Im Hochwasser der Wut

Literatur Ingo Schulze erzählt von einem Antiquar, der zwei Mal zum Dissidenten wird
Im Hochwasser der Wut
Ingo Schulze

Foto: Imago Images/Gerhard Leber

Der Roman beginnt mit dem Porträt eines Büchermenschen: Norbert Paulini. Geboren ist er im Juni 1953 in Dresden, Sohn einer Antiquarin und eines Vaters, der ihn gewissermaßen über Nacht in die Welt der Bücher einführt. Norbert schläft auf Büchern, die gestapelt überall in der engen Wohnung liegen, selbst unterm Bett. Bücher werden sein Leben, aber er hält dieses Leben nicht durch.

Die rechtschaffenen Mörder liest sich zunächst als Entwicklungsroman. Er erzählt davon, wie Bücher zur Obsession werden können. Erst am Schluss erfüllt er den Romantitel und endet als Krimi mit zwei Toten. Offensichtlich besitzen Bücher auch eine dunkle Seite. Ein literarisch weiter, spannender Weg, der mit der Beschreibung einer stolzen Leidenschaft beginnt.

Ingo Schulze benutzt nicht einen allwissenden Erzähler, sondern eine Person aus dem Umfeld des Antiquars. Lange bleibt sie versteckt, sagt mal „Ich“ und sagt „Sehen Sie“. Der Entwicklungsroman stoppt das erste Mal in den Monaten zwischen Fall der Mauer und deutscher Einheit. In dieser Zeit stürzt die Welt des Antiquars zusammen. Niemand kauft mehr Bibliophiles. Alle wollen nur noch verkaufen. Als Paulini einen Kredit braucht, lässt man ihn wissen, dass für Geschäfte mit Büchern keine Kredite gegeben werden.

Im zweiten Teil des Romans gibt sich der Autor zu erkennen. Zu Beginn ist er ein Abiturient aus der Nachbarschaft, angelockt von Paulinis Bücherwelt. In der Leidenschaft für Bücher versteht er sich als Schüler und den Antiquar als seinen Lehrer. Später trennen sich ihre Lebenswege. Die Zeiten ändern sich. Die Paulini als Erbe zugesagte Villa, in der er sein Antiquariat betreibt, geht statt an ihn an den Alteigentümer. Während bei ihm die Insolvenz nicht abzuwenden ist, gründet der Erzähler in Altenburg eine Zeitung und lernt – was Paulini so gar nicht gelingt –, im Kapitalismus zu bestehen. Spätestens hier weiß der Leser aus Büchern von Ingo Schulze, dass der Teile seiner eigenen Biografie in die Figur des Erzählers eingebracht hat. 2002 gibt das Jahrhunderthochwasser Paulinis Antiquariat und vielen Bücherkartons den Rest. Der Tiefpunkt erweist sich als Umkehrpunkt.

Mit vielen Helfern findet er 2003 wieder den Mut und die Basis, sein Antiquariat – jetzt vor allem mit Büchervertrieb über das Internet – an anderem Ort wieder zu eröffnen. Aber er ist nicht mehr der beseelte Büchermensch von einst. Der Dissident aus der DDR-Zeit wird in der neuen Zeit langsam wieder zum Dissidenten. Plötzlich besuchen ihn zwei Kriminalkommissare. Es gab tätliche Angriffe auf Ausländer. War sein Sohn darin verwickelt oder er selbst? Plötzlich spricht der Büchermensch befremdliche Sätze: „Kümmert Sie das nicht, dass ich hier oben hausen muss, während sich eine Million frisch zugereister junger Männer aussuchen darf, in welcher Stadt sie sich auf unser aller Sozialhilfepolster niederlassen darf, um fleißig weiter Kinder zu zeugen und zwischendurch ihre Stirn auf dem Moscheeteppich zu wetzen?“

Am Ende ein Krimi

Abgehängt, ausgegrenzt wechselt er die Seite und findet sich bei dem Teil der Bevölkerung wieder, der Geflüchtete für eine Ursache ihrer prekären Lage hält. Der Autor, Schultze (!) mit Namen, arbeitet bereits seit Langem an einer Erzählung über den Antiquar, wollte Norbert Paulini als Fels in der Brandung rühmen. Er hielt ihn wegen seiner Bücherliebe für immun gegen rechte Entgleisungen. Offensichtlich ein Irrtum. Schultze bekommt es mit einem anderen Paulini zu tun, der ihm verbietet, ihn zu einer Romanfigur zu machen. In diesem Streit unter den beiden Männern zerbricht die Liebesbeziehung des Schriftstellers mit Lisa, die zugleich Paulinis Helferin im Antiquariat und vielleicht mehr ist. Der Gedanke an eine Ménage-à-trois spitzt die Dramatik des Schlussteils noch weiter zu. Beide, Lisa und Paulini, werfen dem Schriftsteller eine Mitschuld an der Wut in der Welt vor. Der Bücherversteher von einst will Bücher nur noch „überwinden“. – Der zweite Teil des Romans endet als Schlachtfeld. Zwischen dem Schriftsteller und Paulini mit Lisa gibt es nichts Verbindendes mehr.

Der dritte Teil ist dann der Krimi. Die rechtschaffenen Mörder ist ein Roman über Radikalisierungen, wie sie sich derzeit ereignen. Es ist auch ein Roman über Literatur und ihre unerwartete Wirkung. Protagonisten sind zwei Menschen, die ihre Seele an Bücher verloren haben. Ingo Schulze deckt die dunkle Seite der Bücher und derer, die sie machen, auf: ihre Macht über Menschen. Vielleicht sind sie die rechtschaffenen Mörder: die Bücherschreiber, die Literaten, die Schriftsteller. Aber es ist mehr als ein Krimi: nämlich ein überaus spannendes Gedankenspiel aus der Welt der Literatur.

Info

Die rechtschaffenen Mörder Ingo Schulze S. Fischer 2020, 320 S., 21 €

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06:00 22.03.2020

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