Hört die Signale!

THEATER IN STUTTGART Der Regisseur Elmar Goerden und sein "Jüngster Tag"

Natürlich ist Horváth besser als Brecht, näher an den Widersprüchen seiner Zeit, brutaler, illusionsloser. Und er ist näher an unseren heutigen Lügen und politischen Erbärmlichkeiten als mancher Gegenwartsautor. Wer also als Regisseur nicht nur Stilübungen veranstalten, den wilden Mann markieren oder die Vorbilder von gestern, sprich: das alte Brechtsche Modelltheater durch die Mangel drehen will, der landet irgendwann wieder bei dem Jargonspezialisten der dreißiger Jahre, der 1938 in Paris durch einen bei einem Gewitter herabstürzenden Ast erschlagen wurde.

Elmar Goerden, in Stuttgart immer wieder durch feine, psychologisch durchgearbeitete Inszenierungen aufgefallen, hat ganz offensichtlich nach einem Spiegel für die Abgründe der neuen Bundesrepublik gesucht - und ist kurioserweise nicht bei Horváths die Verblödung der Menschheit vorführenden Volksstücken, sondern beim Jüngsten Tag gelandet. Und das heißt: es geht Goerden wirklich um Moral. Denn dieses kleine Stück (es ist charakteristischerweise schon im Exil geschrieben) trägt einen ethischen Anspruch vor sich her, der uns heute fremd geworden ist: Tote stehen auf und stellen explizit die Frage nach Schuld und Verantwortung - Fragen also, die schon die alten Nazis nicht beantworten wollten und auf die - in dieser Tradition - auch ein Herr Kohl nicht eingehen will.

Horváth bedient sich einer banal anmutenden, hinterwäldlerischen Exposition: der Bahnhofsvorstand Hudetz, in Stuttgart wird er von dem Schauspieler Thomas Loibl als verkrümmter, gehemmter Riese gegeben, lässt sich von der Wirtstocher Anna in einen kurzen Flirt hineinziehen. Die relativ sprachlose Szene kulminiert in einem Kuss - Hudetz vergisst, ein Signal zu stellen, der vorbeifahrende Eilzug entgleist, und es gibt 18 Tote, die in Stuttgart zum Teil säuberlich in Plastiksäcken auf der Bühne liegen.

Der Bezug auf das Zugunglück von Eschede (an dem bekanntlich auch niemand schuld war und für das jetzt ein armer Lokführer den Kopf hinhalten soll) ist nur äußerlich. Viel wichtiger ist die innere Haltung des kleinbürgerlichen Stationsvorstands, der sich zunächst seines Versagens wohl bewusst ist, sich dann aber vor sich selbst immer mehr in Schutz nimmt, ein guter Beamter, pflichtbewusst und fehlerlos. Wer ist schuld? Ich doch nicht! Eine sehr deutsche Haltung. Bis die Toten kommen. Und in dieser Inszenierung eben auch Fragen stellen, die weit zurückreichen.

Goerden und seine Bühnenbildnerin Katja Hass lassen das Stück in jener rußigen, schmutzigen Bahnhofsmuffigkeit spielen, die für die dreißiger Jahre typisch ist. Abgewrackte Existenzen aus der Provinz erzählen Klatschgeschichten, Kretins, Zukurzgekommene, Vorläufer der Boulevardpresse und des Peep-Fernsehens. Sie sitzen in einem Wartesaal, die Eisenbahn-Technik stammt aus dem Pleistozän der Industrialisierung, eine kleine Welt, Kleinbürger nach Inflation und Wirtschaftskrise - und in dieses vorsintflutlich anmutende Horrorkabinett packt der Triebanalytiker Horváth als zusätzliches Movens noch ein ungleiches Paar: er gibt dem Bahnhofs-"Vorstand" eine um 13 Jahre ältere, von Eifersucht gequälte Frau bei (Helga Grimme spielt sie ganz virtuos als verkniffene, aggressiv-säuerliche, hysterisch-weinerliche Person). Nicht nur, dass sich das Dorf das Maul zerreißt - auch innerhalb der Beziehung ist die Erotik längst beim Teufel, obwohl Hudetz das nach außen nicht zugeben mag.

Das Kleine, Lächerliche, Hilflose, Unbegriffene hat Goerden schon immer interessiert; für ihn wie für Horváth sind Sex, Begehren, Eifersucht die Antriebskräfte der Weltgeschichte, viel stärker als das entfesselte Wirtschaftsleben oder als zivilisatorische Zähmungsversuche. In der diffizileren, noblen Oberschichts-Variante hat Goerden das Thema gerade mit Robert Musils Schwärmern abgehandelt, ein ungemein schwieriges, sprachlastiges Stück, großbürgerliche Existenzen, die einander umkreiseln, Hysterikerinnen und Weiberhelden, große Sehnsüchtige und Nihilisten, und es ist schade, dass es diese Aufführung nicht bis zum Theatertreffen geschafft hat - die Berliner hätten etwas lernen können: wie man dieses halbkitschige, überdifferenzierte Bürgerparlando ernst nimmt, wie man es in eine körperliche Lockerheit bringt, so dass es uns noch angeht. Goerdens Schwärmer waren ein Abend der Lebensunlust, der abgehobenen falschen Gefühle, der ständig beredeten Möglichkeitsform; der "Jüngste Tag" ist nun die trivialisierte Variante, die aber die Bestialität industrieller Gesellschaften illusionslos auf den Punkt bringt.

Dabei gibt es in dieser über dreistündigen Inszenierung nie diesen typischen, sarkastischen Horváth-Ton; es gibt nur Stille, endloses Zerdehnen dieser nicht aushaltbaren Spießbürgerlichkeit. Aufgelockert wird das Ganze durch Entertainer-Einlagen, Gesang, Parodien, Sauberkeits- und Trink-Rituale. Das ist das Einzige, was man der Aufführung vorwerfen kann: dass sie zuviel auf einmal versucht. Wenn die Wirtstochter Anna, von Katja Uffelmann etwas zu forciert auf ätherischen Sex getrimmt, vor einem zappeligen Kriminalkommissar aussagt und später vor Gericht einen Meineid schwört, ist das viel zu nah an überflüssigen Tatort-Klischees. Goerden zitiert die Lampion-Kultur aus der Italienischen Nacht oder Totentanz-Elemente aus Glaube Liebe Hoffnung, er inszeniert die aus dem Fernsehen geläufige Samstagabend-Schlagerseligkeit ("Schön, schön, schön war die Zeit...") und lässt das, dick wie Sirup, zehn Minuten lang im Raum stehen. Er steckt den Schauspieler Helmut Lorin in ein Alte-Frauen-Kleid und unter eine Pony-Perrücke und lässt ihn als altes Weib, als ressentimentbesessene Königin der Klatschbasen alle Register des Nazitums ziehen. Das Unterhaltsame und das Bösartige passen manchmal nicht recht zusammen; in einigen Glücksmomenten kippt das eine in das andere hinüber, und dann werden aus singenden Alleinunterhaltern (Klaus Weiss, Klaus Hemmerle) sadistische, ironische, mafiose Quälgeister.

Ständig verstößt diese Aufführung nicht nur gegen die linke political correctness, untergründig stellt sie Bezüge her zur Clintonschen Meineid-Kultur oder zu Kohlschen Selbstgefälligkeiten, sogar zur Kronzeugenregelung, die die Bundesrepublik einst als Instrument gegen die RAF einführte und die an diesem Abend ad absurdum geführt wird. Und der Regisseur untergräbt schön das tumb-feministische Weltbild der angeblich armen unterdrückten Frau, das in der Nachfolge der Kelly-Bastian-Tragödie so gern gepflegt wird: wenn Anna und Hudetz ihre Amour fou auf den Siedepunkt treiben, dann gibt es keine Guten und Bösen mehr. Schlag mich, töte mich - die Wirklichkeit ist komplizierter als ihre politische Verkleinerung.

Dazu dann noch signalhafte, leitmotivisch wiederkehrende Geräusche und Musiken - das Pfeifen und Rattern der Züge, das Klingeln im Gleiswärter-Häuschen, eine untergegangene akustische Welt, die hier wiederbelebt wird. Ein falsch gestelltes Signal ist der Ausgangspunkt: eine schöne Metapher. Keiner ist schuld: eine noch bessere Schlussfolgerung, die wir täglich in der Zeitung lesen und die auf dem Theater ihre ganze Grässlichkeit entfaltet. Dass die bundesrepublikanische Gesellschaft sich nie von ihrer Nazi-Vergangenheit gelöst hat, dass auch Helmut Kohl, auf geringfügig andere Weise, mit Beschönigen und Verdrängen beschäftigt ist, das ist selten so klar geworden wie an diesem Abend. Das Stück, eine der letzten Arbeiten des zu früh umgekommenen Horváth, ist durch seinen offensiven moralischen Anspruch dramaturgisch viel schwächer als die lakonischen Volksstücke. Aber Elmar Goerden hat etwas Großes daraus gemacht: nach über drei Stunden fühlt man sich ein bisschen matt und ein bisschen wie geprügelt. Die Toten stehen auf, und sie spuken durch unsere Träume: sie fordern Rechenschaft.

00:00 09.06.2000

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