Hoffnungslos aus der Art geschlagen

Im Gespräch Honduras' Ex-Präsident Manuel Zelaya über eine unerwartete Begegnung mit der Musik Richard Wagners im Exil im eigenen Land und die politische Zukunft seiner Partei

Der Freitag: Sie wollen mit Ihrer Partei LIBRE an den Wahlen 2013 teilnehmen. Mit der Erfahrung des Putsches von 2009 gegen Sie im Rücken – rechnen Sie ernsthaft damit, dass ein Sieg an den Urnen anerkannt würde?

Manuel Zelaya: Die neue Demokratiebewegung ist mit jetzt 30.000 Gruppen in jedem Viertel des Landes präsent. Ein Wahl­betrug ist ausgeschlossen. Diejenigen, die den Putsch von 2009 verantworten, haben ihre Lektion gelernt – aber ich auch! Die Menschen wollen keine Waffen und keine Gewalt, sie verlangen Demokratie. Wenn es wirklich in jeder Beziehung freie Wahlen gibt, dann werden wir diese gewinnen.

Die honduranische Verfassung verbietet, dass Sie erneut für das Präsidentenamt kandidieren. Wer soll Ihre Politik fortführen?

Meine Ehefrau ist die Politikerin mit der größten Popularität im Land. Sie hat den Putschisten auf der Straße die Stirn geboten und mich nach dem Staatsstreich verteidigt.

Zweieinhalb Jahre sind seither vergangen. Auf internationalem Parkett ist es ruhig geworden um Honduras. Berechtigterweise?

Noch immer herrscht ein Klima der Angst. Viele Sympathisanten der Demokratiebewegung werden verfolgt. Wir haben deshalb um eine Inspektion des UN-Menschenrechtskommissars gebeten. Jedenfalls kann von nationaler Versöhnung, wie sie die Regierung von Präsident Porfirio Lobo propagiert, keine Rede sein.

Dabei verhieß doch das 2011 geschlossene Abkommen von Cartagena neben Ihrer Rückkehr eine verbesserte Menschenrechtslage. Wurde zu viel ver­sprochen?

Präsident Lobo hat gute Absichten bewiesen, doch besitzt er nicht die Macht im Land. Die meisten der staatlichen Institutionen sind noch immer in der Hand derer, die hinter dem Putsch gegen mich standen. Angesichts der Macht­fülle dieser Elite ist der honduranische Staatschef in einer eher schwachen Position.

Seit wann wissen Sie das?

Seit ich selbst Präsident war und mir klar wurde: Es gibt Leute, die über dem Staat stehen. Sie dominieren Wirtschaft, Außenpolitik und Medien. Ich hatte ihre Existenz schlichtweg als Konkurrenz begriffen, bis sie den Staat mit Waffen überfielen.

Während Ihrer Amtszeit haben Sie sich Venezuela und dem Wirtschaftsbund ALBA – der Bolivarianischen Allianz für die Völker – zugewandt. Ein Bruch mit der Politik Ihres Landes bis dahin?

Nein, ich habe immer für die Einheit Lateinamerikas gekämpft und die Kooperation mit unterschiedlichsten Ländern gesucht. Washington hat verlangt, ich solle mich gegen Venezuela stellen. Doch hat uns dessen Präsident Hugo Chávez in einem Jahr mehr Hilfe für Gesundheits- und Energieprojekte angeboten als die USA in zehn Jahren.

Auch weil Honduras völlig vom Dollar abhängig war, habe ich unsere Wirtschaft geöffnet – besonders für Brasilien und Kuba. Wir kamen dadurch mit einer solidarischen Wirtschaftsform in Berührung, bei der es kein Geld gab, sondern Lehrer und Ärzte sowie die Idee der lateinamerikanischen Solidarität.

Dadurch haben Sie Honduras natürlich verändert …

… aber selbst bin ich stets der Gleiche geblieben. Allein durch meine christliche Erziehung stand für mich die Gleichheit der Menschen im Mittelpunkt. Der Reichtum sollte denen gehören, die dafür sorgen, dass es ihn gibt. Und nicht denen, die Wertpapiere darüber besitzen. Viele haben wahrscheinlich erwartet, dass ein Unternehmer wie ich auch als Präsident Geschäfte macht – ich habe mich allein auf mein Amt konzentriert.

Wie haben Sie den 28. Juni 2009, den Tag des Putsches, erlebt?

Das Leben, das ich bis dahin führte, endete auf absurde Weise – im Schlafanzug auf einer Landepiste in Costa Rica. Um fünf Uhr morgens standen Soldaten vor diesem Haus, in dem wir jetzt sitzen, und begannen zu schießen. Sie können noch die Einschusslöcher sehen. Sie brachen die Türen auf, zerrten mich in einen Wagen und fuhren mich zur Militärbasis Palmerola.

Einer Basis der US-Armee …

… ja, von dort starteten wir in einer Maschine Richtung Süden. Unterwegs sagte mir General Romeo Vázquez, der Oberste Heereschef, sein Befehl laute, mich zu erschießen. Weil er diese Order aber nicht ausführen wolle, würde ich nach Costa Rica ausgeflogen. Ich fragte mich damals, wer hat dem honduranischen Heereschef diesen Befehl gegeben? Über ihm stand nur der Präsident – und das war ich.

Sie sind dann heimlich nach Tegucigalpa zurückgekehrt und haben in der Botschaft Brasiliens Zuflucht gefunden.

Das war eine harte Zeit. Die Militärs leuchteten nachts mit Scheinwerfern in die Botschaft und spielten in ohrenbetäubender Lautstärke die Musik Richard Wagners. Sie wollten mich zwingen, herauszukommen. Sogar mit Giftgas, das uns wie Schwindsüchtige taumeln ließ. Gerettet haben uns Brasiliens Präsident Lula und die latein­amerikanische Einheit, so dass ich in die Dominikanische Republik ausreisen konnte. Das Exil ist etwas Furchtbares. Es zieht einem den Boden unter den Füßen weg.

Was hatte die Oligarchie so gegen Sie aufgebracht, dass es zum Putsch kam?

Die Machtgruppen in Honduras genießen üppige Privilegien. Sie zahlen keine Steuern, besitzen Pachtverträge mit Laufzeiten von 100 Jahren und sitzen auf hoch dotierten Beamtenposten. Ich wollte all das überprüfen lassen. Mehr noch hatte die Elite aber Angst davor, das eigene Volk an der Macht teilhaben zu lassen. Sie hatte Angst vor mehr Demokratie.

Sehen Sie auch außerhalb von Honduras Urheber des Putsches? Zumindest war die US-Armee informiert.

Die Frage der Hegemonie in Lateinamerika war sicher ein Grund für den Putsch. Die USA glauben, dass die Freunde ihrer Feinde automatisch ihre Feinde sind. Das traf auch auf mich zu. Ich denke nicht, dass die Regierung Obama in den Putsch verwickelt war. Definitiv aber einflussreiche rechte Machtgruppen in den USA.

Internationale Menschenrechtsorganisationen beklagen, dass in Ihrem Land noch immer Oppositionelle spurlos verschwinden. Warum geschieht das?

Weil in Honduras paramilitärische Schwadronen und die Polizei Hand in Hand arbeiten. Seit meiner Rückkehr sind allein fünf Menschen ermordet worden, die mir nahe standen.

2012 soll das Assoziierungsabkommen zwischen Zentralamerika und der EU ratifiziert werden. Wie bewerten Sie, dass die EU eigens dafür den umstrittenen Präsidenten Lobo anerkannt hat?

Europa hat die Menschenrechte vergessen. Die Demokratie in Honduras war ihnen nicht viel wert, als es darum ging, Handelsverträge zu zeichnen. Sie zwingen unsere Bauern mit subventionierten Agrarprodukten aus Europa und den USA in die Knie. So bleiben wir in all diesen Dingen immer eine Kolonie. Europa ist die Wiege der Demokratie, die dortigen Regierungen sollten deswegen die Menschenrechte auch im Rest der Welt nachhaltig stärken. Im Diskurs tun sie dies, doch faktisch stehen Außenhandel und Ressourcen- Sicherung an erster Stelle.

Das Gespräch führten Kathrin Zeiske und Øle Schmidt. Sie sind als Reisekorrespondenten in Zentralamerika

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