„Ich werde mit allen Mitteln kämpfen“

Interview Sibylle Berg sieht die Menschen an ihrer eigenen Kontrolle mitwirken. Dass Demokratie funktionieren kann, glaubt sie aber immer noch

Sie ist Schriftstellerin und Kunstfigur, für ihre Leser ist Sibylle Berg Kult. Die 56-jährige Wahlschweizerin ist medial omnipräsent, doch als Person schwer zu fassen. Ihr Blick auf Menschen und deren Leben ist in ihren Stücken oft düster. Auch in Bergs neuem Roman GRM – Brainfuck steht es nicht gut um die Welt: Die Reichen haben die Schlacht gegen die Armen fast gewonnen, es herrscht der totale Überwachungsstaat. Die meisten Romanfiguren sind verblendet.

der Freitag: Warum so negativ, Frau Berg?

Sibylle Berg: Wenn man die Schweiz verlässt, es sei denn, man lebt hier in einem Obdachlosenheim, einem Frauenhaus oder ist ohne Papiere, merkt man schnell, dass die Welt zwar nicht untergeht, sich die Lebensbedingungen für viele Menschen aber gerade verschlechtern, obwohl es im Moment keine Wirtschaftskrise gibt und der Reichtum einer 1-Prozent-Schicht in absurdem, geradezu obszönem Maße wächst. In vielen Städten Europas gibt es einen akuten Wohnraummangel oder Mieten, die kaum mehr bezahlbar sind, Arbeitslosigkeit der über 50-Jährigen, die Prämien der Krankenkassen steigen. Und die Verunsicherung der Bevölkerung wächst.

In Ihrem Roman werden all diese Krisen gebündelt.

Mein Roman behandelt Fragen, die sich viele zurzeit stellen: Was wollen die populistischen, faschistischen Kräfte, die gerade weltweit einen Aufschwung erfahren? Welche Verbindung gibt es zwischen dem Neoliberalismus und der Überwachung, der die meisten Bürgerinnen und Bürger aus Angst vor dem Terror bereitwillig zugestimmt haben? Die Bevölkerung der Erde wächst in einem Maße, dem die Ressourcen nicht standhalten können. Sicher erschien jede Zeit dem Menschen als die schrecklichste. Vermutlich stimmt das sogar. Einige Figuren in meinem Buch sind bösartig, andere müde, traurig, viele einfach überfordert von der sich rasant verändernden Welt. Also normal.

Ist Ihr Roman ein Mahnfinger?

Wie die Lesenden mit dem Inhalt umgehen, ist so vielfältig wie die Menschen. Diesmal scheinen die Meinungen einheitlicher, viele fühlen sich aufgeweckt und motiviert nach der Lektüre, sie verstehen diese als Warnruf zur Rettung Europas. Ist doch schön, dass Literatur solche Reaktionen hervorrufen kann. Für GRM – Brainfuck hatte ich über ein Jahr Zeit für Gespräche mit Wissenschaftlerinnen, Recherchen in England, das Hören von Grime und das Lesen von IT-Büchern und Vorträgen. Es geht mir um ein Verstehen der Zeit, in der ich lebe. Was die Menschen mit meinen Gedanken machen, bleibt ein intimer Vorgang.

Sie sagten einmal, Sie hassten Max Frisch, Sie könnten nicht so toll die Welt erklären und Pfeife rauchen wie er.

Der Max-Frisch-Spruch ist sehr alt, aus irgendeinem Zusammenhang gerissen, keiner weiß, ob er je so gefallen ist. Aber schön, dass er nach Jahrzehnten nochmals in den Zeitungen steht. Ich hasse keinen. Herr Frisch bedeutete mir als Künstler einfach nie so viel wie etwa die fantastische Schweizer Autorin Agota Kristof, die viel weniger Aufmerksamkeit erhielt.

Die Abgehängten würden nur aufbegehren, wenn Fussball verboten würde, heißt es im Buch.Was ist so schlimm an einem schönen Fußballabend?

Im Privaten ist mir vollkommen egal, was Menschen in ihrer Freizeit tun. Im Buch steht das Kapitel über Fußball in einem Kontext, den Sie hier, der Kürze geschuldet, nicht erwähnen: Das Stadion in Liverpool erhebt sich wie eine Kathedrale über dem Viertel, das heute eines der gefährlichsten der Stadt ist, Häuser stehen für ein Pfund zum Verkauf, Jugendbanden machen die Straßen zu einem Kriegsspielplatz. Die Menschen begehren nicht auf, aber sie haben das frühere, durch funktionierende Gewerkschaften intakte Gemeinschaftsgefühl verloren.

Also keine Aussicht auf eine Revolution?

Wir befinden uns gerade in der digitalen Revolution. Sie hat die Überschrift: Das Leben für alle leichter, weniger anstrengend und kreativer machen, und vielleicht wird das eines Tages auch stattfinden. Im Moment jedoch muss sich die Weltbevölkerung rasend schnell an eine sich exponentiell beschleunigende Umstellung der Gesellschaft durch Digitalisierung gewöhnen, und das überfordert die meisten. Arbeitsplätze verschwinden durch Digitalisierung.

In unserem näheren, sichtbaren Umfeld etwa das Check-in am Flughafen, die Postschalter, die Bahntickets, die Supermarktkassen, und das ist nur das, was wir sehen.

Aber die Digitalisierung hat auch unverkennbare Vorteile!

Wir können ungefiltert jede Art von Informationen konsumieren, aber das bringt viele auf die Idee des eigenen Expertentums, und so gibt es vermehrt Seuchenbefürworter und Reichsbürger. Überdies sind die meisten mit ihren Smartphones und anderen Geräten dem Hacking oder der Überwachung total ausgeliefert. In zehn oder zwanzig Jahren kann es durchaus möglich sein, dass uns all die technischen Möglichkeiten realen Fortschritt, wirkliche Freizeit und eine Förderung der Kreativität des Einzelnen bringen; wir befinden uns leider gerade in der schwierigen Phase, bevor eine Entwicklung in der Welt angekommen ist.

Das Internet ist in „GRM“ ein „Ort der Verblödung, Verhetzung, Manipulation und Frustration“. Sie selbst sind sehr aktiv in den sozialen Netzwerken.

Ich bin auch aktiv im Bereich Kryptografie und Netzpolitik, und mit den Einblicken muss man sagen, dass das Internet von einem freiheitlichen Experiment – das erdacht wurde, um Wissen weltweit zu teilen und Menschen zu verbinden – zum durchkapitalisierten Ort geworden ist, der von wenigen Marktführern dominiert wird. Wir wissen, dass jede unserer Bewegungen und Aktionen im Netz gespeichert wird, falls wir nicht über Tor und DuckDuck ins Netz gehen und soziale Medien meiden. Wir kennen den Fall Cambridge Analytica, was nur eine Firma war, deren Aktivitäten stellvertretend geoutet wurden, damit hundert andere damit fortfahren, Daten zu sammeln und uns mithilfe von Algorithmen zu manipulieren.

Weimar, Weltschmerz, Warnung

Ihr erster Roman, 1997 erschienen, machte Sibylle Berg sofort bekannt: Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot. Zunächst von 50 Verlagen abgelehnt, druckte ihn Reclam schließlich, das Buch wurde mehr als 100.000 Mal verkauft. Die Figuren scheitern, an unerfüllbaren Sehnsüchten, Beziehungen und an ihren Körpern.

Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren, ihre Mutter, eine alleinstehende Bibliothekarin, war Alkoholikerin. Für ein paar Jahre gab sie ihre Tochter zu einem entfernt verwandten Musikprofessoren-Ehepaar. Nach der Schule machte Sibylle Berg eine Ausbildung zur Puppenspielerin, Mitte der 80er-Jahre ging sie weg aus der DDR, kam zunächst in ein Auffanglager nach Berlin-Marienfelde. In dieser Zeit nahm sich die Mutter das Leben. Drei Monate verbrachte Sibylle Berg an einer Akrobatenschule im Schweizer Tessin und ging danach zurück nach Berlin, wo sie in einem Wohnheim von Sozialhilfe lebte. Sie zog später nach Hamburg und arbeitete dort als Gärtnerin, Putzfrau, Sekretärin, Versicherungsvertreterin – und begann zu schreiben. Nach dem ersten Roman folgte 2009 Sex 2 – Kritiker nannten sie damals „Designerin des Schreckens“.

2009 erschien Der Mann schläft, 2012 Vielen Dank für das Leben und 2015 Der Tag, als meine Frau einen Mann fand. Sibylle Berg hat bislang 25 Theaterstücke und 15 in 34 Sprachen übersetzte Romane veröffentlicht. Auf Lesetouren lässt sie sich regelmäßig von Musikern begleiten. Ihr neuer Roman GRM – Brainfuck (KiWi, 2019) ist im englischen Rochdale und in London angesiedelt. Die künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch zur Machtübernahme, die Welt auf dem Weg zum elektronischen Überwachungstotalitarismus nach chinesischem Vorbild. Das für alle garantierte Mindesteinkommen bekommt nur, wer sich einen Chip mit seinen persönlich-medizinischen Daten einpflanzen lässt.

Für Spiegel Online schreibt sie alle zwei Wochen die Kolumne Fragen Sie Frau Sibylle. 2013 nahm sie einen Lehrauftrag an der Zürcher Hochschule der Künste in Dramaturgie an.

Ohne Anonymisierung mit dem Tor-Netzwerk oder der Google-Alternative DuckDuck sind wir manipulierbar?

Ja, auch die Hemmschwellen von Millionen werden codegetrieben herabgesetzt. Aber auch hier gilt: Das sind vermutlich nur Anfangsschwierigkeiten eines neuen Zeitalters. Die Benutzer werden lernen, Informationen zu filtern, Falschmeldungen zu erkennen. Das wäre der optimistische Ansatz.

Im Roman leisten junge Menschen Widerstand. Aber auch sie werden bald „ihren Platz in der Gemeinschaft finden“. Gibt nicht gerade die Klimajugend Hoffnung?

Im Buch wachsen Don, Karen, Hannah und Peter in sogenannten Falling Estates auf. Ihr Leben besteht aus Obdachlosenheimen, überforderten, depressiven Eltern, Missbrauch und Gewalt. Sie spiegeln den Teil der Bevölkerung, der mit dem Überleben beschäftigt ist. Deren Sorge besteht konkret in den Schikanen der Sozialhilfe-Mitarbeiterinnen, der Wegweisung aus ihrer Umgebung, dem stundenlangen Warten in Notaufnahmen. Damit meine ich nicht, dass die von mir beschriebenen Jugendlichen nicht an der Welt und ihrer Schädigung interessiert sind. Aber eine Klimademo gibt ihnen vermutlich nicht viel Hoffnung.

Sie sahen das beschriebene Elend in England?

Das Erschreckende, was mir begegnete, war, dass in einem der reichsten Länder Europas ein großer Teil der Bevölkerung wie unnötig geworden scheint. Diese Menschen werden in den Vororten verstaut, erhalten das zum Überleben Notwendige und haben keinerlei Chance, ihren Platz, der ihnen zugewiesen wurde, zu verlassen. Dank dem Klassensystem und der schlechten, nicht privatisierten Bildung. Natürlich ist die Klimabewegung großartig. So, wie die zunehmende Politisierung der Bevölkerung zeigt, dass nichts festgeschrieben und unumstoßbar ist.

Selbst das Grundeinkommen wird bei Ihnen zum Horror, weil es durch umweltschonendes und soziales Verhalten aufgestockt werden kann. Ist doch keine schlechte Idee, Anreize zu schaffen, damit Negatives verschwindet!

Ja, es ist eine wahrscheinliche Möglichkeit, die in China bewährten Kontrollmechanismen in den westlichen Ländern einzuführen, etwa über ökologische Themen. So, wie die biometrische Kontrolle mit Verhüllungsverboten möglich gemacht wird. Komisches Beispiel, gleiches Ziel. Dass die Bürgerpunkte in China bereits eine freudvolle Aussicht auf eine sich selbst kontrollierende Weltbevölkerung darstellen, ist aber keine Utopie.

Nicht?

Nein, wir wenden bereits ähnliche Mechanismen an, etwa bei der Vernetzung der Fitnesstracker mit der Krankenkasse oder bei der Selbstüberwachung, der sich Autofahrer mit Systemen in ihren PKWs aussetzen, damit sie die Prämien senken können. Gesellschaften benötigen Regeln, die Frage ist nur: Wo ist der Übergang von den Gesetzen, welche die Allgemeinheit schützen, zu einer Diktatur? Darum geht es in meinem Buch.

Sie haben in der Schweiz dagegen gekämpft, dass ein Gesetz zur detektivischen Überwachung von Sozialversicherten eingeführt wird. Das Referendum von 2018 scheiterte, aber Sie haben bewiesen, dass eine Initiative ohne wirkliches Budget lanciert werden kann.

Es war eine großartige Erfahrung, zu erleben, wie gut unsere Demokratie funktioniert. Mich haben all die Menschen und die vielen Organisationen, die unermüdlich mit uns kämpften, sehr glücklich gemacht, hier leben zu dürfen. In welchen Ländern können Menschen sich schon so aktiv in die Politik einbringen? Ich bin Schweizerin geworden, weil ich die längste Zeit meines Lebens an einem Stück hier bin, weil ich das Land liebe, mich ihm verbunden fühle wie keinem anderen Land.

Warum wurde die Initiative abgelehnt?

Ich kann nur vermuten, dass es an einer Mischung aus der Ansicht vieler, selbst nicht betroffen zu sein, Falschinformationen des Bundes und vielleicht auch mangelndem Kapital für eine große Kampagne gelegen haben könnte.

Werden Sie Ihren Einfluss auch künftig für Aktionsbündnisse nutzen?

Ich werde immer mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, für Gerechtigkeit kämpfen. Ich gehe von einer rechtlichen Gleichheit aller aus, und diese werde ich verteidigen. Ich glaube daran, dass eine Gesellschaft, in der es allen gut geht, die bessere, freundlichere, entspanntere ist. Und dass das Wohlgefühl der Menschen mit der Durchsetzung ihrer Gleichberechtigung zusammenhängt.

Andreas Tobler ist Kultur-Redakteur bei der Schweizer SonntagsZeitung, wo dieses Gespräch zuerst erschienen ist

06:00 27.05.2019
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