Hier irrte MRR

Marcel Reich-Ranicki Wie der deutsche Verriss-Spezialist einmal an Jurek Becker scheiterte

Diesen Sonntag vor 25 Jahren bewegte sich Marcel Reich-Ranicki am Rand des Tobsuchtsanfalls. Termingerecht zum 31. Jahrestag des Mauerbaus geißelt er im Literarischen Quartett Amanda herzlos, Jurek Beckers in der untergehenden DDR spielenden Liebesroman, als „verlogen von der ersten bis zur letzten Zeile“. Einen „verfluchten Terrorstaat“, „in dem Menschen gequält, gepeinigt, ja gefoltert wurden“, schildere ausgerechnet „Herr Jurek Becker“, der 1977 mit einem Dauervisum in den Westen übersiedelte, als „eigentlich ganz angenehm, sympathisch und nett“. Eine schlimme Sache.

Sonnenstich? Die Nockerln?

Im Ernst, unter allen Verrissen des Verrissspezialisten war dieser der bizarrste. Idyllisierend soll die Darstellung einer DDR sein, in der die Protagonistin, die Journalistin Amanda, beruflich kaltgestellt wird, nachdem sie den Direktor einer volkseigenen Textilfabrik gefragt hat, „ob er glaube, daß es dem Sozialismus schaden würde, wenn die Leute gutsitzende Hosen trügen“. In der Amandas erster Ehemann, der linientreue Sportredakteur Ludwig, in einen argen Loyalitätskonflikt gerät, als er Amandas Kontakte zum Dissidenten Hetmann und einem West-Verlag nicht sogleich der Stasi meldet: „Ich wurde die kleinbürgerliche Empfindung nicht los, ich dürfe die Behörden nicht mit Informationen über die eigene Frau beliefern.“ Übertroffen wird die perverse Definition von Kleinbürgerlichkeit nur noch von einem IM, der die renitente Jungautorin „zur Vernunft bringen“ soll und sich ihren Klartext –„Einschüchterungsagent“ – verbittet. Der Mann will sein „schweres Amt“ als selbstlosen Dienst am Staate verstanden wissen: „Warum sollte er sonst eine solche Belastung auf sich nehmen? Amanda wisse ja, dass das Ansehen bei den meisten dadurch eher sinke als steige.“ Wo bleibt der Dank?

Becker macht die Unterwerfungsbereitschaft im Realsozialismus lächerlich, Verklärung klingt anders. Besonders der Romanschluss hätte dem Anti-Kommunisten Reich-Ranicki eigentlich gefallen müssen: Gerade mal 19 Monate vor dem Mauerfall, Amanda hat sich in einen Mitarbeiter des NDR verliebt und stellt einen Ausreiseantrag, bittet ihre Mutter, eine Parteisekretärin, den Westler inständig, „Amandas Verblendung nicht auszunutzen“. Genossin Zobel prophezeit, das Unglück werde eintreten, „wenn ihre Tochter den Schritt aus der Zukunft in die Vergangenheit machte, in die untergehende Welt des Kapitalismus“. Auch die Pointe zum zukunftsvertraulichen Realitätsverlust nimmt Reich-Ranicki nicht wahr, stattdessen fabuliert er von einem Autor, der „sich nie von diesem Staat irgendwie getrennt“ habe. Bleibt die Frage, wie das Fehlurteil im sommerlichen Salzburg zustande kam. Sonnenstich? Nockerlnintoleranz?

Banaler, es war noch eine Rechnung offen, die vom 12. Februar 1990. Drei Monate nach dem Mauerfall ist Becker zu Gast im Quartett. Vorgestellt als vorzüglicher Drehbuch-Schreiber (Liebling Kreuzberg) und Autor des Welterfolgs Jakob der Lügner, des Ghetto-Romans von 1969, verdankt er die Einladung durch Reich-Ranicki auch seinem Dissidentenkapital von 1976/77. Nach dem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung und dem Ausschluss aus der SED verhielt sich dieser Autor weit offensiver als Christa Wolf, attackierte die Partei über die West-Medien und ging. Also scheint er nun der ideale Kronzeuge gegen die in der DDR gebliebenen Schriftsteller. Doch „mein ganz alter Freund Jurek Becker“ spielt nicht mit.

Als Reich-Ranicki, mit dem Konvertiteneifer des ehemaligen KP-Mitglieds, den Starrsinn von Stephan Hermlin skandalisiert, der seine Stalin-Ode von 1953 immer noch nicht zurückgenommen habe, wendet sich Becker an den Gastgeber: „Ist Ihnen das Phänomen des Starrsinns so fremd?“ Gelächter im Publikum. Den Unterhaltungswert des Formats wendet der Quertreiber bereits zu Beginn der Sendung gegen MRR. Diskutiert werden soll der neue Eco. Den hat Becker nicht gelesen. Also wolle er sich auch nicht äußern, „obwohl das in dieser Runde normalerweise kein Hindernisgrund ist“. Düpiert sieht sich der verstimmte Reich-Ranicki („diese Unterstellungen sind arg“) zuvorderst, über Beckers demonstrative Verwunderung, dass mit der Besprechung des Foucaultschen Pendel ein „kalkuliertes Industrieprodukt“ beworben werde, das ohnehin ein Kassenschlager sei. Die Bestsellerfixierung der Veranstaltung anzusprechen, hat in 14 Jahren (erstes) Literarisches Quartett kein anderer Gast gewagt. Salzburg bot dann die Gelegenheit zur Retourkutsche.

Böse und begriffsstutzig

Und was ist daran noch heute erinnernswert? Nach dem 13. August 1992 werden televisionärer Literaturkritik erstmals die Grenzen aufgezeigt. Obwohl vor einem Millionenpublikum als ostalgischer Schönredner madig gemacht, erleidet Becker keinerlei Prestigeverlust, zudem wird Amanda herzlos bis Dezember 1992 unter den ersten zehn der Spiegel-Bestsellerliste rangieren.Grässlich, grässlich. Dass Reich-RanickiDass Reich-Ranicki in den 1990ern der „Souverän“ gewesen sei, „der über den Bestseller entscheidet“ (Norbert Bolz), stimmt eben nicht ganz. Beckers Leser konnten ihrer Lektüreerfahrung vertrauen – oder dem Feuilleton. Dessen Tenor: Das feine Gespür dieses Erzählers für Alltagsopportunismen, das mentale Rückgrat der SED-Diktatur, macht die Rede von Mauer und Stacheldraht entbehrlich. Was Fernsehen und Presse dokumentieren, muss Literatur nicht verdoppeln.

Gegen Becker zu verlieren war keine Schande. Erstens lag ihm das trockene Kontern. Seinem lautstärksten Kritiker schrieb er mit Bosheit und Begriffsstutzigkeit „zwei Eigenschaften“ zu, „wie sie in fortgeschrittenem Alter leider vorkommen“. Dann war da seine Courage, die er schon in der DDR gezeigt hatte, ohne sich für einen hauptamtlichen Drachentöter der DDR zu halten, lieber Herr Biermann. Vor allem aber konnte Jurek Becker scheinbar Unvereinbares vereinbaren: ernste Stoffe unterhaltsam erzählen, leicht, gewitzt, doch nie seicht und verharmlosend. Auch das hätte MRR doch gefallen müssen.

Markus Joch ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Kejo-Universität von Tokyo

06:00 13.08.2017

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