der Freitag
Ausgabe 1715 | 03.06.2015 | 06:00 45

„Ich glaube an den Aufstand des Gewissens“

Interview Jean Ziegler diskutiert mit Jakob Augstein über Religion, die Chancen für eine neue Weltgesellschaft und die Defizite der Linken

„Ich glaube an den Aufstand des Gewissens“

Jean Ziegler: „Außer der Bergpredigt braucht man in der Bibel nichts zu lesen“

Foto: Sven Simon/Imago

Jakob Augstein: Sie hießen Hans Ziegler, sie kamen aus einem großbürgerlichen Haushalt und sie waren protestantisch. Inzwischen heißen Sie Jean Ziegler, Sie haben sich Ihr ganzes Leben lang für die Armen eingesetzt und Sie sind katholisch.

Jean Ziegler: Nicht mehr.

Augstein: Trotzdem: Was bedeutet die Religion für Sie?

Ziegler: Die Antwort ist einfach. Victor Hugo hat gesagt: „Ich hasse alle Kirchen. Ich liebe die Menschen. Ich glaube an Gott.“

Augstein: Lesen Sie die Bibel?

Ziegler: Nein, außer der Bergpredigt sollte man da nichts lesen. Was da in dem Alten Testament steht: Rache, Zerstörung, damit will ich nichts zu tun haben. Aber über Existenz, Glauben Unendlichkeit oder Auferstehung – darüber rede ich gerne.

Augstein: Papst Franziskus wäscht Armen die Füße und fährt ein altes, klappriges Auto. Wenn der sagt: Ich möchte selber mal wieder im Supermarkt einkaufen, dann nimmt man ihm das ab. Das ist doch ein glaubwürdiger Mann ?

Ziegler: Über Franziskus kann ich nichts sagen, den kenne ich nicht. Aber über den Vatikan habe ich eine Meinung. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. Und in diesem Feudalstaat gibt es Kunstwerke, die viele, viele Millionen Euro wert sind. Wenn der Papst erst mal all diese Dinge verkauft hat und das Geld den hungernden Kindern gibt, dann können wir reden.

Zur Person

Jean Ziegler ist einer der bekanntesten Globalisierungskritiker und Autor vieler Bücher. Seit vielen Jahren engagiert er sich gegen weltweiten Hunger und Armut. In seinem neuen Buch Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen blickt Jean Ziegler zurück auf sein Leben

Augstein: Ist Polemik immer ein angemessenes Instrument in der Debatte? Sie liegt Ihnen ja sehr, wie man merkt,

Ziegler: Also ich stamme ja aus der Schweiz. Das ist ein besonders verkorkstes Land mit einer wunderschönen Landschaft…

Augstein: …ein Land, das nicht gerade berühmt ist für seine polemische Kultur.

Ziegler: Wenn man nicht im eidgenössischen Konsenssumpf untergehen will, dann muss man schon deutlich reden, damit überhaupt jemand zuhört. Was Sie Polemik nennen, das ist milieubedingt.

Augstein: Ihr Vater war Gerichtspräsident in Thun. Sind sind in einer sehr bürgerlichen Umgebung groß geworden. Später sind Sie durch die Favelas gegangen und haben sich gegen Armut engagiert. Das war Ihnen nicht in die Wiege gelegt, oder?

Ziegler: Meine Mutter war eine Bauerntochter, überhaupt nicht kultiviert, aber sehr klug und temperamentvoll. Mein Vater war das Gegenteil: sehr introvertiert, sehr kultiviert. Sie haben sich sehr geliebt, und wenn sich die Eltern lieben, dann geht’s ja gut. Aber da gab es ein Ereignis, das zum Bruch geführt hat. Es gab in der Gegend die sogenannten Verdingkinder. Die Kleinbauern mussten ihre Kinder praktisch an Großbauern verkaufen, damit sie überleben konnten. Die konnten nicht zur Schule gehen, sondern mussten um vier Uhr morgens Kühe melken, sie wurden sexuell missbraucht, geprügelt. Ich fragte meinen Vater, warum das so sei, und er antwortete: Gott hat das so gewollt. Er war Calvinist. Ich war 13 Jahre alt und habe plötzlich mein ganzes Leben vor mir gesehen. Studieren, Anwalt in Thun, eine Frau haben, Kinder zeugen, Sparheft auftun und dann kommt der Tod. Da konnte ich nur meinen Vater beschimpfen und weglaufen. Ich schäme mich dafür heute noch, weil er ein liebender Mensch war.

Augstein: Ist Ihre Triebkraft ein schlechtes Gewissen?

Ziegler: Ein schlechtes Gewissen ist ein lebendiger Feind. Sie müssen sich nur diese kannibalische Weltordnung anschauen, in der wenige Finanzoligarchen mehr als die Hälfte all dessen kontrollieren, was jedes Jahr weltweit produziert wird. Diese unglaubliche Monopolisierung von Reichtümern und Macht. Mehr als eine Milliarde Menschen sind permanent unterernährt, im vergangenen Jahr sind 14,8 Millionen Menschen am Hunger gestorben. Und das in einer Welt, die von Reichtum überquillt. Das kann ich nicht akzeptieren.

Augstein: Wenn Sie zurückgucken auf Ihr Leben: War das ein nützliches Leben?

Ziegler: Da antworte ich Ihnen mit Brecht. Eines Tages geht Brecht mit einem Freund spazieren und der Freund fragt: Exil, Armut, die Angst vor den Nazis, die mühselige Arbeit an den Theaterstücken – was hat das genützt? Brecht denkt nach und sagt: Ohne uns hätten sie’s leichter gehabt.

Augstein: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie von der planetarischen Zivilgesellschaft. Was meinen Sie damit?

Ziegler: Also die neue planetarische Zivilgesellschaft besteht aus vielen verschiedenen sektoriellen Widerstandsfronten gegen die herrschende kannibalische Weltordnung. Das sind soziale Bewegungen, die plötzlich, geradezu mysteriös aufgetreten sind. Zum Beispiel die Attac-Bewegung gegen das spekulative Finanzkapital. Sie wurde vor elf Jahren in der Technischen Universität in Berlin gegründet. Heute ist Attac eine Macht. Die Greenpeace-Bewegung ebenso wie die Frauenbewegung. Oder die Via Campesina – 142 Millionen Pächter, Kleinbauern, Taglöhner von Honduras bis Indonesien, die gegen den Landraub durch die Konzerne in Afrika und in Südasien kämpfen. Die finden sich einmal im Jahr zusammen, im Weltsozialforum. Diese Bewegungen gehorchen keiner Parteilinie, keinem Zentralkomitee, sondern nur dem moralischen Imperativ.

Augstein: Trotzdem nimmt die Ungleichheit, die Ungleichverteilung von Gütern und Ressourcen, von Vermögen und Reichtum nicht ab, sondern zu. Und zwar weltweit.

Ziegler: Es ist ein langer Kampf, der da im Gange ist. Als der Feudalismus in sich zusammenbrach, hat Immanuel Kant dazu gesagt: Wir stehen an der Abbruchkante der Zeit. 250 Jahre später stehen wir wieder an einer Abbruchkante. Wenn nämlich der raubtierkapitalistische Dschungel die Oberhand gewinnt, wenn es so weitergeht mit Willkürherrschaft, unglaublicher Monopolisierung der Vermögenswerte und dem Massensterben, dann ist diese Weltordnung irgendwann am Ende. Dann geht die Demokratie kaputt, dann ist die Aufklärung am Ende, dann wird es auch uns nicht geben, außer vielleicht noch im Museum.

Augstein: Warum haben es die Linken nicht geschafft, etwas dagegenzusetzen?

Ziegler: Nun, das Problem ist, dass viele von uns an die eigene Ohnmacht glauben. Das haben uns die Kommunikationsfritzen des Neoliberalismus so eingeredet. Aber das ist ja nicht überall der Fall. Deutschland ist die lebendigste Demokratie in Europa, die drittgrößte Wirtschaftsmacht weltweit. Da gibt es keine Ohnmacht. Das Grundgesetz gibt uns die demokratischen Waffen in die Hand, um die Mechanismen, die die Welt verwüsten, zu brechen. Der große Willy Brandt hat mal zu mir gesagt: Sei geduldig. Von Wahl zu Wahl steigt bei den Leuten das Bewusstsein, dass sich etwas ändern muss.

Augstein: Die SPD liegt heute bei 25 Prozent. Das hat offenbar nicht so ganz funktioniert.

Ziegler: Ich glaube nun einmal an das neue historische Subjekt, die revolutionäre Kraft der Zivilgesellschaft.

Augstein: Dann verstehe ich nicht, warum Sie sagen: Deutschland sei die lebendigste Demokratie von allen. Die Leute haben hier zwar die Wahl, aber sie stimmen freiwillig gegen ihre eigenen Interessen. Sie, lieber Herr Ziegler, beschäftigen sich ja immer mit der ganzen Welt. Mir ist das zu groß, da geh ich verloren. Mir reicht es schon, mich mit diesem Land zu beschäftigen. Hier nimmt die Ungleichheit drastisch zu. In Nordrhein-Westfalen wächst jedes fünfte Kind in Armut auf. Das ist das drittreichste Land der Welt, das ist Ihre lebendige Demokratie. Sie haben in Ihrem neuen Buch geschrieben: Der Zorn facht den Aufruhr an, wie der Wind das Feuer. Aber es gibt keinen Zorn in Deutschland, nirgendwo. Statt dessen können Sie überall in der Zeitung lesen, wie gut es uns geht. Irgendetwas haut doch da nicht hin.

Ziegler: Wir sind am Anfang dieses Kampfes.

Augstein: Ich würde eher sagen, wir sind am Ende.

Ziegler: Ich lade Sie ein: Kommen Sie im Juni doch nach München da versammeln sich Aktivisten und viele soziale Bewegungen zum Gegengipfel, während sich im bayrischen Schloss Elmau die Staats- und Regierungschefs der G7 treffen. Es wird sehr viele Gegenaktionen geben. Beim letzten G7-Gipfel in Deutschland, 2007 in Heiligendamm, war ich ebenfalls dabei, weil ich eine Rede im Rostocker Dom gehalten habe. Das war schon sehr eindrucksvoll, die vielen Demonstranten zu sehen. Es waren Zehntausende, die jenseits der Absperrungen und des Stacheldrahts auf den Beinen waren. Es gab unglaublich lebendige Diskussionen. Und der Münchner Gegengipfel wird noch eindrücklicher werden, die Mobilisierung der Menschen wird noch größer sein, ebenso wie die radikale Verweigerung des Ohnmachtdenkens.

Augstein: Sie sind wirklich ein Optimist.

Ziegler: Nein, ich bin kein Optimist. Ich bin ein ganz banaler Soziologe, der versucht, die Welt und die Kräfteverhältnisse, die darin herrschen, zu analysieren.

Augstein: Und ich bin Journalist und schreibe darüber, was in diesem Land geschieht. Hier gibt es die Alternative für Deutschland mit ihrem Chef Bernd Lucke. Das ist dieser freundliche Mensch mit den schrecklichen Überzeugungen. Die AfD wächst. Der Rechtspopulismus ist in Deutschland angekommen. Wir haben die Pegida, die gegen die angebliche Islamisierung des Abendlandes demonstriert. Das sind doch die Auswüchse des Zorns, vom dem Sie sprechen. Wenn in Deutschland der Zorn aufkommt, dann wird es ein rechter Zorn, kein revolutionärer. Wie gehen wir mit diesen Leuten um, wie lenken wir deren Zorn in ein gutes Ziel um?

Ziegler: Was Sie sagen, ist sicher berechtigt. Es kann alles falsch laufen, die schlimmsten Sachen können passieren. Darf ich als Antwort auf Ihre Frage Antonio Machado, den spanischen Lyriker, zitieren? September 1939, Barcelona brennt, Franco und seine Faschisten haben gewonnen und die letzten Überlebenden fliehen ins ganz und gar unsichere französische Exil. In einer der Flüchtlingsgruppen läuft Machado und pfeift fröhlich vor sich hin. Ein Gefährte sagt: „Also, Antonio, wie kommt das? Die Stadt brennt, deine Familie ist wahrscheinlich verschollen. Wir haben total verloren.“ Und Machado sagt: „Ich wandere, es gibt keinen Weg. Den Weg bahnst du im Gehen.“ Genau das ist es: Was die Menschen aus der Freiheit machen, ist das Mysterium der Geschichte. Das kann keiner voraussagen.

Augstein: Sie glauben an die Revolution?

Ziegler: Ich glaube an den Aufstand des Gewissens.

Gekürzte und bearbeitete Version eines Gesprächs auf WDR 5

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 17/15.

Kommentare (45)

Mika Latuschek 04.06.2015 | 02:46

Ich bin mit Jean Ziegler nur zur Hälfte einer Meinung, aber lieber streite ich mich mit Jean Ziegler als mich auf die Priester des Weiter-so einzulassen.

Wer es lieber etwas analytischer haben möchte, sollte vielleicht Fabian Scheidlers Interview mit Immanuel Wallerstein lesen oder ansehen.

http://www.kontext-tv.de/sendung/20052015/immanuel-wallerstein/alternativen

Zusammenfassung:

>> Angesichts der strukturellen Krise des kapitalistischen Weltsystems sei ein Kampf um mögliche Nachfolgesysteme entbrannt - auch wenn sich die meisten Menschen noch nicht im Klaren darüber seien. ... Das "Lager von Davos" strebe ein neues System an, in dem die Privilegien der bisherigen Eliten und die negativen Aspekte des Kapitalismus erhalten bleiben: Hierarchie, Ausbeutung, Ungleichheit. Auf der anderen Seite kämpfe das "Lager von Porto Alege" für eine relativ egalitäre und demokratische Welt. Entscheidend sei es, aus den Fehlern der Alten Linken zu lernen: Statt auf Zentralisierung und interne Hierarchie zu setzen, die zu endlosen Spaltungen führe, gelte es horizontale Netzwerkstrukturen weiterzuentwickeln. <<

h.yuren 05.06.2015 | 16:49

> Statt auf Zentralisierung und interne Hierarchie zu setzen, die zu endlosen Spaltungen führe, gelte es horizontale Netzwerkstrukturen weiterzuentwickeln. <<

das ist unbedingt richtig. aber das richtige, menschliche, vernünftige ist allenfalls hier und da existent. das große ganze läuft wie in der bronzezeit im urigen sumer.

um das zu ändern, zu bessern, braucht es einen systemwechsel. die basis in den dörfern und landstädten verplempert das wenige geld, das ihr zur verfügung steht, weil die sogenannten entscheidungsträger keine köpfe haben oder hohle.

auf der angeblich höheren ebene der kreise, länder, des bundes sind die leutchen zwar möglicherweise besser vorbereitet, aber die entscheidungsträger sind auch auf der angeblich höheren ebene hohlköpfe, nämlich parteiwichte, die gegen andere wichtigtuer anderer parteien kämpfen, natürlich auch gegen die möglichen kollegen in den eigenen reihen, die den job des anführers sofort übernehmen möchten. und bei wichtigen entscheidungen herrscht der klüngel oder die parteilinie, nicht aber der nötige sachverstand.

darum werden die armen immer mehr im land, die reichen immer reicher, darum herrscht die auto(bahn)kultur der nazis, die nach amerika schielten wie die nachkriegsmacher. in einem so dicht besiedelten land musste der individualverkehr in die staus führen, die heute stündlich gemeldet werden, als wären es die wasserstände für die schiffahrt. den riesenleichenberg und die gebirge der verletzten plus schrottsierras hat die dumme gesellschaft ohne murren gezahlt.

in diesem dichtbesiedelten land wollen die leithammel schon wieder etwas aus amerika abkucken. fracking. diese damen und herren wissen wirklich nicht, was sie tun. und niemand schaut ihnen auf die finger, besser: haut ihnen auf die finger.

was schädlich und leidvoll ist für dieses land, das beschließen diese hohltiere in berlin und anderen zentren. sie bewegen sich wie in trance durch die welt. aber nicht mehr lange. dann ist da der abgrund, in dem sie und wir verschwinden.

vor 43 jahren erschien "Das Ende des Wachstums". die oberen setzen bald ein halbes jahrhundert später auf nichts so sehr wie auf wachstum. können die nicht mal lesen! nein, wie gesagt es fehlt der sachverstand. machen wir doch so weiter wie die ahnen in sumer und früher.

das allererste, was abzuschaffen ist, die kriegsgesellschaft, die einen gewaltigen anteil des produzierten für die zerstörung bestimmt, wuchert munter weiter über den planeten. das ist raub und diebstahl an der menschheit. doch die oberkommandierenden haben sich alle mühe gemacht, ihren verfluchten posten zu ergattern. orden auf der uniform. prestige. auf in den kampf. der militärisch-industrielle komplex ist so gewaltig, dass die chose wie von selbst läuft. was ist so prima zentralisiert und hierarchisch strukturiert wie das militär! da gehts lang...

Reinhold Schramm 05.06.2015 | 17:51

Brecht und Brandt?

Erinnerung: Der liebe Onkel Willy Brandt, der politischen Administration der modifizierten deutschen Finanz- und Monopolbourgeoisie.

"Der große Willy Brandt" der Berufsverbote für antiimperialistische Aufklärer, Lehrer und Kommunisten, Antifaschisten und bürgerliche Humanisten.

Am 28. Januar 1972 fassten die bundesdeutschen Ministerpräsidenten unter Brandts Vorsitz den "Extremistenbeschluss". Der "Radikalenerlass" traf fast ausnahmslos die gesellschaftspolitische Linke, auch die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Und nicht die Altfaschisten in bundesdeutscher Beamtenschaft, nicht die Kapitalfaschisten in Wirtschafts- und Monopolverbänden, auch nicht im BND und VS-Staatsschutz, Bundeswehr, Polizei und Justiz.

Aufwachen, brave Kapitalmichels! (?)

Best Ideas Future 06.06.2015 | 09:15

@augstein: "Dann verstehe ich nicht, warum Sie sagen: Deutschland sei die lebendigste Demokratie von allen. Die Leute haben hier zwar die Wahl, aber sie stimmen freiwillig gegen ihre eigenen Interessen." Ja, Proteste gegen die oft dümmliche Politik unserer Repräsentanten gelten bei uns als Zeichen einer "lebendigen Demokratie". Je mehr Proteste, desto lebendiger, desto besser, desto 'gesünder' die Demokratie. Deshalb bekamen ja auch die über 34.000 Demonstranten in München gerade ein großes Lob der Kanzlerin. Wir als Souverän werden genötigt, unsere Stimme an Repräsentanten abzugeben und müssen dann die nächsten vier Jahre deren Tun ertragen. Alles, was uns bleibt, ist die Erlaubnis, unseren Unmut zum Ausdruck zu bringen. Was die Politik nur ein wenig mehr interessiert, als wenn in China ein Sack Reis umfällt.

Ja, die Bürger stimmen oft freiwillig gegen ihre Interessen. Da stimmt doch vielleicht etwas nicht mit unserem demokratischen System, das wir vor lauter Ehrfurcht niemals reformiert haben.

Man stelle sich vor, wir müssten immernoch mit Windows 1.0 arbeiten ...


Nur Proteste und Protestbewegungen alleine bringen uns auf keinen neuen vernünftigen Kurs, vermögen keine Partei so zu verbiegen, wie wir's gerne hätten. Was fehlt, ist ein neues überzeugendes Angebot für die frustrierten und wütenden Wähler: ein brandneues umfassendes Gesellschaftskonzept, in das all unsere Kritik an der jetzigen Politik mit einfließt. Die kreative Kraft unserer Zivilgesellschaft ist immens groß. Wir müssen sie nur einladen, sich zu entfalten. Nach vorne und neu denken ist die Devise, so wie Testla in der Antriebstechnologie. Good-bye Otto-Motor!

Best Ideas Future 06.06.2015 | 09:39

@ziegler: "Das Grundgesetz gibt uns die demokratischen Waffen in die Hand, um die Mechanismen, die die Welt verwüsten, zu brechen." Und dieser enormen Power sind wir uns leider so gar nicht bewusst. Wir fühlen uns "ohnmächtig", sind es jedoch gar nicht. Nur weil eine Tür geschlossen ist, ist sie noch lange nicht verriegelt. Wir sind nicht eingesperrt. Wir brauchen die Tür nur zu öffnen.
Problem: Das muss organisiert werden. Dafür braucht es charismatische Führungspersönlichkeiten mit klarem Kopf, die auch über den deutschen Tellerrand hinweg denken können. Gregor Gysi? Anke Domscheid-Berg? Heiner Geißler? Any ideas?

schna´sel 06.06.2015 | 12:11

Sehr gut! Vielen herzlichen Dank Herr Augstein für dieses Interview! Und auch Herrn Ziegler vielen Dank für das was gesagt wurde und den Mut, sich den klugen Fragen eines aufgeklärten Journalisten zu stellen, der mutig genug ist zuzugeben, dass die Aufklärung, auch die politische Aufklärung so wie wir sie bisher verstanden und angewendet haben an ihrem Ende angekommen ist. Das all das rationale Bewusstsein zu nichts weiter geführt hat als zu den Verhältnissen, die wir eben jetzt in der so genannten freien Welt vorfinden.

"Und Machado sagt: „Ich wandere, es gibt keinen Weg. Den Weg bahnst du im Gehen.“ Genau das ist es: Was die Menschen aus der Freiheit machen, ist das Mysterium der Geschichte. Das kann keiner voraussagen."

Wunderbar, dass das in der aktuellen Diskussion mal jemand sagt, den man nicht sofort als religiös verblendeten Spinner diffamieren kann! Es wird nicht gehört werden. Die etablierten beteiligen Kräfte, Parteien und gesellschaftlichen Gruppen, speziell liberale, bzw. neoliberale Politiker, Journalisten und Geschäftsleute werden weiterhin auf dieses Spiel bestehen. Weil es ihr Spiel ist, das sie demokratische Freiheit nennen. Und jeder andere Gedanke oder Ansatz von Freiheit wird von ihnen genau so gnadenlos diffamiert werden, wie sie das im Moment in Bezug auf die politischen Veränderungn in Europa in ihren neoliberalen Massenblättern vorexerzieren. Ganz besonders wenn er einen Glauben einschließt, der ihrer quasireligiösen neoliberalen Doktrin Konkurrenz sein könnte. Da reagieren diese Herrn genau so eifersüchtig, wie weiland kommunistische oder faschistische Diktaturen auch. Und auch deshalb, nochmal einen herzlichen Dank an Herrn Augstein, dass er mit dem "Freitag" eine der wenigen Alternativen in der journalistischen Landschaft in Deutschland weiterhin lebendig erhält.

Costa Esmeralda 06.06.2015 | 12:18

Warum kommen Rechte in der Merkel-Republik aus ihren Löchern? Weil sie ihre Existenzbedingungen gefährdet sehen.

Warum kommen Linke in der Merkel-Republik nicht aus ihren Löchern? Weil sie mehrheitlich einen Besitzstand zu verlieren haben, d.h. nackte Angst vorm mutigen Schritt in eine humane und nachhaltige, bisher unbekannte Zukunft.

Warum reissen bekennende und unabhängige Humanistennoch so wenig? Weil es bisher nur Wenige sind, denen materieller Besitz weniger bedeutet als das Wohlergehen der Gesamtgesellschaft.

Deshalb: Pfeifen wir auf Rechte und Linke und bemühen uns stattdessen, unter den Jugendlichen dieser Welt den Samen des Humanismus zu säen!

GEBE 06.06.2015 | 12:35

Pardon, was nützt ein Grundgesetz, wenn Richter des obersten Gerichts, dem Bundesverfassungsgericht, z.b. entscheiden, daß Sanktionen bzgl. teilweiser Einstellung von Existenzminimun-Leistungen nach SGB-II (Hartz IV), nicht gegen den Artikel 1 des GG verstoßen, weil damit die Aufrechterhaltung der physischen Existens gewahrt bliebe?! Da ist nichts mehr mit Tür öffnen, weil diese Richter nämlich komplett die Klinken abmontiert haben!

Best Ideas Future 06.06.2015 | 15:25

@GEBE @COSTA ESMERALDA

Die Richter haben die Schlösser nicht abmontiert. Auch wenn ein zunehmender Teil der Bevölkerung in wirtschaftlicher Not ist, also ganz andere Sorgen hat als unserem nicht funktionierenden System auf die Pelle zu rücken: Die Mehrheit der Bevölkerung will eine radikale Wende in mancherlei Beziehung. Doch ihr fehlt eine wählbare politische Bühne. So bleiben vorerst nur Proteste und das Bestreiken der Wahlurnen bis zu dem Tag, an dem eine neue Partei entstanden ist, die aufräumt mit dem Desaster. Und eben das ist möglich, weil die Türklinken nicht abmontiert sind. Die ließen sich nur durch eine Grundgesetzänderung abmontieren, die es den Bürgern verbietet, neue Parteien zu bilden.

Martin Franz 06.06.2015 | 15:49

Lieber CE,

man sollte stets die "Essenz" (entsprechend) "erkennen(d)/ziehen(d)"....HANDELN!

....nur so/dann kommt man weiter!

...und wenn die Zeit, MAL wieder, "reif" ist!....

Die "eigene Rolle".....und nicht nur bis "dahin"!....dürfte "dann" eine "spielen"!

Denn ALLES ist immer nur eine FRAGE der ZEIT!....traurig, immer nur wieder...die OPFER und das LEID bis "dahin"!!!

...in diesem SINNE, bis zur "Großen Überraschung"...

hoffnungsvolle Wünsche

Costa Esmeralda 06.06.2015 | 15:49

Lieber BoF,

ich meine, es ist Zeit, eine neue APO zu initieren, keine neue Partei. Aus der Geschichte wissen wir, dass alle politischen Parteien in der Welt-Geschichte in einmal eroberten Machtpositionen verkommen und das Allgemeinwohl hintanstellen. Sicher gibt es in allen Parteien uneigennützige Mitglieder. Eine Partei als solche jedoch ist nie uneigennützig. Das sollten wir endgültig begriffen haben. Das GG erlaubt zumindest 50% unabhängige Abgeordnete im BT zu haben (Direktkandidaten). Dazu sollten wir uns alsbald auf den Weg machen.

LG, CE

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Ehemaliger Nutzer 06.06.2015 | 16:03

"Dazu sollten wir uns alsbald auf den Weg machen. "

Das sehe ich ebenfalls so, wenngleich die Latte für unabhängige KandidatInnen recht hoch liegt; umso höher, je repräsentativer, je (scheinbar) machtvoller das zu wählende Gremium dann ist.

Was in der Gemeinde noch möglich ist, das wird im Land oder gar im Bund ohne den Support von wenigstens einer der etablierten Parteien kaum darstellbar sein.

Insofern müsste die neue APO, die Multitude der urbanen Penner (wie ich sie frei nach Antonio Negri bzw. Mercedes Bunz nenne) massiven Druck auf die Etablierten machen; das Ziel dieser Bemühungen, eine Syriza oder Podemos hierzulande (noch) nicht erkennbar ist.

Reinhold Schramm 06.06.2015 | 17:10

"Aufstand des Gewissens" und die Praxis?

Wie muss dieser politische Machtapparat beschaffen sein, mit dessen Hilfe die sozial-ökonomisch-ökologischen Aufgaben gelöst werden sollen und gelöst werden können?

Welche Antworten erteilen dazu die historischen Lehren, der Niederlage der Pariser Kommune bis des Welt-Realsozialismus?

Der "Aufstand des Gewissens" und der "Aufrechte Gang" kann nicht die fertige Staatsmaschinerie der Beamten-Administration der Finanz- und Monopolbourgeoisie, des staatsmonopolistischen Gewaltapparates, der realen Diktatur des Quandtschen, Springerschen, Mohnschen, Siemensschen Kapitals etc., so einfach in Besitz nehmen und für die eigenen (humanistischen) Zwecke in Bewegung setzen. "Im Gegenteil. Sie muss eine der entscheidenden Aufgaben ihrer Revolution darin sehen, den vorhandenen bürgerlichen Staatsapparat zu zerbrechen, und sie muss diese Aufgabe lösen." (Politisches Grundwissen, Dietz)

Rechte sozialdemokratische Führer versuchen dennoch, in dieser Frage in der Europäischen Union bei der werktätigen Bevölkerungsmehrheit Illusionen zu wecken. Die politische Praxis dieser sozialdemokratischen Führer beweist jedoch, dass ein Regierungswechsel niemals ein Machtwechsel ist.

Mit "Gewissen", "Willy Brandt" und anderen (klein-)bürgerlich-ideologischen Streicheleinheiten kann man die Finanz-, Rüstungs-, Rohstoff-Konzerne und deren Administrationen in den Wirtschafts- und Monopolverbänden, in den staatlichen Gewalt-, Militär-, Polizei-, Justiz- und CIA-NSA-NATO-BND-MAD-VS-BKA-Überwachungseinrichtungen, nicht überzeugen.

Martin Franz 06.06.2015 | 18:45

Lieber CE,

da kann ich Ihnen nur vollstens und aus ganzem Herzen zustimmen!....und was den "Aufrechten Gang" angeht, da habe ich als (deswegen mittlerweile Ex-) Beamter....gar aus dem "Sicherheits-System" die übelsten Erfahrungen unmittelbar am eigenen Leib erlebt und erlitten!!!....und "dies ALLES" nur weil ich mich so verhalten habe, gar MUSSTE!....wie es das Gesetz ZWINGEND VORSCHREIBT!!!

DIES sagt ja eigentlich ALLES aus!...über dieses "System"!....die geheuchten Masken und Fassaden!....und die "dahinter stehende" GESELLSCHAFT!!!

...."tragischer Ritt"....

....sehe ich in "Anbetracht" des "Rests"....der Alternativen (eher) "positiv"....alles andere wäre (noch) unerträglicher!

...ist "wohl" der (höchst-nötige) Antrieb/Ansporn?!

...."in Solidarität mit Gleichgesinnten"....

....selbst mein Behördenleiter wünschte mir Glück und Erfolg...und das ich "damit" eine "Lawine lostrete"!....er selbst aber......in "dieser"....!!!....denn wehe dem, der.....!!!....

http://www.scharf-links.de/46.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=37856&cHash=1d2bac358f

Best Ideas Future 06.06.2015 | 19:02

@COSTA ESMERALDA

Gerne auch eine APO, die dann zum gegebenen Zeitpunkt eine Partei werden kann. Von einer außerparlamentarischen Position aus wird man jedoch nichts wirklich bewegen können.
"Aus der Geschichte wissen wir, dass alle politischen Parteien in der Welt-Geschichte in einmal eroberten Machtpositionen verkommen und das Allgemeinwohl hintanstellen."
Ja, und gerade deshalb muss diese Partei dann auch von vorn herein so angelegt sein, dass genau dies nicht passieren kann.

pleifel 06.06.2015 | 19:32

"Ja, Proteste gegen die oft dümmliche Politik unserer Repräsentanten gelten bei uns als Zeichen einer "lebendigen Demokratie". Je mehr Proteste, desto lebendiger, desto besser, desto 'gesünder' die Demokratie. Deshalb bekamen ja auch die über 34.000 Demonstranten in München gerade ein großes Lob der Kanzlerin."

Ich empfinde es als Verspottung der Bürger oder soll ich es gleich Zynismus nennen? Schengen aufheben, sich von uns abgrenzen, riesigen Aufwand dafür betreiben und es von uns auch noch bezahlen lassen. Und das Land, mit der insbesondere gesprochen werden müsste, wird arrogant außen vor gelassen. Ich bringe es auf den Punkt: Welches Recht gebrochen wird, entscheiden immer noch die demokratische Staaten.

tlacuache 06.06.2015 | 20:04

..."Ja, und gerade deshalb muss diese Partei dann auch von vorn herein so angelegt sein, dass genau dies nicht passieren kann"...

Grüne? Piraten? AfD? SPD 1919?

Wunschträume, die "Alphatierchen" zerballern dir noch jede Partei, selbst in der Lili, SDS, KBW, DKP und Trotzkisten haben es die "Alphatierchen" geschafft jegliche Legitimation zu verspielen, und zwar lange bevor sie an der Macht waren.

;-)

GEBE 06.06.2015 | 21:36

@ Best Ideas Future

Wenn hier von Handeln aus Gewissensgründen das Thema ist, so kann dieses Handeln nicht abhängig davon sein, ob es eine Partei gibt, die die eigenen gewissensgetragenen Urteile mitträgt oder nicht, oder ob man erst eine Partei zu installieren habe, um gewissentlich zu handeln.

Entweder handele ich nach meinem Gewissen oder nicht. Alles andere ist reiner utilitaristischer Opportunismus.

Und wenn jemand nach seinem Gewissen handelt, ist er übermorgen raus aus der Gesellschaft und auf den Einzelhaftplatz mit Residenz-, Anwesenheits- und Meldepflicht unter Spaziergangerlaubnis verwiesen!

=> Job weg,

=> Einkommen weg,

=> soziale Teilhabe weg,

=> Freunde weg;

=> Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit (Art. 2,1 GG) weg,

=> Recht auf körperliche Unversehrtheit und

=> Recht auf Freiheit der Person (Art. 2,2 GG) weg,

=> Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz (Art. 3 GG) weg,

=> Recht auf Glaubens- u n d G e w i s s e n s f r e i h e i t (Art 4,1 GG) weg,

=> Recht auf Freizügigkeit des Aufenthaltes im Bundesgebiet ( Art.11 GG) weg,

=> Recht auf Berufsfreiheit (Art. 12 GG) weg,

=> Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung (Art. 13 GG) weg, usw. usf.

Das sind die Konsequenzen die durch Verhaftung auch nach Gewissensentscheidungen gegen das kriminelle System und gegen die Parteien-Junta, die gem. der „Hartz IV“-Gesetze knallhart eintreten.

Sich darauf einzulassen, dazu bedarf es einer enormen mentalen Belastbarkeit, einer Unkorrumpierbarkeit des Gewissens und anderer Dinge, nicht aber einer parteipolitisch wählbaren Bühne. Kein Hannemann ersetzt die konkrete alltägliche Gewissensentscheidung oder nimmt etwas von den Konsequenzen ab, oder bringt anstatt derer irgend etwas anderes zustande. Das Leben findet im Alltag statt und nicht auf Bühnen! Gewissensentscheidungen können auch nicht vorgeturnt werden!

Keine einzige sogenannte politische Partei tritt (geschlossen) gegen die Abschaffung von Hartz IV ein. Das zu politischen Parteien. Und was Ihre Ansicht angeht, die Mehrheit der Bevölkerung wolle eine radikale Wende, da frage ich Sie, woran Sie das denn wohl konkret abzulesen gedenken?

Was tatsächlich, einzig und allein abzulesen ist, und zwar durch leidenschaftsloses Konstatieren des Status quo der Beschaffenheit dieser Gesellschaft, ist der etablierte Status quo dieser Gesellschaft, und der ist alles andere als auf eine radikale Wende angelegt. Im Gegenteil, er ist angelegt auf Besitzstandswahrung und Besitzstands-Mehrwert.

Und zum Status quo dieser Gesellschaft gehören genau solche sentimentalen Ansichten, wie die Ihre, das Abtanzen des Middle-Class-Blues', als die gesellschaftliche Atzung, durch die das System am Furzen gehalten wird und das ist, was es ist!

P.S.: Es wäre hilfreich, wenn Sie bei Antworten den Antwortbutton bedienen, wenn Sie wollen, daß Ihre Antwort zielgerichtet ankommt.

kami 07.06.2015 | 07:50

Der deutsche Michel erwartet immer noch, dass das Gute von Oben kommt. Auf die Idee, dass die Gesellschaft von Unter her verändert werden könnte, kommt der gar nicht. Deshalb wartet er bis zum Sankt-Nimmerleinstag darauf, dass irgendwann einmal eine Regierung ihr Handeln nach dem Wohl des Volkes ausrichtet - warten auf Godot.

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Ehemaliger Nutzer 07.06.2015 | 09:58

Einen "Aufstand des Gewissens" als öffentlichkeitswirksame Empörung inswerk setzen zu wollen: das bedeutete allerdings auch Calvin samt seinen Determinismusvermutungen zu "Calvinismus" deklarieren zu wollen, ganz abgesehen davon wie Öffentlichkeit stets Köpfungen beiwohnt und bislang immer noch geduldig goutierend beizuwohnen scheint. Bei aller Sympathie für Zieglers Positionen: auch Zieglers Positionen werden sich gefallen lassen müssen kritisch betrachtet zu werden.

Best Ideas Future 08.06.2015 | 16:47

@GEBE Ich benutze den Antwort Button..

Hier ein Link zu einer recht tief gehenden Analyse, wie sich die Bewertung der sozialen Gegenwart und Zukunft im Laufe der vergangenen Jahrzehnte entwickelt hat. Ergebnis: Die Mehrheit blickt mit Angst in die Zukunft, will keine kleinen Korrekturen, sondern einen Paradigmenwechsel - wenn auch sicher nicht so radikal, wie Sie ihn fordern.

Unverständlich bleibt für mich, was Sie unter "Handeln aus Gewissensgründen" verstehen, wenn denn Konsequenzen wie die angeführten drohen.

Auch kann ich nicht glauben, dass es bei der LINKEN Befürworter von Harz IV gibt.

GEBE 08.06.2015 | 18:34

Ich habe den Eindruck, Sie haben meinen Kommentar, oben an Sie, nicht gelesen.

Wie kommt es sonst, daß Sie hier jetzt schreiben. „… wenn auch sicher nicht so radikal, wie Sie ihn fordern.“?

1.) Wo habe ich in meinem obigen Kommentar einen „radikalen Paradigmenwechsel“ gefordert?

2.) Stammt der Satz: „Die Mehrheit der Bevölkerung will eine radikale Wende in mancherlei Beziehung.“ nicht etwa von Ihnen, statt von mir?

3.) Meine Vermutung, meinen obigen Kommentar nicht gelesen zu haben, stützt sich auf die Tatsache, daß ich oben klar ausgeführt habe, was mit ‚Handeln aus Gewissensgründen’ gemeint ist und ist sogar nachlesbar.

Tsss …

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Ehemaliger Nutzer 09.06.2015 | 00:15

Mit dem Gewissen ist das so eine Sache, heutzutage kann man es einfach entlassen, aus der Kirche rauswerfen oder ins Gefängnis sperren.Man kann es auch rausmobben oder in die Psychatrie einweisen.Wenn man es dann los ist, ist man zwar ein geistiger Krüppel, aber das fällt in einer so diesbezüglich "behindertenfreunlichen" Welt gar nicht auf.

Martin Franz 09.06.2015 | 09:38

..."es auch rausmobben oder in die Psychatrie einweisen"....

Als "Paranoid querulatorischer Persönlichkeitsgestörter" kann ich "da" ein "Lied von singen"!....und dies als ("deswegen" Ex-) Polizeibeamter, der nicht "nur" seinem Gewissen "folgte" sondern sich gar an die gesetzlich zwingenden Vorgaben hielt, halten musste!!!....um sich nicht selbst strafbar zu machen!!!

http://www.freitag.de/autoren/martin-franz/gesellschaftliche-selbst-hinrichtung

silvio spottiswoode 09.06.2015 | 13:01

Spannendes Gespräch. Dank an beide, auch von mir. Interessant finde ich, dass Jean Ziegler hier einen zuversichtlicheren Eindruck macht, als beispielsweise im Interview mit der SZ. Dass er die Abwendung totalitärer Regierungsformen trotz Demokratiesimulation (G7, Elmau) tatsächlich noch für möglich hält. Wenn Ziegler hier Antonio Machado zitiert klingt er geradezu hoffnungsvoll:

„Ich wandere, es gibt keinen Weg. Den Weg bahnst du im Gehen.“ Genau das ist es: Was die Menschen aus der Freiheit machen, ist das Mysterium der Geschichte. Das kann keiner voraussagen. (...) Ich glaube an den Aufstand des Gewissens."

Denn ihm ist ja auch sehr bewusst, dass die Spielräume stetig schwinden; dass sich die Demokratie in Europa auf dem Rückzug befindet – beispw. die übergeordneten, nicht demokratisch legitimierten Istanzen bei TTIP/TISA/CETA/NSA/BND. Ziegler sieht das Zeitfenster – um positive Weichen zu stellen – sich immer weiter schließen. Und er sagt es ja auch so klar wie kaum ein anderer – außer Augstein –; dass das, was wir in Afrika sehen unsere Zukunft sein wird. Hungerne Kinder in Griechenland und Spanien, Armut, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit sind jetzt schon europäische Realität. Hunger, Kriege Konflikte. Die Auflösung der tragenden Säulen unserer Kultur, des sozialen Gedankens und der Idee von Gemeinwohl. "Der Dschungel kommt". Jean Ziegler legt beeindruckend klarsichtig dar, was die zivilisationsfeindlichen Tendenzen der perversen Vermögensumverteilung – ebenso wie die blinden Interessenkonflikte politischer Entscheidungsträger – anrichten. Es gibt wirklich sonst keinen, der die Probleme so schonungslos beim Namen nennt. Schwer zu ertragen, dass es tatsächlich Leute gibt, die Zieglers Aussagen als pathetisch und übertrieben darstellen. Toller Mann, schönes Interview. Mehr davon. :-)))