Hitlers bester Magier

Biografie Malte Herwig erzählt, wie es dem großen Illusionskünstler Kalanag gelang, seine NS-Karriere nach 1945 „wegzuzaubern“
Hitlers bester Magier
Helmut Schreiber hatte 1936 alle jüdischen Zauberer aus dem Magier-Verband geworfen

Foto: Klaus Kallmorgen/Friedrich/Interfoto

Wäre es nach seinem Vater gegangen, hätte Helmut Schreiber Mediziner werden sollen. Der Spross eines schwäbisches Textilkaufmanns glaubte indes bereits als Zwölfjähriger an seine Bestimmung zum Zauberer. Mit seinen schnellen Händen und einem flinken Mundwerk war der hochbegabte Teenager rasch erfolgreich. Er war erst 16 Jahre alt, als er 1919 als jüngstes Mitglied in den honorigen Magischen Zirkel aufgenommen wurde, der sich der Pflege und Förderung der Zauberkunst verpflichtete. Da hatte Schreiber schon den Künstlernamen Kalanag angenommen, benannt nach dem Elefanten Kala Nag aus dem Dschungelbuch. Damit begann der kometenhafte Aufstieg eines der größten deutschen Zauberkünstler des 20. Jahrhunderts.

Der Journalist und Schriftsteller Malte Herwig hat sich der Biografie des Helmut Schreiber nun angenommen. Doch wie erzählt man die Geschichte eines Mannes, der „sein Leben lang Täuschungskünstler war“? Indem man ihm nur glaube, was auch an anderer Stelle belegt sei, so Herwig. Er machte sich im Bundesarchiv, in Literatur und Gesprächen mit Zeitzeugen auf die Spur dieses Perfektionisten, dem fast jedes Mittel zu Macht und Karriere recht war. Malte Herwig hat als Biograf von Peter Handke, mit seinem Spiegel-Bestseller über Die Flakhelfer sowie zuletzt mit seinem preisgekrönten Podcast Faking Hitler über den größten deutschen Presseskandal – die Fälschung der Hitler-Tagebücher –, von sich reden gemacht. Auch in seinem neuen Buch stützt er den anregenden Stoff durch wissenschaftliche Recherchen, psychologische Kenntnisse und eine distanziert empathische Nähe zu seiner ambivalenten Hauptfigur. Durch eine gekonnt aufgebaute Dramaturgie zieht er die Leser in seinen Bann und zaubert so selbst ein wenig, wenn er über das abenteuerliche Leben von Helmut Schreiber berichtet.

Der junge Schreiber belegte an der Münchner Uni kurz Philosophie und Psychologie. Zielstrebig gründete er einen Ortsverein des Magischen Zirkels und ließ sich zum Vorsitzenden wählen. Der Künstler fühlte sich auch vom Film stark angezogen; er übersetzte englische Drehbücher ins Deutsche und schmuggelte dem Auswahlgremium kurzerhand ein eigenes Werk unter, das sogar angenommen wurde. Ihn störte es nicht, dass ihm oft ein Doktortitel angedichtet wurde, ganz im Gegenteil. „Ist im Leben eines Magiers nicht alles Illusion?“, so Herwig. „Simsalabim“ wurde nun zu Kalanags Beschwörungsformel – die hatte er zwar wie alle seine Tricks nicht selbst erdacht, doch er eignete sie sich an. „Das Publikum der zwanziger Jahre war bereit, es gierte geradezu danach, sich täuschen zu lassen“, beschreibt Herwig die Sehnsucht der Deutschen, sich nach dem Ersten Weltkrieg und dem als Niederlage empfundenen Vertrag von Versailles aus der Realität entführen zu lassen.

Geschickte Ablenkung ist der Schlüssel zur Kunst. Schreiber konnte sogar gestandene Wissenschaftler durch Suggestion manipulieren – sie waren seine Zielgruppe, um die Zauberei seriös zu untermauern und salonfähig zu machen. Dazu gehörte, sich von der allenthalben beliebten Hellseherei, von Okkultismus und Spiritismus abzugrenzen. In seiner neuen Wirkungsstätte Berlin mischte Schreiber bald als Aufnahmeleiter beim Film mit. 1927 übernahm er die Leitung des Vereinsblatts Magie, was ihm als Meister von „großmäuliger Eigenwerbung und absurden Übertreibungen“ sehr zupass kam: Nun hatte er sein eigenes Propagandaorgan. Man sagte ihm Eitelkeit und Geltungsdrang nach. Immer häufiger erwähnte er im Blatt seine Kontakte zu hohen Nazis.

Er verkörperte die Stunde Null

Mit Max Heilbronner drehte er seinen ersten Film und gründete 1932 mit ihm eine Produktionsfirma. Sein jüdischer Freund und Mitbewohner floh alsbald vor den Nationalsozialisten – und Schreiber bereicherte sich an dessen Hab und Gut. Skrupellos nutzte er die nationalsozialistische Bewegung für seine Interessen: Er hatte ein untrügliches Gespür für politische Stimmungen und hängte sein Mäntelchen opportunistisch in den Wind. Über Propagandaminister Joseph Goebbels wurde er Produktionsleiter in der Tobis-Filmgesellschaft und produzierte unter anderem das antisemitische Musical Robert und Bertram. 1936 war er nicht nur Präsident des Magischen Zirkels geworden, er wirkte auch kräftig an der Arisierung des Kulturbetriebs und der Überführung des Zirkels in die Fachschaft der Reichskulturkammer mit – „von einem Privatverein zu einer gleichgeschalteten Organisation des NS-Staates“. Zu den Aufgaben des Zirkels gehörte es, gegen das „Erklärungsunwesen“ vorzugehen, Zaubertricks sollten strikt geheim bleiben. Nazi-Deutschland war laut Herwig das einzige Land, das das Erklären von Tricks staatlich untersagte. Schreiber drohte mit der Gestapo, wenn Kollegen dagegen verstießen, er denunzierte ungeniert. Als „oberster Führer der deutschen Zauberer“ schloss er alle jüdischen Zauberer aus dem Zirkel aus. Er intrigierte außerdem gegen berühmte Kollegen wie Fredo Marvelli. Niemand durfte größer als der Große Kalanag werden.

Schreiber kam Hitler so nahe wie wohl nur Eva Braun: Er zauberte dem Führer in dessen Obersalzberger Feriendomizil eine mit Geld gefüllte Brieftasche in die Jacke. Dort war er ein regelmäßiger Gast und gern gebuchter Unterhalter. Dank seiner nützlichen Bindung an Hitlers persönlichen Adjutanten, SS-Gruppenführer Julius Schaub, spielte „der Kammerzauberer Hitlers“ auch auf dem opulenten Privatbesitz von Hermann Göring. Er zauberte für Mussolini, Speer und Himmler – und freilich auch mal vor den Truppen im Feld, um sie vom Krieg abzulenken. Allerdings schickte er lieber seine Konkurrenten zu Rommels Truppen in die Wüste, er zog lieber die Strippen mit den Mächtigen.

Wen wundert’s, dass Schreiber zum Kriegsende auch bei der Suche nach dem Nazi-Gold die Finger im Spiel hatte. Sein Biograf hält das Gerücht, sein Protagonist habe zuvor meisterhaft falsche Fährten gelegt und einen Teil des Schatzes beiseitegeschafft, für sehr plausibel. Die Amerikaner dankten dem Zauberer die Rückführung der Devisen und Goldwerte mit einem Persilschein für die Entnazifizierung. Doch bevor sie ihn wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP, die er in Verhören stets bestritt, doch noch zur Rechenschaft ziehen konnten, setzte er sich in den britischen Sektor nach Hamburg ab: Der Zauberer verschwand, um inmitten der Trümmer Deutschlands seine Karriere atemberaubend schnell wieder aufzunehmen. Mit frivoler Unterhaltung verzückte er nunmehr ein hanseatisches Publikum, der große Kalanag „verkörperte die Stunde Null“. Auch die Briten hat er geblendet, ihnen humorvoll sein angeblich unpolitisches, humanistisches Benehmen buchstäblich vorgezaubert. Nichts als ein harmloser Mitläufer sei er gewesen. Schreiber ging 1947 auf Welttournee – eine ungeheuerliche Revue mit 70 Mitarbeitern und 80 Tonnen Gepäck, vermutlich finanziert durch das geraubte Nazi-Gold. An seiner Seite glänzte seine Frau Anneliese als Gloria de Vos. Er moderierte in sieben Landessprachen, darunter Türkisch, ließ Autos von der Bühne verschwinden und servierte dem Publikum Drinks aus seiner „Wunderbar“. Sein Markenzeichen, so Herwig, war nun ein liebenswürdiger, bewusst onkelhafter Plauderton, der so gar nicht an die strammen Nazis erinnerte. Schreiber hatte seine Vergangenheit weggezaubert. Dennoch holte sie ihn immer wieder ein, wie der Autor feinfühlig über seinen schillernden Protagonisten erzählt. Mit dem Aufkommen des Fernsehens sank des Zauberers Stern. Kalanag war Zeit seines Lebens ein einsamer Getriebener, der für seine Frauen und Töchter aus zwei Beziehungen, die er bizarrerweise beide Brigitte nannte, nie wirklich Gefühle entwickelte; vermutlich nicht einmal für sich selbst. Alles war Illusion. Beruflich wie privat war Helmut Schreiber ein Täuschungsartist erster Güte – und ein besonders raffiniertes Musterbeispiel für die Verdrängung der Nazi-Zeit.

Info

Der große Kalanag. Wie Hitlers Zauberer die Vergangenheit verschwinden ließ und die Welt eroberte Malte Herwig Penguin Verlag 2021, 480 S., 24 €

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06:00 11.06.2021

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