Im roten Meer untergegangen

Präsidentenwahl in Venezuela Herausforderer Manuel Rosales zog gegen Hugo Chávez in eine von vornherein verlorene Schlacht

Nach dem klaren Wahlsieg will Präsident Hugo Chávez die "sozialistische Revolution" in seinem Land vorantreiben. Venezuela als Schrittmacher des Wandels in Lateinamerika. Ein Kontinent tritt aus dem Schatten von Selbstbeschränkung und Souveränitätsverzicht. In Bolivien setzt Evo Morales die Sozialreformen fort, auch in Ecuador siegt bei der Wahl am 26. November ein linker Kandidat: Rafael Correa. Die traditionellen Eliten sind in der Defensive, aber nicht wirklich geschlagen. Und die Vereinigten Staaten warten ab, um einzugreifen, wenn ihnen der Augenblick dafür günstig erscheint.

Kaum ein Laternenpfahl, kaum ein Telegrafenmast in Caracas kam ohne die Porträts der beiden aussichtsreichsten Kandidaten dieses Präsidentenvotums aus. Die großen, breit lächelnden Gesichter von Hugo Chávez und Manuel Rosales schienen der Stadt auf ewig einverleibt. "Zehn Millionen" Stimmen wollte der amtierende Präsident erreichen und hat es fast geschafft, sein Herausforderer dagegen beanspruchte, im Falle seines Sieges für alle "26 Millionen" Venezolaner zu regieren, und hatte sich dafür gar zu einem Linksschwenk durchgerungen, statt ein einfallsloses "Chávez weg!" zu skandieren. Ein ungewöhnlicher Schritt, hatten sich beide Kontrahenten doch klar darauf beschränkt, ihre jeweilige Anhängerschaft zu mobilisieren, statt sich ernsthaft auf einen Streit der Ideen einzulassen - Venezuela erlebte zwei völlig autonome Wahlkämpfe.

Was Persönlichkeit und Stil betraf, lagen die Vorzüge klar bei Chávez. Man kennt ihn als charismatische Figur, er ist charmant, ein begnadeter Redner, um keine Vision verlegen - und trotzdem bodenständig. Ganz anders Manuel Rosales: Als das Charisma verteilt wurde, muss er vergeblich am Ende der Schlange gewartet haben. Ihm fehlen Pathos und Leidenschaft, auch wenn das Lager der Anti-Chávistas selbstverständlich für ihn votierte - aber um die Mehrheit zu gewinnen, hätte er die Armen überzeugen und seine Rolle beim April-Putsch im Jahr 2002 klären müssen.

Als Hugo Chávez damals gestürzt werden sollte, verfassten die Verschwörer das "Carmona-Dekret", benannt nach Pedro Carmona, der sich während des Staatsstreichs zum Präsidenten ausrief. Darin wurde verlangt, die Bolivarianische Verfassung abzuschaffen und die Nationalversammlung aufzulösen, obwohl beide per Referendum abgesegnet waren. Rosales unterzeichnete das Dekret als Gouverneur der Region Zulia und bezeichnete das später als "ehrenwerten Fehler". Ob ehrenwert oder nicht - die Signatur nahm ihm in den Augen vieler Venezolaner die demokratische Legitimation. Ein Kandidat mit dieser Bürde konnte kaum gewinnen, erst recht nicht, wenn er in einer Weise Klartext redete, wie das im Interview mit Mega Chanel 41, einem US-Fernsehsender, geschah, als Rosales kurz vor der Wahl mehr als deutlich wurde: "Der Chavecismo - oder wie man dieses Regierungssystem auch immer nennt - stützt sich auf knapp 33 Prozent der Venezolaner, die Mehrheit davon sind Parasiten, die von der Regierung leben und vom Staat subventioniert werden."

Auf einer Kundgebung in Petare - einem Barrio an der Banlieue von Caracas, der Chávez als Ehrenbürger führt - traf ich mit José Antonio Pérez einen dieser "Schmarotzer", der mir sagte: "Seit Präsident Chávez 1999 an die Macht kam, ist hier vieles anders geworden. Neue Gesundheits- und Bildungseinrichtungen haben unser Leben in Petare stark verbessert. Ohne den Präsidenten wäre all das nicht passiert. Deswegen müssen wir dafür sorgen, dass er wieder gewählt wird". Ähnliches Lob hörte ich immer wieder, die Chavistas strahlten Siegesgewissheit aus, sie glaubten, alles in trockenen Tüchern zu haben, dank ihrer T-Shirts, Fahnen und Kappen badeten sie auf ihren Meetings in einem roten Meer. Es wurde Salsa gespielt, Menschen tanzten, sangen und tranken Bier. Die meisten trugen Banner, um anzuzeigen, zu welcher Stadt, zu welchem Dorf, zu welcher Gewerkschaft oder sozialen Mission sie gehörten. Sprach man mit Chavistas über den Präsidenten, sangen sie meist vom gleichen Notenblatt.

Bei Manuel Rosales entstand der Eindruck, die Teilnehmer seiner Kundgebungen hatten zuvor den aufmunternden Worten eines Sergeanten gelauscht, der sie wissen ließ, dass sie in eine längst verlorene Schlacht ziehen, aber bis zum Ende kämpfen müssten. Dabei durfte man sich die Anhänger der Opposition keineswegs als eine durchweg wohlhabende Klientel vorstellen, es gab viele aus der unteren Mittelschicht, die gegen Chávez stimmten. Marío Marínez etwa, 36 Jahre alt und Automechaniker aus Maracay, war davon überzeugt, ein Sieg von Manuel Rosales würde ihm mehr nützen als weitere sechs Jahre unter Chávez. "Ich kann nicht erkennen, was seine sozialen Missionen bringen. Ich lebe in einem Viertel der unteren Mittelklasse - und bei uns gibt es keine Missionen. Warum eigentlich nicht? Ich glaube, sie existieren nur, damit die Armen weiter für die Regierung stimmen. Es sollte aber eine Gesundheitsvorsorge für alle 26 Millionen Venezolaner geben". Außerdem berge die jetzige Außenpolitik Risiken. "Venezuela ist ein friedliches Land. Warum beschert uns Chávez Probleme mit dem mächtigsten Staat der Welt?" Weitere Demonstranten schalteten sich ein und gaben Gratisweisheiten zum Besten. Chávez sei verrückt und schere sich nicht um die Mittelschichten. Ich fragte, ob sie wirklich glaubten, man könne im Interesse aller Venezolaner regieren. "Wir arbeiten sehr hart, und Chávez will uns unser Zuhause und unsere Arbeit wegnehmen", war die Antwort. Nur Rosales könne das Land wieder einen. Als ich freilich wissen wollte, ob sie jüngst versucht hätten, Chávez-Anhänger von den ausgleichenden Qualitäten ihres Favoriten zu überzeugen, schauten sie mich entgeistert an und stimmten ihre Wahlhymne von den "26 Millionen" an.

Rosales selbst scheute nicht davor zurück, auch durch Barrios zu touren, wo ihm - vorsichtig formuliert - ein frostiger Empfang zuteil wurde. Er wirkte dabei wie jemand, der sich die Nase zuhält, auch wenn er freimütig ankündigte, er werde die Reformen unangetastet lassen, sollte er künftig Staatschef Venezuelas sein. Zugleich wetterte er gegen die Neigung der Regierung, Venezuelas Öl billig den Nachbarn zu überlassen, und hoffte wohl, das könnte einem Teil der Chavistas gefallen. Wie im Übrigen auch seine Idee von der Mi Negra, einer neuen Sozialversicherungskarte, die Arbeitslosen ein monatliches Mindesteinkommen garantieren soll und auf eine individualisierte finanzielle Hilfe hinausläuft, um einen klaren Bruch mit der auf Solidarität zielenden Politik von Chávez herbei zu führen.

Vor einem Jahr zog die Opposition im letzten Moment ihre Kandidaten für die Wahl zur Nationalversammlung zurück und behauptete, den Wahlmaschinen sei nicht zu trauen. Rosales hingegen erklärte das Wahlsystem für fair, sehr zum Ärger der sozialdemokratischen Accíon Democrática (AD), die zum Boykott der Präsidentenwahl aufgerufen hatte. Dass Rosales den Wahlkampf dennoch bis zum Ende bestritt, kam insofern einem Eingeständnis gleich: Der populäre Chávez ist nicht mit faulen Tricks um sein Amt zu bringen.


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00:00 08.12.2006

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