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Deutungshoheit Amstetten - oder warum aus Kontingenz Sinn werden soll. Kleine Attacke gegen ein paar allzu abgedrehte Schleifen der Kultursemiotik

Der Axtmörder stört. Er fällt aus dem Rahmen. In Wien hat er Frau und Kinder erschlagen, in der österreichischen Provinz an zwei verschiedenen Orten Eltern und Schwiegereltern. Dann hat er sich am Suizid versucht, ist daran gescheitert und hat sich der Polizei gestellt. Sein Motiv ist seltsam, aber irgendwie plausibel: Er habe geliehenes Geld verspekuliert und seiner Familie mittels Ausrottung die Schande erspart, mit einem Betrüger verwandt zu sein.

Das alles hätte so auf gar keinen Fall passieren dürfen, denn der Axtmörder ist Österreicher und für österreichische Mörder, Unholde und Monster gelten bestimmte Regeln. Sie sind nämlich, wenn sie schon Gräueltaten begehen müssen, angehalten, diese Taten auslegungsrelevant zu begehen. Will heißen: Ein österreichischer Mörder oder Unhold (egal, welchen Geschlechts) mordet und schändet nicht einfach so larifari vor sich hin, sondern tut dies im kulturhistorisch abgesicherten Modus.

Das haben wir wieder einmal pausenlos um die Ohren geschlagen bekommen, seit Josef Fritzl und sein Horror-Haus von Amstetten durch die Medien tobten. Josef F., selbst vor solch einem kafka-evozierenden Kalauer schreckt man nicht zurück, Josef Fritzl auf jeden Fall, so lernen wir aus der London Times, ist eine Gestalt, die es in der Literatur gab, bevor sie in der Realität auftrat. Weil der "Fall Amstetten" Konstellationen aufweist, die ein paar literarische Text ebenfalls haben - Kinder, gefangen gehalten im Keller, irre und gewalttätig gewordener Paternalismus, terrorgestützte väterliche Autorität und sexuelle Gewalt am eigenen Kind. Und zwar in der österreichischen Literatur, naja, in der k.u.k. Literatur, naja, und ein bisschen in der englischen Literatur auch, aber auf jeden Fall nicht ohne Sigmund Freud, dessen Erkenntnisse über die menschliche Psyche vermutlich vornehmlich für Österreicher gelten. Josef Fritzl, der Oberstrolch von Amstetten, ist also sozusagen das inzestgewordene Telos der österreichischen Geistesgeschichte! Naja, der österreichischen "realistischen" Literatur wenigstens, wie wir bei Ritchie Robinson in der Times lernen, der diesen Artikel geschrieben hat - vermutlich um die seiner Meinung nach unterschätzten "Realisten" wie Franz Nabl oder Ludwig Anzengruber, Ferdinand Raimund oder Johan Nestroy - und merkürdigerweise in diesem Zusammenhang auch Elias Canetti -, ein bisschen zu heben.

Solche argumentatorischen Possierlichkeiten entfalten ihre ganze bedenkliche Pracht, wenn man sie zu Ende denkt: Die Familie Fritzl (Amstetten, im April 2008) als Fußnote der Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts - und zwar der österreichischen Literaturgeschichte. Aha!

Klar, dass es dann erst recht nahe liegt, nicht nur nach der "Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften" zu fahnden wie weiland Josef Nadler, sondern auch nach der "Verbrechensgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften".

Denn dass das Gefangenhalten zum Zwecke dauerhafter sexueller Verfügbarkeit eine für österreichische Landschaften typische Verbrechensart sei, daran hat die multimediale Auslegungsmaschinerie nie einen Zweifel gelassen. Amstetten war der äußerst willkommene abermalige Beleg für das, was man im Fall Kampusch schon als gewiss verbuchen wollte. Das werte Publikum erinnert sich: Natascha Kampusch ist die junge Frau, die jahrelang von ihrem Peiniger im Keller gehalten wurde, jetzt Medienstar ist und eben, während gerade Amstetten "läuft", ihr eigenes Gefängnishaus gekauft hat oder es kaufen will oder so, denn um Wahrheit und Präzision der Fakten geht es bei all dem evidenter Maßen nicht.

Die Fälle Kampusch und Amstetten zusammengenommen ergeben ein recht ridiküles Beispiel medialer Sinnstiftung. Beides seien Verbrechen, so war allüberall zu lesen, denen etwas typisch Austriakisches anhafte, beziehungsweise die symptomatisch seien für spezifisch österreichische Dispositionen. Verbrechen, die sozusagen zur österreichischen Verbrechensfolklore passen. Halt, nein, nicht zur Verbrechensfolklore, sondern zu Seelenzuständen der typisch österreichischen Art, die sich an den Schlagworten Morbidezza, Morbidität, Perfidie und zynischem Grantl festmachen, und die man immer wieder in fiktionalen Texten und Gestalten der österreichischen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts manifestiert findet. So werden Helmut Qualtinger, Georg Kreisler, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Wolf Haas, Heinrich Steinfest und Manfred Wieninger, Manfred Deix und Josef Hader letztlich zu einem großen morbiden, schwarzen Gesamtaustriakismus, der letztlich nur noch von der Wirklichkeit beglaubigt werden muss: Die Verbrechen der Herren Priklopil, so heißt der Kampusch-Schänder, und Fritzl bekommen durch solche Operationen eine makabre Sinnhaltigkeit zugesprochen, die über manche der Deuter und Deuterinnen mehr aussagt als ihnen lieb sein kann. Deren Illusion ist nämlich die Überzeugung, Sinnhaltigkeit sei vor allem im Konnex mit Kultur- und Geistesgeschichte zu erzielen. Dabei geht es vermutlich doch nur um die Deutungshoheit.

Die Denkfigur dieses Musters geht so: Kampusch und Amstetten sind verbrechensgewordener Ausdruck des österreichischen Umgangs mit der eigen Geschichte, also der Verdrängung und klammheimlichen Teil-Sympathie mit den Jahren 1938 - 1945. Nie aufgearbeitet, im Kerker des Kollektivgedächtnisses gehalten und so weiter. Abgesehen davon, dass so etwas die Opfer sicher sehr tröstet, immerhin "symbolisch" oder "kultursemiotisch" (wenn auch im schlechten Sinne) oder was auch immer geschändet und gequält worden zu sein - solche Rundschläge haben stets eine doppelte Problematik. Zum ersten sind sie immer für ein quotenträchtiges Dementi gut: Nein, nein, können dann Bundeskanzler, Minister und Tourismusbeauftragte sagen, nein, nein, das gibt´s bei uns überhaupt nicht. Was natürlich Top ist für die Aufmerksamkeitsrhetorik.

Das zweite Problem liegt in der Schlichtheit der Figur. Warum kommen in Deutschland Babys in Tiefkühltruhen und Blumentöpfe, allerdings schon tot? Haben wir eine andere "Erinnerungskultur" als die Österreicher? Warum werden, wenigstens soweit wir bis jetzt wissen, in der Schweiz oder in Frankreich - beides Länder mit erheblichen kollektiven Erinnerungslücken nicht nur an "jene dunklen Jahre" - kaum Frauen zur sexuellen Verfügbarkeit in Kellern gehalten? Stehen Dutroux und seine ekligen Helfer irgendwie in einem direkten Verhältnis zur belgischen Kolonialpolitik und hätte Georges Simenon das so gesehen? Was ist spezifisch für Liechtenstein, Luxemburg und andere geheimnisbesessene Steueroasen? Wie killt der Thai? Haben wir bei den Rumänen einen Vampir-Reflex?

Ist da nicht etwas sehr schräg, wenn alle jetzt so einen Unfug diskutieren? Deutlich: Ja! Denn diese konjunkturell auftretenden All-Aussagen können ja in fast beliebiger Kombinatorik generiert werden. Vor Jahren etwa wurde der "Kinderschänder" als Erklärungsformel und Sinnstifter für alles und jedes bemüht. Selbst ein renommierter Soziologie wie Claus Leggewie war sich damals nicht zu schade, zusammen mit einem dubiosen amerikanischen Sensationsautor, Andrew Vachss, "das Böse" durchzudeklinieren, bis feststand, dass Adolf Hitler, "der Führer" sich an seinen "Kindern", dem "deutschen Volke" eben, schänderisch vergangen habe. Akklamationen allenthalben. Hinterher betretenes Schweigen.

Heute also Amstetten und das Wegsperren zu sexuellen Zwecken. Eine ganz bestimmte "Sinnstiftung" lag in der Luft und hat dann auch prompt stattgefunden: Elfriede Jelinek hat auf ihrer Homepage unter dem Titel Im Verlassenen ihre persönliche Exegese der Vorfälle betrieben, die, wenig überraschend, die männliche Sexualität, Schlitze in Bunkern und weiblichen Körpern, die Öffentlichkeit und die männliche Rede zum Gegenstand hat. Also alles, was tatsächlich in der medialen Verwurstung des Falles Amstetten nach Aufmerksamkeit heischt. Da noch eines drauf setzte dann Burkhard Müller in der Süddeutschen Zeitung, in dem er Jelineks Text als literarischen Text begreift, im Gesamtwerk von Jelinek einordnet und bewertet: Als eher gelungenen Text, diesmal, by the way. Was völlig legitim ist.

Aber ein Text wie der von Müller, also der Meta-Text zu Jelinek, zeigt in schönster und deutlichster Offenheit das an, warum es hier wirklich geht. Beziehungsweise er macht ganz klar, um was es nicht geht. Es geht nicht um "Amstetten", nicht um Josef Fritzl und schon ganz und gar nicht um die Opfer der ganzen widerwärtigen Veranstaltung. Es geht vornehmlich um die Selbstreferentialität irgendwelcher sich als kulturtheoretisch begreifender Schleifen und Systeme. Die mögen noch so zynisch, abgedreht, unfreiwillig komisch und leicht parodierbar, weil schnell ausrechenbar sein, sie transportieren den Schauder und Angstlust, das triefend Tabloidhafte und Grellsensationelle der Untat in die Wohnzimmer der feineren Kreise - zum zeitprognostischen Diskurs schon hübsch aufgearbeitet, aber eben in Kontexten, in den man sich wohl und entre nous fühlt: Elfies Werk-Zusammenhang eben.

Und noch eine Schicht lauert da: Egal wie verschroben oder wunderlich solche Exegesen und Metaexegesen sein mögen - letztendlich wollen sie Sinn stiften und sei der noch so illusionär, scheinhaft, ideologisch oder abwegig. Wenn die Verbrechen der Herren Priklopil und Fritzl auch verstörend wirken, unerklärbar, wortlos machend, unfassbar oder wie die Betroffenheitsrhetorik an der Stelle sonst zu lauten hat, so gibt es doch ganz und gar vergraben und verschüttet, sei´s in der Literaturgeschichte, sei´s im Gesamtwerk von Sigmund Freud oder Elfriede Jelinek oder an anderen arkanen Plätzen doch ein Sinnlein, das zu heben sich angeblich lohnt.

Selten ist das Ausmaß des Grauens von Homo sapiens vor der Kontingenz unseren Daseins so klar geworden, wie an diesem Beispiel. In Zeiten, in denen emsige Sinnsucher von der Wiederkehr des Spirituellen träumen oder delirieren, in Zeiten also, in denen in Transzendenz abgesicherte, präexistente Normativität wieder hoch gehandelt wird, ist man anscheinend bereit zu jedem intellektuellen Opfer, um auch im Allerkontingentesten Sinnhaftes aufzuspüren.

Umgekehrt würde vielleicht ein Schuh draus: Wenn man sich, zum Beispiel mit den analytischen, eher phänomenologisch Werkzeugen, die etwa Jan Philipp Reemtsma jüngst in seinem magistralen Werk Gewalt und Vertrauen anbietet, an die Fälle macht, um aus ihnen zu lernen. Nicht, wie Homo sapiens funktioniert, das wissen wir, mehr oder weniger. Sondern wie man, mit aller Skepsis gesprochen, Frühwarnsysteme entwickeln könnte, wenn man es denn überhaupt kann. Darüber hinaus kann es keinen Sinn und keine sinnvolle Exegese kontingenter Extremereignisse geben. Österreich oder die Schweiz, Deutschland oder die USA - Gewalt und Verbrechen sind nun mal ubiquitär, treten überall auf, ihre Manifestationen und ihre Mittel sind die, die gerade zur Hand sind. Schusswaffen in den USA, Keller in netten Kleinstädten, Tiefkühltruhen in Haushalten. Und mehr lässt sich nicht sagen, denn ansonsten stört schon wieder der nächste Axtmörder n

Kaum waren die Vorgänge im österreichischen Amstetten bekannt geworden, ereignete sich der nächste Fall. Ein Mann in Wien erschlug seine Frau, seine Tochter, seine Eltern und den Schwiegervater mit einer Axt und stellte sich anschließend der Polizei. Die beiden monströsen Mordfälle haben in Politik, Kultur und Publizistik eine Lawine der Stellungnahmen und Deutungen ausgelöst, oft mit nationalpsychologischen Spekulationen verknüpft. Grund genug für Freitag-Kriminalexperte Thomas Wörtche, Publizist in Berlin und Autor unserer Kolumne crime-watch, die Ursachen, Motive und Konsequenzen dieses Booms zu durchleuchten.

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00:00 23.05.2008

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