„Ich find’s hier prima“

Dokumentation Während viele DDR-Bürger in den Westen gehen, zieht es Schriftsteller Ronald Schernikau gen Osten. Warum? – fragt der „Freitag“-Vorgänger „Sonntag“ am 11. März 1990

Sonntag: Warum bist du hergekommen?

Ronald Schernikau: Ich wollte gerne, ich find’s hier prima.

Was findest du prima?

Du bist so nett, und andere Leute sind auch irgendwo ganz nett.

Drüben gibt’s doch auch sehr viele nette Leute.

Natürlich habe ich Freunde in Westberlin, und da war sicher auch ein Moment von Traurigkeit dabei, dass ich nun nicht mehr mit denen in derselben Stadt wohne. Aber ich denke, man muss sein Leben danach richten, was man selber tun will. Und ich will schreiben, und ich denke, die DDR – ob sie will oder nicht – bringt die besseren Schriftsteller hervor. Und in diesem Ruhm möchte ich mich auch sonnen.

Egozentrik.

Die man für diesen Beruf braucht.

Und nun bist du enttäuscht, weil sich hier einiges geändert hat?

Ja, diese blöde Freiheit und diese quatschige Demokratie, furchtbar. Alle freuen sich, wenn sie sagen dürfen, Honecker ist doof. Na ja.

In einem deiner Bücher steht, du hättest täglich versucht, in Westberlin den Kommunismus einzuführen. Das ist ja nun gescheitert. Ist dieses Scheitern der Anlass gewesen, hierherzukommen?

Nicht so sehr das Scheitern – also Scheitern, mein Gott, gibt es überhaupt ein Nicht-Scheitern? Die Aufgabe in Westberlin, die Pflicht des Tages ist: den Kommunismus einführen. Und die wirkliche Frage ist, will man sich dieser Aufgabe stellen. In die DDR zu gehen, das ist der Versuch, sich die Welt auszugucken. Ich hatte zum Westen keine Lust mehr.

Also Bequemlichkeit.

Ja, jeder macht es sich so bequem wie möglich.

Was ist die BRD für dich?

Die BRD ist – und daran führt kein Weg vorbei – verrückter, unterhaltsamer, ungewöhnlicher als die DDR. Sie macht eine andere Sorte Spaß, als man ihn hier hat. Ich weiß noch, vor Jahren las ich eine Rezension zu Wildes Bunbury in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, ein völliger Verriss: „Was soll uns dieses intellektualistische Geschwätz.“ Da wusste ich, da muss ich reingehen. Und ich hatte das große Glück, das Stück in der Inszenierung von Klaus Piontek kennenzulernen. Einer der schönsten Theaterabende meines Lebens. Es war eine Ahnung davon, dass die DDR verrückt sein könnte. Ihr Problem ist – sie weiß oft gar nicht, wie schön und verrückt sie sein könnte.

Was dich gereizt hat, war deine ganz persönliche Art, im Osten relativ unbeschwert leben und schreiben zu können.

Das ist eine Unterstellung. Ich konnte auch im Westen so leben, wie ich es wollte, weil ich derjenige bin, der dieses Leben führt. Ich hatte kein Problem mit dem Westen. Es ist wirklich ein ganz egoistischer Grund: In der DDR werden die besseren Bücher geschrieben. Und natürlich mache ich den idealistischen Umkehrschluss: Wenn man in der DDR lebt, schreibt man die besseren Bücher.

Das hast du so als Entscheidung gedacht.

Natürlich.

Ich bin noch SED-PDS-Mitglied. Für mich war die Mitgliedschaft in der Partei immer mit einem „Trotzdem“ verbunden. Wenn ich in diesem Staat was verändern will, muss ich das in dieser Partei tun. Wie siehst du das?

Ich glaube, du unterschätzt das Maß an Zustimmung, das man einem Ding entgegenbringen muss, um sich überhaupt mit ihm zu beschäftigen. Mich hat an der DDR-Literatur immer das Maß an Unruhe fasziniert. Dass da überhaupt was war, über das man meckern konnte, zeigte mir, dass die Leute noch nicht völlig verblödet sind. Das konnte man auch Utopie nennen. Offenbar ist da was in der DDR, das die Leute dazu bringt – ich rede von den Künstlern –, Bewegung überhaupt wahrzunehmen. Das ist für jedermann, der aus dem Westen kommt, vollkommen ungewöhnlich. Dort lebt man in dem Gefühl: Nichts bewegt sich. Der Endzustand ist erreicht. Und wenn sich was bewegt, dann zum Schlechteren. Nun sagen mir natürlich die Kinder hier: Det is bei uns ooch so. Und das leugne ich.

Ist es nicht gleichgültig, wo du als Schriftsteller lebst ...

Da du mich mit aller Macht zwingst, ernst zu reden: Ich merke, wie billig und abgedroschen die Probleme hier werden, seit Honecker gestürzt wurde. Und jetzt schon, nach diesen wenigen Monaten, öden sie mich an. Ich kenne das. Es ist natürlich heikel zu sagen: Das Leben der Leute erscheint mir bekannt. Es ist sehr viel weniger einzigartig, als die Betroffenen das selber glauben. Diese Behauptung ist auch kaum literaturfähig. Literatur besteht in der Überwindung dieser Behauptung. Übrigens ein Grund, warum Politik langweilig ist. Der Satz, die Revolution muss kommen, ist kaum literaturfähig – weil jeder weiß: Es stimmt. Jeder im Westen weiß, dass eine Revolution kommen muss. Und ich habe ungern die Probleme, die ich schon vor zehn Jahren hatte. Die Welt wiederholt sich.

Vielleicht liegt in der Wiederholung die Chance.

Du bist Jandl-Fan.

Ich rede von Politik. Mich schmerzt, dass die Linken sich auf die Vereinigungsdiskussion nur mit großer Angst einlassen. Wir müssten doch Konzepte entwickeln, dass es die Rechten sind, die Angst vor dieser Vereinigung kriegen.

Ich sehe, dass genau dieser Versuch aufgegeben wird. Ich sehe, dass mit dem, was die DDR einbringen könnte – es wird mit jedem Tag weniger –, damit der Kapitalismus bloß perfekter gemacht wird. Der Kapitalismus ist ungeheuer stark. Und die Grünen und alles im Umfeld, die Kulturtheorie, die Schwulen, die Subkulturen, ein Großteil der Künste – sie alle tragen nur dazu bei, dass der Kapitalismus immer besser wird. Und er wird ja wirklich besser. Gerade diese verschissene Wiedervereinigung zeigt, wie blöd das Volk ist – ein sehr heikler Punkt. Noch am 4. November auf dieser riesigen Demo hätte ich meine rechte Hand darauf verwettet, dass es keine einzige Person in der DDR gibt, die die Wiedervereinigung will. Ich fürchte, man kann dem Volk alles einreden.

Du siehst dich als Marxist und sagst gleichzeitig, das Volk ist blöd. Kein Widerspruch?

Wir alle wollen, dass es allen Menschen besser geht, das ist der humanistische Impuls. Ich muss aber sagen, der ist in mir schwach entwickelt. Natürlich ist man gegen Stalins Lager und dagegen, dass Kinder in Afrika verhungern. Aber das versteht sich von selbst. Das ist nichts, worüber ich Bücher schreiben würde. Das weiß ich ja. Ich bin Egoist und glaube, ohne so ’ne gesunde Portion – Was-wird-aus-mir? – kann man keine gute Kunst machen. Das heißt in meinem Fall: Wie kriege ich aus meinem Leben den besten Text raus – in dieser Welt, heute. Ich hab nix anderes zur Verfügung. Ich muss mir die Probleme aussuchen, die ich mir mache.

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06:00 25.03.2020

Ausgabe 43/2020

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