Hinter dem Wäscheschrank

Leseprobe Im Radio haben sie gesagt, dass am 25. Juli in ganz Holland die Hausdurchsuchungen beginnen. Zum Glück hat Carry ein Versteck

Freitag, 31. Juli 1942. Elend, überall ein schreckliches Elend. Verzweifelte Menschen! Hier in Rotterdam ist es genauso gekommen wie in Amsterdam. Was ich damit meine? In Amsterdam wurden vor ein paar Wochen alle Juden zwischen 16 und 40 aufgerufen (ohne ein Auswahlverfahren, bei dem manchmal noch einige freikommen). Sie erhalten einen Vorladungsbrief, in dem steht, dass ihnen befohlen wird (eine freundliche Aufforderung ist es nicht), 2 Tage später vor dem Judenrat zu erscheinen (wo sie Anweisungen bekommen, was sie mitnehmen sollen usw.) und um halb drei nachmittags ins Jüdische Theater zu kommen, wo die SS, die deutsche Polizei und andere Dreckskerle warten. Dort wird kontrolliert, ob alle anwesend sind, und damit die „anderen“ keinen Aufstand machen, werden die Leute nachts weggeschickt (exportiert). Peretz und Frida Hochfeld (ein Neffe und eine angeheiratete Nichte) haben auch einen Aufruf erhalten, aber Peretz war „glücklicherweise“ gerade krank und hat bis zum 8. August Aufschub erhalten. Was er dann macht, muss man noch sehen. Jeder Aufschub ist etwas wert. Von Juchoes und Diny Hochfeld (einem Neffen und einer angeheirateten Nichte) haben wir nichts gehört. Wir haben ihnen einen Brief geschickt, aber keine Antwort bekommen. Sicher sind sie vom Erdboden verschwunden, d.h. untergetaucht. Bestimmt bei Nichtjuden in ein Zimmer gezogen, das sie nicht mehr verlassen, weil sie Angst haben, dass andere Leute sie sehen; dann sind sie dran, und dann hätten sie genauso gut nach Deutschland gehen können, um „unter polizeilicher Aufsicht“ (wie es im Aufruf heißt) zu arbeiten. Dieses Untertauchen ist also auch nicht ganz ohne Risiko und bis man so eine Adresse gefunden hat …

Aber nun hörten wir letzte Woche Donnerstag von einem Bekannten, der beim Judenrat in Amsterdam arbeitet, es werde hier genauso kommen. Wir fanden die Sache in Amsterdam schrecklich, aber es betrifft einen selbst trotzdem nicht so. Roland Frederikstadt (der Bekannte) sagte, man könne sich auch erst vorstellen, wie schlimm es sei, wenn man einmal gesehen habe, wie ein Transport abfährt. Leute fallen in Ohnmacht und verlieren den Verstand. Ich habe es inzwischen selbst miterlebt. Diesem jungen Mann bin ich schon früher ein paarmal begegnet; damals war er die Ruhe in Person, und jetzt? Ein Fall für die Nervenheilanstalt: Er blinzelt ständig und ist ganz einfach schrecklich nervös. Ich habe mein Bestes getan, um Arbeit beim Judenrat zu bekommen, denn Leute mit so einer Arbeit bekommen Aufschub, hieß es; ich wurde Arjé van Thijn in der Küche unterstellt. Rachel beschäftigte man als Schreibkraft. Bram hatte schon so einen Posten: Nachrichten überbringen zwischen Rotterdam und Amsterdam, mit einer Reiseerlaubnis, die zurzeit niemand mehr bekommt. In Rotterdam hat man inzwischen die Altersgrenze auf 50 Jahre angehoben. Demnach müssen die ganzen Jahrgänge von 1926 und 1892 (abhängig vom Geburtsjahr) mit. Ich also auch, obwohl ich noch keine 16 bin. Mama würde wahrscheinlich freigestellt werden, weil Papa 51 ist (glücklicherweise!). Am Mittwochabend wurden die ersten 200 Aufrufe verschickt. Wir waren glücklicherweise nicht dabei. Am Donnerstagmorgen kam ich um 8 Uhr beim Judenrat an, und dort standen ganze Menschentrauben. Ich zeigte einem Polizeibeamten meinen Anstellungsnachweis. Er ließ mich durch. Mit Recht sagte er: „Hier arbeiten ganz schön viele Leute.“ Tatsächlich, mit wem man auch sprach, jeder hatte einen Posten beim Judenrat. Ich hatte noch mit niemandem geredet, der wegmusste, denn der Judenrat hatte vorläufigen Aufschub bekommen. Am Nachmittag erfuhren wir, dass bis auf 20 Leute, in leitenden Funktionen, niemand vom Judenrat Aufschub bekommen hatte (dort arbeiteten 1500 Leute: für Deutschland kommen zwischen 5000 und 6000 in Frage). Also ein zu hoher Anteil. Wir haben es uns selbst kaputt gemacht. Am Nachmittag ging ich zur Halle am Stieltjesplein (wo wir auch die Fahrräder hatten abgeben müssen). Dort standen lauter Schulbänke. Die habe ich mit Hetty Corper abgestaubt. Frau Corper war auch dort, um zu helfen, und Herman van Coevorden. Danach haben wir für all die Arbeiter Kaffee ausgeschenkt, Teller abgewaschen und abgetrocknet und sortiert. Zwischendurch kamen drei hohe deutsche Offiziere herein, sicher um zu kontrollieren, dass die Juden auch nicht allzu freundlich empfangen wurden. Erst da merkte man, was hier vor sich ging, was man da eigentlich tat. Erst hatte man noch ein wenig das Gefühl wie im Frieden; man versuchte, das Leid der Juden ein wenig zu lindern. Aber der Anblick der Moffen versetzte einem einen elektrischen Schlag. Furchtbar. Zu Hause waren sie auch so schrecklich niedergeschlagen. Papa weinte, Mama war kreidebleich. Rachel hatte von morgens um 6 bis abends um 8 gearbeitet: Anweisungen getippt. Auf der Straße fragte ich einen Polizeibeamten nach dem Weg, und er wollte wissen, ob ich auch wegmusste. „Noch nicht“, war die Antwort. Vielleicht bekomme ich morgen einen [Aufruf]. Wer weiß!

Die ersten Leute trafen schon um halb 5 ein. Sie bekamen Kaffee umsonst und Limo für 5 Cent. Ich machte den Abwasch. Frau Corper goss die Getränke ein und sprach den Menschen Mut zu. Plötzlich sah ich auch Max Hach[g]enberg, der … lachte. Er war sehr fröhlich. Hat mich noch schnell seinem Bruder vorgestellt: Der ist 22. Ich kannte ihn schon, glaube ich, weil er Schulfotograf war. Er sagt, wir werden unsere Freundschaft fortsetzen. Ich bin mir da nicht sicher. Ich glaube nicht, dass viele von ihnen zurückkehren; Deutschland wird bis zuletzt Rache an den armen Juden nehmen. So war es immer, so wird es für das Auserwählte Volk immer bleiben.

Leute strömten herein, und gleichzeitig strömten Menschen zum „Buffet“. Ich wusch ab, alle tranken Kaffee, man lieferte die Tassen bei mir ab und … Ich habe noch nie in meinem Leben an einem Tag so viele Tassen abgewaschen wie an diesem. Und abgetrocknet auch, das gehörte dazu, wenn es keine anderen Helfer gab, die das übernahmen.

Innerlich weinte Clara

Plötzlich steht Clara Haagman vor mir. Ich lasse den Abwasch Abwasch sein und stürze auf sie zu. Sie erzählte, dass der Aufruf erst um 1 Uhr nachmittags bei ihr eintraf, weil sie erst bei einer falschen Adresse gewesen war. Sie musste also innerhalb von fünf Stunden alles erledigen. Sich um die Kleidung kümmern, sich alles merken, zum Judenrat, um Anweisungen zu bekommen, die Apotheke zusammenstellen (lauter kleine Dinge), sich die Haare abschneiden lassen (gegen Ungeziefer) und so weiter und so fort. Und dann noch die Nerven dazu. Sie war ganz allein. Hatte eine Trainingshose und eine Windjacke an und war ganz aufgeregt, weil sie die Hose so schön fand. Sie war auch putzmunter. Clara Slager war auch da, ein Goldschatz von einem Mädchen aus der vierten Klasse am Gymnasium (ich hatte also manchmal Unterricht mit ihr zusammen); sie gab sich ziemlich kühl, gleichgültig, aber innerlich weinte sie, glaube ich. Ihren Vater, einen Tierarzt, haben sie neulich als Geisel mitgenommen, und jetzt ist ihre Mutter ganz allein. Also einfach furchtbar. Auch Joop Slagter war da. Er fragte, ob ich seine Holzschuhe mitnehmen würde, wenn ich noch mal zum Gartenbaukurs gehe, denn die stehen dort noch mutterseelenallein herum. Auch sie alle, die meisten von der Schule, waren sehr munter. Und was ging in ihrem Inneren vor sich? Das wissen nur sie allein! Andere weinten, und manche waren so außer sich, dass Ärzte und Schwestern sie beruhigen mussten. Eine Sache werde ich nie vergessen. Eine Frau erlitt einen Nervenzusammenbruch, wurde behutsam von Dr. Hausdorff zur „Krankenabteilung“ gebracht und schluchzte dabei heftig. Plötzlich fing sie an, um sich zu treten, als hätte sie den Verstand verloren. Es war ein schrecklicher Anblick; ich musste mich abwenden. Und noch mehr solche Fälle. Überall dieses Elend! Plötzlich höre ich von Herman van Coevorden, dass Frau Corper auch schluchzend in die Krankenabteilung gebracht wurde. Was war nur los?

Am Morgen beim Judenrat sah ich Frau [Corper, A.d.Ü.]. Ich fragte: „Haben Sie einen Aufruf bekommen?“ „Nein, aber meinen Mann haben sie gefangen genommen.“ Später ging ich mit ihr zum Haagsche Veer (Gefängnis), und sie erzählte mir alles. Am letzten Donnerstag holten plötzlich 2 Ermittler ihren Mann ab und auch zwei Freunde: Polak und Naarden. Polak ist zurückgekommen. Er erzählte, dass sie des Kaufens und Verkaufens von Waffen verdächtigt wurden (und darauf steht die Todesstrafe). Warum er freigekommen ist, weiß ich nicht, sicher wieder so ein mieser Trick der Moffen. Ich habe Frau Corper auf alle möglichen Arten getröstet, aber insgeheim dachte ich: „Waffen, hmm, das ist nicht so gut, wenn man dessen beschuldigt wird.“ Denn wie soll man Deutschen gegenüber irgendetwas beweisen? Sie sagen es und basta!

Frau [Corper] schwor mir gegenüber bei Gott, dass ihr Mann unschuldig war, der ging nie alleine weg, wo Hetty war, war Frau [Corper], und wo Herr [Corper] war, war Frau [Corper]. Und das ist auch so, denn wenn Mama über die Corpers spricht, sagt sie: diese Leutchen, die einander noch so sehr lieben, als wären sie verlobt und noch verliebt. Wirklich!

Abgeholt am Sonntagmorgen

Aber in der Halle am Stieltjesplein sah ich sie plötzlich auf einer Bank sitzen, völlig verstört. Ich setzte mich zu ihr, und sie berichtete: „Ich habe auch einen Aufruf bekommen! Er wurde an meine alte Adresse geschickt.“ (Ihr Laden wurde gerade geschlossen, und sie musste aus dem Haus raus, und die Familie wohnt jetzt in einer ganz anderen Gegend.) „Ich, die ich andere getröstet habe, habe selbst einen Aufruf. Ich gehe nicht ohne meinen Mann, und ich habe noch nichts gepackt …“ Sie war verzweifelt. Die nervliche Anspannung war ihr auf die Beine geschlagen, sie konnte nicht laufen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, ob sie bleiben sollte, [so]dass es ihr passieren konnte, von den Deutschen gezwungen zu werden, ohne irgendwelche Sachen mitgehen zu müssen, oder nicht zu bleiben, [so]dass die Polizei sie am folgenden, am nächsten Tag vielleicht abholen würde. Inzwischen gab es Durchsagen, jeder, der nichts im Gebäude zu tun hatte, solle es verlassen. Obwohl ich beweisen konnte, dass ich als freier Mensch gehen durfte, hatte ich Angst, die Deutschen würden die Halle irgendwann abriegeln, denn am Nachmittag waren auch schon alle Schiebetüren abgeschlossen worden. Ich ließ Frau Corper also vorläufig zurück. Ich gehe zu Clara Haagman, drücke ihr gerührt zum letzten Mal die Hand. Dann will ich Clara Slager alles Gute wünschen, verliere aber selbst die Beherrschung, breche in Schluchzen aus. Statt den anderen eine Stütze zu sein … Max Hachgenberg legt einen Arm um mich und beruhigt mich auf diese Weise wieder. Das werde ich nie vergessen. Die Ruhe, die ich in diesem Moment wiedererlangte. Ein bisschen gefasster gebe ich ihm die Hand. Joop Slagter habe ich nicht mehr gesehen.

Ich gehe zum Büro, ohne mich nach irgendwem umzuschauen, habe Angst, dass ich mich wieder nicht beherrschen kann. Dort sehe ich Hetty stehen. Ich gehe nach draußen, und da sind die SS und gewöhnliche Soldaten und Massen, ganze Menschenmassen. Eine deutsche Frau kommt, weil ihre Töchter wegmüssen. Ein Soldat hält sie zurück. „Ich will mich verabschieden von meinen Kinder!“*, schreit sie. „Gertrude! Hilda! Hilda! Gertrude! Lass mich gehen! Ich will Abschied nehmen!“* Der Soldat versetzt ihr einen Stoß. „Ich hab schon lang genug von euch Juden“* und noch etwas, ich will es nicht hören und renne die Treppe hinunter. Die Frau, halb von Sinnen, bewegt sich nicht von der Stelle. Weitere Menschen mit Gepäck kommen an, auch Bekannte, aber ich will nicht hinsehen. Neben mir steht Hans de Jong. Der jüngste Schuldiener. Er ist ein Flüchtling aus Deutschland, zeichnet sehr gut. Wir gehen zusammen weg. Ich wage es nicht mehr, mich umzuschauen. Er erzählt, dass er seinen 16-jährigen Bruder [Walter] weggebracht hat. Noch ein ganz unselbstständiges Kind, sagt er; er wäre gern mit ihm gegangen, aber seine Eltern … Die kann er hier nicht alleinlassen. Ich verstehe es. Plötzlich hören wir Geschrei. Die Menschen fliegen förmlich auseinander. Die Deutschen haben eingegriffen und Leute weggejagt. Zu viel Anteilnahme ist nicht gut für ihre Propaganda. Es wird wieder ruhig, die Menschen bleiben doch, wo sie sind. Wir gehen weiter. Um halb acht komme ich daheim an. Rachel ist auch da. Wir weinen ein bisschen zusammen. Papa fängt auch an (weil ich weine). Mama frisst alles in sich hinein. Ihre Nerven werden sie irgendwann noch mal umbringen. Bram kommt auch. Er ist von allem Erlebten auch ganz mitgenommen. Der Abend verläuft ruhig. Wir sitzen einfach so da und denken an die armen Volksgenossen, die dem Tod (?) entgegengehen. Und was wird aus uns?

26. Juli 1943. Mein Tagebuch ist untergetaucht, darum habe ich so lange nicht geschrieben. Gleich mehr dazu. Amsterdam ist mehr oder weniger Judenfrei*. Noch +100 (von den 7.000) haben eine besondere Sperre vom Judenrat (auch Froukje) und dürfen vorläufig (!) bleiben. Wie lange? Die anderen wurden in zwei Runden abgeholt. Sogar an einem Sonntagmorgen. Um 5 Uhr kommt plötzlich ein Auto ins Zentrum, glaube ich, und verkündet über einen Lautsprecher, dass die Juden sich bereithalten müssen und die Gojim nicht auf die Straße dürfen. Auch bei ihnen haben sie Häuser kontrolliert. +4.000 gleichzeitig mitgenommen! Froukje hörte es im letzten Augenblick und ist doch weggegangen. Unterwegs festgenommen. Bob war in Amsterdam, um mit ihr zu sprechen, sagte aber, dass sie in Den Haag Unterhandlungen führte. Wollte uns nicht beunruhigen. Am nächsten Tag ist er wieder hingefahren und erzählte uns, dass sie frei war. 3 Tage und Nächte wurde sie festgehalten und ist als Einzige rausgekommen. Aber wenn sie zu Hause geblieben wäre, wäre nichts passiert, denn zufällig (oder vorherbestimmt?) haben sie ihr Haus ausgelassen und noch einige andere. Ein Onkel war bei ihr zu Hause. Er ist als Einziger von Brams ganzer Familie noch übrig. Selbst den Rabbiner hat man schon nach Polen geschickt!! Aber en tout cas sind wir dankbar, dass Froukje noch da ist. Am Mittwoch, dem 16. Juni, hat das englische Radio verkündet, man habe die Nachricht erhalten, in den ganzen Niederlanden würden am 17. Juni die Ausweise in Häusern und auf der Straße kontrolliert. Und am 25. Juni beginnen die Hausdurchsuchungen. Zum Glück haben wir ein Versteck!

In Ma IIs Zimmer haben wir eine zweite Wand vor die erste gebaut, aus Latten, mit Leinen bespannt, mit Tapete beklebt und dann das ganze Zimmer gestrichen. Vor dem Loch, durch das wir müssen, steht ein schwarzer Wäscheschrank aus Eichenholz. Wenn man einfach so ins Zimmer kommt, sieht man nichts davon. Es hat wunderbar geklappt. Nur wenn man gut hinter die Rückseite des Schranks schaut (wenn man den wegschiebt natürlich), sieht man einen dunklen Fleck vom Loch. Da haben wir auch einen Rucksack reingehängt: mit all unseren Papieren, jüdischen Büchern, Kalendern, Fotos, und … dem Tagebuch. Deswegen der Begriff „untertauchen“. Wenn es jetzt nachts klingelt, müssen wir alle in den Schrank. Wir (Rachel und ich) schlafen mit einer Decke auf dem Boden, die im Notfall auf das Bett von Pa und Ma geworfen werden muss. Mit Rachel gibt es jeden Abend Diskussionen, denn sie sagt, heute Nacht kommen sie doch nicht, aber das kann man nie vorher wissen. Und es geht ums Prinzip. Auch wenn sie sich manchmal auf den Diwan legt – ich tue das nicht. Man schläft auf dem Boden auch wunderbar. Besser als in Vught.

Befreier werfen Bomben

Bram schläft mit einem Mantel unten auf dem Wohnzimmerdiwan. Wenn da etwas ist, schläft Ma II in Ma Is Bett, und Bob in Ma IIs, und wir verschwinden im Schrank. Am 17. und 25. Juni ist natürlich nichts passiert, aber seit dieser Zeit sind wir sehr auf der Hut. Bob bekommt manchmal Warnungen von Leuten, aber darauf kann man sich meist doch nicht verlassen. Unser Radio ist schon einen Monat weg. Aber wir haben stattdessen zwei viel bessere. Ein ganz kleines Gerät von einem Bekannten und ein großes, sehr gutes, schönes Ding gekauft. Aber das benutzen wir nie, das ist für nach dem Krieg und vorläufig auch im Schrank untergetaucht. Auf dem kleinen hören wir jeden Tag ein paarmal treu zu und bekommen die besten Nachrichten. Die Vorinvasion ist in Sizilien. Pantelaria und Lampedusa, kleine Inseln bei Italien, werden zuerst eingenommen. Aber es tat sich noch immer nichts Entscheidendes. Dann kam eines Morgens (am 10. Juli?) Bram herein und sagte: „Sizilien ist angegriffen worden!“ Wir waren alle natürlich sehr enthusiastisch. Invasion. Aber auch das ist noch nicht das Entscheidende. Sizilien ist nun zu 7/8 in englischer Hand, am Samstag ist sogar Palermo gefallen, nur bei Pantelaria will es noch nicht so ganz klappen. Da kämpfen sie schon eine Woche, aber kommen nicht so voran. Sehr gut verteidigt. Aber auch das wird natürlich bald fallen, und Messina, und dann fällt natürlich ganz Sizilien und wahrscheinlich ganz Italien, denn Italien wird keinen Sinn mehr darin sehen, gegen eine solche Übermacht zu kämpfen. Rom wurde vor Kurzem bombardiert!

Einerseits ist es eine Schande, andererseits ihre eigene Schuld, denn man hat sie vorher gewarnt. 2½ Stunden am Stück mit einem speziell ausgebildeten Korps. Man ist tatsächlich sehr vorsichtig vorgegangen, denn es wurde nur eine Kirche (von den 400) getroffen: die Basilika. Schrecklich schade, aber wahrscheinlich ging es nicht anders. Jetzt die Neuigkeit, die mich eigentlich so sehr zwingt, alles aufzuschreiben. Mussolini ist zurückgetreten. Gestern Abend hörten Pa und Ma die polnischen Nachrichten an und erfuhren das. Vor lauter Freude haben wir uns gegenseitig mit Tomaten beworfen. Denn das ist doch der Anfang vom Ende. Badoglio (73 Jahre), der ehemalige Vizekönig von Abessinien, königstreu und, soweit ich gehört habe, anti-Moffen, ist jetzt an der Regierung. In Deutschland heißt es, dass Mussolini aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten ist. Italien hält wohlweislich den Mund. Die faschistische Partei wird fast zur Gänze entbunden, und es werden allerlei Maßnahmen getroffen, die darauf hindeuten, dass man Angst hat, es gibt Stunk. Der Duce hatte vor ein paar Tagen noch Unterredungen mit Hitler, zu denen sie sich schon nicht so besonders herzlich begrüßt haben, und jetzt das. Es ist großartig!

Wir haben alle fast gar nicht geschlafen. Ich träumte immer wieder vom Duce. Das ist schon mal ein guter Fortschritt, aber jetzt noch den 2. Hund, und der ist der wichtigste.

Die Fokker-Fabrik in Amsterdam wurde gestern bombardiert. Ich glaube, auch getroffen, vor ein paar Tagen hatten sie danebengeworfen, à la am 31. März hier. Auch Schiphol bombardiert. Die Flughäfen in Frankreich bombardieren sie schon lange, und jetzt fangen sie mit Belgien und den Niederlanden an. Was bedeutet das? Invasion hier? Einerseits ist das zu hoffen: Dann sind wir schneller frei. Aber andererseits: Dann machen sie Rotterdam platt, und kommen wir dann mit dem Leben davon? Die Guerrillatruppen (Truppen, die von sich aus zu kämpfen angefangen haben) haben in Jugoslawien und Bulgarien schon eine Provinz erobert; wie sie das hinbekommen haben, ist ein Rätsel. Sie sind sogar in Kontakt mit den Engländern. Vielleicht, wahrscheinlich sogar, kommt die Invasion auf dem Balkan, Griechenland. Ma II und Pa II sind im Urlaub (2 Wochen), kommen erst am Sonntag zurück. Mies ist diese Woche auch nicht daheim. Ma I kümmert sich um alle, und Canis bringt alles. Bob kümmert sich um das Obst, „für die Gemälde“. Alles läuft ausgezeichnet. Nur schade, dass man Canis nicht ganz vertrauen kann. Wo es nur geht, klaut er sich ein paar Cent. Schrecklich gemein, denn erstens nutzt er unsere Position aus, missbraucht unser Vertrauen. Zum Beispiel essen wir ab und zu Eis, 8 Portionen 40 Cent. Jetzt schrieb er gestern auch 40 Cent auf die Liste, dabei hatten wir überhaupt kein Eis gegessen. Dann sagte er, als Ma eine Bemerkung darüber machte: „Das habe ich gegessen.“ Dagegen kann man doch nichts machen? Und so auch beim Milchmann, beim Gemüsehändler. Überall kommen 20 Cent dazu. Der Junge bekommt doch Taschengeld, sollte man meinen. Aber das ist eben so, wenn man schon so jung eine Beziehung hat, dann muss man mit seinem Mädchen Pop ausgehen. Obwohl ich überhaupt nicht dagegen bin, dass ein 17-jähriges Mädchen schon einen Freund hat. Sie gehen schon ungefähr 4 Jahre miteinander (sie ist ein paar Monate älter als er, aber er ist schon sehr vernünftig) und haben immer noch nicht genug voneinander. Wenn daraus etwas wird, fände ich das sehr schön. Die ganze Familie zieht ihn damit auf. Ma II will sie nicht im Haus haben, denn wenn es doch irgendwann auseinandergeht, will sie keine Mitverantwortung für den Kummer tragen. Ich hätte es vielleicht auch nicht in Ordnung gefunden, solche Rotznasen, aber ich selbst bilde mir auch ein, dass ich jemanden liebe, und nur von unserer ersten Begegnung hängt es ab, ob ich mit 17 oder 18 auch eine Beziehung habe (je nachdem, ob wir dieses Jahr freikommen, das muss sein, sonst ist er nicht mehr da). Vielleicht ist er ja schon verlobt. Ich überlege mir plötzlich, wie ich Jahre später über diese Seite lachen werde, wenn ich glücklich mit einem anderen verheiratet bin und überhaupt nicht mehr an ihn denke. Dann krieche ich zu meinem Mann auf den Schoß und frage ihn, ob er mir deswegen böse ist. Aber ich hoffe, dass du, mein lieber Mann, vernünftig bist. Jetzt kenne ich dich wahrscheinlich (80 Prozent) noch nicht, aber zu 20 Prozent besteht auch die Möglichkeit, dass ich dich kenne, und stell dir vor, du bist es wirklich, an den ich gerade denke. Aber so beständig sind Frauen meistens nicht, auch wenn ich mir wünsche, die positive Ausnahme zu sein. Mit Bob komme ich auch sehr gut zurecht. Ich liebe ihn wirklich, aber wie einen Bruder. Wir gehen sehr kameradschaftlich miteinander um; dass ich irgendwann einmal so ungezwungen mit einem jungen Mann umgehen würde, hätte ich nie gedacht. Ma II hat einmal die Bemerkung gemacht, Bob sei in mich verliebt, da war er wirklich kurz verlegen, und er sagte mit einer verlegenen Geste, dass er alle liebt, ein großes Herz hat. Und er erweist mir auch öfters mal sehr zärtliche Gesten. Setzt sich zu mir usw., aber trotzdem geht es nie zu weit. Und dann kämpfen wir manchmal wieder ganz altmodisch, ich ziehe ihm die Krawatte aus, und dann kann ich sicher sein, dass er mein Haar in Unordnung bringt. Aber das ist kein Problem. Man könnte es als Außenstehender vielleicht auch als eine Art Flirt betrachten, aber das ist es nicht. Ich finde es angenehm, einen Bruder zu haben, und noch dazu einen so intelligenten, so vielseitig entwickelten, trotz seiner 2 Jahre Gymnasium (denn damals wollte ihn überhaupt keine Schule mehr aufnehmen, weil er so wild war). Wir unterhalten uns oft, aber ich bin noch zu jung, zu wenig entwickelt mit meinen 3 Jahren HBS, ich kenne noch keine Literatur. Erst hier fange ich an, einige gute Bücher zu lesen (sogar so viel, dass aus der Arbeit nichts wird, habe schon mindestens 2 Monate nichts gemacht). Selbstständig habe ich Olie voor China’s lampen gelesen. Ganz ausgezeichnet. Verrückt, ich interessiere mich wirklich für die Chinesen. Vielleicht fahre ich noch mal dahin, mit meinem Mann, obwohl mich das Reisen eigentlich überhaupt nicht reizt. Aber wir werden sehen.

Heimliche Post

Um auf Bob zurückzukommen: Er hat lauter Ideen, die ein gewöhnlicher Mensch nicht hat, und die sind gar nicht mal so verrückt. Hier in dieser Familie wird zumindest noch manchmal diskutiert. Früher bei uns nie. Ra und ich waren uns meistens sowieso einig, ich nahm klaglos alles hin. Auch wenn man mich immer ausgeschimpft hat, ich wäre in der Opposition. Hier muss man seine Meinung verteidigen. Das ist nicht immer leicht. Bob arbeitet diese Woche hier zu Hause. An einem Akt: Eva, die einen Apfel aus einer ganzen Schale mit Obst nimmt. Ich stehe für die Hände und für die Gesichtszüge Modell (und für die Silhouette, vermute ich heimlich), aber diese Woche hatte er keine Lust; wir haben Kreuzworträtsel gelöst, sind also überhaupt nicht weitergekommen. Morgen machen wir uns wieder ordentlich an die Arbeit. Ich finde den Akt langsam richtig schön; jeden Tag schaue ich mir das Bild an, und dann lernt man jeden Pinselstrich kennen. Und das Gesicht ist auch so lieb, auch wenn er es jetzt verdorben hat. Ma II hat morgen Geburtstag. Vielleicht schicken wir ein Telegramm. Die erste Woche waren sie in Groesbeek, die zweite in Schin op Geul. Den ganzen Monat hat es gegossen, aber gerade, als sie abfuhren, klarte es auf, und das Wetter wurde herrlich. Wir hier in Rotterdam ersticken fast. Meine Vermutung, dass ich dann nur eine Rundreise durchs Haus mache, wenn es nicht anders geht, ist leider eingetreten, obwohl man nie wissen kann, denn jetzt läuft es gut.

13. August 1943. Neulich sind an einem einzigen Tag Orel und Catania gefallen, beide waren wochenlang schwer umkämpft. Ein großer Sieg. Nun kämpfen sie um Charkow. Wahrscheinlich wird es heute Abend fallen. Ich schreibe das alles so leicht hin, aber wenn man sich bewusst macht, wie viele dabei fallen, dann … Wie viele Frauen dadurch zu Witwen geworden sind, schrecklich. Aber die Leute da kämpfen zumindest, haben eine Waffe in der Hand, um sich zu verteidigen. Wir nicht!! Aus Polen ist neulich eine heimlich verschickte Postkarte von einer Bekannten gekommen. Sie arbeitet in einer Textilfabrik und hat es ziemlich gut, nur das Essen ist sehr schlecht. Froukje sagt, von jungen Leuten kommen öfter Nachrichten durch, dass sie irgendwo arbeiten. Also gibt es zumindest wieder Hoffnung. Vught, das Straflager für Juden und Nichtjuden, war sehr, sehr schlimm. Folterwerkzeuge, schreckliche Strafen (z. B. sah jemand eine Möhre auf der Erde liegen, hob sie auf, der Mof sah es, und er musste einen ganzen Tag mit dieser dicken Wintermöhre im Mund an einem Pranger stehen). Da kann man sich vorstellen, wie sich dieser Mensch abends fühlt; wenn sie aus jemandem etwas herausquetschen wollen, lassen sie ihn an einem entsetzlich heißen Tag mit drei elektrischen Öfen (und mit 3 Decken auf dem Rücken) dastehen. Genauso lange, bis derjenige zusammenbricht, sie schlagen die Leute, bis sie bluten. Jemand, der aus dem Lager kam, berichtete davon. Jetzt wird es langsam besser. Seyss-Inquart [Reichskommissar für die besetzten Niederlande, A.d.Ü.] und Schmidt (der vor Kurzem aus dem Zug „gefallen“ ist, das war großartig) haben dem Lager einen Besuch abgestattet und die schlimmste Folter abgeschafft. Jetzt wird es dort sogar fast „gut“. Jemand, der vor Kurzem von dort kam, erzählte, er hätte 15 Pfund zugenommen. Arbeiten musste er dort fast nicht (war, glaube ich, Aufseher bei den Frauenbaracken und bekam sehr viele Pakete). Man möchte fast denken: ein idealer Ferienort. Aber es ist ein Glück, dass es dort nun ein bisschen anständiger ist.

Für diesen Monat haben wir unsere Marken noch bekommen. Aber im nächsten? Wir fürchten um den Judenrat. Es ist dort nicht mehr so safe für die Juden. Froukje taucht bald unter. Sie ist sehr lieb, schickt uns hin und wieder etwas Leckeres. Ist es wahr, dass ich einen Minderwertigkeitskomplex oder einen Mangel an Vertrauen habe, weil ich mein Tagebuch versiegle? Ich weiß es nicht. Was ich schreibe, ist nur für sehr wenige bestimmt, vielleicht nicht einmal für meinen Mann. Und was das Zweite betrifft: Menschen sind schwach, vielleicht können sie der Versuchung einmal nicht widerstehen, und dann ist man wieder beim ersten Punkt: Es ist nicht für ihre Augen bestimmt. Obwohl, wäre es so schlimm?

Eigentlich wissen sie alles, was darin steht, denn jeder erlebt es. Nur, wie ich es in Worte fasse, wie ich es empfinde, das ist für mich selbst. Vielleicht ist es auch ein bisschen minderwertig. Ich versiegle es auf alle Fälle! Bis es Menschen gibt, die es wert sind, dass ich es öffne.

Info

Nachts träum ich vom Frieden Carry Ulreich Aufbau Verlag, 380 S., 22 €

18:00 14.03.2018

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