Ich habe Erinnerungen, als wäre ich tausend Jahre alt

JORGE SEMPRUN: ALS WÄRE ICH TAUSEND JAHRE ALT Der Schriftsteller Jorge Semprun über Erinnerung, Anonymität und die deutsche Sprache

FREITAG:In Ihrem kürzlich auf Deutsch erschienenen letzten Buch "Unsere allzu kurzen Sommer" evozieren Sie zum ersten Mal Ihre Kindheit und Jugend und vor allem Ihre Erfahrungen als junger Heranwachsender im französischen Exil, die "Lehr- und Wanderjahre in Paris" ab 1939. Sie betonen dabei, dass Sie darin ganz bewusst die Erfahrung von Buchenwald ausklammern wollten.

SEMPRUN: Für mich ist das ein ständiges Problem beim Schreiben. Die Tatsache, dass die Erfahrung des Lagers, die Erfahrung von Buchenwald, so früh in mein Leben trat, mit 20 Jahren, macht es für mich sehr schwierig, diese Erfahrung zu umgehen oder sie beiseite zu lassen. Ich glaube, etwas zwingt mich - ja, das ist tatsächlich wie ein Zwang, eine Verpflichtung - immer wieder zur Autobiographie zurückzukehren. Wo es doch andererseits für mich - wie für alle Leute übrigens - auf der Hand liegt, dass die Arbeit eines Romanciers nicht in der Autobiographie besteht. Man kann das machen, warum nicht, es gibt viel Autobiographisches in Romanwerken, aber doch mehr oder weniger kunstvoll bearbeitet. Aber die wahre Arbeit eines Romanciers besteht darin, eine Welt zu erfinden, Personen zu erfinden. Mein schriftstellerisches Ideal ist in folgendem Satz von Boris Vian enthalten, den ich sehr mag: "In diesem Buch ist alles wahr, weil ich alles erfunden habe." Die Wahrheit dessen, was man erfindet, das interessiert mich. Und es passiert mir sehr häufig, dass ich blockiert bin in meinem Schreibwunsch und dass ich von meinem Schicksal eingeholt werde, was mitunter fast unangenehm ist, nicht nur, weil es mich wieder mit der Lagererinnerung konfrontiert, sondern auch, weil es mir die Unmöglichkeit oder die Schwierigkeit deutlich macht, das Autobiographische zu überschreiten und einen Roman zu erfinden. Und genau das passiert im Moment gerade wieder. Ich hatte zwei Romane entworfen, zwei ganz unterschiedliche, die keinen Bezug zur Lagererfahrung haben. Und dann arbeite ich noch an einem dritten Roman, und der ist vollkommen jenseits der Lagerrealität, überhaupt jenseits der Realität im Allgemeinen, es ist zwar nicht gerade ein Science-Fiction Roman, aber so etwas wie eine Politik-Fiktion. Er hängt indirekt mit den aktuellen philosophischen Diskussionen über die genetische Kontrolle zusammen, die Diskussion, die Sloterdijk und Habermas führen und die in der Literatur zum Beispiel von Houellebecq in Frankreich thematisiert wird. In meinem Roman ist das Problem ein anderes. Es besteht darin, dass die Gesellschaft die Kontrolle über den Tod einführt, keine Geburtenkontrolle, sondern die Todeskontrolle. Wer stirbt, wird von der Gesellschaft entschieden. Denn die Möglichkeiten der Medizin geben eine hohe Lebenserwartung, und deshalb muss eine Auswahl getroffen werden und die hängt von den Bedürfnissen ab. In einem Jahr müssen die Frauen sterben, weil das demographische Gleichgewicht hergestellt werden muss, im nächsten Jahr müssen die Indianer sterben. Sie sehen, eine Philosophie des Schreckens. Mich interessiert die Frage: Was bleibt in einer Gesellschaft, in der "death control" statt "birth control" zu einer Norm wird? Welche Gefühle bleiben? Dieser Roman hat mir viel Spaß gemacht, weil er völlig anders ist als alles, was ich bisher geschrieben habe. Ich habe meine Themen, meine Obsessionen in einem völlig anderen Kontext wiedergefunden. Das alles also ist da. So, und nun komme ich in mein Arbeitszimmer und sehe die verschiedenen Manuskripte; ich setze mich an meinem Schreibtisch und .... schreibe über Buchenwald. Von Neuem.

Eine der Schlüsselszenen des Romans spielt an einem Tag im März 1939 - die Stadt Ma drid ist gerade gefallen. Sie werden von einer Bäckersfrau im Quartier Latin wegen Ihres spanischen Akzents als "Rouge espagnol", "Rotspanier" beschimpft.

Als ich nach Frankreich kam, konnte ich einigermaßen Französisch, das heißt, ich konnte es lesen und ein bisschen schreiben, denn ich erinnere mich, dass ich die Aufgaben im Lycée Henri IV direkt schreiben konnte. Aber ich hatte keinerlei Sprachpraxis. Ich hatte also einen schrecklichen Akzent, und dieser Zwischenfall mit der Bäckersfrau ist einerseits ein nichtiges Ereignis, man bräuchte es eigentlich gar nicht besonders zu betonen, denn fremdenfeindliche Geschäftsleute gibt es überall auf der Welt, und in Frankreich ist es nichts Ungewöhnliches. Da ich im Grunde extrem schüchtern bin, habe ich meine Frage nicht nur schlecht ausgesprochen, sondern wohl auch schlecht formuliert. Ich fragte nach einem Croissant, einem Brötchen oder so. Schlimm war die Art und Weise, wie sie sich dann an die Umstehenden wandte und sagte: "Ah, diese Rotspanier, die noch nicht mal unsere Sprache können und die hierherkommen"! Dazu muss man wissen, dass in der Tat mehrere Hundertausend Spanienflüchtlinge plötzlich nach Frankreich strömten und dass dies Probleme schaffte. Das ist richtig. Aber es gab verschiedene Möglichkeit darauf zu reagieren - mit Solidarität oder mit Fremdenfeindlichkeit. Diese Bäckersfrau jedenfalls hat mich auf mein Verhältnis zur französischen Sprache zurückgeworfen und bewirkt, dass ich auf der Stelle den leidenschaftlichen Entschluss fasste, nie wieder aufgrund meines Akzents aufzufallen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass diese bewusste Aneignung der französischen Sprache und die Tatsache, dass Sie Ihren ersten Roman "Le grand voyage" 1961 auf französisch geschrieben haben, eng miteinander zusammenhängen.

Es gibt bei mir ein ganz tiefes Bedürfnis, das sich in meinem Leben immer geäußert hat - auf ganz verschiedene Weise, denn es ist ein Bedürfnis, das sich nicht unbedingt in der Sprache äußert - und das besteht darin, so anonym wie möglich zu sein. Für mich ist nun allerdings die Frage, ob ich mich deshalb im Untergrund so wohl gefühlt habe, weil ich diesen Wunsch nach Anonymität habe, oder ob ich dieses Bedürfnis gerade aufgrund der Untergrundarbeit entwickelt habe. Da gibt es ein dialektisches Verhältnis, das schwer zu entwirren ist. Ich habe den Eindruck, wenn ich zurückdenke, dass ich diesen Wunsch anonym zu bleiben schon vorher hatte, dass ich es immer gehasst habe aufzufallen. Das hängt wohl auch mit meiner Schüchternheit zusammen. Aber möglicherweise auch mit dem Exil, der Entwurzelung, dem Verlust der familiären Geborgenheit oder ganz einfach auch mit der Tatsache, ein Kind aus reichem, gutbürgerlichem Elternhaus zu sein, das sehr behütet wurde.

Es gibt diesen Wunsch anonym zu sein, und das betrifft nicht nur die Sprache: ich hasse es, aufzufallen, möchte so unsichtbar wie nur möglich sein. Und dabei hilft mir die französische Sprache. Sie dient mir quasi als Verkleidung, als Maske.

Und ihr Verhältnis zur deutschen Sprache? In Paris kaufen Sie 1939 einen Baedecker, um die Stadt zu entdecken, und zitieren deutsche Gedichte. Damals wie später war Ihnen die deutsche Sprache nützlich, wie Sie ja nicht ohne Ironie schreiben.

Für mich ist das so klar, dass ich darüber nicht weiter nachgedacht habe. Also, manchmal treffe ich ehemalige französische Lagerhäftlinge, die sagen zum Beispiel, sie hören nicht gern Deutsch auf der Straße. Wenn ich dann frage, warum, dann sagen sie, das erinnert sie an den Kapo oder an den Vorarbeiter, der schrie. Und ich möchte fast sagen, glaubst du, dass man in französischen Gefängnissen nicht schreit? Glaubst du, dass man mich nicht auf Französisch angeschrien hat bei der Polizei? Nein, das stört mich nicht. Ich bin mit der deutschen Sprache aufgewachsen, und es ist eine Sprache, in die ich gerne - ich weiß nicht, ob es mir noch gelingen wird - völlig eintauchen würde. Also nicht nur lesen, denn ich lese jetzt schon viel auf Deutsch, ich lese mehr auf Deutsch als auf Französisch, philosophische Texte, Klassiker, Geschichtsbücher. Und dann die Klassiker - die gehen allerdings für mich bis zu Brecht, das hört nicht bei Goethe auf - die lese ich immer wieder. Wenn ich auf Reisen gehe und nur ein Buch mitnehme, dann nehme ich manchmal ein deutsches Buch mit, zum Beispiel die Gedichte von Paul Celan. Ich lese ständig Deutsch. Das Deutsche ist nicht die Sprache der Lager.

Ihr Text beschwört die Vergangenheit herauf und setzt damit die Suche nach der verlorenen Zeit fort, die charakteristisch für Ihr Gesamtwerk ist. Gleichzeitig betonen Sie jedoch darin unentwegt Ihre Skepsis an der Authentizität Ihrer Erinnerung.

Das ist eine zentrale Frage des Buches und eine zentrale Frage für mich, aus zwei Gründen: ab einem bestimmten Zeitpunkt wirft das Exil, das Leben im Untergrund und auch die Tatsache mit falschen Papieren, einer falschen Identität und unter falschen Namen zu leben ein Problem für die Identität auf. Wer bin ich denn eigentlich? Und dann findet man in der Erinnerung die Wurzeln der Identität. Gut, ich bin der Gleiche, anders zwar, aber doch der gleiche kleine Junge von damals. Also, wichtig ist dabei, dass es sich um eine bewusste Erinnerung handelt, etwas, woran man sich ganz genau erinnert, dass es nicht nur die Erinnerungen sind, die einfach so, spontan kommen, sondern dass man gewissermaßen Erinnerungsarbeit leistet. Das ist ein Reflex zur Rekonstruktion der Identität. Daneben passiert es mir aber - und das ist der zweite Aspekt - dass ich manchmal, wenn ich etwas geschrieben habe, was mir passiert ist oder eine Erinnerung, ein Erlebnis, sei es als direktes Zeugnis oder aber literarisch gestaltet, dass ich nicht mehr genau weiß, ob ich dass erfunden habe oder ob es sich wirklich zugetragen hat. Dann beginne ich zu zweifeln. Es gibt eine Mischung aus Erinnerung und Rekonstruktion. Es passiert mir durchaus, dass ich etwas geschrieben habe, etwa über eine Erinnerung an Buchenwald, und dass ich dann denke: "Habe ich den vielleicht erfunden, diesen Nikolai, den Stubenältesten, den Russen?" Aber ich weiß doch, dass ich ihn nicht erfunden habe. Ich muss mich dann richtig anstrengen, denn wenn es erst einmal geschrieben ist, verwischt sich die Grenze zwischen persönlicher Erinnerung und literarischer Erinnerung, der Erzählung.

Die Sprachkünstler Charles Baudelaire, Paul Valéry und vor allem André Gide haben Sie in der Pariser Zeit ebenso geprägt wie die Autoren Nizan und Malraux. Welche Rolle spielte André Malraux für Ihre politische Entwicklung?

Der frühe Malraux hat damals für mich eine Rolle gespielt, der Malraux der beiden Romane Die Hoffnung und So lebt der Mensch. Der Politiker Malraux hat mich dann weniger interessiert. Ich habe mein persönliches Verhältnis als Leser von Malraux jedoch nicht abgebrochen, weil er Gaullist wurde und weil er manchmal Dinge gesagt hat, die mir an der Grenze zum Kitsch zu liegen scheinen. Aber ich verstehe auch, dass jemand, der an der Seite der kommunistischen Partei und der Internationale stand, dass der plötzlich, während der Besatzung, entdeckt, was eine Nation ist, ein Vaterland. Das verstehe ich alles. Der Malraux, der über die Kunst schreibt, interessiert mich, wenn er über Goya schreibt, ansonsten interessiert er mich weniger, aber bei Goya hat er einiges sehr richtig gesehen. Aber was mich vor allem an seinem Roman "Hoffnung" interessierte, heute mindestens so sehr wie damals -vielleicht sogar heute noch mehr, denn als ich ihn 1939 las, habe ich die Tiefe seiner Gedanken nicht erkannt - ist seine Auseinandersetzung mit dem Kommunismus. Es ist ein Roman über die Treue zur kommunistischen Partei, über eine notwendige Entscheidung. Die Parteidisziplin ist notwendig, um diesen Krieg in Spanien zu führen und gleichzeitig sind in den großen, fast metaphysischen Dialogen zwischen Scali und dem altem Alvear über die Revolution alle Elemente einer Kritik am Kommunismus enthalten. Nicht am konkreten Kommunismus und den Männern, die kämpfen und die sagen, ich bin Kommunist, sondern an dieser globalen Idee, die zwar der Form nach universalistisch ist, nicht aber in ihrem Inhalt. Und das ist etwas, was mich sehr interessiert und was mir später geholfen hat.

Diesen Widerspruch zeigen Sie selbst in Ihrem Text an der Reaktion auf den kritischen Reisebericht von André Gide nach dessen Rückkehr aus der Sowjetunion auf. Bereits damals schien Ihnen die Argumentation suspekt.

Es hat mich nicht daran gehindert, weiterhin Kommunist zu bleiben. Denn für mich war der Kommunismus ein konkreter Akt gegen Franco in Spanien, und selbst als ich immer weniger mit der Partei einverstanden war, was ja dann zum Bruch führte, dachte ich - und dass denke ich auch heute noch - dass die kommunistische Partei im Untergrund eine wirksame Waffe gegen Franco war. Ich war gegen Franco Kommunist, aber nicht mehr für eine neue Gesellschaft, für eine neue Welt, einen neuen Menschen.

Mir ist aufgefallen, dass die Frauen in Ihrem Werk insgesamt gesichtslos bleiben. Auch in Ihrem letzten Roman beschreiben Sie Frauen nicht als Persönlichkeiten, sondern reduziert auf ihre Funktion als Partnerin für ein sexuelles Abenteuer. Die Frauen scheinen intellektuell uninteressant.

Es erscheint mir schwierig, mit 16 Jahren jemanden zu finden, mit dem man einen intellektuellen Austausch hat, ich jedenfalls habe diese Erfahrung nicht gemacht. Aber ich spüre sehr stark, dass ich gerne etwas über Frauen als literarische Figuren sagen würde, nicht über Frauen als Gegenstand soziologischer Überlegungen, darüber möchte ich nichts sagen, lieber diskret bleiben. Aber als literarische Figuren, und das ist auch einer der Gründe, warum ich diese anderen Romane schreiben will und weshalb ich auch manchmal traurig bin und mich ärgere, dass es mir nicht gelingt, dass ich immer wieder auf die Lagererfahrung zurückkomme, außer in diesem letzten Roman - natürlich gibt es auch vorher welche. Ich sage mir, ich muss mir und anderen beweisen, dass ich von Frauen als literarischen Persönlichkeiten sprechen kann, von echten Persönlichkeiten, von echten Frauen, über die ich mehr als drei Worte zu sagen habe. Und in allen Romanen, von denen ich vorhin sprach, sind Frauen die literarischen Hauptfiguren. Und deshalb bin ich doppelt verärgert, es nicht zu schaffen. Es sind Romane, in denen die Frauen im Vordergrund stehen.

Das Gespräch führte Mechtild Gilzmer

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Ausgabe 42/2021

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