Ihr Angsthasen!

Alltag Was wäre, wenn die Bundesluftwaffe verirrte Flugzeuge über meiner Straße vom Himmel holen würde?

Ich kann nicht mehr schlafen. Obwohl ich in einer relativ ruhigen Straße am Prenzlauer Berg wohne, täglich Veronal und Diazepam schlucke, kein Fernsehen mehr schaue und trotzdem pünktlich meine GEZ zahle. Meine Ruh´ ist hin, seit die Minister für Innen- und Außenverteidigung unseres Landes sorgenvoll den Himmel nach Kamikazefliegern und Atombomben absuchen. Eigentlich sollte ich mir nicht so viele Gedanken machen. Ich wohne gegenüber des nichtjüdischen Friedhofs, der in der letzten Schlacht um Berlin verschont blieb. Warum sollen die islamischen Gotteskrieger die christliche Totenruhe stören, wenn in der Rykestraße die orthodoxen Juden das Ende der säkularen Welt herbeibeten und auf dem Kudamm russische Bisnezmen dem Mammon frönen? Ich halte mich von diesen Orten fern, lese keine Zeitung mehr, sondern Goethe: "Über allen Gipfeln ist Ruh´... Warte nur, balde ruhest du auch".

Meine Kindheit in Sachsen-Anhalt war ein anhaltendes Warten auf den Big Bang des Kalten Krieges. Ich wohnte an einem sowjetischen Flugplatz, der im Pentagon als Hauptziel eines Erstschlages galt, weil dort SS-20-Raketen mit Atomsprengköpfen stationiert waren. Die Dinger sind längst weg, und heute leben mehr Russen in Westberlin als Amerikaner. Sie sind der lebende Schutzschild gegen Putins neue Hydro-Bomben. Und solange sein Freund Schröder im Borchert Beuf Stroganoff speist, hat Berlin eine doppelte Verteidigung. Doch die Sorge, dass Deutschland am Hindukusch verteidigt werden muss (Weshalb eigentlich, wenn nicht auch im Golan, in den Karpaten, im Spessart und auf den Seelower Höhen?), raubt mir den Schlaf. Meine Concierge sagt, Deutschland muss vor jeder Haustür verteidigt werden, weil in unserem 18-Stöcker Neonazis, Türken, Vietnamesen und jede Menge Hartz IV-Empfänger wohnen.

Neulich abends verließ ich die in die Vertikale gekippte multikulturelle Mietarche, plötzlich sprang aus dem Gebüsch ein Fuchs. Ich fragte ihn, was er hier suche und meinte, graue Gänse gäbe es im Prenzlauer Berg soviel wie weiße Waale in der Spree. Er folgte mir zu meinem Renault-Hundefängerauto und war bereit, einzusteigen. Aus Angst vor Tollwut gab ich ihm einen sanften Tritt. Später erfuhr ich, dass der Fuchs schon lange in einer nahen Grünanlage lebt und sich vom Unrat der Anwohner ernährt. Seitdem mache ich mir noch mehr Sorgen. Was, wenn die GSG9 anrückt, im Dunkeln das mit einem Wolf leicht zu verwechselnde Tier niederstreckt und ich zufällig meinen Abendspaziergang mache? Hinterher heißt es, einen Passanten, der unter Tollwutverdacht stand, musste man leider ebenfalls erschießen - zum Wohle der allgemeinen Sicherheit. Die beiden einzigen Eichhörnchen des Friedhofs wurden absichtlich überfahren, sie standen unter dem Verdacht Mitglied der Roten Brigaden zu sein. Weil ich sie täglich mit Paranüssen fütterte und Freunden in New York und Neapel per E-mail davon erzählte, dürfte ich als Sympathisant von illegal eingewanderten Verdächtigen längst beim Staatsschutz erfasst sein. Man mag mich für überspannt halten, doch ein Blick zum Himmel über Berlin lässt nichts Gutes erahnen. Jeden Tag hängen Dutzende von Linienmaschinen im Anflug auf Tegel in der Warteschleife. Einmal saß ich in einem Flieger, dessen Pilot über Ostberlin umherirrte, weil er die Neubauviertel Hohenschönhausen und Hellersdorf verwechselte. Nicht auszudenken, was geschähe, würde die Bundesluftwaffe den Befehl ihres obersten Dienstherrn ausführen und jedes Flugzeug über dem Berliner Umland abschießen, das einen Ort mit einem anderen verwechselt hat und vom Kurs abgekommen ist. Darum wohl sollen Bewohnern entlegener Dörfer jetzt Wegzugsprämien angeboten werden. Und was ist mit den Krähen, die jeden Abend vom Friedrichshain in den Tiergarten umziehen? Stören sie nicht täglich den Radar und verwirren die Piloten? Könnten sie nicht einen Sprenggürtel der Marke al Qaida am Leib tragen oder wie Hitchcocks Vögel aus unerfindlichen Gründen das Bundeskanzleramt angreifen? Ich schwöre, dass ich keine Krähen füttere und die Kaninchen vor meinem Fenster nicht leiden kann, weil sie so wirr herumspringen und die Ventile meines Fahrrades anknabbern.

Ich möchte nicht als Angsthase gelten, weil ich mir Sorgen mache. Angst ist ja die normalste menschliche Reaktion angesichts einer realen Bedrohung. Wer keine Angst hat, ist schon so gut wie tot, wenn er in Berlin bei Rot über die Straße geht. Übertriebene Angst macht krank, weil das Gehirn auf Daueralarm schaltet. Das ist, als wenn neben dir eine nackte Frau im Bett liegt, die keinen Sex haben will. Manchmal habe ich den Verdacht, dass die Herren Schäuble und Jung uns deshalb Angst einjagen wollen, damit wir immer mehr kaufen und somit die Konjunktur ankurbeln, die die Produzenten ruhig schlafen lässt, uns, die Konsumenten, aber nie befriedigen wird. Der Bürger, der Angst vor der Zukunft hat, will alles sofort besitzen und verzehren, muss sein Geld ausgeben, bevor Deutschland von Terror-Islamisten angegriffen wird oder der nächste Banken-Crash uns überrascht und die Aktienpakete zunichte macht.

Dabei frage ich mich, wozu der einstige Bankteilhaber von George W. Bush Osama Bin Laden logistisch komplizierte und langfristig unwirksame Flugzeugentführungen und Bombenanschläge finanziert, wenn die westliche Welt doch viel leichter zu ruinieren ist. Die Hassprediger bräuchten den Gläubigen nur den totalen Konsumverzicht zu predigen - und Europa könnte als Renaissance-Museum, Naturpark oder Menschen-Zoo Eintritt verlangen. Wozu brauchen wir ein Ministerium der Terrorangst, wenn 6.000 Kilometer Schienennetz der deutschen Bahn aus bruchanfälligem Thomasstahl bestehen und wegen des Börsengangs von Herrn Mehdorn nicht erneuert werden? Dagegen waren doch die Kölner Kofferbomber ein regionales Problem.

Wenn unsere beiden Terrorminister die Wissenschaftsseite der FAZ läsen, könnten sie - auch ohne den Einsatz von Trojanern - die Gedanken aller deutschen Internet-User mit und ohne Migrationshintergrund ausspionieren. Hirnforscher der N.Y.U. haben herausgefunden, dass die politische Gesinnung von Menschen mittels EEG gemessen werden kann. Der singuläre Cortex steuert die Konfliktfähigkeit, bei liberalen Bürgern zeigt sich eine deutlich stärkere Aktivität der kleinen grauen Zellen als bei konservativen. Bei gottesfürchtigen Eiferern gleich welcher Religion herrscht totale Stille im Cortex. Sie können demnach mit Konflikten schlecht oder gar nicht umgehen, und das bedeutet laut Freud Aggression nach innen und außen. Hat Richard Dawkins Recht mit der These seines Buches Der Gotteswahn, religiöse Besserwisser seien geisteskrank und gehörten in die Nervenheilanstalt? Vielleicht kann man sie mit Prozac oder Litium therapieren, statt durch Gehirnwäsche und Guantanamo-Folter.

Doch soweit müssen wir euthanasiebelasteten Deutschen ja gar nicht nicht gehen, wir haben die neoliberale Konfliktbewältigungspartei von Guido Westerwelle. Ich kann dort leider nicht Mitglied werden, weil ich als freier Journalist nicht zu den Besserverdienenden gehöre. Seit der linke Soziologe Andrej H. wegen Gebrauchs globaler Standardbegriffe ins Netz der Terrorfahnder geraten ist, verhalte ich mich lieber wie ein schlauer Fuchs und schreibe nur noch über lokale Ereignisse rund um meinen Friedhof, der voller Leben ist und frei von Angst, weil dort alles schon passiert ist, was einem passieren kann.


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