Immer in Bewegung

unrast In den Texten von Marlene Streeruwitz überschneiden sich Literatur und Wirklichkeit

In ihrem letzten Roman joggt "Jessica, 30", die Hauptfigur in ihrer letzten Novelle Morire in levitate befindet sich auf einem Spaziergang, und die Autorin lief, wie dem Essayband Gegen die tägliche Beleidigung zu entnehmen ist, mit bei Demonstrationen in Wien. Sicher gibt es in ihren Essays auch Belege für Sesshaftigkeit, etwa wenn es um das Fernsehen geht. Aber textübergreifend erhält das Wort von der Denkbewegung bei Marlene Streeruwitz wieder seinen körperlichen Bezug. Ihren Essay über die Durchwanderung Wiens schließt sie mit den Worten: "Dieses Gehen ist Selbstvergewisserung und in der Bewegung die Möglichkeit, von den Umständen nicht vollends in die Melancholie und in die politische Katatonie gestoßen zu werden".

Physische Passivität ist ebenso eine Falle wie Trägheit des Denkens. Intellektuelle Beweglichkeit und die Fähigkeit zur Assoziationen sind nicht nur eine Kunst, die Gedanken streifen zu lassen und Erkenntnisse zu produzieren, sie sind auch ein Mittel für das Partygirl, für Jessica und die anderen Frauenfiguren von Marlene Streeruwitz, sich die eigene Geschichte zu erzählen. Erinnerungsarbeit wäre ein viel zu formelhaftes und rituelles Wort für das, was hier unternommen wird. Besser wäre von einer Art innerem Antrieb zu sprechen, einer unwillkürlichen wie intelligenten Art von Selbsterhaltung, die sich gegen alles richtet, was ein bruchloses Einfügen in ein System bezweckt, das es genau darauf abgesehen hat und Verführungen zum Konformismus noch in den banalsten Alltagsverrichtungen unterbringt.

Nun könnte eingewandt werden: Das sind die bekannten Reflexionen aus dem beschädigten Leben, das hatten wir erst im letzten Adorno-Jahr. Aber einige Details könnten diese möglichen Einwände entkräften: In ihrer Novelle Morire in levitate geht die ehemalige Opernsängerin Geraldine Denner durch eine Landschaft, die von Flugzeugen durchzogen wird und nun auch nicht mehr als unbeschädigt gelten kann. Sie erinnert sich an erfolglos gebliebene Demonstrationen gegen Fernleitungsmasten. Angesichts einer diagnostizierten Krankheit fragt sie sich, wie das ist: zu sterben. Besuche im Altersheim dienen nicht gerade der Besänftigung. Dort registriert sie, dass es Unternehmen gibt, die eine Sterbe-Begleitung als kostenpflichtige Dienstleistung anbieten.

Diese Kein-Ausweg-nirgends-nirgendwo-Geschichte also. Die Sätze sind, wie immer bei Marlene Streeruwitz, fragmentarisch, elliptisch, Gedankensplitter, die keine festen Erkenntnisse zu fassen bekommen, allenfalls Haltepunkte, von denen aus wieder im Nebel von Vergangenheit und Zukunft gestochert werden muss. In dieser Novelle sind die Sätze durch Punkte getrennt, anders als im Gedankenstrom von Jessica, 30 (Freitag

)Partygirl (Freitag

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00:00 10.02.2006

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