Er nennt mich Ospe

Herkunft Ich bin in der DDR geboren, habe aber keine Erinnerung an sie. Geprägt hat das verschwundene Land mich trotzdem

Ich bin 1987 in Potsdam geboren und aufgewachsen und lebe, nach einigen Jahren in Frankreich und der Schweiz, nun in Berlin. Schon in meinem Roman Familie der geflügelten Tiger (Kiepenheuer & Witsch 2016) bin ich der Frage nachgegangen, wie die DDR die nachgeborene Generation geprägt hat, die keine Erinnerungen hat an das Land namens DDR, in dem sie geboren wurde. Sie ist auf das familiäre und kollektive Gedächtnis angewiesen, um die eigene Geschichte zu verstehen.

Das Jubiläum zu 30 Jahre Einheit nehme ich zum Anlass, über den Osten im Zusammenhang zur Klassengesellschaft nachzudenken. Dabei kommt unweigerlich meine eigene Generation in den Blick, und ihr gespaltenes Verhältnis zur Leistungsgesellschaft, das zwischen 80-Stunden-Woche und Ausbeutungsverweigerung pendelt.

Umsatz auf dem Klo

Mein Geburtsland DDR, an das ich keine eigenen Erinnerungen habe, beschäftigt mich zunächst nur als widersprüchliche Zuschreibung von außen: Ich werde zum Ossi gemacht, als mich mein erster westdeutscher Freund, in Wortverspielung der Wespe, liebevoll Ospe nennt. Von ihm lerne ich auch, dass man über Geld nur spricht, wenn man keins hat. Fest in meiner Erinnerung zementiert ist außerdem der Satz eines Unternehmers aus dem Westen, der etliche Firmen aufgebaut hat: „Es gibt nichts Besseres, als auf dem Klo zu sitzen und zu wissen, dass deine Firma gerade Umsatz macht.“

Es ist ein Satz aus einer anderen Welt. Dort, wo ich herkomme, ist es undenkbar, Geld auf dem Klo zu verdienen; Geld verdient man durch Arbeit. Und ebendort werde ich etwa zeitgleich zum Wessi gemacht, als mir am Küchentisch attestiert wird, von der DDR keine Ahnung zu haben und ein Kind des Kapitalismus zu sein. Es dauert fünf Jahre Auslandsaufenthalt und einen Roman, bis ich beide Zuschreibungen von mir weise und in der Ostsozialisierung ein begriffliches Zuhause finde.

Bodenlose Datsche

In der Zeitung sehe ich eine Infografik. Der Osten erbt anders, ist sie überschrieben und zeigt anhand der Erbschaftssteuer pro Einwohner, dass in westdeutschen Familien ein Vielfaches an Vermögenswerten von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Kein Wunder, in ostdeutschen Familien fehlen 40 Jahre, in denen Vermögen hätte angehäuft werden können. Ich denke an das Grundstück, auf das meine Großeltern in den 1960ern eine Datsche gebaut haben.

Ein Ankaufsrecht, wie es das für Eigenheime auf fremdem Boden nach der Wende gab, ist bei Wochendendhäusern und Garagen nicht eingeräumt worden. Der Pachtvertrag für die Datsche fällt damit unter das Schuldrechtsanpassungsgesetz, das die unterschiedlichen Eigentumsverhältnisse von DDR und BRD nur befristet regelt: Bis 2022 gilt ein Investitionsschutz, danach müssten wir das Grundstück in seinem unbebauten Zustand zurückgeben, sollte der städtische Eigentümer den Pachtvertrag kündigen. Im Klartext kann das Abrisskosten um die 10.000 Euro bedeuten. Das ist das Kleingedruckte ostdeutscher Erbschaften, das sich auch die nächste Generation durchlesen muss.

Dritte Klasse

Gregor Gysi schreibt über den Wiedervereinigungsprozess: „Diese Entwicklung, die den Ostdeutschen und dem Osten seit 1990 nie das Gefühl von Gleichwertigkeit vermittelte, hat vielleicht mehr zur Herausbildung einer ostdeutschen Identität beigetragen, als es die Führung der DDR je vermochte.“ Mag sein, dass sich die Ostdeutschen in der Bundesrepublik ostdeutscher fühlen als je zuvor. In Umfragen stimmt die Mehrheit jedenfalls der Aussage zu, sie fühlten sich gegenüber Westdeutschen als Bürger zweiter Klasse – bilden die Ostdeutschen eine ökonomische Klasse? Wenn wir mal großzügig die sehr verschiedenen Nachwendebiografien in einen Topf werfen, bleiben klar strukturelle Gemeinsamkeiten erkennbar. Angesichts niedrigerer Löhne, Renten und Vermögenswerte kann ökonomisch von Einheit keine Rede sein. Erstaunlich daran finde ich den optimistischen zweiten Platz. In Deutschland besitzen die reichsten zehn Prozent mehr als die Hälfte des Vermögens. Der Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit von Vermögensverteilung beziffert, ist seit 1991 von 0,25 auf fast 0,3 gestiegen. In diesem Land kann höchstens von einer dritten Klasse die Rede sein.

Utopie Gemüse

Als ich gefragt werde, welcher Klasse ich mich zugehörig fühle, ist meine erste Antwort nicht „ostdeutsch“, sondern „kreatives Prekariat“ – kaum ökonomisches, aber viel kulturelles Kapital. Mir fällt L. ein, die Philosophie studiert hat und jetzt im Wendland Gemüse anpflanzt – welcher Klasse wäre sie zuzuordnen? Unsere mehrschichtigen Herkünfte und Selbst-Neuerfindungen ergeben so wilde wie verwirrende Biografien in den Zwischenräumen der herkömmlichen Klassenbegriffe. Wenn wir in dieser Unübersichtlichkeit über Klasse sprechen, brauchen wir mehr als nur die Ost-West-Unterscheidung – und vor allem die Bereitschaft, überhaupt über Klasse zu sprechen. Die Frage danach zerrt die eigenen Eltern ins Rampenlicht. Wir wollen aber eine Gesellschaft sein, in der egal ist, woher man kommt, und nur zählt, wo man jetzt ist, als hätte das eine nichts mit dem anderen zu tun – eine Utopie, die ich mag, der wir aber nicht näher-kommen, indem wir sie einfach behaupten und dabei Unterschiede tabuisieren. Tatsächlich benutze ich das Wort Klasse so selten, dass es sich wie aus einer Fremdsprache anfühlt. Meiner Vokabelliste füge ich das kreative Prekariat hinzu.

Burn-out-Klinik

Als wir beim jährlichen Autor*innentreffen wiederholt anstoßen, weil jemand den Vollzeitjob zugunsten des Schreibens gekündigt hat, sagt T. staunend: „Wir sind also die Generation, die sich gegenseitig zur Kündigung beglückwünscht.“ Auch unter meinen kunstbetriebsfernen Freund*innen beobachte ich eine zunehmende Selbstverständlichkeit, Sabbaticals, Eltern- und Teilzeit einzufordern und ansonsten lieber zu kündigen. Warum sollten wir uns abplagen, wenn Leistung und Entlohnung derart entkoppelt sind, dass man auf dem Klo am besten Geld verdient? Wenn sowieso klar ist, dass wir nie zu diesem von selbst arbeitenden Geld kommen werden, dann produzieren wir lieber wenig rentables Gemüse oder Bücher. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Ein anderer Teil meiner Generation arbeitet locker 80 Stunden pro Woche und stellt die Leistungsgesellschaft, wenn überhaupt, erst in der Burn-out-Klinik infrage. Denn wie Sophie Hunger schon singt, ist das Universum genau wegen seiner Ungerechtigkeit voller Hoffnung – vielleicht gehört man irgendwann, wenn man sich nur genug anstrengt, ungerechterweise zu denen, die Glück haben.

Verdächtiges Geld

Zu Hause gibt es den Glaubenssatz: In unserer Familie bereichert man sich nicht. Als Abgrenzung zum Raubtierkapitalismus überträgt er das Konzept Klassenfeind auf mich, auf die nächste Generation. Dabei entsteht eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Geldverdienen, gleichzeitig wird die vergleichsweise schlechte Lage aller Ostdeutschen beklagt. Man gehört dazu, wenn man prekär lebt, und man steht unter Verdacht, wenn man zu Geld kommt. Meine Höhenangst betrifft nicht nur Schluchten, Türme und Flugzeuge, sondern auch das obere Ende der Karriereleiter. Zum Glück verdiene ich als Autorin nicht besonders viel. Die Ostsozialisierung beinhaltet ein diffuses Orakel: Die Erzählung, dass von heute auf morgen alles anders sein kann, ist so fest in meine DNA eingeschrieben, dass ich nicht an eine politische und ökonomische Stabilität glaube. Worte wie Bausparvertrag und Rente gehen mir nicht über die Lippen, weil ich Zweifel habe, dass es das System, innerhalb dessen diese Dinge erst sinnhaft werden, noch geben wird, wenn sie für mich relevant werden. Das Orakel beschwört den Zusammenbruch des Kapitalismus mal utopisch, mal dystopisch herauf und verhindert, dass ich bauspare oder altersvorsorge.

Kunst und Armut

2014 diskutiert der Literaturbetrieb die Frage, ob er zu sehr von Arztsöhnen und zu wenig von Arbeiterkindern bewohnt ist. Ich weiß mal wieder nicht, in welche Schublade ich gehöre. Meine Großeltern waren freiberufliche Gebrauchsgrafiker und Mitglieder im Verband Bildender Künstler der DDR. Sie haben Messen und Ausstellungen gestaltet und dafür auch im nicht sozialistischen Ausland gearbeitet. Mein Vater war Schmied, hat aber eine wenig einflussreiche Rolle in meinem Leben gespielt. Mein Onkel hat an der Kunsthochschule studiert und war Bildhauer. Meine Mutter hat Kunst und Germanistik auf Lehramt studiert, heute arbeitet sie als Grafikerin in einem Bundesverband und macht Kunstprojekte. In erster Linie bin ich in einer Künstlerfamilie groß geworden. Geld spielte weder keine Rolle noch war es so knapp, dass ich jemals etwas nicht machen konnte. In dem kreativen Milieu, in das ich geboren wurde, bin ich geblieben. Literarisches Schreiben zu studieren, ich gebe es nur ungern zu, war sogar der Vorschlag meiner Mutter. Das Prekariatsrisiko für die Kunst in Kauf zu nehmen, ist vertrauter Kinderzimmerboden, oder wie J. es mal formulierte: „Ich habe genug Hartz IV im Blut.“

Ich bin erfrischend

Anlässlich eines Stipendiat*innen-Empfangs bin ich zu Gast in der reichsten Privatwohnung über drei Etagen, in der ich je gewesen bin. Während mir ein weißhemdiger Bediensteter den Mantel abnimmt, denke ich an einen Satz von K.: „Die Sprache verrät uns“, und frage mich, welches Wort mich an diesem Abend verraten wird. Dann hält ein FAZ-Journalist für die kleine Gesellschaft einen Kurzvortrag, frei und derart eloquent, dass ich heimlich Atemübungen mache, bevor ich in der anschließenden Vorstellungsrunde an der Reihe bin. Auf dem Buffet steht, wie der weiße Milchzahn in all der Dunkelheit von Wald bis Wasserglas, eine ja! – Flasche Orangensaft. Ich behalte sie im Augenwinkel, während ich spreche, und trinke sie später aus, nachdem ich mich getraut habe, die Angestellten nach Bier zu fragen, das es nicht gibt, und vielleicht hätte mich diese Frage verraten, wenn es denn etwas zu verraten gegeben hätte. Beim Abschied bezeichnet mich eine Frau als „erfrischend“, und als ich heimgehe, halb Getränk, halb Pool, denke ich: Es ist schön, dass mich nichts verraten kann, weil ich kein Geheimnis bin.

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06:00 29.04.2020

Ausgabe 44/2020

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