Impftermin zu verschenken

Pandemie Ich bin alt, voll zurechnungsfähig und möchte meine Impfberechtigung jemandem übertragen, der rumhüpfen muss und ausgehen will
Impftermin zu verschenken
Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn die Vulnerabilität der Jugend offenbar weniger bedeutend ist als die Hochbetagter?

Foto: Michael Sohn/Pool/Getty Images

Warum sind jetzt die Alten so wichtig? Gehört die Zukunft nicht mehr der Jugend? Ich bin auch alt, würde jedoch meine Impfberechtigung gern jemandem vermachen, für den oder die das Rumhüpfen, Ausgehen, Bewegung und Begegnung richtig wichtig sind. Wir haben das ja bereits ausgiebig genutzt, und im Alter ist es nicht schlimm, mal zu Hause zu bleiben. Abgesehen von den angesammelten Büchern, Erinnerungen und ohnehin langsamer werdenden Schritten.

Missverstehen Sie mich nicht. Auch mir geht der Rückzug auf die Nerven, auch ich möchte gerne wieder ins Theater, ins Kino, in die Welt hinaus gehen, Freunde umarmen und ein Glas Wein im Lokal trinken. Aber das habe ich schon sehr oft gemacht, mir fällt es leichter, eine Weile zu verzichten.

Euthanasie?

Was, fragt die Soziologin in mir, sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn die Sorge und Fürsorge zuallererst den Ü 80 gehört, und sich in Schulen noch immer keine Fenster öffnen lassen. Immerhin soll es ja inzwischen Seife und Handtücher auf den Toiletten geben, auch wenn die vorerst ungenutzt herumliegen.

Meine 80-jährige Freundin Eva wäre ebenfalls bereit, sich einer Initiative anzuschließen, mit der Impftermine verborgt, verliehen oder gespendet werden dürfen. Allerdings ist ihre Tochter absolut dagegen, für sie rückt diese Idee in die Nähe von Euthanasie. Heftige Vergleiche gehen jungen Menschen ja leichter von der Zunge als unsereiner, die etwas näher an dem waren, was Euthanasie tatsächlich bedeutet hat. Ich finde sogar, dass wir zu alt werden. Was natürlich (!) politisch nicht korrekt und ein gefährlicher Gedanke ist. Aber geht es denn um Moral? Oder eher um die Sorge, es könnte hier aussehen wie in Bergamo, wenn die Särge nicht reichen und die Bestattungsunternehmen überlastet sind?

Medizinfolgeabschätzung


Zur Erweiterung des Wortschatzes dank Corona gehört die „Übersterblichkeit“. Wehe aber, ich rede von Überbevölkerung. Das ist, habe ich gelernt, rassistisch, weil es vor allem Länder betrifft, die arm, weit weg oder von dunkelhäutigen Menschen bewohnt sind. „Wir“ hier in den wohlhabenden Ländern, gesegnet mit einer Medizin, die an komplizierten Operationen verdient, haben eine überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung. Das ist schön, zumindest wenn man und frau gut versorgt wird. Es ist nicht für alle schön. Wie alle Technik hat auch die Medizin gute und nicht so gute Folgen.
Vielleicht sollte man, analog zur Technikfolgeabschätzung auch eine Medizinfolgeabschätzung einrichten. Selbstredend will ich nicht dazu beitragen, dass mehr Ältere sterben.

Sie sterben, soweit ich die Nachrichten verstanden habe (in den Statistiken wird ja nicht ausgewiesen, wie alt die Toten waren), vor allem in Altersheimen. Auch das hat mit dem Gesundheitssystem zu tun, mit dem Personal, das oft aus Einwanderinnen und Gastarbeitern besteht, die meist auch jung sind und weder Geld noch Zeit haben, um sich zu vergnügen. Es wurde ja erstaunlich lange überlegt, bevor das Personal von den Impfdosen nutznießen durfte.

Die Vulnerabilität der Jugend

Nicht, weil sie jung sind, ich glaube nicht, dass irgendein Entscheider darüber nachdenkt, dass eine Pflegerin oder Ärztin mal ausgehen oder gar tanzen wollen. Wir „brauchen sie“. Es geht um Effizienz, um den Standort Deutschland, wie ja auch bei der Öffnung von Kitas und Schulen um die arbeitenden Eltern und künftige Fachkräfte, die wir dringend brauchen. Die Moral von der Vorrangstellung des Lebens ist eher Garnierung.


Was also sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn die Vulnerabilität der Jugend offenbar weniger bedeutend ist als die Hochbetagter? Liegt es am Alter unserer Politiker? Sind die Alten bessere Konsumenten? Oder ist es ein Hinweis, dass es keine Zukunft mehr gibt?

Wenn schon Impfpässe und Impfbestätigungen für Reisen, Theaterbesuche oder Festessen diskutiert werden, könnte man eine solche Spendenaktion zumindest diskutieren. Es muss ja niemand teilnehmen. Und nebenbei hätten sogar die Impfgegner endlich eine Vorlage, um etwas für die Mitmenschen zu tun.

Hazel Rosenstrauch (* 13. Mai 1945 in London) ist eine österreichische Kulturwissenschaftlerin, Schriftstellerin und Journalistin.Sie hat einen Sohn, lebt in Berlin und ist regelmässige Autorin im "Debatten"-Teil des "Freitag"

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06:00 27.02.2021

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