Immer Aufklärer

Würdigung Rolf Hochhuth wird 85. Mit dem Drama „Der Stellvertreter“ bleibt sein Name verknüpft. Dass er auch leidenschaftliche Lyrik schreibt, weiß man weniger

„Die guten Schriftsteller“, verfügte Nietzsche, „ziehen es vor, lieber verstanden als angestaunt zu werden; und sie schreiben nicht für die spitzen und überscharfen Leser.“ In den Literaturgeschichten sind sie dennoch selten mit Lob überhäuft worden und Rolf Hochhuth, der nun, am 1. April, 85 Jahre alt wird, hat diese paradoxe Erfahrung immer wieder machen müssen. Denn unter den großen lebenden Schriftstellern deutscher Sprache trifft auf ihn Nietzsches Charakteristik am besten zu. Ein poeta rhetoricus, der verstanden werden will und mit allem, was er schreibt, eine konkrete Wirkungsabsicht verbindet. Damit seinem Geistesverwandten Schiller nicht unähnlich, von dem einst Adam Müller sagte, er habe die Bühne nur gewählt, weil sie ein Publikum in Deutschland hatte, die Beredsamkeit aber keines. Viel hat sich daran nicht geändert.

Hochhuths Element, ob im Drama oder, etwas weniger bekannt, im Essay, in der Erzählung oder im Gedicht ist der Redekampf, seine Maximen sind Klarheit, Unbestechlichkeit, Aufklärung, und es verwundert nicht, dass er sein Publikum aufsucht, wo er es nur finden kann. Seit dem Stück, das ihn wohl zum berühmtesten Dramatiker des 20. Jahrhunderts machte, seit dem Stellvertreter von 1963 also, begnügt er sich nicht nur mit der Bühnen-Botschaft, sondern verficht seine Sache in ausführlichen Vor- und Nachworten, in Regieanweisungen und Zwischentexten, oft polemisch, immer unbeugsam, liefert auch das historische oder aktuelle Dokumentenmaterial gleich mit. Diese Eigenart seines dramatischen Werkes stellt das Theater oft auf eine harte Probe. Wie man sie grandios bestehen kann, hat uns Piscator mit seiner Stellvertreter-Inszenierung überliefert, später auf seine Weise Costa-Gavras mit der Verfilmung des Papst-Stückes.

Großes Sprechtheater

Aus der Kollision unvermeidlicher Verantwortlichkeiten erwachsen Tragik und Schuld von Hochhuths Helden: Verantwortung für eine Gemeinschaft und Selbstverantwortung geraten regelmäßig in ausweglosen Konflikt, ob es sich um den Papst, Winston Churchill (Soldaten, 1967) oder den Minister Heilmayer alias Filbinger (Juristen, 1979) handelt. Wie die antiken Dramen sind Hochhuths Stücke Sprechtheater im besten Sinne. In ihnen wird das Streiten zum ethischen Geschehen, das es zu verantworten gilt, weil die Rede erst den Weg des Gedankens in die Wirklichkeit öffnet. Das ist klassisch humanistisch gedacht: Die dramatische Rede ist die vermenschlichte Welt, spiegelt deren Krisen und Aporien modellhaft wieder und beharrt darauf, nicht anonyme Mächte, sondern die konkret handelnden Individuen für ihr Tun verantwortlich zu machen.

Das hat nichts mit Personalisierung zu tun, wie einst Adorno meinte. Hochhuth fordert, dass der politisch oder wirtschaftlich Handelnde einstehen muss für das, was er tut und dafür, welche Mittel er anwendet. Nicht die anonyme Treuhandanstalt, sondern deren Beamte und Agenten sind für die wirtschaftliche Ausplünderung der DDR nach der Wende verantwortlich, so zeigen es die „Szenen aus einem besetzten Land“, wie der Untertitel des Stücks Wessis in Weimar (1993) provoziert. Voltaires Wahlspruch „Ecrasez l’infâme“, zerstört die Infamie, vernichtet die menschenverachtende Bosheit, indem ihr sie beim Namen nennt, ist auch Hochhuths Panier geblieben. Kein Wunder, dass der Protest der Betroffenen alle Aufführungen begleitet: von den weltweiten Demonstrationen gegen den Stellvertreter bis hin zu dem Aufmarsch vor dem Weimarer Theater mit Hans-Dietrich Genscher an der Spitze. Übrigens nicht nur die Aufführungen.

Als Hochhuth im Spiegel seinen provozierenden Essay Der Klassenkampf ist noch nicht zu Ende publiziert hatte, beschimpfte ihn Ludwig Erhard im Parlament als „ganz kleinen Pinscher“. Sogar als Hochhuth dem Stück McKinsey kommt ein Gedicht voranstellte, in dem er Josef Ackermann für seine Massenentlassungen das Schicksal Wilhelm Tells warnend vor Augen stellte, hagelte es Proteste.

Mit seinem unerschrockenen, eigensinnigen Engagement zeigt sich uns immer noch ein kämpferischer Aufklärer von großem Format: „Das soziale Gewissen ist an keine Klasse gebunden und keiner Klasse verschlossen.“

Wie die repräsentativen Schriftsteller im Zeitalter der Kritik, wie Voltaire oder Diderot, Wieland oder Lessing, fühlt sich Hochhuth keiner politischen Partei verpflichtet, wenn er auch abwechselnd von seinen politischen Gegnern als gottloser Linker, als Rebell oder Brandstifter beschimpft wurde. Im Kampf gegen Dunkelmänner jeglicher Couleur und für ihre oftmals verachteten Widersacher ist ihm jedes literarische Mittel recht.

Nicht nur die Bühne, auch die Erzählung: von dem Mädchen Anne zum Beispiel, die es nicht ertragen kann, den Leichnam ihres hingerichteten Bruders in anatomischen Übungen zerschnipselt zu sehen, ihn (gleich einer „Berliner Antigone“) also begräbt und dafür Hitlers Ärzten ihren eigenen Körper als Ersatz liefern muss. Oder die Liebe in Deutschland zwischen der Händlerin Pauline und dem polnischen Kriegsgefangenen Stanislaus: Denunziert von den dörflichen Nachbarn landet sie im KZ, er am Galgen. Oder die Geschichte des Schreiners Georg Elser, der 40 Nächte an seiner Bombe und ihrem Versteck im Bürgerbräu-Keller arbeitet, einsam, hartnäckig – zum Schluss verraten ihn die eitrigen Knie, die er sich bei seiner Nachtarbeit zugezogen hat, er endet als „Ehrenhäftling Hitlers“ am Galgen in Dachau.

Wenn Hochhuth Geschichte schreibt, ob mit den Mitteln des Dramas, des Essays, der Erzählung, dann befreit er sie aus den Verliesen der „Dokumentenstapelei der beamteten Historiker“, damit sie sich zur Kenntlichkeit verändert. Das gilt auch für viele Gedichte: für die balladenhaften ebenso wie für die tagespolitischen, es gilt auf verstecktere Weise für die Natur- und Liebesgedichte oder für die lyrischen oder aphoristischen Reflexionen.

Anstößige Vielfalt

In seiner ganzen anstößigen Vielfalt kann man den Lyriker Hochhuth in einem Band nachlesen, der pünktlich zum Geburtstag erschienen ist und dessen grundlegender Titel – Das Grundbuch – fast wie eine Verkehrung der literarischen Karriere seines Autors wirkt. Es versammelt „365 Sieben- bis Zwölfzeiler“, sozusagen für jeden Tag des Jahres also ein Gedicht. Oder soll man ironisch sagen: eine Losung?

Warum nicht, wenn diese Losungen auch auf hochhuth-gewohnte Weise wütend, sarkastisch und oftmals despektierlich ausfallen: Da wird die Kanzlerin als versagende BND-Hausherrin geschmäht, die „Einheitspartei CDU-SPD“ ausgerufen, die FAZ zur „Gazette der Hochfinanz“ ernannt. Hochhuth hält in sperrigen, ja struppigen Versen fest, was ihm in Zeitungsnachrichten auffiel, bei seinen Geschichtsstudien ärgerte oder erfreute. Kein Tagebuch, sondern Gedichte halten die Spuren des Tages fest: die fatale Ukraine-Politik der EU, die schimpfliche Polemik gegen den Gewerkschaftler Weselsky, die Osterweiterung der NATO.

Es gibt Verse gegen Nietzsche, gegen die namenlosen Holocaust-Stelen, für Ignaz Semmelweis oder Tilman Riemenschneider. Vor allem aber gegen „Das Alter – die Schlussdemütigung“, die alles versehrt: Eros und Sex, den Anblick eines Aktgemäldes, ein Weihnachtsgeschenk, Einsamkeit und Geselligkeit, das Flanieren durch die Straßen, die Lektüre, die Erinnerung. Selbst in seinem manchmal larmoyanten Pessimismus ist dieses Grundbuch ein vielfältig gebrochener, doch zum Glück immer noch aufsässiger Abgesang auf die Wunschbilder der frühen Jahre.

Info

Das Grundbuch. 365 Sieben- bis Zwölfzeiler Rolf Hochhuth Rowohlt 2016, 240 S., 22,95 €

06:00 13.04.2016

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