Im Strafraum

Porträt Der ehemalige englische Nationalspieler und heutige Fußball-Kommentator Gary Lineker nutzt seine Berühmtheit, um gegen Fremdenhass und Brexit-Nationalismus zu kämpfen
Im Strafraum
Kritiker sagen, er solle sich als BBC-Kommentator nur zu Fußball äußern. Davon will Lineker nichts wissen
Foto: John Phillips/Getty Images

Dass er im Auge eines politischen Shitstorms gelandet ist, nimmt Gary Lineker, nun ja, sportlich. Lineker, einer der besten englischen Stürmer aller Zeiten und seit seiner aktiven Zeit als BBC-Fußballkommentator aufgestiegen zum öffentlich-rechtlichen Schwiegersohn der Nation, ist für den Rechtsaußen-Boulevard bloß noch ein leftie – ein linker Lügner „mit Segelohren“.

Und das nur, weil er anmerkte, es sei herzlos und rassistisch, wie britische Politik und Medien minderjährigen Flüchtlingen begegneten. Bei der Räumung des großen Flüchtlingscamps in Calais im Herbst vergangenen Jahres hatte Großbritannien die Aufnahme einiger hundert minderjähriger Flüchtlinge zugesagt, was den Boulevard in Wallung brachte: Die Flüchtlinge seien gar nicht minderjährig, hieß es in den Krawallzeitungen. Das habe eine Gesichtserkennungssoftware anhand von Fotos bestätigt, weshalb eine zwangsweise Zahnuntersuchung zur Feststellung des Alters vorzunehmen sei.

Lineker kritisierte die Forderung. Und er bestand darauf, dass er nur Positionen vertrete, die bis vor wenigen Jahren noch als selbstverständlich-menschlich gegolten hätten. Nicht er sei nach links gewandert, sondern das politische Koordinatensystem Großbritanniens habe sich stark nach rechts verschoben.

In der Tat gebärden sich die Tabloids, allen voran die Sun und die Daily Mail, wie die Bild-Zeitung zu ihren finstersten Zeiten: Immer neu variieren sie das Schreckensbild einer Invasion von Ausländern, die die britischen Inseln in Chaos, Kriminalität, und Sozialleistungsmissbrauch versinken ließen. Lineker hat keine Scheu, sich deshalb mit ihnen anzulegen. Und er braucht dafür keine Zeitung. Vor allem über seinen Twitter-Account mit seinen 5,6 Millionen Followern teilt er gern aus.

Der englische Boulevard schießt mit allen Mitteln zurück. Mit persönlichen Attacken und Vorwürfen, Lineker habe dubiose Steuersparvehikel genutzt. Mit Geschichten über seine Söhne, seine Familie, mit Treffern über und unter der Gürtellinie – und mit immer neuen Anspielungen auf seine Segelohren.

Was Linekers Positionierung stärkt, ist die Art, wie gelassen er bei alldem bleibt. Als Fußballer hatte er es ja auch – Uwe-Seeler-gleich – geschafft, in einer 16-jährigen Karriere keine einzige Gelbe oder Rote Karte zu bekommen. Nachdem er in den sozialen Medien wegen seiner Rassismuskritik mit Schmähungen überzogen wurde, tweetete er bloß: „Muss heute ziemlich einstecken. Könnte aber schlimmer sein: Stell dir vor, nur für einen Augenblick, ein Flüchtling zu sein, der sein Zuhause verlassen muss.“

Gary Winston Lineker, dessen zweiter Vorname sich an Churchill anlehnt, weil er sich mit diesem den Geburtstag teilt, wurde 1960 in Leicester, in den East Midlands, geboren. Linekers Vater war Gemüsehändler, genau wie sein Großvater. Und Lineker selbst arbeitete bis in die frühen Jahre seiner Profikarriere auf dem Marktstand der Familie mit. Nach der mittleren Reife begann er in der Jugendmannschaft von Leicester City zu spielen, seinem Heimatverein, dem er bis heute die Treue hält. Egal ob Leicester City, wie vergangenes Jahr, völlig überraschend als Underdog die Premier League gewinnt. Oder ob der Verein wie 2002 pleitegeht und Lineker kurzerhand ein Konsortium auf die Beine stellt, das ihn vorübergehend über Wasser hält.

Als Spieler war Lineker ein klassischer fox in the box, eine Position, die es so kaum noch gibt: ein Stürmer, der im Strafraum herumlungert und darauf lauert, Vorlagen zu verwandeln. Das hat er mit großem Erfolg zuerst bei Leicester City, dann bei Everton, den Tottenham Hot Spurs und dem FC Barcelona getan, außerdem im englischen Nationalteam. Seinem Einsatz für Letzteres bei der Weltmeisterschaft 1990 ist auch Linekers meistzitiertes Bonmot zu verdanken, nach dem Fußball ein einfaches Spiel sei, bei dem „22 Spieler 90 Minuten lang einem Ball hinterherjagen, und am Ende gewinnen immer die Deutschen“.

Aber ihm ist danach auch gelungen, was nur wenige Sportstars schaffen – eine höchst erfolgreiche zweite Karriere nach der ersten. Als Gesicht der BBC-Samtagssendung Match of the Day hat er mit seinen biederen, aber nicht anbiedernden Fußballfachsimpeleien jene Allgegenwärtigkeit erreicht, die in England die Bedingung dafür ist, den Status als national treasure zu erhalten. Dazu gehört bei ihm auch, dass er in einem Land, in dem Kartoffelchips als Grundnahrungsmittel gelten, das Gesicht der bekanntesten Marke Walkers ist.

Seine Beliebtheit und seine hohe Kunst des breitentauglichen Geflachses, das unterhält, ohne wehzutun, sind genau die Qualitäten, die ihn zum Aushängeschild der zur strengen Unparteilichkeit verpflichteten BBC machen. Umso mehr bringt es die englische Rechte und den Boulevard auf die Palme, dass er sich abseits der Sportsendungen in die politische Debatte einmischt, offen gegen den Brexit Position bezieht, vor Fremdenhass auf der Insel warnt und sich über Trump lustig macht.

Dabei zielen manche Kritiker via Lineker eher auf die BBC. Die Schmähung als „Bolshevik Broadcasting Corporation“, als linke, unpatriotische Meinungsmaschine, geht bis in Thatchers Zeiten zurück. Der rechte Rand der Tories wartet seit Langem auf eine Gelegenheit, den Einfluss der BBC zurückzudrängen. Oder zumindest eine genehmere Berichterstattung durchzusetzen, als es in ihren Augen etwa rund um das Brexit-Votum der Fall war.

Dass Lineker seine politischen Überzeugungen demnächst weniger offen vertritt, damit ist nicht zu rechnen. Kürzlich antwortete er auf Twitter einem Kritiker, der ihm riet, als BBC-Angestellter beim Fußball zu bleiben und keinen Mist über Politik zu reden: „Ich bin ein freier Mitarbeiter. Und ich rede auf meinem Twitter-Account so viel Mist, wie ich will.“

06:00 23.02.2017

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