In Blues Hell

Findet der 50-jährige Taxifahrer: Die Achtziger waren schlimm. Und fährt den Film zurück. Da stand eben noch eine Tankstelle, da. Wo jetzt dieses ...

Findet der 50-jährige Taxifahrer: Die Achtziger waren schlimm. Und fährt den Film zurück. Da stand eben noch eine Tankstelle, da. Wo jetzt dieses Haus da steht. Ziemliche Ruine, diese Tanke damals, wurde immer als Parkplatz benutzt, die Mods und die Rocker stellten ihre Maschinen da ab. Und dann ab ins Blue Shell. Danach kamen Abrissbirnen, Kräne, Bauwagen, Dixieklos. Und der perfekte Popsong. Als ob es den nicht schon vorher gegeben hätte. Den perfekten Popsong! Das war das Ende. Alle fanden nur noch diesen perfekten Popsong gut. ABC und so. Schrecklich. Erzählt der Taxifahrer. Mit dem Abriss der ruinösen Tanke da in der gewesenen Baulücke ging es bergab.

Ich fand das klasse, sage ich. ABC. Der Pop. Das Perfekte, Gestylte, eben nicht: Das Abgerissene. Allerdings hieß meine Lieblingsbar 1982 noch Grundschule. Hier im Blue Shell betreten jetzt vier Provinzhaie die Bühne und machen Pferdemist. Country. Die gab es auch schon in den 80ern, gegen Ende, haben sogar mal vor Phillip Boa gespielt, der Schlagzeuger kommt sogar von dem. Erzählt der Taxifahrer. E. trinkt Sekt. E.s Freundin S. ist im kurzen Rock da, sie haben die Kleider getauscht. Hält kurz ihr Ingrid-Bergmann-Gesicht ins Bild und sagt was. Es ist warm vor dem Club. Der Taximann ist betrunken wie die meisten hier. Selbes Ambiente, andere Uhrzeit: Wieder unter den jungen Leuten. Je nach Veranstaltung. Ist das immer so? Generationskonflikt? Habe ich nie dran geglaubt, sagt nicht M., der Taximann, sondern ich.

S. und E. gehen mit einer anderen Band auf die Bühne, die Countryband ist zurück in ihren Koppeln. Sie schauen nur mehr traurig aus den Anhängern. Ich habe ja keine ABC-Platte, nur "The Look of Love" auf irgend einem Sampler. Mädchen- bzw. Mädchengutfindmusik. Ich fand Mädchen schon immer gut. Gut, erst seit, äh, 1982. Was nichts mit ABC zu tun hatte. Die kannte ich nämlich noch nicht. Trio kannte ich. Und Gottlieb Wendehals. Der perfekte Popsong. E. und S. sind dank dem Sekt im Set sehr ausgelassen, sehen natürlich blendend aus und singen gut, auch wenn man sie nicht hören kann. Sie bilden den Hintergrund. Den Chor. Das Volumen ließe sich ändern, ich ziehe den Regler hoch. Dafür gibt´s nachher Komplimente.

Nach dem Auftritt fragt E. mich, ob sie bayerisch aussähe, ich komme mit einem Leni-Riefenstahl-Vergleich, den hat sie schon mal gehört. Aber stimmiger als Romy Schneider, das geben wir zu. Und Sophie Scholl? Muss immer hinhalten, wenn frau einen Pagenkopf mit einer Spange zurückhält. Also Leni Riefenstahl und Ingrid Bergmann als Frauenchor. Aber, sage ich, für Vergleiche kenne ich sie zu gut und Vergleiche rocken auch nicht. Genau, sagt der Taximann. Vergleiche sind ungefähr so blöd wie ABC.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 05.12.2003

Ausgabe 16/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare