Ich hasse, also bin ich

Abendland versus Morgenland Claudio Lange über die Entstehung des Abendlandes als Gegner des Morgenlandes

FREITAG: Herr Lange, Sie sind von 1989 bis 1992 durch die Reemtsma-Stiftung gefördert worden, um drei Jahre lang romanische Kirchen im Mittelmeerraum zu besuchen. Was haben Sie gefunden?

CLAUDIO LANGE: Ich hatte ein paar Jahre zuvor in alten Kunstbänden Skulpturen gefunden, die gefesselte Moslems darstellen - Abbildungen aus Kirchen, die um 1100 gebaut wurden. Als ich dann herumgereist bin in Südfrankreich, der Gegend des alten Aquitanien und in Italien, da fand ich ein ganzes Figurenensemble, in dem der Islam und die Moslems in erniedrigender und oft auch obszöner Weise dargestellt waren.

Die Christen in Spanien führten damals seit 300 Jahren Krieg gegen die Araber, Papst Urban II. hatte 995 zum Kreuzzug aufgerufen. Insofern scheint das nichts Ungewöhnliches zu sein, so geht man halt mit Feinden um.
Aber die ersten dieser Skulpturen tauchen bereits 60 Jahre vorher auf! Als die Skulptur selbst noch ein ganz neues Medium war. Die Darstellungen finden wir an den Kragsteinen, Konsolen, die zum Beispiel eine Dachkonstruktion stützen. Dort werden die dargestellt, über die man triumphiert. Und als Feinde, die von Säulen zerquetscht worden sind. Dazu passt auch die Bedeutung des romanischen Bogens, der ja ein Triumphbogen ist. Nein - das war ein Propagandafeldzug für den heiligen Krieg gegen den Islam. Und dieser Propagandafeldzug ist die erste Regung von etwas, das man später als Europa oder das Abendland bezeichnet. Papst Urban II. sagt es auch in seinem Aufruf zum ersten Kreuzzug vor der Kirche Clermont-Ferrand: Man zieht nach Jerusalem, um dem eigenen Elend und Unfrieden zu entkommen.

Immerhin gab es schon Karl den Großen, Otto und die Kirche mit ihrem geistigen Zentrum in Cluny ...
Die Bibliothek von Cluny besaß ganze 5.000 Bände, die Bibliothek des Kalifats Cordoba hatte eine halbe Million! Die Spuren, die Karl der Große und die drei Ottos hinterließen, zeigen, dass es sich nur um kleine Höfe handelte, aber nicht um eine Herrschaft, die sich in der Gesellschaft tatsächlich auswirkte. Das waren Anfänge, die alle gescheitert sind. Auf dem Gebiet Europas gab es damals drei Herrscher: Hunger, Mord und Gewalt. Der in Aquitanien im Jahre 1020 ausgerufene Gottesfriede hätte zum Anfang einer Zivilgesellschaft werden können. Damit wurde die Kirche ja auch beim Volk sehr populär, indem sie das Austragen von Privatfehden und das Tragen von Waffen an einigen Wochentagen verbot. Aber das scheiterte auch. Es gab damals kein Europa, es gab nur Wälder mit ein paar Slums. Und einige Klöster, in denen nur wenige Leute lebten, die keine Analphabeten waren.

Also nicht viel mehr als das, was Tacitus 900 Jahre vorher über die germanischen Stämme aufschrieb. Sahen das die Araber, die ja immerhin die Iberische Halbinsel besetzt hielten, genauso?
Für die Araber war Europa die Dritte Welt. Ein Land der Barbaren, man sagte über die Westchristen mit dem Hochmut der Hochkultur, dass "der kalte europäische Nordwesten die Intelligenz behindere". Alles, was die Europäer über die Antike wissen, haben sie aus Übersetzungen aus dem Arabischen. Wir haben zum Beispiel die Aufzeichnungen von Ibrahim Ibn Jakub, einem jüdisch-arabischen Kaufmann, der nach 950 auch Otto in Magdeburg besucht. Er hat beschrieben, was Europa damals war: Wald. Sümpfe. Ein paar Wege und die Anfänge von Städten. So hätte es noch ein paar Jahrhunderte weitergehen können.

Statt dessen zog man aus, das Grab Christi in Jerusalem zu befreien.
Und mit diesem Feindbild des islamischen "Heiden" - mit seiner Vielehe und seinen sehr sinnlichen Versprechungen vom Paradies - entsteht das Abendland. So schafft die Kirche ziemlich schnell den inneren Frieden in Europa. Vor allem für die armen Schlucker kommen zwei Dinge zusammen: Man entflieht dem Hunger und tut beim Plündern seine Christenpflicht. Es wird bis heute dargestellt, dass der Eremit Peter von Amiens auf einem Esel durch Europa zog und mit seinen Gräuelmärchen über die Muselmänner die Leute aufwiegelte. Aber eigentlich musste er nur noch das Zeichen geben, ihm nach Jerusalem zu folgen - die kirchliche Propagandamaschine war schon eine Generation zuvor angelaufen. Zu der Zeit, als der vielzitierte Hilferuf aus Byzanz bei Papst Urban II. auf der Synode in Piacenza eintrifft, steht die Sache längst fest: Gott will es! Und die Kirche hat diese innere Einheit sehr nötig. Sie verletzt mit dem Aufruf zu Krieg ja die Zuständigkeiten der weltlichen Fürsten, eigentlich hat sie gar nicht die Finanzen, um Byzanz mit Söldnern zu helfen.

Für Peter von Amiens ist der Kreuzzug auch eine ziemliche Katastrophe.
Nun, Peter selbst kommt zwar nicht bis Jerusalem, aber wenigstens noch zurück. Sein Heer - ein Haufen armer Bauern - war nach schon einem Jahr so gut wie nicht mehr da. Aber das kam alles später.

Was genau ist auf den Skulpturen zu sehen, die Sie für die Untermauerung ihrer Theorie anführen?
Das geht von Beischlaf-Darstellungen bis hin zur Onanie und dem obszönen Herzeigen der Geschlechtsteile. Dabei haben die Moslems als Charakterisierung oft die Hand auf der Brust für den islamischen Gruß. Muezzins, die sich die Ohren zuhalten und von der Hölle verschlungen werden. Das hat manchmal auch durchaus künstlerischen Witz! Wie zum Beispiel die Darstellung von drei Moslems, die auf dem "Rosettenstein" der Abteikirche St. Pierre et Paul, Beaulieu sur Dordogne, Correze, aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts zu sehen sind: Sie verhöhnen mit Gesten das christliche Fest der Auferstehung wie es bei den Moslems üblich ist: Ostern steht er ihnen wieder! Es ist ein ganzer Kanon von Figuren, der da entstanden ist.

Wie wurde die Anwesenheit dieser Darstellungen denn bis jetzt erklärt?
Als eine Nebensache. Man sagt zum Beispiel von der arabisch-persischen Portallunette der Kirche in San Pedro de Cervantos, das sei eben der Einfluss der arabischen Kultur, die Arbeit von arabischen Handwerkern. Aber die pornographisch-diffamierenden Darstellungen an den Kragsteinen der Kirche stammen vom selben Künstler! Man sagt auch, diese Darstellungen wäre einfach apotropäisch - das ist geisterbannend. Oder sie wären karnevalesk. Oder die Darstellung eines Sündenkatalogs. Das heißt: Dieses ganze Figurenensemble soll eine Randerscheinung der sogenannten Romanik in dieser Gegend sein? Betrachtet man sich die Skulpturen mit dem Blick der Kirchenpropagandisten, dann sieht man: Die antiislamischen Darstellungen sind der geistige Hauptinhalt der Medienrevolution, die zu dieser Zeit stattfindet.

Ist die Anzahl dieser Skulpturen so groß, dass sie tatsächlich als Propaganda bezeichnet werden können?
In hundert Jahren entstanden Zehntausende Kirchen, die sich mit ihren Skulpturen der antiislamischen Propaganda widmeten. Vor allem: Die Darstellungen sind meistens außen angebracht, sie sollen also nicht nur beim Gottesdienst wirken, sondern bei den Markttagen und im Alltag. Wichtig ist außerdem, dass in dieser Zeit die Bildhauer ihre Darstellungen signierten - das heißt, sie sicherten sich ihre Trophäen, ihr Visum ins Paradies. Wir kennen etwa 500 verschiedene Signaturen. Diese Bilder gegen die Muslime wiesen ihre Hersteller gleichzeitig als brave Christen aus. Und vergessen Sie nicht: Bildnerische Darstellungen für das Volk waren zuvor eigentlich nicht vorhanden. Die Skulptur ist zu dieser Zeit in dieser Gegend als bildnerisches Genre noch ganz am Anfang! So etwas sprach sich herum, das wirkte dauerhaft und lange.

Wieso nennen Sie den Begriff Romanik "so genannt"?
Weil er nicht zutrifft. Da wird ein architektonisches Merkmal benutzt, um den Geist einiger Jahrhunderte zu charakterisieren? Das ist absurd! Zugegeben - dieser Rundbogen ist römisch. Er symbolisiert den Triumphbogen. Triumph worüber? Über den Islam! Der Islam ist mit der Entstehung Europas sehr eng verknüpft - das ist schon lange bekannt. Ich nenne diese Zeit deshalb die Zeit des Antiislamismus. Und weil wir gerade bei den Begriffen sind: "Mittelalter" ist genauso nichtssagend. Die Herausbildung und der Kampf zweier Religionen prägen diese Epoche: Es ist das islamisch-christliche Zeitalter.

Aber finden Sie es nicht normal, dass man sich durch die Abgrenzung von seinen Feinden definiert?
Nein, überhaupt nicht. Weder die chinesische, ägyptische, indianische oder islamische Hochkultur hatten ein Feindbild nötig, um sich ihrer Werte bewusst zu werden. Und auch nicht die christliche Religion. Natürlich wehrt man sich gegen Bedrohungen, natürlich macht man Eroberungen. Aber das Abendland ist ausschließlich als Gegner des Morgenlandes entstanden. Nur dieses Feindbild rechtfertigte seinen Bestand. Es hatte nichts, was es als eigene Kultur in fremde Länder exportieren konnte. Bei Alexios, dem Kaiser von Byzanz, kam ein Haufen zerlumpter hungriger Bauern an, von dem nichts Gutes zu erwarten war. Vor allem, weil bekannt war, dass sie viele Plünderungen und Judenpogrome auf ihrem Wege verübt hatten.

Aber später finden doch eigenständige Entwicklungen statt, die nach Europa führen.
Ja, sicher. Aber dieses Denkmuster "Odi ergo sum - Ich hasse also bin ich" - das findet seine Fortsetzung: Die sogenannte Gotik war antijüdisch. Kolumbus hatte nicht nur die Kreuze auf seinen Segeln, er hatte auch einen Brief seines Königs an den mongolischen Khan im Gepäck, um eine Allianz gegen den Islam zu schließen, falls die Erde doch - wider Erwarten - rund sein sollte. Man ist hier immer zuerst "anti" - dann erst wird man etwas. Und ich glaube, dieses Denkmuster blieb nicht nur in der großen Politik, es übertrug sich auch in die Psyche des Einzelnen. Wenn es eine Mentalität gibt, die man tatsächlich als "typisch europäisch" bezeichnen kann, dann sind es diese Strukturen. Ich glaube, das funktioniert bis heute.

Das Gespräch führte Frank Schlößer

Der deutsch-chilenische Maler Claudio Lange lebt und arbeitet seit 1973 in Berlin. Drei Jahre lang war er den steinernen Zeugnissen der abendländischen Kreuzfahrern auf der Spur, gefördert von der Reemtsma-Stiftung. Dann stand für ihn fest: "Die erste Regung dessen, was später Europa werden wollte, war die Propaganda für den Kreuzzug. Erst mit diesem Feindbild entstand Europa." Lange setzt den Begriff "Anti-Islamismus" an Stelle der Romanik und nennt das Mittelalter das "islamisch-christliche Zeitalter". Und er zieht Parallelen zur Gegenwart: "Odi ergo sum - Ich hasse also bin ich" - heißt es bis heute, wenn Europäer an ihre Selbstfindung gehen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 14.12.2001

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare