In der Falle

KANDIDATUR ZUM BRANDENBURGER VERFASSUNGSRICHTER Florian Havemann nominiert von der PDS

Bequem macht es die PDS den Brandenburger Parlamentariern nicht. Vor einem Jahr präsentierte sie Daniela Dahn als Kandidatin fürs Verfassungsgericht. Die erforderliche Stimmenzahl wurde ihr versagt, weil ihre Art der Vergangenheitsbewältigung für Irritationen sorgte. Mit Florian Havemann stellte die PDS auch im zweiten Anlauf keinen kantenlos glatten Kandidaten auf, dafür einen, der mit beiden Systemen Erfahrungen gemacht hat. Wenn in der nächsten Woche die Entscheidung fällt, wird es, so Havemann, »über meine Person hinaus« auch eine Entscheidung über das Verhältnis von »Künstler und öffentlichem Amt« sein.

FREITAG: Folgte man dem Klischee, müßten Personen mit Namen Havemann und die PDS sich ausschließen wie Feuer und Wasser. Sie aber haben sich von der Partei fürs Brandenburger Verfassungsgericht vorschlagen lassen, warum?

Florian Havemann: Weil es eine Revolution gegeben hat, die friedlich blieb, woran ja auch Mitglieder der SED beteiligt waren. Ich bin weder Mitglied noch Sympathisant der PDS. Ich mußte mich nach Biskys Ansinnen fragen, wie reagiere ich darauf? Zuerst fühlte ich mich in einer Art von Falle. Ich konnte nicht einfach nein sagen, aber es paßte auch nicht in meine privaten Lebensvorstellungen. Ich wollte von der Assoziierung mit politischen Gegebenheiten - die Öffentlichkeit hat ein gutes Gedächtnis - weg und endlich als Künstler wahrgenommen werden. Aber einen Weg, der keinem Selbstverrat gleichgekommen wäre, fand ich nicht.

Die Nominierung zu diesem Amt projiziert zwangsläufig auf Sie Vorbehalte, die sonst nur gegenüber der PDS existieren. Warum haben Sie zugesagt?

Daß der Vorschlag von der PDS kommt und nicht von CDU oder SPD (wobei mir in der Kunst die CDU genauso geschadet hätte) ist ein Negativstigma, das man nicht mehr loswird, wenn man es denn einmal angeklebt kriegt. Es gab einfach einen Moment, in dem ich mir gesagt habe, du kannst dich nicht nur passiv verhalten. Denn im Unterschied zu vielen anderen Künstlern, die nur Maler sind, brauche ich diese andere Dimension in meinem Leben, sie bestimmt meine Kunst, ich hätte mir etwas abgeschnitten von meinen Möglichkeiten. Wenn ich zum Beispiel ein Stück über Speer mache, dann ist mein Ausgangspunkt ein Mann im Gefängnis. Natürlich berufe ich mich dabei auf die Erfahrungen, die ich selbst gemacht habe.

Heißt das, Sie hätten einen wesentlichen Aspekt ihrer Kunst opfern müssen, um sich diesem Vorschlag zu entziehen?

Mindestens verleugnen. Ich hätte es als unmoralisches Verhalten empfunden, das mir unmöglich gemacht hätte, einfach wieder anzuknüpfen an das Vorhergegangene. Die Produktivität, die aus dem Spannungsverhältnis Gesellschaft - Kunst kommt, zerstört sich leicht. Begabung allein kann völligen Leerlauf bedeuten, so wie es lange bei mir war: Ich war begabt, aber nicht an den Quellen meiner Produktivität angelangt.

Sie sind schon als Jugendlicher in gesellschaftliche Auseinandersetzungen gezwungen worden ...

Mein Vater war kein Solitär, sondern ein sehr geselliger Mensch, der sich in einem Kreis bewegte, in dem er Gleicher unter Gleichen war. Es gab keine Trennung zwischen der Welt der Kinder und Erwachsenen. Wir waren bei Diskussionen dabei oder hätten dabei sein können. Eine größere Gemeinschaft, Staatsfunktionäre, mein Onkel der Architekt Henselmann, Naturwissenschaftler, Philosophen, Geistes- und Sprachwissenschaftler, Künstler. Heartfield und Herzfelde. Aber auch Assistenten meines Vaters.

In anderen Familien wird den Eltern von den Heranwachsenden Inkonsequenz vorgeworfen. Haben Sie diesen Vater bewundert?

Das Verhältnis zu ihm war kompliziert. Kindliche Bewunderung, ja. Aber als ich merkte, daß er auch berühmt sein wollte, war sofort Kritik da ... Er gehörte als Angegriffener zu einem Kreis von Leuten. Partei, Stasi haben daran gearbeitet, diesen Kreis auseinander zu brechen, aber er auch. Wir, die wir uns später als DDR-68 sahen und den Kreis meines Vaters bewunderten - wir wollten dazugehören, das waren Vorbilder -, und waren erschreckt und abgestoßen durch den Prozeß der Selbstzerstörung. Er war der Chef, Biermann sein Sänger ... Das Erschreckende war, daß das intellektuelle Niveau schlagartig abnahm, als er aus den Diskussionzusammenhängen heraus war. Er verstand sehr genau, was man wollte und konnte gut erklären. Eigentlich war er ein Populator. Ein philosophisches Problem hatte er nicht. Er lehnte ab, herauszufinden, was in den sozialistischen Ländern entstanden war: Es stimmt nicht mit den Schriften der Klassiker überein, sagte er, aber das war für uns belanglos. Ebenso stereotyp formulierte er den Gedanken, die DDR wäre der bessere deutsche Staat, für uns ebenso belanglos, wir kannten nur sie.

Haben Sie versucht, ein eigenes Konzept zu entwickeln?

Der Einfluß der 68-Bewegung und der neuen Linken aus dem Westen war sehr stark, auf politischem, sexuellem, kulturellem Gebiet. Rudi Dutschke war genauso wichtig wie Jimmy Hendrix. Die Bewegung war einigermaßen diffus, das Politische nur ein Teil davon. Wir wollten etwas tun, nicht nur Traktate entwerfen. Das Jahrhundert hat ein paar Daten, zu denen man sich verhalten muß: Der Einmarsch in die CSSR war so ein Datum, das uns zwang zu reagieren. Obwohl wir agieren wollten und einiges geplant hatten. (Übrigens ist das der Stasi nie bekannt geworden.) Was wir taten, war moralisch richtig, beraubte uns aber unserer politischen Produktivität.

Betrachten Sie sich von da an eher als fremdgesteuert?

Ich war 16, bin aus der Schule geflogen und habe vier Monate gesessen, drei Monate bei der Stasi in Hohenschönhausen, einen im Jugendknast in Luckau, wo die Häftlinge einmal im Jahr zu einer Gedenkstunde in die Zelle geführt wurden, in der Karl Liebknecht gesessen hatte. Wir waren sieben junge Leute, auch mein Bruder und Thomas Brasch, die angeklagt waren: Staatsfeindliche Hetze. Im Jugendknast war ich der einzige Verbrecher, die anderen, die Autos geklaut, Leute zusammengeschlagen hatten, hatten nur ein Vergehen auf ihrem Konto. Ulbricht sorgte dann dafür, daß unsere Gruppe entlassen wurde. Meine Mutter aber, eine preußisch erzogene eifrige Parteigängerin, hatte völlig zu Recht gesagt, sie hätte keinerlei erzieherischen Einfluß mehr auf mich und deshalb mußte ich noch einen Monat länger sitzen.

Haben Sie dieses Land dann abgehakt?

Ich lernte Elektriker im RAW Schöneweide, machte Abitur, obwohl ich von allen Einrichtungen, in denen Hochschulreife zu erreichen war, ausgeschlossen bleiben sollte. Der Umgang mit dem Proletariat wurde für mich zur zweiten entscheidenden Erfahrung. Sie interessierte aber keinen DDR-Intellektuellen. Der Sozialismus auf deutschem Boden war ein Projekt von Intellektuellen und einer kleinen Elite der Arbeiterklasse, die zu Funktionären mutiert war, kein Projekt der Klasse. Von da an wußte ich, es gibt keine Chance für einen realen Sozialismus. Und es lohnt sich für mich nicht, weiter diesen Weg zu gehen.

Ihre Schlußfolgerung war offenbar, ich gehe in den Westen ...

Alles war besser als das, was war. Hätte mir jemand China angeboten, wäre ich auch dort hingegangen.

War die Bundesrepublik dann für sie die attraktive lebendige Gesellschaft, die sie erwartet hatten?

Bevor ich aus der DDR wegging, habe ich in einem Elektro-Betrieb mit drei Mann gearbeitet, als ich in der Bundesrepublik ankam, habe ich in einem Elektrobetrieb mit drei Mann gearbeitet. Die Unterschiede waren minimal. Ich habe den Westen von der Pieke auf gelernt, von der asozialen Ecke, vom Rand her. Ich war 19 Jahre alt, bedrückt, allein. Wolf Biermann hatte mir ein Lied nachgeschickt, in dem er meine Flucht als Verrat am Sozialismus geißelte. Damit war mir der Kontakt zum Milieu der linken Intellektuellen unmöglich. Das, was ich mir gewünscht, erträumt, erdacht hatte, war auch hier nicht realisierbar. Aber Kunst wurde für mich als eine Art Gegenwelt wichtig, und so kam ich zurück auf diesen alten Weg - also ein Akt der Resignation.

Ist die Annahme des Angebots zum Verfassungsrichter der Ausbruch aus der Resignation?

Es ist keine Floskel, wenn ich sage, ich sehe mich als loyaler Staatsbürger in die Pflicht genommen; ich dränge mich aber nicht danach. Vorteil eines freischwebenden Künstlers ist, alle möglichen Leute und Lebensbereiche zu kennen, vom Aufsteiger, inzwischen weltberühmt, bis zum im Elend Lebenden und die große Mittelschicht dazwischen auch. Ich habe erfahren, wozu ein Staat da sein kann, ich habe ihn gebraucht. Eine unangenehme Erkenntnis, die aber dazu führt, die zivilisatorischen Standards schätzen zu lernen. Ich bin ja als Künstler existentiell daran interessiert, daß die Kunst frei ist.

Sie wollen das Bürgerelement im Verfassungsgericht sein?

Ich will in diesem Amt jedenfalls nicht die Gesellschaft verändern, sonst würde ich Politiker werden. Mir geht es eher darum, daß das Erreichte erhalten bleibt. Standards müssen verteidigt, gelebt werden, um sie für andere Generationen zu erhalten.

Bekennen Sie sich zu dieser Grundordnung?

Wenn man mir das Bekenntnis abverlangen würde, würde ich es verweigern. Und mich auf diese Grundordnung berufen.

Ist das für Sie jene Toleranz, die Sie als Voraussetzung für Ihre Kunst und ihren Lebensentwurf empfinden?

Ja, ich muß als kritischer Intellektueller nicht mit den ideologischen Konstrukten konform gehen. Trotzdem kann ich sagen, ich bin auf die Verfassungsrealität bezogen. Würde ich sie für schlecht halten, würde ich weggehen, ich habe es schon einmal getan.

Sie haben den Osten als intolerant erlebt. Wenn Sie dieses Amt auch als Verteidigung von Toleranz sehen, fürchten Sie Auseinandersetzungen?

Die gibt es überall, weil wir alle auch intolerant sind, ich manchmal auch. Also führe ich solche Auseinandersetzungen auch mit mir selbst, mit der Familie meiner Frau in Frankreich, mit meinen Freunden. Die Wende zeigt mir, daß der zivilisatorische Standard, der in der östlichen Gesamtgesellschaft erreicht war, längst ein westlicher war. Deshalb konnte dieses System wie nichts weggewischt werden. Die Machthaber waren bereit, es fahren zu lassen. Die Gesellschaft entledigte sich der falschen Form auf die leichteste Weise.

Glauben Sie nicht, daß es gerade bei Toleranz Rückschläge gegeben hat?

Verrückterweise ist in meinem konkreten Fall derjenige, der die meisten Schwierigkeiten mit Toleranz hat, ein Dr. Hackel, Frak tionsvorsitzender der CDU im Brandenburger Landtag. So viel ich weiß, kommt er aus dem Westen. Ich habe der PDS-Fraktion einen ziemlich scharfen Vortrag gehalten, mich nicht etwa angebiedert, Unterschiede zwischen mir und ihnen herausgestellt, da war Toleranz gefordert. Die CDU wirft der PDS vor, sie würde durch einen Kandidaten wie mich den Ruf des Gerichts schädigen. Das fällt aber auf die CDU zurück, wenn sie sich einem Gespräch mit dem Kandidaten, der ja nun ein Fakt ist, verweigert.

Haben sich die Parlamentarier, die Sie wählen sollen, um ihre Kunst gekümmert? Bei Daniela Dahn war der Stolperstein ja einer ihrer politisch essayistischen Texte.

Nein, mein Werk ist ja weitgehend unbekannt. In dieser Sache spielt aber die Figur des Künstlers Havemann eine Rolle, denn als das stelle ich mich dar. Es ist sicher verwirrend, einem Künstler auf diese Weise zu begegnen. Ich habe eine Platte gemacht, eine Adaption des Rolling-Stones-Stücks Sympathie mit dem Teufel mit einem Monolog von Charles Manson. Originalzitat der Rede, die der Mann vor Gericht gehalten hat, collagiert mit Interviews. Der sagt zum Beispiel: »Jeder, der Ordnung in die Welt bringen will, jeder, der Hirn hat, muß auf Adolf Hitler kommen.« So ein Satz, aus dem Zusammenhang gerissen und von der Musik getrennt, verliert für mich sofort jede Geltung. Die Frage ist aber, ob in dieser Gesellschaft der Sinn für Kunst genügend entwickelt ist, um differenzieren zu können. Aber wenn ich zum Verfassungsrichter gewählt würde, werden meine künstlerischen Äußerungen sicher eine Quelle von Irritation sein. Über meine Person hinaus geht es um die Entscheidung, ob man überhaupt einen Künstler in einem öffentlichen Amt haben will.

Das Gespräch führte Regina General

00:00 04.06.1999

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