Tod begegnet man mit Verständnis. Vor allem da, wo es nicht Pleite und maßlose Erschöpfung sind, sondern ausbleibende Urlaube und Restaurantbesuche, die beklagt werden. Nicht immer geht es um existenzielle Verluste. In Grimms Wörterbuch steht, Jammern drücke einfach „schmerzliches Verlangen“ aus. Da letztlich nichts so subjektiv ist wie Schmerz, dürfen ihm auch Privilegierte Ausdruck verleihen. Und tun es auch: Jammern auf hohem Niveau.

Warum raubt uns das gemeine Alltagsjammern dann mitunter den letzten Nerv? Weil es nicht an einer Lösung interessiert ist. Kinder jammern nicht aufgrund eines konkreten Problems, sondern um Aufmerksamkeit. Deshalb reagieren wir auch so ungehalten darauf, wenn Erwachsene es tun. Weil die Leistungsgesellschaft selbst zu Pandemiezeiten keine Zeit zu verschenken hat für eine Beschäftigung ohne Outcome. Wer über seine Probleme reden will, soll gefälligst einen Therapeuten für seine Aufmerksamkeit bezahlen und basta. Zeit ist Geld, verdammt, und die muss gut investiert werden.

Gerade weil sich die Auseinandersetzung mit dem Jammern nicht lohnt, haben wir ein ganzes Arsenal an Sprüchen angelegt, um es im Keim zu ersticken. „Einfach kann jeder“, sagen die Hanseaten. „Es ist eine Ehre, es sich auch ein bisschen sauer zu machen“, schreibt der Schweizer Robert Walser in einem seiner Romane. „Stell dich nicht so an“, das hört man überall. Aus dieser Kulturtechnik spricht eine Mischung aus Leistungsfetischismus, Empathielosigkeit und stoischem Ethos.

Die Philosophie des Stoizismus ist sowieso ein perfektes Vehikel für kapitalistische Moral. Im Kern trägt das Individuum die Verantwortung für sein Glück, egal wie schlecht die Welt ist – denn es kommt auf seine Wahrnehmung an. „Du hast die Macht über deinen Geist – nicht über Geschehnisse im Außen. Erkenne das und du wirst Stärke finden.“ Sagt Marc Aurel, römischer Kaiser und stoischer Philosoph. Passt schon alles, wenn man nur positiv denkt, auch wenn die Bude brennt. Ein zweiter zentraler Punkt im Stoizismus ist die Unterordnung des Sprechens unter das Handeln. Du willst ein guter Mensch sein? Dann rede nicht darüber, sondern sei einfach einer. Auch wenn die Stoa viel klüger ist als diese beiden Elemente, so definieren sie doch heute unser Verständnis des Stoischen. Der genügsame Mensch, der sein schwieriges Schicksal entweder erträgt oder stumm in die Hand nimmt, ist ein besserer als der, der sich laut über widrige Lebensumstände beklagt. Wie praktisch, wenn gerade das als moralisch attraktiv gilt, was außerdem das störende Jammern unterdrückt.

Die wahre Kunst ist jedoch, zu erkennen, was man ändern kann, und was eben nicht. So ungefähr steht es auch im Gelassenheitsgebet. Der Mut, Dinge ändern zu können, beginnt mit dem Denken und Versprachlichen, die sich durchaus mal ins Jammern verirren können. Denn wer einen Mangel im eigenen Leben beschreibt, der will ja nicht nur Aufmerksamkeit, sondern zeigt implizit auch gesellschaftliche Umstände auf, die diesen Mangel überhaupt erst haben entstehen lassen. Man denke mal an das Klischee des Jammer-Ossis. Auch ihn hat man als Figur erfunden, um die Kritik an der Abwicklung der DDR nicht ernst nehmen zu müssen. Doch hatte er nicht in Vielem Recht? Heute ist es nicht anders. Wer jetzt gerade über Stress jammert, arbeitet vielleicht in einem Betrieb, der die Homeoffice-Verordnung ignoriert, oder hat wieder keinen Platz in der Kita-Notbetreuung bekommen, weil die Meinungen über systemrelevante Berufe auseinandergehen. Steigende Mieten während der Kurzarbeit, teure FFP2-Masken, die ständig reißen, Unverständnis über galoppierend schnell sich ändernde Regeln – das nervt, aber es ist dabei immer auch ein Stück Systemkritik. Und wer jetzt denkt, „Handeln statt Jammern“ wäre angebracht, der erinnere sich an Hannah Arendt. „Wortloses Handeln gibt es streng genommen überhaupt nicht“, schreibt sie in Vita Activa (1958). Sprechen gehört immer zum Handeln dazu. Nur durch die Vielfalt an Stimmen kann es Demokratie geben.

Ist da nicht außerdem was suspekt an Leuten, die so gar nicht jammern? Die, die seit 13 Monaten pflichtbewusst zu Hause sitzen, ihre Familie nicht gesehen haben, und das irgendwie vollkommen okay finden. Die jedes Gespräch über die Berechtigung von Grundrechtseinschränkungen als unsinnig abbrechen, obwohl sogar Überjurist Ulf Buermeyer und seine Gesellschaft für Freiheitsrechte das begründet anzweifeln. Wer überhaupt nicht findet, dass unsere Regierung schlecht kommuniziert, oder vermutet, dass in der Coronapolitik versteckter Wahlkampf gemacht wird, und wer kritische Gedanken unbesehen mit dem Label „Corona-Leugner“ abwiegelt, mit dem stimmt doch was nicht.

Sind es wirklich Anti-Jammerer, die wir jetzt brauchen? Natürlich sind uns eloquente Kritikerinnen mit konstruktiven Vorschlägen am liebsten. Doch wenn die nicht zu haben sind, sind Jammerer, mit denen man sich unterhalten kann, tausendmal besser als stoische Systemlinge. Wer nie jammert, der verliert seine Würde im Stillen. Und davon kann man sich auch nichts kaufen.

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06:00 27.04.2021

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