Hofsprache

Linksbündig Sollen Schüler in der Pause deutsch reden?

Als der Schulleiter die Deutscharbeit eines Sechstklässlers sah, in der sich auf zwei Seiten kaum ein richtig geschriebenes Wort fand, platzte ihm der Kragen. Kurzerhand formulierte er ein Schreiben an die Eltern, in dem er darauf hinwies, dass die Umgangssprache an der Schule "weder Russisch noch Türkisch" sei, sondern Deutsch. Ihm war aufgefallen, dass vor allem die Kinder von Spätaussiedlern untereinander ausschließlich russisch redeten und sich dadurch von ihren Mitschülern und auch von den Lehrern isolierten. Kaum war das Schreiben an die Öffentlichkeit gelangt, da brach ein Sturm der Empörung über ihn herein. Von der Lokalpresse bis zu Bild wurde das "Türkischverbot" thematisiert, die Schulbehörde maßregelte den eigenmächtigen Rektor, und die Bundesbildungsministerin war aufgebracht. Aber es gab auch entgegengesetzte Reaktionen. Vor allem aus eher rechten Kreisen kam unerwünschter Beifall. Unversehens stand der Pädagoge, dem es um die sprachliche Qualifikation und damit um die berufliche Zukunft der ihm anvertrauten Kinder und Jugendlichen gegangen war, im Mittelpunkt einer ideologisierten Debatte.

Mehr als sechs Jahre ist es her, dass Ingrid Müller-Münch in der Frankfurter Rundschau über das Schicksal des Realschulrektors Uwe Grintz berichtete, dessen aus einem Impuls geborene Einzelaktion den Blick auf die systematische Benachteiligung von Kindern aus Einwandererfamilien aufgrund ihrer sprachlichen Probleme lenkte. Mittlerweile ist es unbestritten, dass ein erheblicher Teil der türkischstämmigen Jugendlichen, nicht zuletzt aufgrund mangelhafter Deutschkenntnisse, die Schule ohne einen qualifizierten Abschluss verlässt und somit auf dem Ausbildungsmarkt praktisch chancenlos ist.

Wenn also nun die Diskussion über die "Deutschpflicht auf dem Pausenhof" wieder aufflammt, geschieht dies unter vollkommen veränderten Vorzeichen. Jutta Steinkamp, Leiterin der Berliner Herbert-Hoover-Realschule, die jetzt wegen ihrer "Sprachregelung" in die Schlagzeilen geraten ist, muss nicht befürchten, dass die vorgesetzte Dienstbehörde ihr von Amts wegen einen Rüffel erteilt, im Gegenteil. Der sozialdemokratische Bildungssenator zeigt sich von der Idee ebenso begeistert wie Bundestagsvizepräsident Thierse und die Migrationsbeauftrage der Bundesregierung, Maria Böhmer.

Und eher wie ein vorhersehbarer Reflex mutet es an, wenn im Einklang mit türkischen Vereinen die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth oder die Lehrergewerkschaft GEW protestieren. Dabei kann bezweifelt werden, dass sich die Kritiker tatsächlich genauer mit dem beschäftigt haben, was Schüler, Lehrer und Eltern der im Problembezirk Wedding gelegenen Realschule vor über einem Jahr gemeinsam beschlossen haben. Hier ging es wohl kaum darum, der leidigen Leitkultur-Debatte eine neue Facette hinzuzufügen, sondern um eine vernünftige Regelung für ein pädagogisches Problem. Bei acht bis zehn verschiedenen Sprachen pro Klasse, ist es nämlich nur vernünftig, wenn auch außerhalb des Unterrichts deutsch gesprochen wird. Allein, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt. Zudem sind gute Deutschkenntnisse die Voraussetzung für einen Ausbildungsplatz. Deshalb ist gleichzeitig auch die Stundenzahl des Deutschunterrichts erhöht worden. Bestraft wird übrigens niemand, der sich nicht an den Sprachpassus der Hausordnung hält, sondern nur an die Übereinkunft erinnert.

Dies sollten auch all jene bedenken, die jetzt davon träumen, per administrativem Akt die Deutschpflicht auf alle Schulhöfe der Republik auszudehnen. Ebenso wenig wie die gesundheitsbewussten Kultusminister, die das Rauchen in Schulen generell untersagt haben, verhindern können, dass hinter dem Fahrradständer heimlich gepafft wird, lassen sich Kinder und Jugendliche durch ein Verbot davon abhalten, in ihrer Muttersprache oder - wie es nicht selten der Fall ist - in zwei Sprachen gleichzeitig zu kommunizieren. Vernünftiger ist es allemal, dem Beispiel der Herbert-Hoover-Schule zu folgen und zu einem Beschluss zu kommen, den vor allem die Schüler mittragen können. Diesen ist nämlich durchaus bewusst, welche Nachteile ihnen aus schlechten Deutschkenntnissen erwachsen können, selbst wenn sie sich manchmal aus Bequemlichkeit lieber ihrer Muttersprache bedienen.

"Integration lässt sich nicht mit Pausenregelungen erzwingen". Da hat Claudia Roth sicher recht. Sie kommt aber auch nicht von selbst. Das sollten die Erfahrungen der letzten 30 Jahre gezeigt haben.


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00:00 03.02.2006

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