In der Zauberkiste

Literatur Lange hat man nichts von Judith Hermann gehört, nun ist sie mit „Daheim“ für den Leipziger Buchpreis nominiert
In der Zauberkiste
Tapst da ein Marder auf dem Dachboden?

Foto: Magali Lambert/Vu/Laif

Autobiografische Deutungen bleiben, wenn sie nicht in Bücher eingehen, immer unabgeschlossen: Man ist Teil einer Geschichte, deren Ende man nicht kennt. Das eigene Leben ist deshalb Gegenstand konstanter Deutungsarbeit. Die Erzählerin von Judith Hermanns neuem, für den Leipziger Buchpreis nominierten Roman ist mit solchen Selbstdeutungen verstärkt beschäftigt. Sie befindet sich an einem biografischen Wendepunkt: Nach dem Auszug der erwachsenen Tochter hat sie ihren Mann und die Stadtwohnung verlassen, um ein Haus am Rand eines Dorfs am Meer anzumieten, wo sie als Kellnerin in der Kneipe ihres Bruders arbeitet. Vorangestellt ist der Haupthandlung, die sich in diesem Dorf abspielt, allerdings eine Erinnerung an ein Ereignis 30 Jahre zuvor. Als junge Frau wurde die Erzählerin beim Einkaufen in einer Tankstelle von einem Zauberer angesprochen, der sie als Assistentin für den Trick mit der zersägten Jungfrau gewinnen wollte: „Es ist sehr einfach. Sie müssen sich in eine Kiste legen, ich zersäge Sie – zum Schein –, und dann setze ich Sie wieder zusammen.“ Nach einer Probe im Haus des Zauberers geht sie auf das ungewöhnliche Angebot ein, als seine Assistentin auf einem Kreuzfahrtschiff nach Singapur zu fahren. Doch am Tag der Abfahrt bleibt sie, ohne genau zu wissen, warum, zu Hause.

Sie ist innerlich zersägt

Für die Protagonistin ist dieses Ereignis rückblickend nicht nur deshalb eine Schlüsselszene, weil sie infolge des Verzichts auf die Reise ihren späteren Mann kennengelernt hat und Mutter geworden ist. Vor allem wird das Gefühl des scheinbaren Zersägtseins – „da“ zu sein und zugleich „ganz woanders“ –, das sie bei der Probe in der Kiste hatte, zur Chiffre ihres gegenwärtigen Zustands: Das alte Leben hat sie hinter sich gelassen, ohne sich davon lösen zu können. Am neuen Ort will sie unter keinen Umständen „Wurzeln schlagen“. Sie ist eine Gefangene ihrer eigenen inneren Spaltung.

Diese Selbstdeutung hat allerdings einen Haken: Etwa in der Mitte des Buchs gibt die Hauptfigur sich als äußerst unzuverlässige Erzählerin zu erkennen. Sie räumt ein, sich nur schlecht an Vergangenes zu erinnern. Und etwas später wird die Episode mit dem Zauberer in einem Brief von ihrem Ex-Mann, dessen Erinnerungsvermögen so gut ist, „dass es fast etwas von einem Defekt hat“, noch einmal ganz anders erzählt.

Es ist aber gar nicht entscheidend, welche dieser Versionen stimmt oder ob die Deutungen der Figuren korrekt sind. Was zählt, ist vielmehr, was die Organisation der eigenen Erinnerung mit der Gegenwart macht. Die Episode mit dem Zauberer erhält nämlich im Laufe des Buchs einen weiteren, ganz neuen Sinn. Das Ereignis wird in dem Moment wachgerufen, als Arild, der Bruder der befreundeten Nachbarin Mimi, der bald zum Liebhaber der Erzählerin wird, eine Marderfalle auf ihrem Dachboden aufstellt: „Ich habe vor dieser Falle gestanden, und die Kiste ist zu mir zurückgekehrt wie ein Bild aus einem Traum, den du in der Nacht geträumt und am nächsten Morgen schon wieder verloren hast.“

Du fängst etwas anderes

So wie die Zaubererkiste scheint auch die Marderfalle zunächst das Gefühl des Ausgeliefertseins und der fehlenden Zugehörigkeit zu bestätigen. Nachts fürchtet sich die Erzählerin vor Einbrechern und wilden Tieren, die sie auf dem Dachboden hört. Jedes Mal, wenn die Falle zuschnappt – anstelle des Marders finden sich darin Katzen oder Vögel –, traut sie sich allein kaum, sie zu öffnen.

Aber gerade darin, dass die Falle nicht fängt, was sie soll, liegt offenbar eine Pointe, die über die Kunst der Kammerjägerei hinausweist: „Du fängst selten das, was du fangen willst. Du fängst mitunter was ganz anderes. Dann musst du sehen, was du damit machst“, stellt Onno, der Vater von Mimi und Arild, bei einer Geburtstagsfeier fest. Ebendiese Erfahrung macht die Erzählerin in dem Dorf, das ihr so „fremd“ ist und in dem sie keine Wurzeln schlagen will. Weder die Beziehung zu Arild, der zum Abendessen Tiefkühlware serviert und auch sonst eher wenig Sinn für Romantik hat, noch die Freundschaft zu Mimi oder die Verbindung zu dem Bruder, der sich Hals über Kopf in eine manipulative, psychisch instabile Frau Anfang 20 verliebt, passen zu der Art, wie die Erzählerin bisher ihr Leben geführt hat. Der Ex-Mann in der Stadt kann sich über den neuen Lebenswandel deshalb nur ironisch äußern. Judith Hermann erzählt davon, wie eine Frau, deren eigentliches Zuhause – das frühere Leben mit der Familie – ihr nicht mehr zugänglich ist, unversehens an einem neuen Ort heimisch wird. Der Roman kommt dabei nicht nur ohne jeden Dorfidyllen-Kitsch aus, sondern ist vor allem mit viel Sinn für Lakonik und trockenen Humor verfasst. Der für Hermanns Prosa charakteristische komprimierte und parataktische Stil erweckt Empathie noch für die verschrobensten Figuren, die gerade dadurch umso plastischer werden, dass sie nicht mit beschreibenden Adjektiven zugedeckt oder psychologisch ausgeleuchtet werden. An der schlichten Erzählung bleibt vieles auf eine angenehme Art offen. Das gilt nicht zuletzt für das Ende, an dem die Protagonistin ein weiteres Mal vor der zugeschnappten Marderfalle steht. Diesmal aber, um sie selbst zu öffnen. Der Inhalt bleibt unbekannt.

Info

Daheim Judith Hermann S. Fischer 2021, 192 S., 21 €

Erika Thomalla ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt erschien von ihr Anwälte des Autors. Zur Geschichte der Herausgeberschaft im 18. und 19. Jahrhundert (Wallstein 2020)

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06:00 29.04.2021

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