Ich brauche keinen Menschen

Kältesog In Christoph Heins neuem Roman "Frau Paula Trousseau" zahlt eine Künstlerin einen hohen Preis für ihre Selbstbehauptung

DDR-Bürgerin verliert nach der Wende den Anschluss und bringt sich um. Auf den ersten Blick könnte man meinen, Christoph Hein habe mit seinem neuen Roman Frau Paula Trousseau einen Schlüsselroman über die Entwertung der Biographien nach 1989 geschrieben. Denn die gleichnamige Frau, die sich darin während des Urlaubs in Frankreich in einem "verkrauteten Seitenarm der Loire" ertränkt, geht genau zu dem Zeitpunkt ins Wasser, als sie nach dem Mauerfall droht, "aus allen Zusammenhängen herauszufallen".

Man konnte diese Deutung von Heins Buch im Frühjahr hier und da lesen. Doch was gegen sie spricht, ist vor allem sein Autor. Es hieße wohl doch, den Erzähler Christoph Hein zu unterschätzen, wenn man glaubte, dass sich ein Mann mit einem so simplen Motiv zufrieden gäbe, der sich in der DDR gegen die Zensur gestellt hat. Die politischen Umbrüche in Deutschland, nicht nur die des Jahres 1989, standen zwar oft im Zentrum der Werke des 1944 geborenen Schriftstellers. Doch um eine einfache, gar larmoyante Anklage gegen die innere und äußere Kolonisierung nach 1989 im Osten ist es diesem schweigsamen und eigensinnigen Intellektuellen nie gegangen.

Die einsame Frau von Heins sechstem Roman ist zwar ein Opfer "der Verhältnisse", aber auf eine sehr viel komplexere Weise. Die Malerin Paula Trousseau, die sich am Rande des DDR-Kunstbetriebs durchgehangelt hat und kurz vor ihrem Durchbruch stand, erfährt die Segnungen des Kunstmarktes West. Ihr brechen die alten Kontakte und Auftraggeber weg, sie spürt die Zumutung, sich verkaufen zu müssen. Doch ein einziger Schuldiger, gar noch in Gestalt eines abstrakten Systems lässt sich in diesem Geflecht von Prägungen aus der Kindheit, politischen Erfahrungen und menschlichen Enttäuschungen nur schwer ausmachen. Die allmähliche Auflösung dieses Lebens, das schließlich in einem Selbstmord endet, begann früher als mit dem Sieg des Kapitalismus, nämlich - und darin liegt die kühne Dialektik des Buches - mit einem Akt der Selbstbehauptung.

Früh hat die kleine Paula, Tochter eines autoritären Schuldirektors in der DDR-Provinz gelernt, dass es nicht auf ihre Wünsche ankommt. Und trotzdem setzt sie durch, dass sie nicht Krankenschwester wird, wie ihre Eltern es wollen, sondern Künstlerin. Sie schafft sogar die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin. Paula steht kurz vor der Heirat mit dem Architekten Hans Trousseau, den sie auf einer Messe kennen gelernt hat, ihr Mann duldet den Berufswechsel widerwillig, will ihn ihr ausreden, schwängert sie gegen ihren Willen, um ihr das Studium unmöglich zu machen. Doch auch gegen diesen spießigen DDR-Macho setzt sie sich durch.

Der Preis für diese Selbstbehauptung zahlt Paula mit einer Verwandlung ihrer Persönlichkeit. Ihren eigenen Weg konnte sie nur gehen, indem sie hart gegen sich selbst und andere wurde. Das gilt für die Kunst ebenso wie für ihre Beziehungen. Sei es die Liaison mit dem Kunstprofessor Waldschmidt, in dessen Villa sie als Studentin zieht. Sei es der bekannte DDR-Schauspieler Jan Hofmann, der sie nur besuchen, aber nicht mir ihr zusammenziehen darf. Der Knoten der Nicht-Emotion zieht sich immer stärker zusammen. Schnell gilt sie in ihrem Freundeskreis als eiskalte Karrieristin, die nur an sich denkt. Weil alle Distanz halten, zieht sie sich weiter zurück. Ein Teufelskreis beginnt.

Kein Wunder, dass Paula am liebsten allein ist. Liebe kann sie nicht mehr empfinden. Beziehungen sind für sie "Missverständnisse". "Es hat sich so ergeben", sagt sie, als sie aus Zufall mit einem Mann zusammenbleibt, der ihr nicht ganz so egal ist wie die anderen. Die allmähliche Vereisung spiegelt sich auch in ihren Bildern. Einer der Professoren auf der Hochschule bemerkt in Paulas Bildern einmal "so einen harten Zug", ihr erster Freund Sebastian schüttelt sich bei dieser "Tristesse mit Trauerrand". Bei Frauen fühlt Paula sich dagegen wohl: Bei ihrer Frau Kathi wird sie sich widerstrebend ihrer lesbischen Neigungen bewusst. Beim Liebesakt mit ihr oder Sibylle Pariani, der Ehefrau eines Ökonomie-Professors, scheint so etwas wie Nähe und emotionale Wärme auf. Sowohl in der kunstvollen Rückblendentechnik wie in dem beklemmenden Prozess des Verpanzerns erinnert Frau Paula Trousseau an Heins berühmten Roman Drachenblut/Der fremde Freund von 1982, in dem eine geschiedene Ostberliner Ärztin Claudia ihr Leben Revue passieren lässt: Auch hier gehen Selbstzufriedenheit und emotionale Verarmung Hand in Hand.

Ganz so lupenrein ist der Triumph der selbstbewussten Künstlerin allerdings nicht. In der Kunsthochschule erfüllt sie sich eines Tages einen Traum und malt ein monochromes weißes Bild. Doch ihr Lehrer und Lebensgefährte Waldschmidt, verbietet ihr, den "modernistischen Scheiß", Symbol der im Sozialismus verbotenen Abstraktion, auszustellen. Paula kommt gegen viele Dogmen an: dass Frauen keine guten Künstler sind, dass sie sich besser ihren Männern unterordnen. Doch an diesem Dogma scheitert sie. Nie wieder malt sie ein abstraktes Bild. Ist es dieser verstellte Weg, der Paula seelenkrank werden lässt?

Trotzdem ist Frau Paula Trosseau kein Schlüsselroman über die Kunst in der DDR. Trotz interessanter Details aus dem Szeneleben: von Akademiefeiern bis zum Formalismusstreit. Eher ist Heins Buch ein Künstlerroman, insofern er den Künstler als Protagonisten einer nichtkonventionellen Lebensweise herausstellt. Schon die kleine Paula hatte immer diese unbestimmte "Sehnsucht nach einem ganz anderen Leben" Und als erwachsene Frau verachtet sie all die Ehen, die durch "ein Häuschen und einen gepflegten Vorgarten zusammengehalten" werden. Die gesellschaftliche Außenseiterrolle, die in diesem Genre meist positiv stilisiert wird, reizt Hein aber bis zu einer abschreckenden Extremposition aus: "Ich brauche überhaupt keinen Menschen", sagt Paula einmal ihrer besten Freundin. Ein Vorbild für Bohèmesüchtige heute ist diese Künstlerin bestimmt nicht.

Das Drama des Künstlers in der Diktatur, das Drama der selbstbewussten Frau, das Drama der Geschlechterkämpfe, die leise Implosion der DDR, die Utopie von Polygamie und Bisexualität - es finden sich noch viel mehr Aspekte in diesem Werk, die jeder für sich einen eigenen Roman gerechtfertigt hätten. Und an Hein erzählerischer Perspektive lässt sich ein weiteres Thema ablesen: die risikoreiche Gratwanderung zwischen Fremd- und Selbstbestimmung. Die strenge Kindheit der Protagonistin wird von einem Erzähler geschildert. Den Weg als selbstständige Frau schildert sie selbst. Nach ihrem Freitod erhält ihre erste große Liebe Sebastian von Paulas Sohn Michael ihre biographischen Aufzeichnungen. Hundert Seiten weniger hätten den unterkühlten Lebensbericht, den Giebel liest, noch intensiver, kälter und härter werden lassen. Aber es macht die Kunst von Heins komplexem Werk mit seinem faszinierenden Kältesog aus, den Gordischen Knoten eines gescheiterten Lebens aus so vielen Fäden zu schürzen, so dass am Ende nicht mehr zu sagen ist, an welchem Punkt genau das Drama begonnen hat.

Unglückliche Kindheit, bornierte Männer, gesellschaftliche Einschränkungen, eigene Sturheit: wenn man in dem unentwirrbaren Geflecht des Lebens der Paula Trousseau den einen Strang herausziehen kann, von dem sich sagen ließe, dass sich an ihm mehr entschied als an anderen, dann vielleicht die Fallschnur des ungelebten Lebens. Das monochrome weiße Bild, das Paula nach der Wende wieder auspackt ist zwar auch ein politisches Symbol. Es ist vor allem aber eine Metapher für, wie Paula selbst sagt, "eines meiner nicht gelebten Leben, Abbild meiner verborgenen Möglichkeiten". Wie üblich ist Hein kein Mahner, sondern Chronist. Unbarmherzig und nüchtern vollzieht er diesen Prozess der Entmenschlichung. Und doch spürt man in jeder Zeile den unausgesprochenen Hinweis: Jeder hat so ein weißes Bild im Keller. Nicht nur Wendeopfer Ost.

Christoph Hein: Frau Paula Trousseau. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007,
538 S., 22,80 EUR


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00:00 04.05.2007

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