„Wer in Palermo ist, ist Palermitaner“

Interview Bürgermeister Leoluca Orlando bekämpfte die Mafia und setzt sich für Geflüchtete ein. Hier zieht er Bilanz

Einer, der das Herz auf dem rechten Fleck hat – das ist eine plakative, anatomisch aber zutreffende Beschreibung für Leoluca Orlando, dessen Organe von Geburt an seitenverkehrt im Körper liegen. Diese lebensgefährlich Anomalie ist vielleicht auch der Grund für seine Furchtlosigkeit. Schon als Kind habe man ihm keine lange Lebenszeit prophezeit, schreibt der 74-jährige Politiker in seiner Autobiografie. Im Juli dieses Jahres erhielt er für sein jahrzehntelanges Engagement als Bürgermeister von Palermo gegen Terror und Korruption das Bundesverdienstkreuz.

Zum Interview in der Villa Niscemi verspätet sich Orlando, die Stadt sei voll, sagt ein Assistent, die Sicherheitslage aber entspannt. Statt von zwölf Security-Leuten wird Orlando heute nur noch von zweien begleitet. In seinem Arbeitszimmer sitzt er im klassisch dunklen Anzug direkt vor einer Voltaire-Gesamtausgabe. Fotos wichtiger Begegnungen, vom Dalai-Lama und von Papst Johannes Paul II. stehen davor. Orlandos Charisma und seinen tiefen Bassbariton dämpft auch die vorgeschriebene Maske nicht.

der Freitag: Signor Orlando, Palermo galt lange als „Libanon Italiens“. In den 1980er und 1990er Jahren gab es Tausende Morde – aber ein Aufschrei, der bürgerliche Widerstand blieb aus. Wieso?

Leoluca Orlando: Es war ein Tabu, das Wort Mafia in den Mund zu nehmen. Nicht nur die Mafiosi, auch die netten Leute von nebenan schwiegen darüber. Sie waren stumm vor Angst. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts übernahm das Netzwerk der Cosa Nostra so mehr und mehr staatliche Aufgaben, besetzte die Repräsentanten des Staates, der Kirche, es besaß das Gesicht des Bischofs, des Bürgermeisters, des Polizisten und erschuf eine autonome Ordnung. Und nebenbei den Mythos einer ehrenwerten Gesellschaft ... –

Erst als Falcone und Borsellino 1992 im selben Jahr ermordet wurden, von Bomben zerfetzt und erschossen, gingen die Palermitaner auf die Straße und schrien: „Basta, genug ist genug!“

Wann begannen Sie selbst, das Wort „Mafia“ laut auszusprechen?

Am Dreikönigstag 1980, als mein Freund Piersanti Mattarella, der damalige Präsident der Region Sizilien, ermordet wurde. Ich war einer seiner engsten Mitarbeiter und stand vollkommen unter Schock. Der Mord an Mattarella brachte mich dazu, in die Politik zu gehen, womit ich plötzlich meine eigene Familie gegen mich aufbrachte, auch Kollegen, die wollten, dass alles so bleibt, wie es ist.

Sie haben viele politische Wegbegleiter und Freunde verloren.

Ich erinnere mich an einen Tisch mit vielen, vielen Menschen – von diesen bin ich der einzige geblieben, der noch lebendig ist.

Sie selbst wurden als „wandelnde Leiche“ bezeichnet, Sie standen ganz oben auf der schwarzen Liste der Mafia …

Für Giovanni Falcone und seine Frau Francesca habe ich damals die standesamtliche Zeremonie gehalten – heimlich, samstagnachts im Rathaus. Ohne Foto, ohne Champagner. Von mir, meiner Frau und meinen Töchtern existiert kein einziges offizielles Foto. Die Schule meiner Töchter habe ich nie besucht – ich hätte sie sonst gefährdet. Trotzdem kann ich heute sagen: Mission ausgeführt. Nicht komplett, aber ausgeführt.

Sie haben Baugesetze verändert, sich um Schulen, Bibliotheken, Straßenbeleuchtung und die Müllentsorgung gekümmert … Palermos berühmtes Teatro Massimo, in dem Enrico Caruso und Maria Callas einst Erfolge feierten, wurde zu einem Symbol, das weit über die Stadtgrenzen ausstrahlt.

Wegen eines Mafia-Bauskandals war es über 23 Jahre geschlossen. Seine Wiedereröffnung war eine Wiedergeburt, ein Symbol für das, was in Palermo passierte. Es gibt keine Stadt in Europa, die sich in den vergangenen 40 Jahren so sehr verändert hat. Auch Berlin Moskau, Prag und Vilnius haben sich verändert, aber in Verbindung mit geopolitischen Umwälzungen – dem Ende der Sowjetunion, dem Fall der Berliner Mauer. Wir aber haben uns im Kopf und im Herzen gewandelt, ohne Verfassungszusatz.

Unterschätzen wir die Kraft der Musik, insgesamt der Kunst, wenn es um eine funktionierende Demokratie geht?

Ende der 1980er Jahre lernte ich Pina Bausch kennen, sie kam nach Palermo und widmete unserer Stadt ihr Stück Palermo, Palermo. Nie wieder habe ich solche Tänzer erlebt. Zu Beginn bricht eine Mauer auf der Bühne ein, eine Tänzerin läuft unablässig die Wände hoch. Das war 1989, wenige Wochen vor dem Sturz der Berliner Mauer …

Ein Symbol dafür, dass die Mauer des Schweigens Risse bekam – zugleich eine Absage an jede Diktatur?

Pina Bausch war eine Visionärin. Nie wieder habe ich Vergleichbares auf einer Bühne gesehen.

Als ich 1997 das Teatro Massimo wieder eröffnete, traf ich auf der Straße einen einfachen Mann, der nicht wusste, wie ein Theater von innen aussieht. Er kam zu mir und sagte: „Herr Bürgermeister, ich war noch nie im Opernhaus, auch mein Vater und Großvater waren noch nie da drin, ich weiß nichts über Musik. Aber heute, da Sie das Teatro Massimo wieder eröffnen, bin ich glücklich.“

Zur Person

Leoluca Orlando, geboren 1947 in Palermo, war seit 1985 sechsmal Bürgermeister der Stadt, fünfmal im Vollmandat. 1990 verließ er seine damalige Partei, die Democrazia Cristiana, und gründete die Demokratiebewegung La Rete (das Netzwerk). Orlando war auch Mitglied des sizilianischen, italienischen und europäischen Parlaments

2015 haben Sie die „Charta von Palermo“ verfasst, die auf Ihrer Vision einer humanen Flüchtlingspolitik basiert und unter anderem die nationale und internationale Freizügigkeit zu einem Grundrecht aller Menschen erklärt. Auch während der Coronapandemie, selbst während des harten Lockdowns, nahmen Sie Geflüchtete auf. Mündete Ihr Engagement gegen die Mafia in eine Neuformulierung der Menschenrechte?

Meine Vision ist zur Stadtvision geworden. Und die lautet: Ich bin eine Person. Und wir sind eine Gemeinschaft – gegen den Populismus. Ein Populist, egal ob von rechts oder von links, ist ein Mensch, der die Zeit nicht respektiert, sondern glaubt, in einer ewigen Gegenwart zu leben. Dass eine Problemlösung nur sofort möglich ist oder gar nicht. Aber Änderungen brauchen Zeit.

Das klingt philosophisch …

Ich habe in Heidelberg Jura und Philosophie studiert, lernte dort Heidegger und Gadamer kennen. Aber alle drei Monate musste ich beim italienischen Konsulat in Stuttgart vorsprechen, um mein Visum zu verlängern. Heute ist es eine solche Freude, ohne Visa durch Europa zu fahren! Und wenn Sie fragen, wie viele Migranten in Palermo leben, dann antworte ich nicht: 80.000 oder 100.000, sondern: Keiner! Wer in Palermo ist, ist Palermitaner.

Die Mafia war stets gegen Menschen, die anders, die fremd waren, sie war zutiefst intolerant. Und wenn ich über Migranten spreche, möchte ich auch über Homosexuelle sprechen. Ich bin der erste Bürgermeister Italiens, der die Hochzeit zweier Homosexueller zelebrierte und eine Gay Pride über drei Monate veranstaltete. Das war 2019, vor der Pandemie. Der Titel lautete: „Homosexualität und Migration“. Ich habe meine homosexuellen Freunde getroffen und gesagt, ihr wollt Respekt für euer Recht – ich akzeptiere das natürlich. Aber darf ich euch bitten, auch das Recht von Migranten zu akzeptieren? Genau so habe ich auch mit Migranten gesprochen.

Was tun Sie konkret für die Menschen, die nach Palermo kommen?

Ich habe entschieden, allen eine eingetragene Residenz zu geben. So müssen sie nicht schwarzarbeiten, können ganz offiziell eine Wohnung anmieten. Ein Migrant, der diese Residenz bekommen hatte, sagte in einem Interview: „Ich kenne Orlando nicht persönlich, aber ich möchte mich bei ihm bedanken, denn jetzt kann ich endlich Steuern bezahlen!“ Und nicht nur das. Er kann die Polizei rufen, und die Polizei weiß, wo er ist. Innerhalb einer Demokratie braucht Sicherheit Respekt vor Menschenrechten. Wer sagt, wir sind gegen Migranten, weil sie ein Sicherheitsrisiko darstellen, propagiert die Diktatur.

Der damalige Innenminister Salvini wurde zu Ihrem erbittertsten Gegner …

Als Innenminister Salvini erfuhr, dass ich allen Geflüchteten einen legalen Aufenthaltsstatus gegeben hatte, sagte er in einer Pressekonferenz, er werde „eine Armee nach Palermo“ schicken, um mich „aufzuhalten“. Jetzt, nach über zwei Jahren, ist sie immer noch nicht da. Und ich bin noch hier. Trotzdem standen ich und die Bürgermeisterin von Crema in der Lombardei mit unserem Engagement lange im Abseits. Jetzt endlich gab es ein Urteil des Verfassungsgerichts, das das aggressive Salvini-Gesetz für illegal erklärt. Weil es gegen die Verfassung verstößt.

Durch die Pandemie stieg sicherlich auch in Palermo die Arbeitslosigkeit. Wie ist die derzeitige Situation?

Niemand ist während der Pandemie allein geblieben. Jeder bekam ein Smartphone, Geld. Außer Mailand gibt es mittlerweile keine andere Stadt in Italien, die so gut vernetzt ist wie Palermo. Wir ließen auch der Waldenserkirche und der muslimischen Gemeinde finanzielle Hilfe zukommen – für die unsichtbaren Menschen.

Also jenen, die illegal hier sind?

Offiziell dürfen wir nur jene unterstützen, die eine Residenz besitzen. Aber es leben nach wie vor viele illegal hier – aus verschiedensten Gründen. Sie könnten von einem auf den anderen Tag sterben. Nein danke! Durch diese Organisationen erhalten auch sie Geld.

In Europa diskutiert man darüber, wie viele Geflüchtete man in Deutschland, wie viele man in Italien, wie viele man in Frankreich aufnehmen kann, will …

Während wir darüber sprechen, sterben weiterhin Menschen. Wir werden einen zweiten Nürnberger Prozess bekommen – wegen der Ermordungen im Mittelmeer! Unsere Großväter und Großmütter konnten zu den italienischen und deutschen Massenermordungen sagen: „Wir wussten es nicht.“ Heute können wir nicht die Augen verschließen. Wir alle haben die Bilder der Ertrunkenen gesehen. Wir müssen eine europäische Problemlösung finden. Deswegen habe ich Ursula von der Leyen und dem Präsidenten des Europäischen Parlaments einen Vorschlag gemacht, um das Recht auf Rettung durchzusetzen. In diesem Moment sind die NGOs vielleicht die Einzigen, die Leben retten. Ihre Schiffe im Mittelmeer haben alle die Fahne Palermos gehisst. Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, unterstützt sie.

Spüren Sie in Palermo bereits die Auswirkungen der Afghanistan-Politik?

Natürlich! Kennen Sie das Moltivolti? Es ist ein Restaurant, der Chef ist Afghane. Gemeinsam mit ihm habe ich Ende August Tag und Nacht versucht, Afghanen zu retten. Bei ungefähr 40 Menschen ist es uns gelungen. Ich habe dem Außenminister Namen weitergeleitet, Fotos von Reisepässen, Telefonnummern. Bei drei Menschen konnten wir nicht in Kontakt bleiben, weil sie keinen Akku mehr hatten.

Ihre letzte Amtszeit endet im Juni 2022. Es gibt noch so viel zu tun!

Ich möchte versuchen, dass mein Nachfolger meine Vision fortsetzt. Bereits nach meiner ersten Amtszeit habe ich mithilfe einer Stiftung mein Modell unter anderem nach Mexiko, Kolumbien und Georgien exportiert. Meine zweite Heimat ist Deutschland, aber auch mit Kolumbien bin ich eng verbunden. Ich bin dort Ehrenbürger Palermos – das mit 40.000 Einwohnern das zweitgrößte Palermo der Welt ist. Ich hatte den Kampf gegen das Marcos-Kartell unterstützt und eine Wahlkampagne für den Bürgermeister von Bogotá organisiert. Wissen Sie, wie er mich nennt? „Orlando ist mein positiver Pate!“ Also wenn Sie fragen, was ich nach meiner letzten Amtszeit machen werde – ich kandidiere vielleicht doch wieder als Bürgermeister von Palermo – in Kolumbien!

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