Ich bin kein Problem

Gesellschaft Nach Halle ist Antisemitismus wieder Thema. Doch auch gut gemeinte Identitäts-Diskurse führen in die Irre
Hazel Rosenstrauch | Ausgabe 42/2019 26
Ich bin kein Problem
Demonstration gegen Antisemitismus in Berlin nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Halle

Foto: Imago Images/snapshot

Jetzt melden sie sich wieder, die lieben, die besorgten, ängstlichen und philosemitischen Bekannten. Nun also Halle. Sie erinnern mich daran, dass ich ihre – oft einzige – „jüdische“ Freundin bin, und ich stelle wieder einmal fest, dass so ein Anschlag mit einer aus dem 3-D-Drucker gebastelten Waffe, gefilmt mit Stirnkamera, als jüdisches Problem wahrgenommen wird. In offiziellen Statements wird allerdings auch betont, dass es „die Deutschen“ trifft. Wer aber diese Deutschen und die bemitleideten Juden sind, weiß ich noch immer nicht. Juden, sage ich, weil ich ja etwas sagen muss, sind der Seismograf. Sie kommen als Erste dran, wenn gerade keine Moslems oder Schwulen zur Hand sind. Wenn jemand vor Wut platzt und nicht weiß, wer schuld daran ist, dass er nicht genug beachtet wird, dass sich kein Erfolg einstellt, dass er alleine mit Ballerspielen in seinem Zimmer hockt, nichts zu sagen hat.

Ich würde lieber über diese Wut sprechen und die Möglichkeit, sich Waffen zu basteln. Ich würde lieber über die Geräte reden, die es so leicht machen, wüste Beschimpfungen und Verschwörungstheorien in die Welt zu schleudern. Und über die Frage, wie viele Sympathisanten es innerhalb des Verfassungsschutzes und der Polizei gibt, ob es Folgen hat, dass die allgemeine Wehrpflicht aufgehoben wurde. Und ob „Volkes Stimme“ nicht vielleicht doch kontrolliert werden müsste. Und dann überlege ich, ob ich so einen Artikel unter meinem Namen schreiben soll, oder befürchten muss, in den Fokus dieser – ja was denn? Irren? Rechtsradikalen? Verschwörungstheoretiker? – zu geraten.

Die aktuellen Demonstrationen zeigen, dass viele nichtjüdische Deutsche betroffen reagieren. Es ist eines dieser seltenen Wunder, dass in diesem „ihrem“ Land der Antisemitismus weitgehend verfemt ist und viele Menschen wirklich erschrocken sind und etwas tun. Und wie geht es den differenzierten, gebildeten Türken, Syrern, Iranern, wenn sie eine solche Meldung hören? Diskutieren sie das untereinander? Darüber habe ich noch nichts erfahren.

Im Unterschied zu Politikern oder Funktionären, deren Beruf es ist, Antworten zu geben, weiß ich nicht, was man tun soll. Wen meint so ein Mensch, wenn er Juden erschießt? Ich erzähle gerne die Geschichte von dem kleinen Mädchen, das, als es alt genug wurde, um den Judenstern zu tragen, seinen Onkel gefragt hat, was das ist, ein Jude. Und er antwortete: Es gibt viele Arten, jüdisch zu sein, die Einzigen, die wissen, was das ist, sind die Nazis.

Aber das stimmt nicht mehr ganz. Es gibt Funktionäre und Berufsjuden, Wichtigtuer und Neurotiker, die in einem Fall wie in Halle im Namen „der Juden“ sprechen. Es werden ja auch immer Funktionäre und „Menschen jüdischer Abstammung“ gefragt, ob sie Stellung nehmen könnten, weil Sendungen, Zeitungen und Presseerklärungen gefüllt werden müssen. Auch das gehört zur normal gewordenen Einteilung von Menschen nach Herkunft und, um dieses grassierende Unwort zu verwenden, „Identitäten“. Wir kennen dies aus den Klagen dunkelhäutiger oder schwarz gelockter Bürger, die genervt sind, wenn sie auf ihre ethnische Herkunft reduziert werden.

Aber wie der Fall Halle zeigt, lässt sie sich nicht negieren. Man wird so eine Herkunft nicht los, angeblich dauert es drei bis vier Generationen, und wir befinden uns nicht in den USA, wo Mischungen zur Normalität gehören. Oder gehörten, denn auch da ist das Identitätsgerede wichtiger geworden als die Idee der Gleichheit.

Was also sage ich zu Halle? Auch ich weiß, dass multikulturelle Plädoyers primär die Sache abgesicherter Mittelstands-Intellektueller sind (obwohl sich auch in diesen Kreisen gewisse Neigungen zu „deutscher Identität“ beobachten lassen). Die „versiffte linke Hegemonie“ war nie ein Mehrheitsgefühl, und Antisemitismus, Rassismus, Wut oder von Tweets und elektronischen Wirbelstürmen verklebte Hirne gibt es auch anderswo. Bekanntlich sind in England und den USA, sogar in Skandinavien und Frankreich und all den einst so schönen Projektionsflächen für Freiheit und Gleichheit, Toleranz und Demokratie Rechtsradikale und Identitäre derzeit laut zu hören. Es ist eben nicht mehr so einfach wie im vorigen Jahrhundert, als wir noch wussten, was falsch und richtig ist.

Die Technik, die Waffenlobby, die EU-Politik, die Gier, unfähige Politiker oder Spekulanten sind nicht alleine dafür verantwortlich, auch wenn es nicht falsch ist, darüber nachzudenken. Es ist schwierig geworden, Verantwortliche zu benennen. Ist es Herr Trump, oder sind es die Herren Orbán-Erdoğan-Johnson? Der ganze Kapitalismus, der die Spaltung der Gesellschaft forciert? Oder Amazon und der von Kaufanreizen und auch von Kunst und Literatur beförderte Gestus der Überbietung? Alles muss lauter, greller, geiler und noch auffallender werden. Die Liste ist lang, aber längst nicht vollständig.

Und ich weiß noch immer nicht, was ich tun könnte, freue mich aber immer, wenn ich von Projekten und Menschen höre, die sich gegen diese Entwicklung stemmen. Es gibt sie. Hier und da und dort. Bitte keine Panikmache, auch sie reduziert die Wahrnehmung und damit die Energie, um dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen.

Hazel Rosenstrauch ist Journalistin und Autorin und hat zuletzt ein Buch über Simon Veit, den missachteten Mann von Dorothea Veit-Schlegel, veröffentlicht

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