Ich doch nichtoder?

Kulturgeschichte Marco d’Eramo geht hart mit dem Touristen ins Gericht. Am Ende erkennt er aber, dass die wahren Probleme woanders liegen
Ich doch nichtoder?
Unser Blick ist vom Vorübergeh’n der Stäbe so müd’ geworden

Foto: Lillian Suwanrumpha/AFP/Getty Images

Seien wir ehrlich, wer will schon Tourist sein? Touristen, das sind doch immer die anderen, oder? Die Massen in den Billigfliegern, die All-Inclusive-Crowd. Das war schon von Beginn des organisierten Reisens ähnlich, wie Marco d‘Eramo in Die Welt im Selfie nachzeichnet. Touristen treten eigentlich stets in „Herden“, im „Rudel“, im „Schwarm“ auf den Plan oder die Plaza. Als Gegenteil dessen, was das moderne Individuum von sich selbst denkt: „An Bord des Schiffes ... fand sich auch eine Gruppe von jenen Herdenvieh-Reisenden, die die Mode jedes Jahr aus ihren Gehegen scheicht,“ so Arthur de Gobineau, der diesen Rant schon 1872 notierte. Da war das Wort „Tourist“ gerade einmal 100 Jahre alt.

Was im 18. Jahrhundert „Grand Tour“ hieß, war schon 200 Jahre zuvor Pflicht und Vorrecht junger, selbstredend männlicher Adliger. Francis Bacon trug dem jungen Edelmann auf, vorab die Sprache der Länder lernen, die er zu besuchen gedachte. Auch ein ortskundiger Tutor sollte dem Reisenden zur Seite gestellt werden.

Nichtstuer aus gutem Haus

Doch schon bald regte sich Kritik an einem Reisen, das lediglich dem diente, was in Deutschland kurz darauf als „Bildung“ Karriere machen würde. D‘Erano zitiert Adam Smith, der in The Wealth of Nations von 1776 befindet, dass das Reisen dem jungen Mann mehr schade als nütze, verschwende er doch „die kostbarsten Jahre seines Lebens, der Obhut und Kontrolle der Eltern und Verwandten entzogen, in höchst lidelichem Müßiggang“. Die Sprachkenntnisse, die der Jüngling dabei erwerbe, reichten kaum aus, sie „hinlänglich zu sprechen oder zu schreiben“, so der Ökonom. Er kehre „häufig überheblicher, ohne feste Grundsätze, haltloser und unfähiger, ein Studium oder eine Berufsausbildung ernsthaft zu betreiben, zurück.“ Nutznießer solcher Reisen, mutmaßt Smith, sei einzig der Vater, der für kurze Zeit seine Ruhe habe, egal, ob der Sprössling „sich vernachlässigt und zu einem Nichtstuer wird“.

Was der Schotte unterschlägt, d‘Eramo – ein Meister der vielsagenden Anekdote –, jedoch nicht übersieht, ist, dass Smith selbst Nutznießer solchen Müßigganges war. Hatte der Philosoph doch nur deswegen eine Erzieherstelle angetreten, um einen Herzogssohn auf die Grand Tour begleiten zu können. Der Kollateralnutzen: In den 32 Monaten, die man auf dem europäischen Festland verbrachte, konnte Smith mit fast allen Geistesgrößen der Ökonomie zusammentreffen.

Nomadisierendes Herdenvieh

Was Smith auch nicht im Auge hat, d‘Eramo, als Schüler Pierre Bordieus aber schon, ist das symbolische Kapital, das Reisen bis heute bedeutet. Weswegen de Gobineaus Schmährede gegen die nomadisierenden Herden, die sich ab dem 19. Jahrhundert auch aus Bürgern rekrutieren, ganz ins Bild passt – Gobineau war als Denker rassischer Ungleichheit übrigens nicht nur den feinen Unterschieden verpflichtet. Solche gab es zwischen den adligen Bildungstouristen und ihren nun massiert auftretenden gesellschaftlich aufstrebenden Mitreisenden tatsächlich, was d‘Eramo als guter Kulturhistoriker an den Differenzen der jeweiligen Lektüre zeigt. Las der Adel vornehmlich solches Schriftgut, aus dem hervorging, wie zu reisen war (Ziele standen ja schon fest), nahm das Bürgertum Bücher zu Hilfe, um zu erfahren, worin zu reisen war, um sich des symbolischen Kapitals zu bemächtigen, nach dem es gierte. Was uns heute als Lonely Planet-Paperback oder Tripadvisor-App begleitet und uns sagt, wo man unbedingt vorbeischauen sollte oder zu welchen Zielen sich eine Reise lohnt, hat hier seine Wurzeln.

Symbolisches Kapital lässt sich nicht da einheimsen, wo alle sind. Mit Tourismus ist es ein bisschen wie mit Müll: Müll erzeugt mehr Müll, man muss nur einmal den Versuch machen, ein beliebiges Stück Sperrmüll auf eine fast beliebige Straße zu stellen: In Nullkommanix wird sich weiterer Müll dazugesellen – Michael Thompson hat aus dieser Beobachtung 1979 eine ganze „Rubbish Theory“ entwickelt. Und moderne Touristen fahren nun mal fast immer dahin, wo andere Touristen auch hinfahren.

An die Stätten des Unesco-Weltkulturerbes zum Beispiel. An ihnen kann d‘Eramo treffend zeigen, welche Zerstörungskraft dem modernen Tourismus innewohnt. Zwar ist „Weltkulturerbe“ ein Prädikat, das Orte davor bewahren soll, dass ihr historischer Charakter infrastruktureller Rationalität und kapitalistischer Nutzenmaximierung zum Opfer fällt. Aber da das Prädikat eben auch touristischer Nutzenmaximierung dient – so sehr , dass die Unesco 2008 von der Welttourismusorganisation mit einem Preis ausgezeichnet wurde – verändert es die mit ihm ausgezeichneten Orte drastisch. Was hilft museale Erhaltung, wenn alles Leben aus den Kulturstätten verschwindet, Wohnungen durch Fremdenzimmer ersetzt werden, die paar verbleibenden Bewohner sich wie Fremde fühlen? Ob Dubrovnik oder das chinesische Lijiang, das 1998, nachdem es ein Jahr zuvor zum Weltkulturerbe erklärt worden war, knapp unter zwei Millionen, 2013 aber knapp über 20 Millionen Besucher verbuchen konnte: Das Weltkulturerbe saugt den letzten Kern Leben aus den Orten, die es mit Menschen füllt, die gerade authentisches Erleben suchen.

Besser auf Individualtourismus setzen? Prestigeträchtiger, weil authentischer, ja. Wer aber Alex Garlands The Beach gelesen hat oder den Film mit Leonardo di Caprio gesehen hat, wird Zweifel haben. Zu gut zeigen Buch und Film, welche Sackgasse im Individualitätsversprechen, das der Weg auf nicht-touristischen Faden birgt, liegt. Auch der inhärente Klassismus solchen Reisens entgeht d‘Eramo nicht: Wer kann sich schon leisten, anders zu reisen als andere? Wer hat die Zeit? Nach allem Kritischen über den Touristen, über die vergebliche Suche nach dem Echten, das doch nur zuvor Gesehenes abgleicht, wie das 1867 schon Mark Twain in Innocents Abroad beschrieb, die Schlampigkeit, die er zu Hause nie an den Tag legt, kommt d‘Eramo dann zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Die „oftmals offen reaktionären Andeutungen ..., die sich noch in den radikalsten, linkest en, antikapitalistischen Kritiken breitmachen“, machen darauf aufmerksam, „dass hinter der Kritik des Tourismus nur die Weigerung steckte, ... zu erkennen, dass die touristische Wahrnehmung bloß die besondere Weltwahrnehmung unserer Gesellschaft ist“. Von hier erklären sich die Digressionen des Buches: Über die „Zonierung“ der Städte in Bereiche für die Arbeit, fürs Wohnen, fürs Spaßhaben, die eine „Zonierung der Seele“ nach sich zieht, so dass Freizeit zu Arbeit degeneriert. Über Entfremdung, über „ethnisches Essen“, über die „Authentizität“ der Ruine: Auch wenn man dem Autor glaubt, dass er einen Lernprozess abbilden wollte: Dem Buch hätte gut getan hier anzufangen. Tourismus wäre eher als Symptom denn als Agent solcher Weltwahrnehmung und ihrer Dispositive lesbar, die sonst spannende Lektüre stellenweise weniger zäh geworden.

Info

Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters Marco d‘Eramo Martina Kempter (Übers. ) Suhrkamp 2018, 362 S., 26 €

06:00 28.06.2018

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